Bonjour Tristesse #23 (Sommer 2018)

Kurzmitteilung

Bonjour Tristesse #23
(Sommer 2018)

Die neue Bonjour Tristesse ist da. Das gedruckte Heft liegt an den bekannten Orten in Halle, Leipzig und Dessau aus. Hier geht es zu den Beiträgen im Blog: bonjourtristesse.wordpress.com

Download [PDF] Bonjour Tristesse 23/2018

DIE THEMEN DER AUSGABE #23:

Für den Feminismus.

Folgendes Flugblatt wurde am 14.04.2018 auf der Demonstration »konsequent. feministisch. antifaschistisch. – Kick Them Out! Nazizentren Dichtmachen.« in Halle (Saale) verteilt:

Flugblatt: Für den Feminismus [PDF]

Liebe Teilnehmer der heutigen  Demonstration,

mal Hand auf‘s Herz: Kommt es Euch nicht auch etwas lächerlich vor, auf eine feministische Demonstration zu gehen, die sich gegen die Identitären richtet? Oder gar verlogen? Anscheinend nicht, denn ansonsten wärt Ihr zuhause geblieben, anstatt Euch hier bei einem Protest gegen ein Dutzend Flachpfeifen, die ohnehin niemand zu mögen scheint, als ehrenwerte Verteidiger des Feminismus aufzuspielen.

Marsch der Begrifflosen

Man kann den Leuten von der Identitären Bewegung (IB) einiges vorwerfen. Ihre Mitglieder sind gewaltaffin, sie haben ein Faible für faschistische Ästhetik (Seitenscheitel, Fackelmärsche) und sie träumen von ethnisch homogenen Gemeinschaften. Vor allem aber sind sie fremdenfeindliche Arschlöcher, die ein halbwegs geschicktes Händchen haben,  Aufmerksamkeit zu erregen. Dass ihnen das in der letzten Zeit so gut gelang, dazu habt allerdings auch Ihr beigetragen. Denn anstatt die Identitären aus der Adam-Kuckhoff-Straße einfach als unangenehme Nervensägen zu behandeln, wart Ihr wackeren Antifaschisten Euch nicht zu blöde, sie zu einer Gefahr für alles Mögliche zu stilisieren. Und nun soll es das Frauenbild dieser Handlampen sein, das der befreiten Gesellschaft im Weg steht, von der im Aufruf die Rede ist?
Wie kommt Ihr überhaupt darauf, dass die IB sonderlich sexistisch sei? Deren weibliche Protagonisten treten sehr selbstbewusst und nun wahrlich nicht als die »Heimchen vom Herd« auf. Uns sind auch keine Verlautbarungen der Identitären bekannt, die diese als üble Sexisten überführen. Gewiss, wir sind nicht die Nazi-Experten wie Ihr. Aber so ganz haut Euer Vorwurf nicht hin. Die Identitären haben sicherlich ein traditionelles Frauenbild. Aber das ist weder dezidiert sexistisch, noch unterscheidet sich das wesentlich von anderen Milieus wie den Fans vom Halleschen Fußballclub, den Ammendorfer Sportkeglern oder dem Frauenyogakurs im Iris-Regenbogenzentrum.
Mit Begriffen scheint Ihr es ohnehin nicht so genau zu nehmen. Die ständig wiederholte Behauptung, dass die Identitären durchweg Nazis seien, ist zudem nicht ganz richtig. Weder beziehen sie sich positiv auf den Nationalsozialismus, noch teilen sie dessen ideologischen Kern, den zur Vernichtung drängenden Antisemitismus. Wir wollen Euch jetzt an dieser Stelle nicht mit Theorie behelligen – schließlich seid Ihr ja hier, um gegen fiese Nazischweine zu demonstrieren. Aber worin bitteschön äußern sich solche Vernichtungswünsche bei der IB? Das Verschwörungsdenken dieser Leute unterscheidet sie jedenfalls nicht von Attac und Co., deren Mitglieder Ihr natürlich niemals als Nazis bezeichnen würdet. Und bitte kommt jetzt nicht mit »Ethnopluralismus«. Der Begriff, den Ihr gerne anführt, um die IB’ler als besonders schlimme Rassisten auszuweisen, taugt nicht einmal dazu, die Neue Rechte mit ihrem Traum von einem Fest der Völker von der Neuen Linken mit ihrer Freude am Karneval der Kulturen abzugrenzen. Um nicht falsch verstanden zu werden: Wir mögen die Jungs und Mädchen mit ihrem penetranten Hang zur Selbstüberschätzung auch nicht. Uns liegt nichts daran, sie zu verteidigen. Es spricht nichts dagegen, sie in die Schranken zu weisen – erst recht, wenn sie anfangen Leute zu bedrohen.
Aber wir finden Eure Schaumschlägerei gegen diese paar Trottel hochnotpeinlich. Euch fällt gar nicht auf, wie sehr Ihr selbst zu den Handlangern einer Politik geworden seid, der es nur noch um das reine Gewissen geht. Anwohnerinitiativen, Stadtrat, Stura und Universitätsleitung geben Statements gegen die Identitären ab, die Euren Äußerungen gar nicht so unähnlich sind. Den Deppen von der IB scheint das große Heer Antifaschisten jedweder Couleur, in das Ihr Euch hier eingereiht habt, ganz recht zu kommen. Würde es sie nicht geben, Ihr müsstet sie erfinden. Heute geht Ihr mit Hunderten auf die Straßen. Wenn es aber nicht deutschstämmige Nazis sondern Migranten sind, die, wie am 16. Dezember vergangenen Jahres, eine Demonstration abhalten, die offener antisemitisch ist als jeder Aufmarsch der Brigade-Suffnazis aus der hallischen Silberhöhe, dann bleibt ihr zuhause.

Selbstvergewisserung statt Feminismus

Ist es möglich, dass es Euch auch beim Thema Feminismus gar nicht so sehr um die Identitären geht, sondern eher um Euch selbst? Habt Ihr schon mal darüber nachgedacht,  dass  Eure  Beißreflexe   gegenüber dem »Nazizentrum« in erster Linie einer Vermeidung dienen? Wenn Ihr Euren Lieblingsfeinden unbeirrbar Sexismus und Rassismus unterstellt, braucht Ihr Euch gar nicht erst die Frage zu stellen, ob sie an dem einen oder anderen Punkt nicht vielleicht doch Recht haben. Gewiss, sie sind Fremdenfeinde und interessieren sich für sexuelle Übergriffe nur dann, wenn sich Migranten als Täter finden. Aber stimmt es vielleicht nicht sogar, dass das Frauenbild autochthoner Männer bei weitem nicht das Schlimmste ist, was der Markt derzeit hergibt? Und ist es nicht möglicherweise wahr, dass Übergriffe gegen Frauen schneller bagatellisiert werden, wenn sie von Zugezogenen begangen werden? Ist es nicht auch in linken Läden so, dass es bei sexuellen Belästigungen durch einen Nicht-Deutschen aus Rücksicht auf seinen »kulturellen Background« weitaus länger dauert, bis er eine Backpfeife bekommt als bei einem deutschen Proll?
Ihr ahnt sicherlich, was jetzt kommt: Ein durchaus beträchtlicher  Teil  des  vom  Islam  geprägten Milieus – sowohl frisch zugewandert als auch Teile der schon länger hier lebenden Moslems – ist der Ansicht, dass Frauen sich den Männern zu fügen haben. Die Verführungskraft weiblicher Sexualität und deren vermeintlicher Ausdruck – Haare, Arme, Körperlichkeit etc. pp. – wird von Anhängern des Propheten Mohammed als Bedrohung empfunden, die durch Verhüllung zu bannen sei. Harām gekleidete Frauen werden als »Schlampen« bzw. legitime Beute gesehen, was sich immer wieder in sexueller Gewalt entlädt. Wir wissen, Ihr werdet nicht gerne an die Kölner Silvesternacht erinnert. Und falls doch, antwortet Ihr reflexartig mit »Oktoberfest«. Euch ist keine Verrenkung zu blöd, um über das Frauenbild des Islams nicht sprechen zu müssen.
Und? Merkt Ihr etwas? Springt bei diesen Worten Euer Rechtspopulismusradar an? Es hat sich nämlich – insbesondere seit Pegida, AfD und IB ihren nur halbherzig verschleierten Fremdenhass als »Islamkritik« verkaufen – eingebürgert, dass jede Kritik am Islam und dessen Zumutungen abgewehrt wird, indem man jenen, die diese aussprechen, Rassismus vorwirft. Dabei müssten Feministen gerade hier besonders laut aufschreien. Im Aufruf wird stattdessen die Frauenverachtung »islamischer Fundamentalisten« erwähnt, die eine »ideologische Gemeinsamkeit« mit der IB begründen würde. Ihr tut damit alles, um den strukturellen Sexismus im Islam in jeglicher Hinsicht zu relativieren. Denn was hat bitteschön das konservative Rollenbild, dem die Identitären möglicherweise nachtrauern, mit der Lebenswirklichkeit unzähliger Frauen zu tun, die das Haus nur verschleiert verlassen dürfen, sich daheim aber jederzeit für ihren Mann zur Verfügung stellen sollen? Mit jenen jungen Frauen, die permanent einen ihrer Brüder an der Seite kleben haben, damit bloß keine Schande über die Familie kommt? Die ihren Kampf um individuelle Freiheit und sexuelle Selbstbestimmung meist verlieren und im schlimmsten Fall umgebracht werden?
Es ist übler Zynismus, wenn im Aufruf von einer »gesamtgesellschaftlichen Frauenverachtung« gefaselt wird. Frauen haben in westlichen Gesellschaften nahezu die gleichen Chancen und Rechte wie Männer. Sie können ihren Wunschberufen nachgehen, in manchen Gegenden verdienen sie inzwischen aufgrund ihrer höheren Qualifikation sogar mehr als Männer, und in Halle sind Frauen unter den Studenten in der Überzahl. Und während sie im Islam dem Gutdünken und der Willkür der Männer ausgesetzt sind, werden hier Übergriffe auf ihre (sexuelle) Selbstbestimmung gesellschaftlich verurteilt und geächtet.
Doch ihr Paradefeministen differenziert und vergleicht solange, bis das Problem nicht mehr wiederzuerkennen ist. Gegen Euch ist jeder Feminismus zu verteidigen, der sich nicht scheut, den größten Agenten der Frauenunterdrückung in Deutschland zu benennen, ohne nebulös herumzueiern und von »religiösen Strukturen« zu schwadronieren.
Also, liebe Demonstranten, nehmt es uns nicht übel. Aber: Ihr seid Teil des Appeasements gegenüber dem Islam und verratet all jene Frauen und Homosexuelle, die täglich unter den Zumutungen des Islam zu leiden haben. Ihr betreibt nur dümmliche Selbstvergewisserung, wenn Ihr in Eurem Aufruf auch Konservative für ihr traditionalistisches Rollenbild anklagt, als wären sie inzwischen nicht diejenigen, die noch am beharrlichsten individuelle Freiheiten gegenüber dem Islam und seinen linken Freunden verteidigen. Eure Indifferenz gegenüber der Zerstörungswut des Islam ist für das gesellschaftliche Zusammenleben gefährlicher als die ohnehin einflusslosen Mitglieder einer rechten PR- Sekte. Mit Euch lässt sich kein Feminismus machen!
– Kickt Euch!

Eure »No Tears for Krauts«
Halle (Saale), April 2018

Audio: Tabuisierte Selbstverständlichkeit

Tabuisierte Selbstverständlichkeit

Wie Alltagsislam und Islamismus zusammenhängen und warum Antifaschismus ohne Islamkritik zur Lüge wird.

Vortrag von Uli Krug am 28. Juni in Berlin

(via redaktion-bahamas.org/audio-archiv)

Die Situation ist ebenso bedrohlich wie grotesk: Denn an sich sollte überhaupt nicht zur Debatte stehen müssen, dass Folter, pathologische Misogynie und Homophobie, Massenmord und das Streben nach globaler Willkürherrschaft nicht ausgerechnet von Leuten, die für sich den Antifaschismus reklamieren, verharmlost, totgeschwiegen, ja sogar befördert werden. Doch genau das ist der Fall, wenn es um den Islamismus geht: Die SPD erklärte erst jüngst den Islam in einem offiziellen Papier der Parteiführung zu einem lediglich »theoretischen Konstrukt« und bestritt rundweg, dass der Verschleierungszwang irgend frauenfeindlich wäre. »Islamkritisch« steht in der Sprache des staatstreuen Medienkartells ohnehin schon synonym für »rechtsradikal«; auf der anderen Seite ist es ausgerechnet bekennenden Abtreibungsgegnern wie Beatrix von Storch und Stahlhelm-Nostalgikern wie Alexander Gauland vorbehalten, das Offensichtliche auszusprechen: Dass der praktizierte Islam per se keine unpolitische Religion ist, einen universalen Herrschaftsanspruch verkörpert und als praktizierender Sharia-Gegensouverän auftritt. Aufklärung tut in einer Welt der verkehrt scheinenden Fronten also dringend not. Nicht mehr, aber auch nicht weniger will der Vortrag über die Psychopathologie des Islam und den »Islamischen Staat« als dessen notwendige Konsequenz leisten, also eine Einführung in das eigentlich Selbstverständliche geben.

Eine Veranstaltung der HUmmel Antifa im Rahmen der Maiwoche 2016 »Rackets on the rise. Zur Dialektik von Klatschen und Beklatschen«
(via redaktion-bahamas.org/aktuell)

Warum wir über den Islam nicht reden können.

Vortrag und Diskussion mit Sama Maani

26. Januar 2017, 19 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle

Wie kommt es, dass die Ablehnung des Islam als „rassistisch“ tituliert wird – nicht jedoch die Ablehnung des Christentums? Dass Ressentiments gegen Türken oder Araber Islamophobie, Ressentiment gegen christliche Nigerianer jedoch nicht Christentumophobie genannt werden? Warum wurden die Demonstranten des arabischen Frühlings in erster Linie als „Moslems“ bezeichnet, die Demonstranten der Occupy-Bewegung aber nicht als „christlich“? Warum wird, wenn vorgegeben wird über den Islam zu reden, über alles Mögliche gesprochen – nur nicht über den Islam? Und: was sagt das (Nicht-)Reden über den Islam über die eigene Beziehung zur Religion aus?

Es spricht Sama Maani, Schriftsteller und Psychoanalytiker (Wien). Zahlreiche Publikationen in deutschsprachigen und iranischen (Literatur-)Zeitschriften und Anthologien, bei Drava erschienen: „Ungläubig“, Roman (2014), und „Respektverweigerung. Warum wir fremde Kulturen nicht respektieren sollten. Und die eigene auch nicht“ (2015).

Eine Veranstaltung der AG Antifa
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Artikelauswahl von Sama Maani:
Warum wir Linken über den Islam nicht reden können
Linke Religionskritik – gibt’s das noch?
Religionskritik ist mehr als Kritik am »Islamismus«

Interviews mit Sama Maani:
Interview in der WDR 5-Redezeit, 13.09.2016 | 28:33 Min.
Interview malmoe: „Mit dem Begriff Islamophobie gehen wir den Rassisten auf den Leim“
Der Heiligenscheinorgasmus – Studiogespräch mit Sama Maani

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Der gefesselte Odysseus. Über die Dialektik der Aufklärung im Islam.

Vortrag und Diskussion mit Thomas Maul

Mittwoch, 15. Juni 2011, 19:00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

Seit dem 11. September 2001 wird in der westlichen Öffentlichkeit die Frage diskutiert, was der Islam mit dem weltweit agierenden Suizid- und Tugendterror zu tun hat, der in seinem Namen zuvörderst gegen Juden, Frauen und Homosexuelle sich richtet.
In Thomas Mauls kritischer Analyse des klassisch-schariatischen Geschlechterverhältnisses und der ihm entsprechenden Sexualpolitik im Spannungsfeld von Religion (Eschatologie, Ritualpraxis) und Gesellschaft (Patriarchalismus, orientalische Despotie, Djihad-Doktrin) erweist sich die Gemeinschaft der Gläubigen (Umma) als wesenhaft durch einen Phallozentrismus konstituiert, der in der Moderne notwendig in die Krise gerät. Die gegenwärtige barbarische Gewalt des Kollektivs ist damit nichts anderes denn eine anachronistisch-pathologische Verteidigung der im Verfall begriffenen Tradition und gilt in letzter Instanz immer dem (sexuell) selbstbestimmten Individuum.

Thomas Maul ist Autor der Bücher »Die Macht der Mullahs. Schmähreden gegen die islamische Alltagskultur und den Aufklärungsverrat ihrer linken Verteidiger« (2006) und »Sex, Djihad und Despotie. Zur Kritik des Phallozentrismus« (2010).

Eine Veranstaltung der ag antifa im Stura der Uni Halle.