Aber hier leben, nein danke!

Als im Juli 2014 einige rumänische Familien in das hallische Plattenbauviertel Silberhöhe zogen, organisierten sich sofort mehrere hundert einheimische Stammesbewohner auf Facebook, um die Vertreibung der neuen Nachbarn zu fordern. Unterstützung erhielten sie vom lokalen Bundestagsabgeordneten Christoph Bergner (CDU), dem ehemaligen Ministerpräsidenten Sachsen‐Anhalts, der ihrer Onlinepetition Anerkennung zollte und dafür bekannt ist, dass er für jede Schweinerei zu haben ist. Er geriet erst Anfang des Jahres in die Schlagzeilen, als herauskam, dass er den Verein Leo e. V. aus Sangerhausen unterstützt, der »Heilungstherapien« für Homosexuelle anbietet. Auch die Stadtoberhäupter reagierten prompt auf den virtuellen Mob und erhöhten die Präsenz von Ordnungsamt und Polizei im Viertel, die erstaunlicherweise herausfanden, was ohnehin jeder wusste: Keine der Anschuldigungen gegen die neuen Nachbarn, von zunehmender Vermüllung bis zu erhöhter Kriminalität, konnte bestätigt werden. Mitte August fand in der Plattenbausiedlung eine regionale Antifa‐Demonstration mit dem Motto »Schnauze in der Platte – gegen die Fremdenfeinde in der Silberhöhe« statt, auf der die widerwärtigen Verhältnisse im Viertel kritisiert wurden. Den autochthonen Anwohnern wurde vorgeworfen, den Dreck des eigenen Viertels auf die neuen Nachbarn zu projizieren. Eine wütende Meute aus Fußballschlägern des Halleschen Fußballclubs (HFC), Müttern mit Kinderwagen und Silberhöhe‐Rentnern fand sich am Tag der Antifa‐Intervention zur äußerst bierseligen Heimatverteidigung zusammen. Mit dem Banner »Wir wohnen hier – wo wohnt ihr?« und aggressivem Gebaren versuchten die Bewohner, ihre Scholle gegen die Fremden aus der Innenstadt zu verteidigen. Auch die hallische Zivilgesellschaft rund um das Bündnis gegen Rechts wollte die Verunglimpfung des Viertels nicht hinnehmen und bot sich mit der Facebookseite »Halle sagt JA: Hallenserinnen und Hallenser für Roma und für die Silberhöhe« als Konfliktmanager uns Assiflüsterer an. Bald darauf gab es erste Angriffe auf die neuen Nachbarn in der Silberhöhe: Eine Gruppe Kinder und Jugendlicher griff eine 26‐jährige Rumänin und ihren zweieinhalb Jahre alten Sohn an. Angespornt durch diese Tat ihrer Zöglinge, setzte der Rest der wütenden Plattenbewohner die kursierenden Phantasien zur Gründung einer Bürgerwehr in die Tat um. Die »Bürgerwehr« kündigte an, von nun an regelmäßig das Viertel bestreifen und dabei Jagd auf zugezogene Roma machen zu wollen. Folgenden Redebeitrag hielt die AG »No Tears for Krauts« auf der oben genannten Antifa‐Demonstration (August 2014).

Wenn sich irgendwo im Osten eine Meute zusammenschließt, um gegen Ausländer mobil zu machen, dann sagt das mehr über die Meute aus als über das Verhalten der Ausländer. Es ist unnötig, den Bewohnern der Silberhöhe vorzurechnen, dass der Ausländeranteil in ihrem Viertel – inklusive der EU‐Mitbürger – bei gerade einmal fünf Prozent liegt. Die sich derzeit überwiegend auf Facebook austobende Meute hetzt in einem üblen Jargon gegen 60 zugezogene Roma. Ihr Vokabular verrät, dass diese Menschen mit ihren Tiraden weniger die neuen Mitbewohner als sich selbst meinen. Die Vorwürfe gegen die Roma, dass sie Müllberge hinterlassen, in Grünanlagen urinieren und auf Parkbänken saufen würden, zielen auf das ab, was zahllose Bewohner der Silberhöhe selbst den lieben langen Tag tun. Solche durchschaubaren Projektionen legen nahe, dass diejenigen die »Assis« sind, die gegen die Roma hetzen. Asoziale sind sie nicht im Sinne des Wortes, in dem es gegen sogenannte Sozialschmarotzer verwendet wird, sondern in seiner eigentlichen Bedeutung: Unfähig, ein halbwegs vernünftiges Miteinander zu pflegen. Unfähig, die eigenen Bedürfnisse mit denen der Mitmenschen zu arrangieren. Und unfähig, das eigene Verhalten auch nur rudimentär zu reflektieren. Sie sind außerstande, gemeinsam auch nur zwei Minuten an einer Sache zu arbeiten, sofern es nicht gerade um den HFC oder die wenigen Ausländer im Viertel geht.

Man kann diesen Menschen nicht vorwerfen, dass sie in ihrer übergroßen Mehrheit keine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben, ihr Leben lang auf staatliche Leistungen angewiesen sind und es kaum aus eigener Kraft schaffen, ihre Situation finanziell zu verbessern. Aber man kann den Jennys, Nancys und Ronnys vorwerfen, dass sie es sich in diesem Elend einrichten. Sie lassen sich gehen, werden bzw. bleiben äußerlich und innerlich hässlich und sind hasserfüllt. Sie verachten ihre Nachbarn genauso wie sich selbst. Ihren Kindern, ihren Lebensgefährten und ihren vermeintlichen Freunden begegnen sie mit ungefilterter Feindseligkeit. Wenn sie nun gegen die im Viertel lebenden Roma vorgehen, tun sie dies, um endlich einmal selbst nach unten zu treten. Sie schieben den Zugezogenen genau jene Asozialität unter, die sie selbst kennzeichnet.

Aus diesem Grund sind sie keine Spießbürger, wie es im Aufruf zu dieser Demonstration heißt. Ein Spießbürger zeichnet sich durch den Versuch der Überanpassung an bürgerliche Normen wie Ordnung, Reinlichkeit und Rechtsstaatlichkeit aus. Er neigt zu Pedanterie, verfolgt Übertretungen der Normen obsessiv und belästigt vermeintliche Sünder gerne mit Anzeigen und Meldungen. Sympathisch ist er mit Sicherheit nicht. Andererseits sind sogenannte Spießbürger – im Übrigen ein Feindbild, das Nazis, Linke und Biofreunde eint – selbst erpicht darauf, gesellschaftliche Umgangsformen einzuhalten. Sie legen Wert auf Höflichkeit, halten sich an Konventionen und dürsten eher selten danach, angebliche Volksschädlinge selbst zur Strecke bringen. Das Pack aber, das sich in der Silberhöhe gegen Roma zusammenfindet, ist nicht spießbürgerlich. Es würde die Fremden am liebsten lynchen, wenigstens aber vertreiben. Es geht ihm nicht um eine saubere Reihenhausfassade, sondern um die Verfolgung selbst. Wenn es dafür von einem volldebil anmutenden Ex‐Ministerpräsidenten Zuspruch erhält, der dafür sorgt, dass Ordnungsamt und Polizei den Roma auf die Pelle rücken, fühlt es sich für seine Hetze belohnt. Am liebsten jedoch möchte man selbst »aufräumen« und »ausmisten«, anstatt die Freude an der Verfolgung den staatlichen Behörden zu überlassen.

Im Gegensatz zu den Veranstaltern dieser Demonstration fordern wir nicht die Umsiedlung der Anwohner dieses hässlichen Viertels. Wir wünschen stattdessen den Romafamilien ein Leben in einem deutlich schöneren Umfeld, in dem man ihnen nicht feindselig begegnet. Wenn sie denn unbedingt in Halle bleiben wollen, böten sich etwa das bildungsbürgerliche Paulusviertel oder das alternative Mühlwegviertel an. Asozialität und Irrsinn sind zwar auch dort keine Seltenheit – sie haben nur eine andere Ausprägungsform als im Plattenbau angenommen. Aber zumindest die Wohnungen und die Umgebung sind schöner, und wenigstens in der Öffentlichkeit geht es nicht ganz so handfest zu wie in der Silberhöhe. Die autochthonen, hetzenden Zahnlosen sollen jedoch gefälligst hier bleiben und sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen. Wenn sie ihre aggressiven Triebe nicht mehr auf ein gemeinsames Feindbild richten können, fallen sie wieder übereinander her. Sie haben sich gegenseitig verdient!

AG »No Tears for Krauts«, 8/2014

„I don’t like Mondays“ – Deutschland, Pegida und der Islamische Staat

Vortrags‐ und Diskussionsveranstaltung
mit Lothar Galow‐Bergemann (Stuttgart, emafrie.de) und Vertretern der AG Antifa (Halle)

30. Januar 2015, 19:00,
Veranstaltungsraum Radio Corax, Am Unterberg 11, Halle

Es gibt kaum einen namhaften Politiker, der sich in den vergangenen Wochen nicht kritisch zu den Aufmärschen der „Hooligans gegen Salafisten“ (Hogesa) und den Montagsdemonstrationen der Dresdner „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) geäußert hat. Bundespräsident Gauck bezeichnete die Demonstranten als „Chaoten“; Sigmar Gabriel (SPD) sprach von einer „Schmutzkampagne“. Die Kanzlerin nutzte selbst ihre Neujahrsansprache, um vor Pegida zu warnen. Diese Stellungnahmen zeigen zwar, dass in nächster Zeit weder mit jenem „Bündnis von Mob und Elite“ zu rechnen ist, das Anfang der neunziger Jahre existierte. Noch wird das Ressentiment gegen Moslems zur neuen deutschen Leitkultur, wie einige Journalisten befürchten: Auch nach den Anschlägen von Paris gingen bundesweit mehr als 200.000 Menschen auf die Straße, um gegen Pegida zu demonstrieren. Allein die Vehemenz, mit der sich Vertreter aller im Bundestag vertretenen Parteien zu den Dresdner Aufmärschen äußern, sprechen jedoch dafür, dass sie dem Bündnis weiteres Mobilisierungspotential zutrauen. Tatsächlich gibt es in zahlreichen Städten – von Bonn über Düsseldorf bis nach Leipzig und Magdeburg – Nachahmer; auch bei den Pegida‐Demonstrationen zeichnet sich noch kein Rückgang der Teilnehmerzahlen ab: Hatte der erste Aufmarsch im Oktober 2014 nur 350 Teilnehmer, waren es Anfang Januar bereits mehr als 20.000.

Aus all diesen Gründen hat sich die AG Antifa in Kooperation mit den Antifanews auf Radio Corax entschlossen, die bereits angekündigte Veranstaltung zur Vorstellung einer Broschüre mit Texten hallischer Antifa‐Gruppen aus den Jahren 2000 bis 2014 zur Diskussion folgender Fragen zu nutzen: Woher kommen Hogesa, Pegida & Co.? Wie ist der Zuspruch zu erklären, den sie erfahren? Warum ist der Mobilisierungserfolg der Initiative in Dresden so groß, während Pegida‐Ableger in anderen Städten bisher keinen so großen Zuspruch erfahren? Vor welchen Herausforderungen theoretischer wie praktischer Art steht Antifaschismus heute?

Wie hilfreich und wie problematisch ist dafür die so genannte „Islamdebatte“? Inwiefern können Begriffe wie „Islamismus“, „Islamophobie“ oder „Islamkritik“ dazu beitragen, die Problemlage zu erfassen? Warum ist eine konservativ‐orthodoxe Interpretation der Religion in muslimischen Communities so stark präsent? Wie ist schließlich ein emanzipatorischer Anspruch inmitten einer zunehmend verrückter werdenden Umgebung zu formulieren? Und wie kann er praktisch werden?

Die genannte Broschüre wird bei der Veranstaltung selbstverständlich ebenfalls erhältlich sein.

Eine Veranstaltung im Rahmen der Antifanews auf Radio Corax (http://959.radiocorax.de/) und der AG Antifa (antifa.uni-halle.de)

20 Jahre AG Antifa — Party

20jahre ag antifa
Freitag, 19. Dezember 2014
VL, Ludwigstraße 37, Halle

20 Uhr: „Was heißt Antifaschismus heute?“
Podiumsveranstaltung
mit Vertretern der
AG Antifa, AG »No Tears for Krauts«, Antideutsche Aktion Berlin, Beatclub Dessau, Gesellschaftskritische Odyssee, Initiative Sozialistisches Forum, Miteinander e. V., Redaktion Bahamas, VL Ludwigstraße

anschließend:
The Love Dictators (Montenegro) EuroDance
DJ Sören Glutamat (Kreuzberg 36) 50s & 60s
DJ Raketa Moretti (06114–nazifrei) Electro

Antifaschistische Hochschultage im Wintersemester 2014/2015

No Tears for Wuschel!

Es ist tragisch: Kaum bezeichnet man einen Berliner Kuschel‐ und Wuschel‐DJ als Abziehbild einer harmoniesüchtigen Wohlfühllinken, beweisen die Reaktionen wie recht man hat. Mehr noch: Hatten wir beim Verfassen unseres Flugblatts gehofft, dass wir daneben liegen und die versprengte postantideutsche Restszene es als Zumutung empfindet, in einem Atemzug mit einer Vollpflaume wie Daniel Kulla genannt zu werden, übertrafen die Kommentare unsere schlimmsten Erwartungen. Da erklärte jemand ganz ernsthaft, dass der Dany, doch ein „ganz lieber Wuschel“ sei. Ein anderer, der trotz regelmäßiger Marx‐Zitation noch nie eine von dessen Polemiken gegen Schapper, Willich, Vogt gelesen zu haben scheint, verlor auch den letzten Rest seines Unterscheidungsvermögens und zog Verbindungen zwischen dem Flugblatt von No Tears for Krauts und den Hinrichtungsvideos des IS.

Es waren vor allem drei Dinge, die auf Empörung stießen: Die werte Internetgemeinde entrüstete sich (1.) darüber, dass wir verraten hatten, dass Daniel „Wuschel“ Kulla nichts vernünftiges gelernt hat, (2.) wurde uns vorgehalten, dass wir uns über sein Aussehen lustig gemacht hätten, und (3.) wurde beanstandet, dass wir während seines Vortrags in Halle, bei dem er – kein Witz! – versuchte, den Zusammenhang von Antisemitismus und Kapitalverhältnis mit dem Schaubild einer Powerpoint‐Präsentation zu erklären, nicht mit ihm diskutiert haben. Dazu nur drei Kleinigkeiten:

  1. Uns interessiert nicht, was Kulla privat macht. Es geht vielmehr darum, was er öffentlich von sich gibt. Dass es da kaum einen Unterschied gibt, liegt nicht an uns, sondern daran, dass Wuschel seine 2.100 Facebook-„Freunde“ auch über die persönlichsten Details informiert. Wir sind von diesem Mitteilungsdrang genauso peinlich berührt wie von seiner Selbstinszenierung als Repräsentant einer goldenen Mitte der Linken. Um diesen einheizenden Opportunismus zu erklären, der die dümmsten Anti‐Pat‐Parolen zu tolerieren bereit ist, kann man entweder auf Kullas „Natur“ verweisen, was uns fern liegt. Oder man kann seinen Zuhörern, gegen die unser Flugblatt primär gerichtet war, sagen, dass ihnen die wuscheligen Aussagen auch darum so gut gefallen, weil sich Kulla nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen an ihren Wünschen orientieren muss. Das richtet sich weniger gegen Kulla, der einem fast leidtun kann, als gegen sein Publikum, das nur sich selbst zuhören will. Fakt ist jedenfalls: Hätte der Wuschel ein verlässlicheres finanzielles Standbein als linke Klitschen, hätte er sich nicht in eine Vokü in Menschengestalt verwandeln müssen. Die Aufregung über diese Banalität ist entweder so groß, weil die Mehrheit der Gemeinde weiß, dass auch sie nichts Vernünftiges gelernt hat: Als Politikwissenschaftler, Soziologen, Medienmenschen sind die meisten Linken zu einem ähnlichen Dasein als Vor‐ und Nachplapperer verurteilt wie der Wuschel – nur mit anderen, z.T. einträglicheren Bezugsgruppen. Oder man ist empört, weil jemand ausgesprochen hat, was alle wissen: Die individuelle Rebellion gegen die Lohnarbeit, die alle beeindruckend finden, aber für sich selbst ausschließen, ist erbärmlich.
  2. Wir haben uns nicht über Wuschels Aussehen lustig gemacht, sondern erklärt, dass er die Wohlfühllinke auch äußerlich repräsentiert. Das war zwar vor allem gegen diese Szene gerichtet, die sich in Kullas selbstzufriedener Knuffel‐Ausstrahlung, die Teil seines innerlinken Erfolgsgeheimnisses ist, wiedererkennt. Trotzdem muss keiner so tun, als könnte niemand etwas für sein Aussehen: Mit Mitte 30 hat jeder das Gesicht, das er verdient. (Es sei denn, er ist einer schweren Krankheit, unverschuldeter Armut oder einem anderen Schicksalsschlag zum Opfer gefallen.) Oder will jemand bestreiten, dass sich das Verhältnis zu sich selbst, zu seinen Mitmenschen und zu seiner Umwelt irgendwann in der Mimik, im Sprachgebaren etc. Geltung verschafft? Der Besatzung eines Dorfstammtischs hat sich die Gemeinheit genauso in die Gesichtszüge eingegraben wie die dreiste Überheblichkeit in das Antlitz Dieter Bohlens.
  3. Es stimmt: Wir haben nicht mit dem Wuschel diskutiert. Warum? Weil er die Organisatoren der Veranstaltung gebeten hat, einige von uns des Hauses zu verweisen. Seine Begründung: Er fühle sich sonst unwohl. Wir waren trotzdem nicht traurig. Denn mit Wohlfühllinken ist es so ähnlich wie mit Mülleimern: Man muss nicht in jedem herumstochern, um zu wissen, dass es eklig wird. So etwas macht nicht klüger, sondern davon wird einem schlecht.

No Tears for Krauts, 10/2014

Infantile Inquisition. Die neuesten Übergriffe der Definitionsmacht.

Vortrag und Diskussion mit Justus Wertmüller (Berlin)

Donnerstag, 30. Oktober 2014
19:00 Uhr
Reilstraße 78, Halle (Saale)

Linke Partys gleichen Bürgerkriegen: Überall drohen Gewalttätigkeiten, Übergriffe und Vergewaltigungen. Selbst beim Gang zur Bar oder zur Toilette ist mit zutiefst traumatisierenden Erlebnissen zu rechnen. Das legen zumindest die zahllosen Plakate, Flyer und Broschüren nahe, mit denen die erwarteten Gewalttäter von ihren Plänen abgehalten und potentielle Opfer gewarnt werden sollen. Tatsächlich ist alles ganz anders: In der Regel sind die einschlägigen Partys nicht nur friedlich, sondern auch noch langweilig. Wenn ein Gast ausnahmsweise einmal verbal entgleist, sind die obligatorischen »Haus‐Plena« und »Veranstaltungsgruppen« über Wochen hinweg damit beschäftigt, über den Vorfall zu diskutieren. Die Warnungen vor Übergriffen, Entgleisungen, zu viel Alkoholkonsum usw., die in jüngster Zeit vor allem von so genannten »Awareness‐Teams« verbreitet werden, haben weniger mit der Realität als mit spezifischen Vorstellungen von Sexualität und Subjektivität zu tun. Sie zeigen vor allem, wie schlecht es inzwischen um das Individuum bestellt ist. Die traditionelle autonome Rede von der »Definitionsmacht«, die allein das subjektive Empfinden zum Kriterium für die Bewertung der Außenwelt gelten lassen will, hat sich entgrenzt.

Justus Wertmüller ist Redakteur der Zeitschrift »Bahamas«. Zusammen mit Uli Krug verfasste er 2000 den Aufsatz »Infantile Inquisition«, in dem die linken Vorstellungen von Sexualität nicht allein kritisch hinterfragt sondern zugleich als Indikator für den Verfall des Individuums herausgestellt werden.

Eine Veranstaltung der AG Antifa im Stura der Uni Halle | antifa.uni-halle.de

Never trust a Hippie!

Wer Daniel Kulla einlädt, scheut die Konfrontation und das Denken. Er will nur eins: dass sein kleinkindlicher Wunsch in Erfüllung geht und „jede*r sich wohlfühlt“.

Wer die AG No Tears for Krauts kennt, der weiß: Sie ist sich nicht zu schade, sich auch den armseligsten und unbedeutendsten Figuren zu widmen und ihnen die ersehnten drei Minuten Aufmerksamkeit zu schenken. Immerhin sind es oft weniger die Klugen, Reichen und Schönen, an denen sich die neuesten Tendenzen des universellen Verblödungszusammenhanges als erstes ablesen lassen, als ihr Gegenteil, sprich: die Daniel Kullas dieser Welt. Gestalten wie der musizierende Vortragsreisende Kulla, der zu den Dauergästen des hallischen Jugendzentrums Reilstraße 78 gehört, können nicht persönlich beleidigt werden, weil sie durch und durch Abziehbild ihrer Umgebung sind. Jede Aussage über Kulla ist eine Aussage über sein Umfeld, sein Publikum und diejenigen, die ihn zu den beiden immergleichen Vorträgen – „Entschwörungstheorie“ und irgendwas mit Drogen – einladen.

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Wenn der Wahnsinn epidemisch wird. Die neuen Montagsdemonstrationen.

Vortrag und Diskussion mit Jan‐Georg Gerber

Donnerstag, 10. Juli 2014
19:00 Uhr
Radio Corax, Unterberg 11, Halle (Saale)

Die Demonstranten, die sich seit März jeden Montag in mehr als sechzig Städten der Bundesrepublik zusammenfinden, um gegen einen möglichen Krieg in der Ukraine zu protestieren, sind sich einig: Für die Auseinandersetzungen auf dem Kiewer Majdan, die Kämpfe in Donezk und alle anderen Übel der Welt sind der Westen und Amerika verantwortlich. Auch die Parole von der Schuld der Juden macht allenthalben die Runde: Die regelmäßig zu hörende Rede über „die Fed“, die US‐Notenbank, hat das Lamento über die „amerikanische Ostküste“ abgelöst. Sie ist zur beliebtesten Chiffre für die die vermeintlich jüdisch kontrollierte Finanzwelt geworden. Daneben haben einige Demonstranten auch noch andere Theorien im Repertoire: Einige glauben, dass den Kondensstreifen von Düsenflugzeugen Chemikalien beigemengt sind, die den Menschen ihre politische Widerstandskraft rauben, andere sind davon überzeugt, Bürger des 1945 untergegangenen Deutschen Reichs zu sein. All diese Vorstellungen bewegen sich unter dem Niveau von Kritik. Zumindest die Vordenker der Proteste scheinen aufgrund ihrer offenkundigen Verrücktheiten weniger ein Gegenstand von Ideologiekritik als ein Fall für den Psychologen zu sein. Das Tragische ist, dass den Protesten wohl auch auf der Therapeutencouch oder im Patientenstuhl nicht wirklich beizukommen ist. Um dem Phänomen der neuen Montagsdemonstrationen auf den Grund gehen zu können, muss vielmehr die Gesellschaft in den Blick genommen werden, die den Wahnsinn immer wieder aus sich selbst heraus erzeugt. Aus diesem Grund wird im Rahmen der Veranstaltung sowohl von der deutschen Spezifik der Proteste als auch vom System der Wertvergesellschaftung zu sprechen sein.

Jan‐Georg Gerber ist freier Journalist und schreibt u.a. für „Bahamas“ und „Jungle World“.

Eine Veranstaltung der AG Antifa Halle und der Materialien zur Aufklärung und Kritik.

Protest & Projektion – Der weltweite Aufstand

Konferenz der AG Antifa
Halle an der Saale, Samstag, 18. Januar 2014, Dachritzstraße 6 (Institut für Musik)

Es ist noch nicht lange her, da konnte teils kritisch, teils beruhigt erklärt werden, dass sich die Menschen ihrem Schicksal willfährig ergeben und nicht daran denken, geschichtsmächtig zu werden. So blieb nicht nur der Kampf um Befreiung aus. Auch die Apokalypse, die als Kollektiv losgelassene Einzelne ohne weiteres auszulösen imstande sind, ließ glücklicherweise auf sich warten. Inzwischen ist die Zeit, in der von den lethargischen Massen geschrieben werden konnte, jedoch vorbei. An allen Ecken und Enden der Welt kracht es. Von Rio bis Kairo, von Göteborg bis Athen und von Stuttgart bis Istanbul: Als hätten sie die Parole vom „kommenden Aufstand“, die eine französische Situationistengruppe vor einigen Jahren ausgab, als Aufforderung begriffen, ziehen die Menschen überall auf die Straße. Mal bringen sie ihre Isomatten und Zelte mit und besetzen den öffentlichen Raum, mal zerlegen sie die Innenstädte. Taz, Zeit, Spiegel und Co. behaupten, einen weltweiten Kampf für Demokratisierung und mehr Bürgerbeteiligung zu erkennen; die radikale Restlinke will in den Krawallen, Kämpfen und Platzbesetzungen die Vorboten der Weltrevolution sehen: So setzten sich die schlechter verdienenden Genossen schon bald nach dem Beginn der Proteste in Busse und fuhren als Krawalltouristen nach Griechenland; die besser Betuchten flogen nach Kairo oder Tunis.

Zumindest einige Nachrichten vom weltweiten Aufstand wollen allerdings nicht so recht mit der euphorischen Deutung von einem „neuen 1968“ zusammenpassen, von dem einige Beobachter sprechen. In einigen Ländern haben sich Islamisten an die Spitze der Proteste gestellt; auf dem Peloponnes und den griechischen Inseln mischen Neonazis kräftig mit, während ein Teil der Linken die Juden für die Übel der Welt verantwortlich macht. Auch im Syrischen Bürgerkrieg ist die Unterscheidung zwischen den good und den bad guys nicht mehr möglich. Wer gegen Despoten, Tyrannen und elende Verhältnisse anrennt, tut das nicht immer mit den richtigen Mitteln, Begründungen und Zielen.

Das heißt: Entweder hat die Rede vom „neuen 68“ weniger mit der Situation in Ägypten, Griechenland, Spanien, Syrien usw. zu tun als mit den Wünschen und Sehnsüchten der hiesigen Öffentlichkeit. Oder aber die landläufigen Vorstellungen von 1968 als dem Jahr von Liberalisierung, Demokratisierung und dem Ausbruchsversuch aus den versteinerten Verhältnissen müssen revidiert werden. Auch hierfür spricht einiges. Zumindest mit Blick auf Ägypten und Syrien hat sich dementsprechend schon längst jene Verlaufsform abgezeichnet, die den Internationalismus hierzulande stets prägte: Der blinden Begeisterung folgt blinde Ignoranz; ohne Fehleranalyse und ohne das vorherige Paradies von Revolte und Demokratisierung auch nur noch eines Blickes zu würdigen, werden die revolutionären Sehnsüchte kurzerhand in andere Gegenden des Erdballs verlagert.

Es stellt sich damit sowohl die Frage nach den Hintergründen der hiesigen Reaktionen auf die weltweiten Aufstände als auch nach dem Charakter der Proteste: Was ist von den Riots und Kämpfen in Ägypten, Griechenland, Brasilien, Spanien usw. zu halten? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es? Warum brechen die Proteste gerade jetzt aus? Und: Welche Zukunft haben die weltweiten Aufwallungen vor sich?

Podium 1: Campen und kämpfen (12.15 – 13.45 Uhr)
Referenten: Magnus Klaue & Philipp Lenhard

Wer einen genauen Blick auf die weltweiten Aufwallungen wirft, erkennt zwei Protestformen: Die einen schnappen sich ihre Schlafsäcke und campieren auf öffentlichen Plätzen, die anderen binden sich Taschentücher vors Gesicht und ziehen mehr zerstörend als plündernd durch die Städte. Diese beiden Varianten der Erhebung scheinen für eine jeweils unterschiedliche Klientel zu stehen: In der Besetzung des öffentlichen Raums spiegeln sich die Abstiegsängste der Mittelschichten. Hier ziehen diejenigen auf die Straße, die noch etwas zu verlieren haben. Sie signalisieren durch ihre Protestform, dass sie zu bleiben gedenken. Auf der anderen Seite stehen jene, die nicht mehr absteigen können. Da sie nichts mehr zu verlieren haben, zerstören sie blindwütig alles, was ihnen in den Weg kommt: sowohl das, was sie selbst nicht mehr ertragen, als auch das, was unerreichbar für sie ist.

Magnus Klaue ist freier Autor und schreibt regelmäßig für Bahamas, Jungle World und Konkret. Philipp Lenhard ist freier Autor und Redakteur der Zeitschrift Prodomo.

Podium 2: Projektion und Praxis (14.30 – 16.00 Uhr)
Referenten: Harald Jürgen Funke & Anja Finow

Abgesehen von den Protesten gegen Stuttgart 21 und ähnliche Projekte ist der weltweite Aufstand in zweifacher Weise in Deutschland angekommen. Auf der einen Seite legt die linke und linksliberale Öffentlichkeit eine Begeisterung für die Demonstrationen in Kairo, Istanbul oder Athen an den Tag, als würde dort für die originären Interessen des hiesigen wutbürgerlichen Mittelstands auf die Straße gegangen. Auf der anderen Seite scheinen die Krise und die Aufstände dafür zu sorgen, dass vermehrt Asylbewerber und Arbeitsmigranten den Weg nach Deutschland finden. Gegen diesen Zuzug finden insbesondere im Osten der Republik längst Mini‐Aufstände statt, die sich in vielerlei Hinsicht von den Ereignissen der 1990er Jahre unterscheiden und es genau aus diesem Grund ratsam erscheinen lassen, den Zustand der Republik noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Harald Jürgen Funke ist Redakteur der Zeitschrift Bonjour Tristesse. Anja Finow spricht als Vertreterin der AG „No Tears for Krauts“.

Podium 3: Gestern und Morgen (16.30 – 18.00 Uhr)
Referenten: Jan‐Georg Gerber & Justus Wertmüller

Die Gegenwart verändert nicht allein die Zukunft, sondern auch die Vergangenheit: Der Anfang ist immer über das Resultat vermittelt. So geben die derzeitigen Proteste nicht nur einen Vorgeschmack darauf, was hierzulande droht, wenn sich die Krise ausweitet: ein wildes Hauen und Stechen, der Rückwurf auf Clanstrukturen, die sowohl familiär als auch regional oder beruflich sein können, und eine Elendsselbstverwaltung wie sie etwa auf dem Tahrir‐Platz beobachtet werden konnte, wo Fußballhooligans über Ordnung, Sauberkeit und die korrekte Entsorgung der Fäkalien wachten. Zugleich legen die stetigen Vergleiche mit der Revolte von 1968 nahe, dass sich auch damals ganz andere historische Triebkräfte Geltung verschafften als von den Parolen der Protestbewegung nahegelegt wurde: Triebkräfte, die möglicherweise denen ähneln, welche die Menschen heute weltweit auf die Straßen und Plätze strömen lassen.

Jan‐Georg Gerber schreibt u.a. für Bahamas und Jungle World. Justus Wertmüller ist Redakteur der Zeitschrift Bahamas.

Eine Veranstaltung der AG Antifa im Stura der Uni Halle.
http://antifa.uni-halle.de/

Weitere Informationen:
https://www.facebook.com/agantifaschismus

Critical Networking

Ein paar Worte zur Konferenz »Eine Erinnerung an die Zukunft«, die vom 29.11.–01.12.2013 in Berlin stattfand.

[Das Flugblatt als PDF]

Mit der „Zukunft“, von der im Titel dieser Konferenz gesprochen wird, ist weniger die Zukunft der Kritischen Theorie als die der Kritischen Theoretiker gemeint.

Konzeptpapiere sind oft aussagekräftiger als die Dinge, die auf sie folgen. Das gilt zumindest für diese Konferenz. Der Einladungstext, der es nach unzähligen Diskussionen und Versuchen, es allen recht zu machen, auf die Homepage der Konferenz geschafft hat, ist so aussagefrei, dass man sich fast schämen muss, als Kritischer Theoretiker bezeichnet zu werden. Wenn das die Kritische Theorie sein soll, sagte der kritische Geist, gehe ich lieber Richard David Precht lesen. Während Adorno und Horkheimer allen Unkenrufen zum Trotz eine klare und deutliche Sprache benutzten – das immer wieder als „kompliziert“ und „abgehoben“ Geschmähte ihrer Texte war dem Bemühen um Präzision geschuldet – , findet sich hier nichts als langweiliger Jargon: eine Mischung aus Opa‐Sprache („zeitigt“), Angeber‐Vokabular, Halbwissen und jener gehobenen Legasthenie, von der die Graduiertenkollegs, Postdoc‐Zirkel und Redaktionen heutzutage beherrscht werden. Da soll Resistenz „korrigiert“ werden, „Unmöglichkeiten“ weiten sich aus, und die Individuen flüchten „im Schwinden“ irgendwohin. Diese Clownerie setzt sich auch im Titel fort, den man beim ersten Buch des Ufologen Erich von Dänicken, „Erinnerungen an die Zukunft“ von 1968, geklaut hat.

Ähnlicher Stuss wie im Ankündigungstext findet sich zwar auch im Konzeptpapier und in der vorläufigen Referentenliste, die vor einigen Monaten an potentielle Teilnehmer verschickt wurden und schließlich den Weg in die unendlichen Weiten des Internets fanden. Im Unterschied zum vollkommen nichtssagenden Ankündigungstext liegen die Motive dieser Konferenz dort jedoch wenigstens halbwegs offen zutage.

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