Bonjour Tristesse #23 (Sommer 2018)

Kurzmitteilung

Bonjour Tristesse #23
(Sommer 2018)

Die neue Bonjour Tristesse ist da. Das gedruckte Heft liegt an den bekannten Orten in Halle, Leipzig und Dessau aus. Hier geht es zu den Beiträgen im Blog: bonjourtristesse.wordpress.com

Download [PDF] Bonjour Tristesse 232018

DIE THEMEN DER AUSGABE #23:

FÜR DEN FEMINISMUS

In der aktuellen Bonjour Tristesse (Nr. 23) wurde unser Flugblatt veröffentlicht, das wir im April 2018 auf einer antifeministischen Demonstration mit dem Motto »Konsequent. Feministisch. Antifaschistisch. Kick them out – Nazizentren dichtmachen!« verteilt haben.

Für den Feminismus.
Ein Flugblatt der AG No Tears for Krauts Halle.

 

Liebe Teilnehmer der heutigen Demonstration,

mal Hand aufs Herz: Kommt es Euch nicht auch etwas lächerlich vor, auf eine feministische Demonstration zu gehen, die sich gegen die Identitären richtet? Oder gar verlogen? Anscheinend nicht, denn ansonsten wärt Ihr zuhause geblieben, anstatt Euch hier bei einem Protest gegen ein Dutzend Flachpfeifen, die ohnehin niemand zu mögen scheint, als ehrenwerte Verteidiger des Fe­minismus aufzuspielen.


Marsch der Begrifflosen

Man kann den Leuten von der Identitären Bewegung (IB) einiges vorwerfen. Ihre Mitglieder sind gewaltaf­fin, sie haben ein Faible für faschistische Ästhetik (Seitenscheitel, Fackelmärsche) und sie träumen von ethnisch homogenen Gemeinschaften. Vor allem aber sind sie fremdenfeindliche Arschlöcher, die ein halb­wegs geschicktes Händchen haben, Aufmerksamkeit zu erregen. Dass ihnen das in der letzten Zeit so gut ge­lang, dazu habt allerdings auch Ihr beigetragen. Denn anstatt die Identitären aus der Adam‐Kuckhoff‐Straße einfach als unangenehme Nervensägen zu behandeln, wart Ihr wackeren Antifaschisten Euch nicht zu blö­de, sie zu einer Gefahr für alles Mögliche zu stilisieren. Und nun soll es das Frauenbild dieser Handlampen sein, das der befreiten Gesellschaft im Weg steht, von der im Aufruf die Rede ist?
Wie kommt Ihr überhaupt darauf, dass die IB son­derlich sexistisch sei? Deren weibliche Protagonisten treten sehr selbstbewusst und nun wahrlich nicht als die »Heimchen vom Herd« auf. Uns sind auch keine Verlautbarungen der Identitären bekannt, die diese als üble Sexisten überführen. Gewiss, wir sind nicht die Nazi‐Experten wie Ihr. Aber so ganz haut Euer Vorwurf nicht hin. Die Identitären haben sicherlich ein traditionelles Frauenbild. Aber das ist weder dezidiert sexistisch, noch unterscheidet sich das wesentlich von anderen Milieus wie den Fans vom Halleschen Fuß­ballclub, den Ammendorfer Sportkeglern oder dem Frauenyogakurs im Iris‐Regenbogenzentrum.
Mit Begriffen scheint Ihr es ohnehin nicht so genau zu nehmen. Die ständig wiederholte Behauptung, dass die Identitären durchweg Nazis seien, ist zudem nicht ganz richtig. Weder beziehen sie sich positiv auf den Nationalsozialismus, noch teilen sie dessen ideologi­schen Kern, den zur Vernichtung drängenden Antise­mitismus. Wir wollen Euch jetzt an dieser Stelle nicht mit Theorie behelligen – schließlich seid Ihr ja hier, um gegen fiese Nazischweine zu demonstrieren. Aber worin bitteschön äußern sich solche Vernichtungs­wünsche bei der IB? Das Verschwörungsdenken dieser Leute unterscheidet sie jedenfalls nicht von Attac und Co., deren Mitglieder Ihr natürlich niemals als Nazis bezeichnen würdet. Und bitte kommt jetzt nicht mit »Ethnopluralismus«. Der Begriff, den Ihr gerne an­führt, um die IB’ler als besonders schlimme Rassisten auszuweisen, taugt nicht einmal dazu, die Neue Rech­te mit ihrem Traum von einem Fest der Völker von der Neuen Linken mit ihrer Freude am Karneval der Kulturen abzugrenzen. Um nicht falsch verstanden zu werden: Wir mögen die Jungs und Mädchen mit ihrem penetranten Hang zur Selbstüberschätzung auch nicht. Uns liegt nichts daran, sie zu verteidigen. Es spricht nichts dagegen, sie in die Schranken zu weisen – erst recht, wenn sie anfangen Leute zu bedrohen.
Aber wir finden Eure Schaumschlägerei gegen diese paar Trottel hochnotpeinlich. Euch fällt gar nicht auf, wie sehr Ihr selbst zu den Handlangern einer Politik geworden seid, der es nur noch um das reine Gewissen geht. Anwohnerinitiativen, Stadtrat, Stura und Universitätsleitung geben Statements gegen die Identitä­ren ab, die Euren Äußerungen gar nicht so unähnlich sind. Den Deppen von der IB scheint das große Heer Antifaschisten jedweder Couleur, in das Ihr Euch hier eingereiht habt, ganz recht zu kommen. Würde es sie nicht geben, Ihr müsstet sie erfinden. Heute geht Ihr mit Hunderten auf die Straßen. Wenn es aber nicht deutschstämmige Nazis sondern Migranten sind, die, wie am 16. Dezember vergangenen Jahres, eine De­monstration abhalten, die offener antisemitisch ist als jeder Aufmarsch der Brigade‐Suffnazis aus der halli­schen Silberhöhe, dann bleibt ihr zuhause.


Selbstvergewisserung statt Feminismus

Ist es möglich, dass es Euch auch beim Thema Femi­nismus gar nicht so sehr um die Identitären geht, son­dern eher um Euch selbst? Habt Ihr schon mal dar­über nachgedacht, dass Eure Beißreflexe gegenüber dem »Nazizentrum« in erster Linie einer Vermeidung dienen? Wenn Ihr Euren Lieblingsfeinden unbeirrbar Sexismus und Rassismus unterstellt, braucht Ihr Euch gar nicht erst die Frage zu stellen, ob sie an dem einen oder anderen Punkt nicht vielleicht doch Recht haben. Gewiss, sie sind Fremdenfeinde und interessieren sich für sexuelle Übergriffe nur dann, wenn sich Migranten als Täter finden. Aber stimmt es vielleicht nicht sogar, dass das Frauenbild autochthoner Männer bei wei­tem nicht das Schlimmste ist, was der Markt derzeit hergibt? Und ist es nicht möglicherweise wahr, dass Übergriffe gegen Frauen schneller bagatellisiert wer­den, wenn sie von Zugezogenen begangen werden? Ist es nicht auch in linken Läden so, dass es bei sexuel­len Belästigungen durch einen Nicht‐Deutschen aus Rücksicht auf seinen »kulturellen Background« weit­aus länger dauert, bis er eine Backpfeife bekommt als bei einem deutschen Proll?
Ihr ahnt sicherlich, was jetzt kommt: Ein durchaus beträchtlicher Teil des vom Islam geprägten Milieus – sowohl frisch zugewandert als auch Teile der schon länger hier lebenden Moslems – ist der Ansicht, dass Frauen sich den Männern zu fügen haben. Die Verführungskraft weiblicher Sexualität und deren vermeintli­cher Ausdruck – Haare, Arme, Körperlichkeit etc. pp. – wird von Anhängern des Propheten Mohammed als Bedrohung empfunden, die durch Verhüllung zu ban­nen sei. Harām gekleidete Frauen werden als »Schlam­pen« bzw. legitime Beute gesehen, was sich immer wie­der in sexueller Gewalt entlädt. Wir wissen, Ihr werdet nicht gerne an die Kölner Silvesternacht erinnert. Und falls doch, antwortet Ihr reflexartig mit »Oktoberfest«. Euch ist keine Verrenkung zu blöd, um über das Frau­enbild des Islams nicht sprechen zu müssen.
Und? Merkt Ihr etwas? Springt bei diesen Worten Euer Rechtspopulismusradar an? Es hat sich näm­lich – insbesondere seit Pegida, AfD und IB ihren nur halbherzig verschleierten Fremdenhass als »Islamkri­tik« verkaufen – eingebürgert, dass jede Kritik am Is­lam und dessen Zumutungen abgewehrt wird, indem man jenen, die diese aussprechen, Rassismus vorwirft. Dabei müssten Feministen gerade hier besonders laut aufschreien. Im Aufruf wird stattdessen die Frauen­verachtung »islamischer Fundamentalisten« erwähnt, die eine »ideologische Gemeinsamkeit« mit der IB begründen würde. Ihr tut damit alles, um den strukturellen Sexismus im Islam in jeglicher Hinsicht zu re­lativieren. Denn was hat bitteschön das konservative Rollenbild, dem die Identitären möglicherweise nach­trauern, mit der Lebenswirklichkeit unzähliger Frauen zu tun, die das Haus nur verschleiert verlassen dürfen, sich daheim aber jederzeit für ihren Mann zur Verfü­gung stellen sollen? Mit jenen jungen Frauen, die per­manent einen ihrer Brüder an der Seite kleben haben, damit bloß keine Schande über die Familie kommt? Die ihren Kampf um individuelle Freiheit und sexuelle Selbstbestimmung meist verlieren und im schlimms­ten Fall umgebracht werden?
Es ist übler Zynismus, wenn im Aufruf von einer »ge­samtgesellschaftlichen Frauenverachtung« gefaselt wird. Frauen haben in westlichen Gesellschaften na­hezu die gleichen Chancen und Rechte wie Männer. Sie können ihren Wunschberufen nachgehen, in man­chen Gegenden verdienen sie inzwischen aufgrund ihrer höheren Qualifikation sogar mehr als Männer, und in Halle sind Frauen unter den Studenten in der Überzahl. Und während sie im Islam dem Gutdünken und der Willkür der Männer ausgesetzt sind, werden hier Übergriffe auf ihre (sexuelle) Selbstbestimmung gesellschaftlich verurteilt und geächtet.
Doch ihr Paradefeministen differenziert und ver­gleicht solange, bis das Problem nicht mehr wiederzu­erkennen ist. Gegen Euch ist jeder Feminismus zu ver­teidigen, der sich nicht scheut, den größten Agenten der Frauenunterdrückung in Deutschland zu benen­nen, ohne nebulös herumzueiern und von »religiösen Strukturen« zu schwadronieren.
Also, liebe Demonstranten, nehmt es uns nicht übel. Aber: Ihr seid Teil des Appeasements gegenüber dem Islam und verratet all jene Frauen und Homosexuelle, die täglich unter den Zumutungen des Islams zu leiden haben. Ihr betreibt nur dümmliche Selbstvergewisse­rung, wenn Ihr in Eurem Aufruf auch Konservative für ihr traditionalistisches Rollenbild anklagt, als wären sie inzwischen nicht diejenigen, die noch am beharr­lichsten individuelle Freiheiten gegenüber dem Islam und seinen linken Freunden verteidigen. Eure Indif­ferenz gegenüber der Zerstörungswut des Islams ist für das gesellschaftliche Zusammenleben gefährlicher als die ohnehin einflusslosen Mitglieder einer rechten PR‐Sekte. Mit Euch lässt sich kein Feminismus machen! – Kickt Euch!

Eure No Tears for Krauts
Halle (Saale), April 2018

Bonjour Tristesse #22 (Herbst 2017)

Kurzmitteilung

Die Herbstausgabe der Bonjour Tristesse ist erschienen und liegt an den bekannten Orten in Halle, Leipzig und Dessau aus. Mit dieser Ausgabe erscheint die hallische Zeitung Bonjour Tristesse seit 10 Jahren. Wir gratulieren zum Redaktions‐Jubiläum, lasst die Korken knallen. Hier gehts zu den Beiträgen im Blog: bonjourtristesse.wordpress.com

Bonjour Tristesse #22
(Herbst 2017)

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DIE THEMEN DIESER AUSGABE:

Bonjour Tristesse Sonderausgabe #G20

Kurzmitteilung

Die Sonderausgabe der Bonjour Tristesse zu den G20‐Protesten ist erschienen und liegt an den bekannten Orten in Halle, Leipzig und Dessau aus. Hier gehts zu den Beiträgen im Blog: bonjourtristesse.wordpress.com


Bonjour Tristesse — Sonderausgabe
#G20
(Sommer 2017)

  • Editorial
  • Jusos mit Steinen  Ein Vertreter der »AG Antifa« fragte, ob es hierzulande eigentlich irgendjemanden gab, der nichts gegen das G20‐Treffen in Hamburg hatte?
  • Vorschein des Schlimmeren. Uli Schuster (Roter Salon, Leipzig)
    Die Proteste gegen den G20‐Gipfel haben gezeigt, dass die Linke aus der eigenen Geschichte nichts gelernt hat.
  • Die Wiederkehr des Immergleichen.  Angesichts der Proteste gegen den G20‐Gipfel fragte ein Vertreter der »AG Antifa« danach, warum die Linke immer wieder selbst hinter ihre eigenen theoretischen Erkenntnisse zurückfällt.

Download [PDF] Bonjour Tristesse Sonderausgabe G20/2017

Wer schweigt, stimmt zu!

In der aktuellen Ausgabe des CEE IEH #238 verteidigt die AG »No Tears for Krauts« das Conne Island gegen seine Freunde. Im Folgenden ist der Artikel dokumentiert:

Wer schweigt, stimmt zu!
Eine Verteidigung des Conne Island gegen seine Freunde

Es dürfte inzwischen etwa ein Jahr her sein, dass die ersten Gerüchte über die Zunahme von sexuellen Übergriffen und Gewalt im Conne Island kursierten. Im Nachgang der sogenannten Flüchtlingskrise wurden die Tanzveranstaltungen des Clubs zu einem beliebten Anlaufpunkt für Migranten. Der wichtigste Grund dafür dürfte die Regelung gewesen sein, von Flüchtlingen nur 50 Cent Eintritt zu verlangen: Wer am Existenzminimum lebt, muss auf jeden Euro achten. Zur offensichtlichen Verwunderung des Conne Island waren die neuen Gäste allerdings weder sonderlich dankbar noch in großer Zahl an der politischen Arbeit interessiert, die der Laden für sie vorgesehen hatte. Einige von ihnen sorgten stattdessen dafür, dass aggressive Anmachen, sexuelle Übergriffe und Gewalt zum Dauerthema wurden. Das Ganze nahm ein Ausmaß an, das es in der Geschichte des Conne Island bis dahin nicht gegeben hatte. Einige Gäste blieben bereits weg, mehrfach war die Crew des Ladens so überfordert, dass sie – wahrscheinlich auch ein Novum in der Geschichte des Clubs – keinen anderen Ausweg sah, als die Polizei zu rufen.
Diese Entwicklung war vor allem für Leute verwunderlich, die Flüchtlinge aufgrund ihrer Herkunft für die besseren Menschen oder revolutionäre Subjekte im Wartezustand halten. Dabei ist es gar nicht schwer zu verstehen: Wer sich erfolgreich mit Schlepperbanden herumgeschlagen, Grenzzäune überwunden oder die lebensgefährliche Reise übers Mittelmeer überstanden hat, ist nicht immer ein freundlicher und umgänglicher Mensch. Er musste vielfach eine Durchsetzungsfähigkeit, Skrupellosigkeit und Abgebrühtheit an den Tag legen, von der die Türsteher des Conne Island meilenweit entfernt sind. Der Islam, von dem das Gros der hierzulande ankommenden Flüchtlinge zum Teil direkt, zum Teil indirekt geprägt wird, erledigt oft den gar nicht so kleinen Rest. Denn dass diese wohl patriarchalste aller Religionen ihren männlichen Angehörigen nicht unbedingt zu einem freundlichen und rücksichtsvollen Umgang mit Frauen ermutigt, dürfte durch Funk, Fernsehen oder Spaziergänge durch die Berliner Sonnenallee bekannt sein.
Irgendwann im Sommer war der Leidensdruck des Conne Island schließlich so groß, dass die 50‐Cent‐Regelung de facto abgeschafft wurde; das Plenum reichte im Oktober eine Erklärung nach.(1) Diese Stellungnahme ist, wie wir bereits beiläufig in einem Flugblatt formuliert haben,(2) in mehrfacher Hinsicht misslungen. Andere Gruppen und Einzelpersonen sind der gleichen Meinung – blöderweise aus anderen Gründen als wir. Das Einschießen auf die Stellungnahme wurde zum linken Breitensport, an dem sich Jungle‐World‐Autoren ebenso beteiligten wie Konkret‐Pinscher und megalomane Facebook‐Klugscheißer. Die Mehrheit dieser Kritiker legte bei ihrer Beurteilung der Erklärung ein so großes Maß an Realitätsverweigerung an den Tag, dass wir uns genötigt sehen, den Club trotz unserer Kritik zu verteidigen. Wer von seinen Kumpels ungerechtfertigt als Halbnazi dargestellt wird, wie es einige vermeintliche »Freundinnen und Freunde des Conne Island« im Hate‐Magazin getan haben,(3) der braucht nicht nur keine Feinde, sondern der hat auch Solidarität verdient.

Trendsport Rassismusvorwurf

In den Wochen nach der Veröffentlichung der Erklärung wurde innerhalb der linken Szene ein regelrechter Wettbewerb darum geführt, wer das Statement am dummdreistesten in den Kontext neurechter Diskussionen rücken kann. Einige fanden die Erklärung allein deshalb verwerflich, weil sich Beatrix von Storch auf sie bezogen hatte. Andere warfen dem Club gleich selbst Rassismus vor. Die Allerdümmsten rückten die Erklärung sogar in die Nähe der Machwerke Carl Schmitts, des Kronjuristen des »Dritten Reiches«.(4) Unter einem Nazivorwurf macht man’s als waschechter Antirassist eben nicht. Die Aufregung war insbesondere dem Umstand geschuldet, dass das Conne Island auf die Herkunft der Täter verwiesen hatte. Ein gewisser Bernhard Torsch log die Stellungnahme in einem Artikel für die Konkret schließlich bis zur Unkenntlichkeit zurecht: »Die Steinzeitmenschen aus dem mysteriösen Orient sind leider zu doof, um zu wissen, wie man sich benimmt.«(5) Diese Aussage glaubte er im Text des Conne Island erkannt zu haben.Die Empörung über den Hinweis auf die Herkunft der Täter war dabei gleich aus mehreren Gründen skurril:
Erstens hatte das Conne Island zwar tatsächlich von »jungen Männern mit Migrationshintergrund« gesprochen. Um nicht in eine vermeintlich rassistische Kerbe zu schlagen, hatte es diese Aussage jedoch sofort wieder relativiert und suggeriert, dass »Syrer, Connewitzer, Ghanaer, Eilenburger, Leutzscher oder Russen« gleichermaßen Probleme bereiten würden.(6)Zweitens verwundert die Aufregung über den Hinweis auf den Background der Täter, weil sie nicht zuletzt von Leuten kommt, denen die Rede von der Prägung menschlichen Verhaltens durch Diskurse, Rollenbilder und ähnlichen Schnickschnack sonst zur zweiten Haut geworden ist. Natürlich wird nicht immer aus ehrenwerten Gründen auf die sozialen, nationalen, religiösen oder politischen Hintergründe von Tätern verwiesen. Oft ist ein solcher Hinweis aber eine Voraussetzung dafür, Entwicklungen verstehen, erklären und ihnen gegebenenfalls entgegenwirken zu können. So würden den meisten Gegnern der Conne‐Island‐Erklärung im Falle gewaltaffiner Deutscher, die eine Tanzveranstaltung für andere Gäste zum Spießrutenlauf machen, innerhalb kürzester Zeit etliche historische, ökonomische, soziale, politische und ideengeschichtliche Gründe (Luther, Hitler, Mielke, Müllermilch etc.) für ihr Verhalten einfallen – ohne dass sie damit eine Aussage über alle Deutschen treffen würden. Im Fall eines Überfalls deutscher Neonazis wären viele von ihnen sogar regelrecht empört, wenn der Hinweis auf den Hintergrund der Täter verschwiegen würde.
Im Unterschied dazu fällt den entsprechenden Leuten bei Hinweisen auf die Lebensumstände und die Erziehung von Migranten – und darum geht es – sofort und ausschließlich die Praxis der Schädelvermessung ein. Sobald es sich bei den Tätern um Flüchtlinge handelt, verliert so mancher Antirassist rascher die Fassung als ein Autor der Jungen Freiheit. Das zeigt, dass ihnen weder an Erkenntnis noch an einem vernünftigen Umgang mit solchen Fällen gelegen ist. Sondern sie sind vor allem an der Aufrechterhaltung ihres eigenen Pippi‐Langstrumpf‐Weltbildes interessiert, in dem Migranten nur als Opfer (des europäischen Grenzregimes, der rassistischen Mehrheitsgesellschaft, des Westens etc.) vorzukommen haben. Ohne es zu realisieren, werden die selbsternannten Kämpfer für eine »universalistische, globale politische Ethik«(7) damit zu freundlichen Rassisten, die ihrer Klientel ganz paternalistisch einen Sonderstatus verschaffen und den Universalismus, will heißen: die Gleichbehandlung aller, einen guten Mann sein lassen. Dabei ist auch das gar nicht so schwer: Denn so richtig es ist, jedem Opfer eines Neonaziübergriffs beizuspringen, egal, welche Hautfarbe oder Religion er hat, egal, ob er nett zu seinen Kindern ist, Katzenbabys quält oder sich unberechtigt Zutritt zum Conne Island verschafft hat, so falsch wäre es, jeden Unsinn, den er verzapft, zu rechtfertigen, zu akzeptieren oder, wie von einigen Gegnern der Conne‐Island‐Erklärung verdruckst angemahnt, unter den Teppich zu kehren.Drittens könnte das Argument für die Aussetzung des Universalismus, die von einigen Leuten klammheimlich, von anderen offener gefordert wurde, nicht dümmer sein. Es lautet in etwa so: Der Verweis auf die Herkunft der Täter heizt »rassistische Diskurse« und »Meinungen« an.(8) Das ist zum einen deshalb albern, weil die Bekloppten von AfD, Legida und NPD zur Bestätigung ihrer eingeschränkten Weltsicht keine Stellungnahme eines linken Clubs nötig haben. Zum anderen steht dahinter die absurde Vorstellung, dass das Conne Island mittels einer auf seiner Homepage veröffentlichten Erklärung dazu in der Lage sein könnte, einen Menschenfreund über Nacht in einen Ausländerfeind zu verwandeln. Mit ihrer Behauptung, dass der Verweis auf die Herkunft der Täter Rassismus anstacheln würde, verhalten sich die Gegner der Erklärung darüber hinaus so wie die Intellektuellen der 30er und 40er, die die Verbrechen Stalins angesichts der antibolschewistischen Hetze der Nazis leugneten, relativierten oder sogar rechtfertigten. Die Begründung lautete, dass jede Kritik des Gulags Hitler und seinen Kumpanen helfen könnte.

Let’s talk about Islam

Wer den Universalismus ernst nimmt, hätte im Unterschied dazu darauf zu bestehen, dass die Kritik des einen Übels nicht von der des anderen entbindet. Dazu müssten die Übel allerdings zunächst einmal benannt werden. Daran ist leider auch das Conne Island gescheitert. Natürlich ist es nicht verkehrt, zur Erklärung der an den Tag gelegten Frauenverachtung und Asozialität einiger der neuen Clubgäste auf eine »autoritär und patriarchal geprägte Sozialisation« zu verweisen, wie es der Club getan hat.(9) Doch anders als vom Plenum suggeriert, war das Problem, mit dem der Laden konfrontiert wurde, keine beliebige migrantische Männergruppe und nur bedingt das Patriarchat, sondern vor allem der Islam.(10) So ist es ein offenes Geheimnis, dass diejenigen, die das Conne Island zeitweise in einen Ausnahmezustand versetzten, gerade nicht aus Kumasi oder Nowosibirsk kamen, sondern aus muslimischen Ländern, in denen der Islam selbst einige derer entscheidend prägt, die sich nicht direkt zur Religion des Propheten bekennen. Auch das gilt selbstverständlich nicht für alle, aber dass der Islam viel tiefgreifender in die Sozialisation, Erziehung und Alltagskultur seiner Angehörigen eingreift als viele andere Vereine, dürfte unbestritten sein. Ohne den Hinweis auf die spezifische Rolle dieser Religion ist der Verweis auf patriarchale Verhältnisse deshalb ebenso irreführend wie der Hinweis auf fehlende Jugendclubs und Arbeitsplätze bei ostdeutschen Neonazis und Suffschlägern. Schwere Zeiten haben viele durchgemacht, mit einem polternden Familienführer sind auch nicht wenige aufgewachsen. Auch »Macht‐ und Hierarchisierungsverhältnisse«,(11) von denen ein Gegner der Erklärung sprach, dem das zurückhaltende Statement des Clubs noch nicht zurückhaltend genug war, gibt es überall. All diese Dinge bringen jedoch genau sowenig überall die gleiche Vehemenz an Sexismus und Frauenverachtung hervor wie alle »Gruppen umherziehender Männer«(12) gleichermaßen unerträglich sind. Denn dass vietnamesische, italienische, tschechische, israelische, deutsche oder chilenische Männercrews, so unangenehm sie sein können, im großen Stil No‐Go‐Areas für Frauen errichten, glaubt nicht einmal Jürgen Todenhöfer. Wer angesichts von muslimischen Männerhorden ganz allgemein von Flüchtlingen und Migranten spricht, tut denen Unrecht, die sich, wie eben die absolute Mehrheit der aus Vietnam, Italien, Tschechien, Israel oder Chile Kommenden, bei Tanzveranstaltungen nicht wie bei einer Massenerniedrigung verhalten. Mit der verblödenden Allzweckleier von globalen Machtverhältnissen und Mackertum, die dem Conne Island von vielen seiner Gegner entgegengehalten wurde, wird der Unterschied zwischen ekligen Anmachsprüchen und einem Griff zwischen die Beine, zwischen widerwärtigen Ausfälligkeiten und prinzipieller Frauenverachtung, kurz: zwischen Oktoberfest und Kölner Silvesternacht verleugnet.(13) Es dient nur einem Zweck, nicht über das strukturelle Problem des Islam mit Frauen und Sexualität sprechen zu müssen.

Verrat am Feminismus

Dem Bedürfnis, vom Islam schweigen zu dürfen, opfern einige Gegner der Conne‐Island‐Erklärung schließlich sogar den Feminismus, den sie sonst wie eine Schnapsfahne vor sich hertragen. Bernhard Torsch hat das in der Konkret nur offen ausgesprochen, als er den genannten Männerhorden gutes Gelingen dabei wünschte, die »Inseln selbstgerechter Saturiertheit« zu verwüsten,(14) sprich: Orte der feuchtfröhlichen Ausgelassenheit durch die öffentliche Erniedrigung von Frauen zu zerstören. Durch ihren Unwillen, den Islam zu kritisieren, geben die meisten Gegner der Conne‐Island‐Erklärung zunächst all diejenigen zum Abschuss frei, die unter dem religiös‐gesellschaftlichen Wahn ihrer Verwandten, Nachbarn und Bekannten zu leiden haben: So sind die ersten Opfer der islamischen Gewalt Frauen aus muslimischen Familien, die dem traditionellen Rollenbild nicht entsprechen wollen. Darüber hinaus leisten sie einen Beitrag dazu, dass das Leben auch für andere Frauen, für Schwule oder Juden immer mehr zum alltäglichen Behauptungskampf wird. Denn natürlich sind es, so laut sie inzwischen auch wieder sein mögen, weniger die Stellungnahmen der rechten Ausländerfeinde, die in Medien und Politik Gehör finden. Es sind vielmehr die Stimmen von Akademikerheinzen wie Florian Biskamp, der in seiner Kritik am Conne Island den Diskursexperten gibt, oder der vermeintlichen »Freundinnen und Freunde des Conne Island«, die sich lieber für das, was die Linke früher Schweinepresse genannt hat, krumm machen als auf die intern bereits früh geäußerten Hilferufe »ihres« Clubs zu reagieren. Durch ihre Weigerung, den Islam überhaupt als Problem wahrzunehmen, tragen gerade diejenigen, die permanent vor einem Geländegewinn der AfD warnen, maßgeblich dazu bei, dass sich Figuren wie Beatrix von Storch, Björn Höcke oder Jürgen Elsässer als Vorkämpfer für Meinungsfreiheit inszenieren können. In Frankreich ist die Zahl der Juden, die den Front National wählen, bereits deutlich gestiegen – schlicht und ergreifend deshalb, weil es keine andere Partei gibt, die den Vormarsch des Islam offen kritisiert.(15)

Was tun? Islamkritik!

Für das Conne Island wäre die Kritik des Islam auch deshalb eine probate Möglichkeit gewesen, sich nicht nur, wie in seiner Stellungnahme geschehen, qua Deklamation sondern argumentativ von AfD und Co. abzugrenzen. Die Antira‐Meute hätte zwar auch in diesem Fall geschäumt, weil ihnen »Refugees« oder »Geflüchtete« – zwei Begriffe übrigens, die bereits das verdinglichte Verhältnis der Antirassisten zu ihrer Klientel andeuten – vor allem politische Schwungmasse sind. Beatrix von Storch und anderen wäre die positive Bezugnahme auf den Text jedoch möglicherweise etwas schwerer gefallen, weil zu den Ekelhaftigkeiten ihrer Partei gehört, dass sie entgegen anderslautender Behauptungen gerade keine Islamkritik betreibt. Ihr Islambashing (und hier geben wir nur in kurzer Form wieder, was wir schon an anderer Stelle ausführlich gemacht haben)(16) basiert stattdessen auf einer Mischung aus ordinärer Ausländerfeindlichkeit und Neid. Denn warum sonst sollten Leute, die mit Tradition, Familie, Korpsgeist hausieren gehen, gegen die Halsabschneider des Propheten auf die Straße gehen, die wie kaum jemand anders dafür einstehen wollen? Hier wird ein Konkurrenzkampf um autoritäre Auswege aus der Krise geführt, bei dem der politische Islam vor allem deshalb ins Visier geraten ist, weil er hierfür die im Weltmaßstab attraktivsten Angebote bereithält. Auch darum hätte zu gelten: Wer vom Islam nicht reden will, sollte auch von der AfD schweigen.

Fight for your right – to party!

Mit denjenigen, die in jedem Versuch, das Problem überhaupt einmal zu benennen, vor allem Rassismus erkennen wollen, lässt sich nicht diskutieren. Erst recht nicht, solange sie sich über die Ausfälle muslimischer Männer nicht halb so stark aufregen wie über die autochthoner Deutscher, und auch nicht, solange sie der Hinweis auf die gesellschaftlichen Hintergründe der Täter mehr in Rage bringt als die Tat selbst. Insgesamt war in der bisherigen Debatte auffallend wenig von den Opfern der Übergriffe die Rede. Im Unterschied zu Leuten, die nur dann die frauenbewegte Karte spielen, wenn es ihnen in den politischen Kram passt, hat das Conne Island gezeigt, dass ihm die Rede vom Feminismus und vom Universalismus nicht nur ein Lippenbekenntnis ist. Zugleich scheint der Club nicht bereit zu sein, um der Reinheit der Lehre willen Dinge unter den Teppich zu kehren oder – auch das war eine beliebte Forderung – sie im Mafiastil »intern« zu regeln. Zwar hat die Erklärung des Conne Islands Schwachstellen. Diese mögen der Sorge vor der linken Inquisition, deren Ausmaß wir unterschätzt haben, oder der Tatsache geschuldet sein, dass Erkenntnisprozesse manchmal mühselig sind. Was davon auch immer zutreffen mag: Wir wünschen dem Conne Island bei seinem Versuch, eine wichtige Diskussion zu führen, auf jeden Fall viel Glück. Vor allem drücken wir die Daumen, dass es ihm gelingen wird, die Situation weiter zu entspannen und auch in Zukunft Konzerte, Partys und Tanzveranstaltungen zu organisieren, die für niemanden zur Qual werden.

No Tears for Krauts, Januar 2017

Anmerkungen

(1) Conne Island Plenum: Ein Schritt vor, zwei zurück, conne-island.de.
(2) No Tears for Krauts: Im Diskurs sind alle Katzen grau, nokrauts.org.
(3) Dort wird dem Conne Island unterstellt, »anschlussfähig« an neurechte Positionen zu sein, rhetorische Figuren aus »rechten Kreisen« zu verwenden usw., Freundinnen und Freunde des Conne Island: Ein anderer Text wäre möglich gewesen, hate-mag.com.
(4) O.A.: Im Zug der Opportunisten, sprachlos-blog.de.
(5) Bernhard Torsch: Ein Inselwitz, in: Konkret 12 (2016).
(6) Conne Island Plenum: Ein Schritt vor, zwei zurück. By the way: Ein Verweis auf den »Orient«, von dem Torsch spricht, das Kerngebiet des Islam also, taucht in der Stellungnahme des Conne Island gar nicht erst auf. Es war Torsch selbst, der aus dem Verweis auf sexuelle Übergriffe durch Migranten den – leider nicht ganz falschen – Rückschluss auf einen islamischen Hintergrund der Täter zog. Ob er deshalb ein Rassist ist, ein Ideologe oder ob er sich nur dümmer macht als er ohnehin zu sein scheint, mögen andere entscheiden.
(7) Freundinnen und Freunde des Conne Island: Ein anderer Text wäre möglich gewesen.
(8) Etwa Florian Biskamp: Conne‐Island‐Debatte. Antirassistische Ambivalenzvermeidung, ruhrbarone.de.
(9) Conne Island Plenum: Ein Schritt vor, zwei zurück.
(10) Tatsächlich geht es nicht nur um den Islamismus, wie gern suggeriert wird, sondern um neue Entwicklungen des Alltagsislam, die die Situation auch für die vielen Muslime immer unerträglicher macht, die zu ihrer Religion ein ähnlich privatistisches Verhältnis haben wie die meisten europäischen Christen, Buddhisten etc.
(11) Marcus Adler: Von der (Traum-)Insel in die Realität?, hate-mag.de
(12) Conne Island Plenum: Ein Schritt vor, zwei zurück.
(13) Es ist in linken Kreisen beliebt geworden, die Ereignisse der Kölner Silvesternacht 201516 unter Verweis auf das Oktoberfest zu relativieren. Das geschah zuletzt in dem von den Betreibern des Sprachlos‐Blogs (sprachlos-blog.de), wo passenderweise auch ein »Nachruf« auf das Conne Island veröffentlicht wurde, herausgegebenen Wörterbuch des besorgten Bürgers (Mainz 2016). Dort wird behauptet, dass es zu solchen Geschehnissen wie in der Silvesternacht »auf dem Oktoberfest alle Jahre kommt« (S. 115). Wer die Zahlen ins Verhältnis zueinander setzt, wird jedoch zu anderen Ergebnissen kommen: 2015 gab es in den zwei Wochen des Oktoberfestes, das von etwa sechs Millionen Menschen besucht wurde, 26 Anzeigen wegen Sexualdelikten. (Süddeutsche Zeitung, 11.1.2016) Das sind selbstverständlich 26 Übergriffe zu viel. Wer sie jedoch mit den 454 angezeigten sexuellen Übergriffen der einen Kölner Silvesternacht aufrechnet, der ist ein Lügner, ein schlimmer Ideologe oder jemand, der den Grundkurs »Methoden der Sozialwissenschaften« wiederholen sollte. Bereits am 1. Januar 2016, bevor sich viele Frauen durch die bundesweite Berichterstattung ermutigt sahen, doch noch Anzeige zu erstatten, lagen der Kölner Polizei mehr als 100 Anzeigen vor. (Zahlen nach Die Welt, 10.2.2016)
(14) Bernhard Torsch: Ein Inselwitz.
(15) Jüdische Allgemeine, 22.3.2015.
(16) No Tears for Krauts: Wer vom Islam nicht reden will, sollte auch von der AfD schweigen, nokrauts.org, Antideutsche Aktion Berlin, Antifaschistische Gruppen Halle, Association Progrès Eichsfeld: Straigt to Hell! Weg mit den braunen Zonen, weg mit der AfD, nokrauts.org.

Bonjour Tristesse #21 (Herbst/Winter 2016)

Kurzmitteilung

Die Herbst/Winter‐Ausgabe der Bonjour Tristesse ist erschienen und liegt an den bekannten Orten in Halle, Leipzig und Dessau aus. Hier gehts zu den Artikeln im BT‐Blog: bonjourtristesse.wordpress.com

Aus dem Inhalt:

Download [PDF] Bonjour Tristesse 212016

Das tothe Thier

Kurzmitteilung

Thote ThierDas tothe Thier

Nach zehn Ausgaben stellen wir die Zeitschrift Das Grosse Thier hiermit ein und gestehen: Es war alles nur ein grosser Witts.

Wer hätte gedacht, dass einer der größten Gags der an Witzen so reichen ostzonalen Antifa‐Geschichte der letzten Jahre gleich zweimal funktioniert. Vielleicht erinnert sich noch jemand: Vor vier Jahren boten wir der linken Leipziger Jungakademikerzeitschrift Phase 2 einen bei einem Kasten Bier entstandenen Artikel an, in dem wir der Kleinkinderserie ALF einen subversiven und emanzipatorischen Charakter andichteten. Zudem schlugen wir den Bogen zur inzwischen so beliebten Gendertheorie und behaupteten, dass der Außerirdische mit der femininen Körperbehaarung und der engelsgleichen Stimme auch in dieser Hinsicht Herausragendes geleistet habe. Zu unserer Überraschung winkte die Redaktion den Text, der zu mehr als 70 Prozent aus Fragwürdigkeiten, Lügen und Mumpitz bestand, durch und veröffentlichte ihn. Damit war die von der Phase 2 kurz zuvor gestellte Frage beantwortet, die uns überhaupt erst zum Schreiben des Artikels veranlasst hatte: Wie ist es um linke Medien bestellt? Unsere Antwort lautete: Linke Medien stehen mit Wahrheit und Vernunft auf Kriegsfuß. Sie sind darüber hinaus nicht nur der Ort, an dem private Vorlieben weltanschaulich aufgenordet werden können, sondern auch bereit, jeden Unsinn zu drucken, wenn er nur im richtigen Jargon verfasst ist.
Unseren abschließenden Text zu der Angelegenheit beendeten wir mit der Aussage, dass vielleicht alles doch ganz anders ist. Vielleicht, so hofften wir damals, bekennt sich die Redaktion der Phase 2 demnächst dazu, dass nicht nur der ALF‐Text, sondern sämtliche Artikel des Blattes ein subversiver Anschlag auf die Dummheit, den Konformismus und die Autoritätshörigkeit der Linken sind. Durch ein solches Geständnis hätte das Phase‐2‐Publikum, das den Quark des Blattes Jahr für Jahr geschluckt hat, vor sich selbst erschrecken können – was nicht das Schlechteste gewesen wäre. Man muss die Menschen vor sich selbst erschrecken lassen, um ihnen Courage zu machen, schreibt Marx ja irgendwo sinngemäß.
Diese Hoffnung auf einen großen Masterplan der Phase‐2‐Redaktion war zwar äußerst naiv. Es war jedoch eine Idee geboren wurden: Wir beschlossen, eine Zeitschrift zu gründen, die den linken Zeitgeist und die postantideutsche Antifaszene mit ihrer wiedergewonnenen Begeisterung für jeden noch so hanebüchenen linken Bewegungsunsinn – von der neuen Anziehungskraft der „Klasse“ bis zum garantiert szenigen Dresscode – bedient. Das Blatt sollte mit aufgeblähten Nonsens‐Artikeln gefüllt werden, um in der Hoffnung auf das Erschrecken der Leserschaft über sich selbst, das manchmal durchaus heilsame Folgen für die eigene Selbstreflexion und Vernunft haben kann, irgendwann die Bombe platzen zu lassen. Der Name des Heftes war schnell gefunden: Das grosse Thier.
Auch die Herausgabe selbst war nicht sehr schwer. Wir setzten uns gelegentlich zusammen, besorgten uns stärkere Getränke als Bier und mixten folgende Zutaten: philosophisch aufgenordete, meist um ein wenig Hegel, Marx oder den Situationismus aufgepeppte Worthülsen, mit denen das theoretische Bedürfnis bedient werden sollte, Kleinkinderwitze, Schülerzeitungshumor und viel Gerede von der Avantgarde vergangener Tage. Trotz des Geblubbers von Antiautoritarismus und Gleichberechtigung will der um Distinktion bemühte Feld‐, Wald‐ und Wiesenlinke nämlich lieber Vor‐ als Nachturner sein. Das ganze verbanden wir mit der obligatorischen Fünf‐vor‐Zwölf‐Rhetorik („bald‐geht‐die‐Welt‐unter‐aber‐außer‐uns‐stört‐sich‐niemand‐daran“), die dem existenzialistischen Bedürfnis der Leserschaft entgegenkommen sollte, und, unmittelbar damit verbunden, Poesiealbumsweltschmerz. Zusammen mit einem lieblos zusammengeschusterten Layout entstand dabei ein kleines Heftchen, das jeder Leser aufgrund des kompletten Verzichts auf Inhalt, Stringenz, Logik und Lesbarkeit entnervt hätte links liegen lassen müssen.
Das Gegenteil passierte: Zwar hatten wir damit gerechnet, dass sich bereits mit der ersten Ausgabe ein fester Leserkreis zusammenfand, den das Heft begeisterte. Immerhin kennen wir die Linke und ihre Vorliebe für sinn‐ und hirnloses Gestammel. Nicht gerechnet hatten wir allerdings damit, dass das Blatt eine so große Resonanz erhielt, dass uns von den Lesern haufenweise Artikel für mehrere Ausgaben angeboten wurden, die unser eigenes, im Stroh‐80‐Rausch fabriziertes Gebrabbel für das Grosse Thier noch unterboten. Wir entschieden uns, die Sache noch ein wenig laufenzulassen und setzten die Herausgabe fort. Unsere Hoffnung: Irgendwer muss doch irgendwann durchschauen, dass das Heft nicht ernst gemeint sein kann. Leider Fehlanzeige, die Fangemeinde wuchs und auch die Artikelangebote nahmen nicht ab.
Da zehn Hefte nun wirklich genug sind und wir schlichtweg keine Lust mehr haben, darauf zu warten, dass jemand unser Fake durchschaut, stellen wir hiermit die Herausgabe der Zeitschrift Das grosse Thier ein. Wir hoffen, dass sich die bisherigen Leser für ihre Begeisterung schämen, bei ihrer nächsten Lektüre genauer hinschauen und ausnahmsweise einmal ihren Kopf einschalten. Groß ist unsere Hoffnung allerdings nicht.

No Tears for Krauts, 04/2016

In Halle werden die Dummen nicht alle!

Nachdem gestern der hallische Außenminister Hans Dietrich Genscher verstarb, begann prompt der obligatorische Chor der ergriffenen Laudatoren von der Größe des Staatsmannes etc. zu schwärmen. Dem schließen wir uns selbstverständlich nicht an. Wir bleiben bei dem, was wir schon 2012 in einem Flugblatt anlässlich der Feierlichkeiten zu seinem 85. Geburtstag festhielten.

Was ist nötig, um zum Ehrenbürger Halles ernannt zu werden? Richtig: Es ist (1.) von Vorteil, in Halle oder Umgebung geboren worden zu sein wie Louis Jentzsch, Gustav Hertzberg und Carl Dryander. Die Saalestadt hat es sich in ihrer Provinzialität gemütlich eingerichtet und will dort auch nicht so schnell heraus. Darüber hinaus ist es (2.) von Vorteil, der Staatsräson alle anderen Dinge unterordnen zu wollen, wie der Erstweltkriegsgeneral und spätere Rechtsaußen‐Reichspräsident Paul von Hindenburg, der 1933 zum Ehrenbürger Halles ernannt wurde. Und es ist (3.) von Vorteil NSDAP‐Mitglied gewesen zu sein wie Adolf Hitler und Hermann Göring, denen 1933 und 1934 die hallische Ehrenbürgerwürde verliehen wurde.

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Was heißt: „Raus aus der Scheiße“?

Redebeitrag von „No Tears for Krauts“ Halle zur Demonstration „Raus aus der Scheiße, rein in die Stadt – Tröglitz denen, die’s verdienen“ am 1. Mai 2015 in Tröglitz.

Liebe Freundinnen, Freunde, Genossinnen und Genossen,

die Eingeborenen scheinen uns nicht zuhören zu wollen, darum eine Ansprache nur an Euch: Angesichts der Verhältnisse hier im Burgenlandkreis müsste man eigentlich fordern: „Bring back the State!“ Denn Ereignisse und Zustände wie in Tröglitz gehen nicht zuletzt auf einen fast vollständigen Rückzug des Staates und seiner Institutionen zurück. Die nächste Schule, die nächste Polizeistation und das nächste Amt sind oft kilometerweit entfernt, administrative Aufgaben werden schon seit Jahren (wenn überhaupt) bestenfalls auf Ehrenamtsbasis erledigt. Anders als unsere anarchistischen Genossen glauben, erwächst aus dem Rückzug des Staates allerdings leider nicht der Himmel auf Erden – zumindest nicht unter den gegenwärtigen Umständen. Sondern es entsteht das Gegenteil, es entsteht ein neuer Naturzustand, in dem alle gegen alle kämpfen oder die stärkste Horde über die Schwächeren herfällt.
Wir wissen selbstverständlich, dass der Staat Barbaren nicht unbedingt in bessere Menschen verwandelt: Auch wir hatten Geschichtsunterricht. Aber wir wissen, dass die Anwesenheit von Dorfsheriffs und Beamten, die qua Dienstverhältnis noch anderen Instanzen als der Dorfgemeinschaft verpflichtet sind, gelegentlich eine gewisse Mäßigung bewirken können. Und wir wissen, dass die langwierigen Entscheidungsfindungsprozesse der parlamentarischen Demokratie Emotionen abkühlen lassen können: Wenn eine Entscheidung ansteht, ist die aufgehitzte Stimmung, die hierzulande fast immer auf die Forderung „Rübe runter!“ hinausläuft, in der Regel schon vorbei. Das gilt zumindest dann, wenn der Staat und seine medialen Vorfeldorganisationen zumindest dem Ton nach offen gegen Rassismus, Lynchjustiz und Heugabelmeuten auftreten, wie es derzeit der Fall ist. Die bundesweite Empörung über Tröglitz ist Ausdruck dieser Politik.
Trotzdem funktioniert die Trennung zwischen Mob und Staat, zwischen der Barbarei des flachen Landes und der Stadtluft, die frei macht, nicht vollkommen. Auch das zeigt nicht nur die Geschichte, sondern auch die beliebte Praxis, Asylbewerber ausgerechnet in gottverlassenen Gegenden wie dem Burgenlandkreis unterzubringen. Denn auch wenn sich die Vertreter des neuen Deutschlands weltoffen und antirassistisch geben, wollen sie mit den Flüchtlingen, die hier ankommen, nicht viel zu tun haben. In Orten wie Tröglitz ist die Unterbringung nicht nur billig, sondern die politische Klasse und der sie tragende Teil des Mittelstands werden auch nicht permanent mit dem konfrontiert, was unter den gegebenen Verhältnissen alle fürchten: Degradierung und sozialer Abstieg.
Das Wichtigste aber ist: Die Voraussetzung dafür, dass sich Angela Merkel und Frank Walter Steinmeier, Günther Jauch und Oliver Welke, Der Spiegel und Die Zeit über Barbarenkollektive wie in Tröglitz, Wutbürger wie in Schneeberg oder Pegida‐Ossis wie in Dresden empören können, ist das tägliche Verrecken im Mittelmeer. Das europäische Grenzregime ist die Voraussetzung dafür, dass es hierzulande trotz Tröglitz und Pegida immer noch halbwegs friedlich zugeht und das soziale System nicht kollabiert: Die Finanzkrise und der Staatsbankrott in Griechenland haben gezeigt, dass eine Nationalökonomie nicht unendlich belastbar ist. Wenn die Zahl der Asylbewerber in der Bundesrepublik dagegen exorbitant steigen würde, wenn die deutsche Volkswirtschaft nicht mehr dazu in der Lage wäre, für die armen Schlucker zu sorgen, und wenn sich die Krise in finanzieller Hinsicht stärker auswirken würde als bisher, dann könnten auch diejenigen Gefallen an der Parole „Ausländer raus!“ finden, die sich zur Zeit noch über die hinterwäldlerischen Ausländerfeinde in Tröglitz empören. Trotz der regelmäßigen Skandale werden die zuständigen Minister der EU‐Staaten darum auch weiterhin am europäischen Grenzregime festhalten. Das tun sie nicht weil sie schlechte Menschen sind (das sind sie möglicherweise auch), sondern das tun sie vor allem, weil sie mit Blick auf den inneren sozialen und politischen Frieden in ihren Ländern nicht anders können – zumindest nicht unter den gegenwärtigen Umständen.
Die Ereignisse der letzten Monate sind insofern ein Lehrstück in Sachen Kapitalismuskritik. Sie zeigen, dass die Rede von der gesellschaftlichen Totalität etwas anderes ist als eine akademische Lockerungsübung. Das soll heißen, die einzige vernünftige Antwort auf die sogenannte Flüchtlingsfrage, die derzeit von Lampedusa bis Tröglitz gestellt wird, wäre – um es präzise, differenziert und sachlich mit Marx auszudrücken – die Abschaffung der „ganzen alten Scheiße“ (MEW irgendwo). Diese Erkenntnis ist natürlich durch und durch unbefriedigend, weil sie wenig bis gar nichts nutzt. So ist weder eine Bewegung in Sicht, die an die Stelle des Alten etwas anderes setzen will als das Hauen und Stechen postindustrieller Wastelands à la Tröglitz, Caracas oder Gaza. Noch gibt es einen potentiellen sozialen Träger, der diese Aufgabe übernehmen würde. Das Proletariat, in das zwei Philosophiestudenten aus dem 19. Jahrhundert ihre großen Hoffnungen setzten, bewegt sich zumindest heute eher außerhalb als innerhalb der Demonstration. Die wenigen Ausnahmen bestätigen nur die Regel.
Wenn wir den Flüchtlingen mehr als warme Worte zukommen lassen wollen, bleibt uns aus diesem Grund nicht viel anderes übrig, als zu fordern: „Raus aus der Scheiße, rein in die Stadt!“ Genauer: Dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen in einem lebenswerten Viertel der Großstadt ihrer Wahl. Und auch das klingt, ehrlich gesagt, schon ziemlich utopisch.

No Tears for Krauts, 1. Mai 2015 (nokrauts.org)