ANTIFASCHISTISCHE HOCHSCHULTAGE 2017

Diesen Sommer finden wieder die antifaschistischen Hochschultage statt.
Das Programm-Heft gibt es hier als PDF.

Weitere Informationen unter: antifa.uni-halle.de
sowie facebook.com/agantifaschismus

Popanz Neue Rechte – Die Sehnsucht nach dem Führer

1. Juni 2017, 19:00 Uhr
Melanchthonianum am Universitätsplatz

Seitdem die Neue Rechte in aller Munde ist, reisen Journalisten in die sachsen-anhaltische Provinz. Im Institut für Staatssicherheit glauben sie, die Denkfabrik der rechten Bewegung gefunden zu haben, in dem Ziegenhalter Götz Kubitschek ihren Führer.
Frank Kucharsky spricht über die Besuchsfahrten des deutschen Feuilletons nach Schnellroda.
Florian Pätzold erläutert, weshalb niemand Kubitschek lesen muss, um die Motive hinter Pegida, AFD und Co. zu verstehen.

 

Great Again – Antiamerikanismus im Zeitalter Donald Trumps
15. Juni 2017, 19:00 Uhr
Melanchthonianum am Universitätsplatz

Seine Wahl zum amerikanischen Präsidenten ist für die Deutschen die ersehnte Katastrophe. Für die Bundesbürger steht fest, dass mit Donald Trump wieder der Teufel das Weiße Haus bewohnt.
Uli Krug spricht über das Phänomen Trump und mögliche Konsequenzen für eine materialistische Gesellschaftskritik.
Magnus Klaue fragt nach Kontinuität und Wandel des deutschen Antiamerikanismus.

Der Linken alte Kleider – Zur Renaissance des Palituchs
28. Juni 2017, 19:00 Uhr
Reil 78

Regelmäßig entdeckt die linke Szene das Palituch wieder. Kein Wunder, wird es doch wie keine andere Klamotte mit einer nonkonformistischen Gesinnung assoziiert. Verstörend wirkt allerhöchstens, dass der symbolträchtige Zwirn sich auch bei Nazis großer Beliebtheit erfreut.
Mark Liber erläutert, weshalb das Revival des Palituchs vor allem von der fortschreitenden Regression der Linken kündet.

Ausführliche Ankündigungstexte: Weiterlesen

Audio: Tabuisierte Selbstverständlichkeit

Tabuisierte Selbstverständlichkeit

Wie Alltagsislam und Islamismus zusammenhängen und warum Antifaschismus ohne Islamkritik zur Lüge wird.

Vortrag von Uli Krug am 28. Juni in Berlin

(via redaktion-bahamas.org/audio-archiv)

Die Situation ist ebenso bedrohlich wie grotesk: Denn an sich sollte überhaupt nicht zur Debatte stehen müssen, dass Folter, pathologische Misogynie und Homophobie, Massenmord und das Streben nach globaler Willkürherrschaft nicht ausgerechnet von Leuten, die für sich den Antifaschismus reklamieren, verharmlost, totgeschwiegen, ja sogar befördert werden. Doch genau das ist der Fall, wenn es um den Islamismus geht: Die SPD erklärte erst jüngst den Islam in einem offiziellen Papier der Parteiführung zu einem lediglich »theoretischen Konstrukt« und bestritt rundweg, dass der Verschleierungszwang irgend frauenfeindlich wäre. »Islamkritisch« steht in der Sprache des staatstreuen Medienkartells ohnehin schon synonym für »rechtsradikal«; auf der anderen Seite ist es ausgerechnet bekennenden Abtreibungsgegnern wie Beatrix von Storch und Stahlhelm-Nostalgikern wie Alexander Gauland vorbehalten, das Offensichtliche auszusprechen: Dass der praktizierte Islam per se keine unpolitische Religion ist, einen universalen Herrschaftsanspruch verkörpert und als praktizierender Sharia-Gegensouverän auftritt. Aufklärung tut in einer Welt der verkehrt scheinenden Fronten also dringend not. Nicht mehr, aber auch nicht weniger will der Vortrag über die Psychopathologie des Islam und den »Islamischen Staat« als dessen notwendige Konsequenz leisten, also eine Einführung in das eigentlich Selbstverständliche geben.

Eine Veranstaltung der HUmmel Antifa im Rahmen der Maiwoche 2016 »Rackets on the rise. Zur Dialektik von Klatschen und Beklatschen«
(via redaktion-bahamas.org/aktuell)

Antifaschistische Hochschultage 2016

Wir weisen freundlich auf die Veranstaltungen der AG Antifa im Rahmen der Antifaschistischen Hochschultage 2016 an der Uni Halle hin.

Dienstag, 25. Oktober 2016, 19 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle

Europa und die Linke. Über den Fortschritt der europäischen Integration.
Vortrag und Diskussion mit Ulrich Schuster (Roter Salon, Leipzig)

In Europa stehen die Zeichen auf Desintegration und Renationalisierung; für einen großen Teil der Linken logische Folge neoliberaler Wirtschaftspolitik und deutscher Hegemonie. Linkspopulistische Initiativen wie die Plattform für einen linken EU-Ausstieg Lexit oder die Europa-Bewegung des ehemaligen griechischen Ministers Yanis Varoufakis, DIEM 25, versuchen die Völker Europas zur Verteidigung nationaler Souveränität zu mobilisieren und unterscheiden sich in diesem Punkt wenig von rechten Europafeinden. Hingegen sehen Linksradikale wie die Interventionistische Linke angesichts griechischer Arbeitslosenproteste und des „Kampfs der Flüchtlinge“ ihre Hoffnungen auf eine weltweite, sozialrevolutionäre Bewegung belebt und machen dabei die Rechnung ohne eine realistische Einschätzung der Bedürfnisse und des Bewusstseins der Handelnden. So oder so glaubt linke Kritik durch den Nachweis materieller Interessen des Kapitals den Mythos einer europäischen Friedensordnung zu entzaubern. Was aber, wenn die institutionelle und kulturelle Entschärfung nationalistischer Rivalität ebenso wie die Zivilisierung Deutschlands durch Europa nie im Widerspruch zum vorherrschenden Kapitalinteresse stand? Entgegen einer jahrzehntelang eingeübten Praxis ist heute eine positive Bezugnahme auf den progressiven Gehalt der europäischen Integration wichtig. Zwar verbindet sich damit keine Perspektive gesellschaftlicher Umwälzung und sozialer Gleichheit, allerdings stellt man sich angesichts der Wiederkehr von Nationalismus und europäischen Staatenkonflikten in die Tradition bürgerlicher und antifaschistischer Pro-Europa-Positionen, deren Relevanz sich in die Gegenwart verlängert.


Donnerstag, 3. November 2016, 19 Uhr

Melanchthonianum, Uni Halle

Erdogan. Ein Führer und sein Volk.
Vortrag und Diskussion mit Justus Wertmüller (Redaktion Bahamas, Berlin)

Der 15. Juli 2016, der den verpatzten Versuch türkischer Militärs in ihrem Land die Macht zu übernehmen und Staatschef Erdogan ins Jenseits zu befördern markiert, wurde vom türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim zum „Feiertag der Demokratie“ und von Erdogan zum Zeichen der „Gunst des Allmächtigen“ erklärt. So zynisch Äußerungen wie diese angesichts der Reaktionen auf den Putsch daherkommen, so wenig verwunderlich sind diese zugleich.
Der „Führer“, wie Erdogan von seinen Anhängern genannt wird, demonstriert nur, wie charismatische Herrschaft funktioniert. Ihr oberstes Prinzip – da sind sich der Türken- und der Russenführer sehr ähnlich – ist die Frechheit, und von der Frechheit beseelt sind ihre Anhänger. Nach innen wird das bisschen Rechtsstaatlichkeit, das es sogar in der Türkei gab, öffentlich verhöhnt und kassiert, nach außen zeigt man selbstbewusst den Stinkefinger. In der Türkei finden mehr als 50 Prozent der Bevölkerung nichts dabei, dass ihr Führer den casus belli mit Syrien durch eine Geheimdienstinszenierung herbeiführen wollte oder dass er und die Seinen sich schamlos bereichern. Man identifiziert sich mit dem Großmaul, das zum Helden avanciert, je mehr er offensichtlich ungehindert Fakten schafft. Die alten Vorbehalte gegen die von Erdogan entmachtete kemalistische Elite sind nur teilweise handlungsleitend. So korrupt und autoritär diese Kreise auch waren, gehasst hat man an ihnen, dass sie, wie verzerrt auch immer, angetreten sind, eine andere Türkei zu schaffen.
Was heute als westlich und untürkisch verdammt wird, ist der gescheiterte Versuch, weg von den Hinterlassenschaften des auf Raub gegründeten osmanischen Imperiums hin zu einem Land zu kommen, in dem die Gleichheit vor dem Gesetz nicht nur in der Verfassung steht und die elende persönliche Abhängigkeit von Privilegierten, dieses scheinbar unausrottbare Geflecht der Beziehungen, endlich abgeschafft wird. Der charismatische Führer stiftet die persönliche Abhängigkeit von der Macht als umfassendes Prinzip neu, nimmt ihr den Geruch des Illegalen und Herabwürdigenden, indem er als dysfunktional, schwach und schutzlos vorführt, was die Voraussetzung für ein erträglicheres Leben wäre: Das Recht als Möglichkeit, auch für Arme und Einflusslose, gegen rechtswidrige Übergriffe von Reichen und Mächtigen vorzugehen, als Schutz des Einzelnen gegen die Zumutungen einer moralischen Ordnung, die der Mehrheitsmob durchzusetzen angetreten ist.

Dezember 2016: Der Wert und das Es. Buchvorstellung mit Uli Krug

Januar 2017: Warum wir über den Islam nicht reden können. Vortrag und Diskussion mit Sama Maani

Infos zu den weiteren Veranstaltungen unter antifa.uni-halle.de

Raus aus der Scheiße: Ende der Antifademo durch das Drecksnest Bornhagen | 5. Mai 2016

Kurzmitteilung

Weil es so schön war, der dörflichen Idiotie zu entsagen, hier nochmal ein Video vom Ende der Demo durch das Drecksnest Bornhagen.
Es spielten die Bands: NTFK, ADAB, GEKO

„Straight to hell! Weg mit den braunen Zonen! Weg mit der AFD!“ [youtube playlist]

FAZ 6.5.2016 | Ein Himmelfahrtsprotest gegen Gefühlszonis. Linke Gruppen kommen nach Bornhagen, in den Wohnort des AfD-Manns Björn Höcke – ihre Wut richtet sich aber vor allem gegen die Provinz

Die Redebeiträge zur Demo im Eichsfeld sind hier nachzulesen:
http://nokrauts.org/2016/05/redebeitraege-zur-demonstration-straight-to-hell-in-bornhagen/

Bilderreihe: https://www.flickr.com/photos/lionelcbendtner/sets/72157667942386086

Presseshow following up straighttohellbornhagen.wordpress.com/presseschau/

Weitere Berichte in der youtube Playlist: Weiterlesen

Redebeiträge zur Demonstration „Straight to hell!“ in Bornhagen

Die Redebeiträge zur Demonstration „Straight to hell!“ (Weg mit den braunen Zonen! Weg mit der AFD!) im thüringischen Eichsfeld können hier nachgelesen werden.

Redebeitrag AG NTFK Halle [PDF]

Redebeitrag GEKO Halle [PDF]

Redebeitrag ASSOCIATION PROGRÈS [EXT]

Wer vom Islam nicht reden will,
sollte auch von der AfD schweigen

Redebeitrag von No Tears for Halle aus dem Organisationsbündnis zur Demonstration „Straight to Hell!“ am 5. Mai 2016 in Bornhagen.

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Das Nachleben des Nationalsozialismus | Konferenz der AG Antifa Halle

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Das Nachleben des Nationalsozialismus, Konferenz der AG Antifa Halle

Einladung zur Konferenz der AG Antifa am 5.12.2015 Halle (Saale)

Saturday, December 5 at 1:00pm
Burse zur Tulpe, Universitätsplatz Halle

Das Nachleben des Nationalsozialismus.
Konferenz der AG Antifa

70 Jahre nach Kriegsende: Die alten Nazis, die das öffentliche Leben der Bundesrepublik lange prägten, sind tot, die Staatsdoktrin heißt Antifaschismus. So gilt der 8. Mai 1945 den Deutschen längst nicht mehr als Datum der Niederlage, sondern als Tag der Befreiung. Die Bundeskanzlerin nutzte jüngst selbst ihre Neujahrsansprache, um zum Kampf gegen Neonazis und andere tatsächlich oder vermeintlich Ewiggestrige aufzurufen. Hunderttausende folgten ihrem Appell und gingen gegen Pegida und Co. auf die Straße. Wer die ausländerfeindlichen Aufwallungen der letzten Monate, so widerwärtig sie auch sind, vor diesem Hintergrund zu Vorboten eines neuen ’33 erklärt, tut das, was den Konservativen oft von linker Seite vorgeworfen wurde: Er relativiert den Nationalsozialismus.

Eine ähnliche Verharmlosung betreiben auch diejenigen, die die gegenwärtige deutsche Außenpolitik immer nur mit der des „Dritten Reiches“ assoziieren. Die Imperative, die in der einstigen Reichshauptstadt in internationaler Hinsicht formuliert werden, heißen nicht mehr Eroberungswillen und Kampfesmut, sondern Friedensstiftung und Ausgleich. Die Bundesrepublik steht dementsprechend, wie vor einiger Zeit ermittelt wurde, auf dem ersten Platz der Länder, die weltweit das größte Ansehen und die größten Sympathien genießen.

Aus all diesen Gründen stellt sich eine Reihe von Fragen: Lässt sich 70 Jahre nach dem Untergang des „Dritten Reiches“ und 25 Jahre nach dem Ende der Nachkriegsordnung noch von jenem Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie sprechen, das Theodor W. Adorno einst für gefährlicher hielt als gegen sie gerichtete Bestrebungen? Was hat sich im Verhältnis von Kontinuität und Bruch, das die Beziehung der Bundesrepublik zum NS-Staat einmal bestimmte, verändert? In welchem Verhältnis steht das neue Deutschland, das sich modern, weltoffen und geschichtsbewusst gibt, also zum Nationalsozialismus? Und was hat sich am deutschen Blick auf die Vergangenheit verändert? Diesen Fragen soll auf drei Podien nachgegangen werden.

Podium 1: 13:00–14:30 Uhr
Nationalsozialismus – Das Ende der Geschichte
Robert Zwarg (Leipzig) fragt angesichts interessierter Missverständnisse: War der Nationalsozialismus ein Nationalismus?
Jan-Georg Gerber (Halle) stellt Nationalsozialismus und Stalinismus gegenüber, um den Begriff der NS-Herrschaft zu schärfen: Willkür und Kalkül.

Podium 2: 15:00–16:30 Uhr
Erinnerung – German Gedenken
Jan Singer (Berlin)
führt aus, warum die Erinnerung an den Holocaust und das Gedenken an das Leiden der Wehrmachtssoldaten so gut zueinander passen: Unsere Opfer, unsere Täter.
Justus Wertmüller (Berlin) kritisiert die antideutsche Feld-, Wald- und Wiesenauffassung des Nationalsozialismus: Von der Kritik zur Parole.

Podium 3: 17:00–18:30 Uhr
Postnazismus – Past and Present
Johannes Alberti (Halle) fragt, was im Karneval der Kulturen an die Stelle der autoritären Persönlichkeitsstruktur getreten ist: Wo wohnt eigentlich der autoritäre Charakter?
Uli Krug (Berlin) fragt, was aus der mobilisierten Gesellschaft geworden ist: Demokratische Volksgemeinschaft revisited.

antifa.uni-halle.de

facebook.com/agantifaschismus

Was heißt Antifaschismus heute?

Anlässlich ihres 20. Jubiläums stellte die AG Antifa die Frage, was Antifaschismus in den gegenwärtigen Verhältnissen bedeutet. Wir dokumentieren den ersten Teil der auf einer Veranstaltung gehaltenenen Beiträge.

Der folgende ist neben Beiträgen der AG Antifa (Halle) und Jörg Folta (Beatclub Dessau) erschie­nen in: Bon­jour Tris­tesse #19 (Herbst 2015)

AG »No Tears for Krauts« (Halle)
Wenn ich mich heute zur Frage »Was heißt Antifaschismus heute?« äußern soll, muss ich sagen, dass mir das schwer fällt. Die AG »No Tears for Krauts« war nie eine Antifa-Gruppe und sie wird es auch nie sein. Zwar haben wir nichts dagegen, wenn Nazis das Leben schwer gemacht wird. Skurrilerweise kümmern sich die Nokrauts sogar intensiver um so etwas als viele traditionelle linke Gruppen oder Cliquen in Halle, die ihren Antifaschismus wie eine Billigfuselfahne vor sich hertragen. An Protesten gegen Naziaufmärsche haben wir uns – zumindest in Halle – ebenfalls immer wieder beteiligt. Das alles passierte allerdings stets eher lustlos. Einerseits ist uns klar, dass die Nazis auf die Mappe verdient haben und ihnen kein Erfolg zu gönnen ist. Andererseits war es uns immer suspekt, mit SDAJ, PDS, OB und Co. an einem antifaschistischen Image für Halle zu stricken.
Der Hauptgrund dafür, dass wir uns nicht als Antifa-Gruppe verstehen, ist jedoch der, dass mittlerweile jeder, von der Oder bis zum Rhein, von Garmisch bis nach Flensburg, ein Antifaschist ist. Der Begriff unterliegt seit 1945 einer großen, seit 2000 einer riesigen Inflation. Mit »Antifaschismus« kann heutzutage alles gerechtfertigt werden: Der nach wie vor kritikwürdige Jugoslawienkrieg der rot-grünen Regierung wurde mit der Begründung angezettelt, ein neues Auschwitz verhindern zu wollen. Die Beteiligung am nach wie vor vernünftigen Irakkrieg wurde wiederum mit antifaschistischen Argumenten abgelehnt. Man habe ja schließlich aus der eigenen Nazi-Vergangenheit gelernt. Auch im internationalen Maßstab ist »Antifaschismus« jederzeit als Allzweckwaffe einsetzbar: Russland und Ukraine beschimpfen sich im aktuellen Konflikt gegenseitig als »Faschisten«, weshalb es antifaschistische Pflicht sei, den Gegner möglichst effektiv plattzumachen.
Diese Inflationierung des Begriffs zeigte sich letztlich bereits bei dem Ereignis, das in gewisser Weise den Ausschlag für die Gründung von »No Tears for Krauts« gab. Da heute alle Geschichten von früher erzählen, tun wir das auch: Die Neue Autonome Gruppe Halle – Abkürzung NAG –, die mehr oder weniger die direkte Vorgängergruppe der AG »No Tears for Krauts« war, verstand sich um die Jahrtausendwende als Teil der Antiglobalisierungsbewegung. Sie war irrsinnigerweise darum bemüht, innerhalb der radikalen Linken zu agieren, die Antiglobalisierungsbewegung von innen heraus zu korrigieren und in die richtigen Bahnen zu lenken, um schließlich die Revolution zu machen. Noch 2001 tobte sich die NAG bei den Straßenschlachten im Rahmen der sogenannten Antiglobalisierungsproteste in Prag und Göteborg aus. Auf der Busfahrt nach Schweden knüpften wir übrigens (als kleiner Schwank am Rande) erste Kontakte zur Vorgängergruppe der heutigen ADAB, die sich damals ebenfalls als Teil der No-Globals verstand. Während die Berliner Genossen eher mit dem Umkippen von Dixie-Klos beschäftigt waren, erklärte ein nicht ganz unbekanntes NAG-Mitglied vermummt und in einem breiten hallischen Englisch einem TV-Team – das Video gibt es noch irgendwo im Netz –, dass wir selbstverständlich keine »small shops« plündern würden, sondern »only big companies«.
Als die NAG ein Jahr später bei den Protesten gegen ein EU-Treffen in Kopenhagen ein Transparent gegen Antisemitismus und Antizionismus zeigte, wurde sie mehrfach gewaltsam daran gehindert, Kritik am äußerst manifesten Antisemitismus in die globalisierungskritische Bewegung zu tragen. Die Begründung war: Israel sei ein Faschistenstaat und wir wären Nazis, da wir uns nicht gegen den jüdischen Staat stellen würden. Mit Ereignissen wie diesem sowie den Reaktionen der No-Globals auf 9/11 wurde der Glaube der NAG blamiert, die Bewegung von innen auf einen vernünftigen Weg bringen zu können. Es setzte sich immer mehr die Einsicht durch, dass von der deutschen und der internationalen Linken nichts zu erwarten ist.
Als wir kurz darauf schließlich die AG »No Tears for Krauts« gründeten, ging es von Anfang an darum, dort Unruhe reinzubringen, wo sich die Deutschen besonders gemütlich eingerichtet haben. Im Unterschied zu linken Uni-Gruppen, deren langweilige Vortragsveranstaltungen so etwas wie der zweite Bildungsweg für die zu kurz Gekommenen des akademischen Betriebs sind, war und ist sich die »No Tears for Krauts« auch nie zu fein dafür, die offene Konfrontation zu suchen. Immer dann, wenn sich die Landsleute besonders einig sind, guckt die NTFK gerne ganz genau hin und haut auf den Tisch. Neben »Kinderschändern« oder US-Kriegen gehören längst auch die Nazis zu den klassischen Feindbildern der Deutschen. Diese häufig kampagnenartigen Mobilisierungen gegen die neuen Volksfeinde – mal auf regionaler, mal auf Bundesebene – zeigen ein Bedürfnis der Deutschen nach Masse und vor allem nach Hetze gegen Feindbilder. Gegen diese Zusammenrottungen versuchten und versuchen wir mit unseren äußerst begrenzten Möglichkeiten zu intervenieren. So unterstützten wir beispielsweise die Demo im nord-sachsen-anhaltinischen Insel gegen eine Meute aus Anwohnern, die zwei zugezogene Männer lynchen wollten, die ihre Haftstrafen wegen Vergewaltigung abgesessen hatten. Und vor wenigen Monaten beteiligten wir uns an einer Demonstration gegen die Roma-Hetze in der Silberhöhe. Auch hier eine kleine Skurrilität am Rande: viele Antifaschisten und Linke aus Halle, die sonst keine Gelegenheit auslassen, ihre Gegnerschaft zu Rassismus kundzutun, blieben der Demonstration in einem der finstersten Orte Ostdeutschlands fern.
Besonderes Augenmerk richtet die AG »No Tears for Krauts« dabei auf die Linke. Vor allem für Halle gilt: Wenn sich irgendwo zehn Linke über eine Sache einig sind und sich dabei »wohlfühlen«, kann man sich sicher sein, dass wir etwas daran auszusetzen haben. Diese (nennen wir es libidinöse) Bindung an die Linke hat zwei Gründe. Einerseits kommen die meisten von uns selbst aus der Linken und haben früher, wie das Beispiel der NAG zeigt, fast jeden Mist mitgemacht. Gerade weil wir selbst klüger geworden sind und uns keineswegs für Ausgeburten von Hyperintelligenz halten, glauben wir, dass auch andere klüger werden und mit dem linken Unfug brechen können. Einsichten sind ja schließlich keine Frage des IQ oder Schulabschlusses sondern der Bereitschaft zu Reflexion und Erfahrung. Zum anderen kritisieren wir die Linke vor allem wegen ihrer Avantgardefunktion für den Mainstream. Vermeintliche kritische Solidarität mit Israel, die angebliche besondere Verantwortung der Deutschen für die Juden, der Genderquatsch und der kulturalisierende Antirassismus, die längst in den Unis angekommen sind, waren früher randständige linke Erscheinungen, die sich inzwischen allesamt gesellschaftlich durchgesetzt haben. Dass die Kritik an all diesem Quark auf den Begriff des Antifaschismus gebracht werden kann, darf allerdings bezweifelt werden.

Schlachtrufe Tröglitz

Kurzmitteilung

Schlachtrufe Tröglitz
Nachtrag zu einigen Demonstrationsparolen

Am 1. Mai führte ein antifaschistisches Bündnis aus Halle eine Demonstration in Tröglitz durch, einem Nest im Süden Sachsen-Anhalts. Zum einen richtete sie sich gegen die widerlichen Zustände vor Ort, wo Aggression und Hass zum Kulturerbe gehören und im konkreten Fall sich in der Auflehnung gegen den Beschluss des Bundeslandes Sachsen-Anhalt äußerte, Flüchtlinge in diesem Dorf unterzubringen. Zugleich wandte sich die Demonstration gegen jene, die Flüchtlinge in derart verwahrlosten Gegenden unterbringen wollen. Dem Aufruf folgten circa 240 Personen. Doch manche Demoparole ließ vermuten, dass dieser gar nicht von allen Teilnehmern zur Kenntnis genommen wurde.
Die Sprechchöre, von denen hier die Rede ist, gehören landesweit zum Inventar von Antifa- und Antirademos. Bereits diese Tatsache legt eine gewisse Beliebigkeit nahe. Kaum jemand schert sich darum, ob deren Aussage überhaupt dem Gegenstand der Demonstration angemessen ist. Wichtigstes Kriterium der Parolen scheint vielmehr zu sein, dass der ganze Demonstrationszug lauthals mitschallern kann.
Exemplarisch hierfür steht der Schlachtruf »Nationalismus raus aus den Köpfen«. Zur Kritik der Verhältnisse in Tröglitz ist er nur wenig geeignet. Denn was in diesem Dorf vor sich geht, ist mit dem Begriff Nationalismus nur unzutreffend beschrieben. Bezugspunkt des gegenwärtigen Zusammenrückens ist nicht die Nation, sondern allenfalls die Dorfgemeinschaft. Und auch deren Klammer ist allein der Hass auf den gemeinsamen Feind: die fremden Neuankömmlinge. Aus diesem Grund besitzt die aufblitzende Gemeinschaft nur eine geringe Halbwertzeit. Spätestens wenn das verbindende Thema aus dem Fokus gerät, werden die Dörfler wieder übereinander herfallen, um sich beim nächsten Fußballspiel gegen das Nachbardorf, anlässlich des Mobbings gegen den Dorftrottel oder bei der nächsten Kneipenschlägerei in neuer Konstellation zusammenzurotten. Solchen Zusammenschlüssen fehlt die Konstanz und sie fliegen so schnell wieder auseinander, wie sie entstanden sind. Dazwischen werden die Nachbarn mit Feindseligkeit und Missgunst übersäht. Betrachten klassische Nationalisten zumindest die Angehörigen einer Nation als Gleiche unter Gleichen, heißt es in Tröglitz alle gegen alle. Wie schon im Redebeitrag der AG »No Tears For Krauts« erläutert, ist der Grund dafür gerade in der Ferne staatlicher Institutionen zu finden. Sie sind vermittelnde Instanz zwischen den Einzelnen und halten deren ungehemmte Triebe im Zaum. Dem gemeinen Tröglitzer jedoch ist die Vermittlung ebenso fremd wie unliebsam. Anstatt eines Hoheliedes auf die Nation hört man aus Tröglitz das tägliche Wettern gegen die Institutionen und die Verfassung der Bundesrepublik. Zusammengefasst: In Tröglitz ist weniger ein klassischer Nationalismus zu beobachten, sondern vielmehr dessen Verfallsprodukt.
Wenn nun einige Demonstrationsteilnehmer nicht imstande sind, den Geschehnissen in Tröglitz einen brauchbaren Namen zu geben, so liegt das nicht allein in der allgemeinen Unzulänglichkeit von Demoschlachtrufen begründet. Sie geht einher mit der Unfähigkeit, die Verhältnisse auf einen Begriff zu bringen. Tatsächlich haben große Teile der Linken nur eine äußerst vage Vorstellung von Nation und Nationalismus. Den Spruch »Nationalismus raus aus den Köpfen« bekommen die Tröglitzer darum ebenso zu hören, wie klassische Neonazis oder die Anhänger des Zionismus. Die skizzierte Begriffsstutzigkeit gipfelt in einer skandalösen Parole, die eine Analogie zwischen den Todeszügen nach Auschwitz und den Abschiebungen von Flüchtlingen zieht: »Mord, Folter, Deportation – Das ist deutsche Tradition«. Vor lauter Unwillen, zwischen Nationalsozialismus und postfaschistischer Bundesrepublik zu unterscheiden, merken die grölenden Antifaschistischen anscheinend gar nicht, wie sie nebenbei und dennoch unverblümt den Holocaust verharmlosen.
Bezeichnend ist in dem Zusammenhang auch der Mobilisierungserfolg bei der Demonstration in Tröglitz. Folgten dem Aufruf trotz widriger Anreisebedingungen – in Tröglitz gibt es keinen Bahnhof – an einem 1.Mai immerhin 240 Demonstranten, kamen zu einer ähnlichen Demonstration in Insel vor etwa 3 Jahren, die ebenfalls von einem antifaschistischen Bündnis aus Halle organisiert wurde, kaum 100 Leute. Dabei war die Situation durchaus vergleichbar: In beiden Dörfern formierte sich der Dorfmob gegen ein paar Neuankömmlinge, denen nachgesagt wurde, den Dorffrieden zu stören. Doch während es sich bei den Neuankömmlingen in Tröglitz um Flüchtlinge handelt, wurden in Insel zwei ehemalige Sexualstraftäter als Störenfriede ausgemacht. In letzterem Falle wäre man mit den klassischen linken Erklärungsversuchen und Parolen nicht weitergekommen. Der Vorwurf des Nationalismus hätte sich in Insel ganz offenkundig selbst blamiert. Die üblichen Verdächtigen aus Antira- und Antifakreisen ließen sich deshalb gar nicht erst blicken.

AG »No Tears for Krauts«

erschienen in: Bonjour Tristesse #19 (Herbst 2015)

Was heißt: „Raus aus der Scheiße“?

Redebeitrag von „No Tears for Krauts“ Halle zur Demonstration „Raus aus der Scheiße, rein in die Stadt – Tröglitz denen, die’s verdienen“ am 1. Mai 2015 in Tröglitz.

Liebe Freundinnen, Freunde, Genossinnen und Genossen,

die Eingeborenen scheinen uns nicht zuhören zu wollen, darum eine Ansprache nur an Euch: Angesichts der Verhältnisse hier im Burgenlandkreis müsste man eigentlich fordern: „Bring back the State!“ Denn Ereignisse und Zustände wie in Tröglitz gehen nicht zuletzt auf einen fast vollständigen Rückzug des Staates und seiner Institutionen zurück. Die nächste Schule, die nächste Polizeistation und das nächste Amt sind oft kilometerweit entfernt, administrative Aufgaben werden schon seit Jahren (wenn überhaupt) bestenfalls auf Ehrenamtsbasis erledigt. Anders als unsere anarchistischen Genossen glauben, erwächst aus dem Rückzug des Staates allerdings leider nicht der Himmel auf Erden – zumindest nicht unter den gegenwärtigen Umständen. Sondern es entsteht das Gegenteil, es entsteht ein neuer Naturzustand, in dem alle gegen alle kämpfen oder die stärkste Horde über die Schwächeren herfällt.
Wir wissen selbstverständlich, dass der Staat Barbaren nicht unbedingt in bessere Menschen verwandelt: Auch wir hatten Geschichtsunterricht. Aber wir wissen, dass die Anwesenheit von Dorfsheriffs und Beamten, die qua Dienstverhältnis noch anderen Instanzen als der Dorfgemeinschaft verpflichtet sind, gelegentlich eine gewisse Mäßigung bewirken können. Und wir wissen, dass die langwierigen Entscheidungsfindungsprozesse der parlamentarischen Demokratie Emotionen abkühlen lassen können: Wenn eine Entscheidung ansteht, ist die aufgehitzte Stimmung, die hierzulande fast immer auf die Forderung „Rübe runter!“ hinausläuft, in der Regel schon vorbei. Das gilt zumindest dann, wenn der Staat und seine medialen Vorfeldorganisationen zumindest dem Ton nach offen gegen Rassismus, Lynchjustiz und Heugabelmeuten auftreten, wie es derzeit der Fall ist. Die bundesweite Empörung über Tröglitz ist Ausdruck dieser Politik.
Trotzdem funktioniert die Trennung zwischen Mob und Staat, zwischen der Barbarei des flachen Landes und der Stadtluft, die frei macht, nicht vollkommen. Auch das zeigt nicht nur die Geschichte, sondern auch die beliebte Praxis, Asylbewerber ausgerechnet in gottverlassenen Gegenden wie dem Burgenlandkreis unterzubringen. Denn auch wenn sich die Vertreter des neuen Deutschlands weltoffen und antirassistisch geben, wollen sie mit den Flüchtlingen, die hier ankommen, nicht viel zu tun haben. In Orten wie Tröglitz ist die Unterbringung nicht nur billig, sondern die politische Klasse und der sie tragende Teil des Mittelstands werden auch nicht permanent mit dem konfrontiert, was unter den gegebenen Verhältnissen alle fürchten: Degradierung und sozialer Abstieg.
Das Wichtigste aber ist: Die Voraussetzung dafür, dass sich Angela Merkel und Frank Walter Steinmeier, Günther Jauch und Oliver Welke, Der Spiegel und Die Zeit über Barbarenkollektive wie in Tröglitz, Wutbürger wie in Schneeberg oder Pegida-Ossis wie in Dresden empören können, ist das tägliche Verrecken im Mittelmeer. Das europäische Grenzregime ist die Voraussetzung dafür, dass es hierzulande trotz Tröglitz und Pegida immer noch halbwegs friedlich zugeht und das soziale System nicht kollabiert: Die Finanzkrise und der Staatsbankrott in Griechenland haben gezeigt, dass eine Nationalökonomie nicht unendlich belastbar ist. Wenn die Zahl der Asylbewerber in der Bundesrepublik dagegen exorbitant steigen würde, wenn die deutsche Volkswirtschaft nicht mehr dazu in der Lage wäre, für die armen Schlucker zu sorgen, und wenn sich die Krise in finanzieller Hinsicht stärker auswirken würde als bisher, dann könnten auch diejenigen Gefallen an der Parole „Ausländer raus!“ finden, die sich zur Zeit noch über die hinterwäldlerischen Ausländerfeinde in Tröglitz empören. Trotz der regelmäßigen Skandale werden die zuständigen Minister der EU-Staaten darum auch weiterhin am europäischen Grenzregime festhalten. Das tun sie nicht weil sie schlechte Menschen sind (das sind sie möglicherweise auch), sondern das tun sie vor allem, weil sie mit Blick auf den inneren sozialen und politischen Frieden in ihren Ländern nicht anders können – zumindest nicht unter den gegenwärtigen Umständen.
Die Ereignisse der letzten Monate sind insofern ein Lehrstück in Sachen Kapitalismuskritik. Sie zeigen, dass die Rede von der gesellschaftlichen Totalität etwas anderes ist als eine akademische Lockerungsübung. Das soll heißen, die einzige vernünftige Antwort auf die sogenannte Flüchtlingsfrage, die derzeit von Lampedusa bis Tröglitz gestellt wird, wäre – um es präzise, differenziert und sachlich mit Marx auszudrücken – die Abschaffung der „ganzen alten Scheiße“ (MEW irgendwo). Diese Erkenntnis ist natürlich durch und durch unbefriedigend, weil sie wenig bis gar nichts nutzt. So ist weder eine Bewegung in Sicht, die an die Stelle des Alten etwas anderes setzen will als das Hauen und Stechen postindustrieller Wastelands à la Tröglitz, Caracas oder Gaza. Noch gibt es einen potentiellen sozialen Träger, der diese Aufgabe übernehmen würde. Das Proletariat, in das zwei Philosophiestudenten aus dem 19. Jahrhundert ihre großen Hoffnungen setzten, bewegt sich zumindest heute eher außerhalb als innerhalb der Demonstration. Die wenigen Ausnahmen bestätigen nur die Regel.
Wenn wir den Flüchtlingen mehr als warme Worte zukommen lassen wollen, bleibt uns aus diesem Grund nicht viel anderes übrig, als zu fordern: „Raus aus der Scheiße, rein in die Stadt!“ Genauer: Dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen in einem lebenswerten Viertel der Großstadt ihrer Wahl. Und auch das klingt, ehrlich gesagt, schon ziemlich utopisch.

No Tears for Krauts, 1. Mai 2015 (nokrauts.org)