Wenn der Wahnsinn epidemisch wird. Die neuen Montagsdemonstrationen.

Vor­trag und Dis­kus­sion mit Jan-Georg Gerber

Don­ners­tag, 10. Juli 2014
19:00 Uhr
Radio Corax, Unter­berg 11, Halle (Saale)

Die Demons­tran­ten, die sich seit März jeden Mon­tag in mehr als sech­zig Städ­ten der Bun­des­re­pu­blik zusam­men­fin­den, um gegen einen mög­li­chen Krieg in der Ukraine zu pro­tes­tie­ren, sind sich einig: Für die Aus­ein­an­der­set­zun­gen auf dem Kie­wer Majdan, die Kämpfe in Donezk und alle ande­ren Übel der Welt sind der Wes­ten und Ame­rika ver­ant­wort­lich. Auch die Parole von der Schuld der Juden macht allent­hal­ben die Runde: Die regel­mä­ßig zu hörende Rede über „die Fed“, die US-Notenbank, hat das Lamento über die „ame­ri­ka­ni­sche Ost­küste“ abge­löst. Sie ist zur belieb­tes­ten Chif­fre für die die ver­meint­lich jüdisch kon­trol­lierte Finanz­welt gewor­den. Dane­ben haben einige Demons­tran­ten auch noch andere Theo­rien im Reper­toire: Einige glau­ben, dass den Kon­dens­strei­fen von Düsen­flug­zeu­gen Che­mi­ka­lien beige­mengt sind, die den Men­schen ihre poli­ti­sche Wider­stands­kraft rau­ben, andere sind davon über­zeugt, Bür­ger des 1945 unter­ge­gan­ge­nen Deut­schen Reichs zu sein. All diese Vor­stel­lun­gen bewe­gen sich unter dem Niveau von Kri­tik. Zumin­dest die Vor­den­ker der Pro­teste schei­nen auf­grund ihrer offen­kun­di­gen Ver­rückt­hei­ten weni­ger ein Gegen­stand von Ideo­lo­gie­kri­tik als ein Fall für den Psy­cho­lo­gen zu sein. Das Tra­gi­sche ist, dass den Pro­tes­ten wohl auch auf der The­ra­peu­ten­couch oder im Pati­en­ten­stuhl nicht wirk­lich bei­zu­kom­men ist. Um dem Phä­no­men der neuen Mon­tags­de­mons­tra­tio­nen auf den Grund gehen zu kön­nen, muss viel­mehr die Gesell­schaft in den Blick genom­men wer­den, die den Wahn­sinn immer wie­der aus sich selbst her­aus erzeugt. Aus die­sem Grund wird im Rah­men der Ver­an­stal­tung sowohl von der deut­schen Spe­zi­fik der Pro­teste als auch vom Sys­tem der Wert­ver­ge­sell­schaf­tung zu spre­chen sein.

Jan-Georg Ger­ber ist freier Jour­na­list und schreibt u.a. für „Baha­mas“ und „Jungle World“.

Eine Ver­an­stal­tung der AG Antifa Halle und der Mate­ria­lien zur Auf­klä­rung und Kritik.

Protest & Projektion – Der weltweite Aufstand

Kon­fe­renz der AG Antifa
Halle an der Saale, Sams­tag, 18. Januar 2014, Dach­ritz­straße 6 (Insti­tut für Musik)

Es ist noch nicht lange her, da konnte teils kri­tisch, teils beru­higt erklärt wer­den, dass sich die Men­schen ihrem Schick­sal will­fäh­rig erge­ben und nicht daran den­ken, geschichts­mäch­tig zu wer­den. So blieb nicht nur der Kampf um Befrei­ung aus. Auch die Apo­ka­lypse, die als Kol­lek­tiv los­ge­las­sene Ein­zelne ohne wei­te­res aus­zu­lö­sen imstande sind, ließ glück­li­cher­weise auf sich war­ten. Inzwi­schen ist die Zeit, in der von den lethar­gi­schen Mas­sen geschrie­ben wer­den konnte, jedoch vor­bei. An allen Ecken und Enden der Welt kracht es. Von Rio bis Kairo, von Göte­borg bis Athen und von Stutt­gart bis Istan­bul: Als hät­ten sie die Parole vom „kom­men­den Auf­stand“, die eine fran­zö­si­sche Situa­tio­nis­ten­gruppe vor eini­gen Jah­ren aus­gab, als Auf­for­de­rung begrif­fen, zie­hen die Men­schen über­all auf die Straße. Mal brin­gen sie ihre Iso­mat­ten und Zelte mit und beset­zen den öffent­li­chen Raum, mal zer­le­gen sie die Innen­städte. Taz, Zeit, Spie­gel und Co. behaup­ten, einen welt­wei­ten Kampf für Demo­kra­ti­sie­rung und mehr Bür­ger­be­tei­li­gung zu erken­nen; die radi­kale Rest­linke will in den Kra­wal­len, Kämp­fen und Platz­be­set­zun­gen die Vor­bo­ten der Welt­re­vo­lu­tion sehen: So setz­ten sich die schlech­ter ver­die­nen­den Genos­sen schon bald nach dem Beginn der Pro­teste in Busse und fuh­ren als Kra­wall­tou­ris­ten nach Grie­chen­land; die bes­ser Betuch­ten flo­gen nach Kairo oder Tunis.

Zumin­dest einige Nach­rich­ten vom welt­wei­ten Auf­stand wol­len aller­dings nicht so recht mit der eupho­ri­schen Deu­tung von einem „neuen 1968“ zusam­men­pas­sen, von dem einige Beob­ach­ter spre­chen. In eini­gen Län­dern haben sich Isla­mis­ten an die Spitze der Pro­teste gestellt; auf dem Pelo­pon­nes und den grie­chi­schen Inseln mischen Neo­na­zis kräf­tig mit, wäh­rend ein Teil der Lin­ken die Juden für die Übel der Welt ver­ant­wort­lich macht. Auch im Syri­schen Bür­ger­krieg ist die Unter­schei­dung zwi­schen den good und den bad guys nicht mehr mög­lich. Wer gegen Des­po­ten, Tyran­nen und elende Ver­hält­nisse anrennt, tut das nicht immer mit den rich­ti­gen Mit­teln, Begrün­dun­gen und Zielen.

Das heißt: Ent­we­der hat die Rede vom „neuen 68“ weni­ger mit der Situa­tion in Ägyp­ten, Grie­chen­land, Spa­nien, Syrien usw. zu tun als mit den Wün­schen und Sehn­süch­ten der hie­si­gen Öffent­lich­keit. Oder aber die land­läu­fi­gen Vor­stel­lun­gen von 1968 als dem Jahr von Libe­ra­li­sie­rung, Demo­kra­ti­sie­rung und dem Aus­bruchs­ver­such aus den ver­stei­ner­ten Ver­hält­nis­sen müs­sen revi­diert wer­den. Auch hier­für spricht eini­ges. Zumin­dest mit Blick auf Ägyp­ten und Syrien hat sich dem­ent­spre­chend schon längst jene Ver­laufs­form abge­zeich­net, die den Inter­na­tio­na­lis­mus hier­zu­lande stets prägte: Der blin­den Begeis­te­rung folgt blinde Igno­ranz; ohne Feh­ler­ana­lyse und ohne das vor­he­rige Para­dies von Revolte und Demo­kra­ti­sie­rung auch nur noch eines Bli­ckes zu wür­di­gen, wer­den die revo­lu­tio­nä­ren Sehn­süchte kur­zer­hand in andere Gegen­den des Erd­balls verlagert.

Es stellt sich damit sowohl die Frage nach den Hin­ter­grün­den der hie­si­gen Reak­tio­nen auf die welt­wei­ten Auf­stände als auch nach dem Cha­rak­ter der Pro­teste: Was ist von den Riots und Kämp­fen in Ägyp­ten, Grie­chen­land, Bra­si­lien, Spa­nien usw. zu hal­ten? Wel­che Gemein­sam­kei­ten und Unter­schiede gibt es? Warum bre­chen die Pro­teste gerade jetzt aus? Und: Wel­che Zukunft haben die welt­wei­ten Auf­wal­lun­gen vor sich?

Podium 1: Cam­pen und kämp­fen (12.15 – 13.45 Uhr)
Refe­ren­ten: Magnus Klaue & Phil­ipp Lenhard

Wer einen genauen Blick auf die welt­wei­ten Auf­wal­lun­gen wirft, erkennt zwei Pro­test­for­men: Die einen schnap­pen sich ihre Schlaf­sä­cke und cam­pie­ren auf öffent­li­chen Plät­zen, die ande­ren bin­den sich Taschen­tü­cher vors Gesicht und zie­hen mehr zer­stö­rend als plün­dernd durch die Städte. Diese bei­den Vari­an­ten der Erhe­bung schei­nen für eine jeweils unter­schied­li­che Kli­en­tel zu ste­hen: In der Beset­zung des öffent­li­chen Raums spie­geln sich die Abstiegs­ängste der Mit­tel­schich­ten. Hier zie­hen die­je­ni­gen auf die Straße, die noch etwas zu ver­lie­ren haben. Sie signa­li­sie­ren durch ihre Pro­test­form, dass sie zu blei­ben geden­ken. Auf der ande­ren Seite ste­hen jene, die nicht mehr abstei­gen kön­nen. Da sie nichts mehr zu ver­lie­ren haben, zer­stö­ren sie blind­wü­tig alles, was ihnen in den Weg kommt: sowohl das, was sie selbst nicht mehr ertra­gen, als auch das, was uner­reich­bar für sie ist.

Magnus Klaue ist freier Autor und schreibt regel­mä­ßig für Baha­mas, Jungle World und Kon­kret. Phil­ipp Len­hard ist freier Autor und Redak­teur der Zeit­schrift Prodomo.

Podium 2: Pro­jek­tion und Pra­xis (14.30 – 16.00 Uhr)
Refe­ren­ten: Harald Jür­gen Funke & Anja Finow

Abge­se­hen von den Pro­tes­ten gegen Stutt­gart 21 und ähnli­che Pro­jekte ist der welt­weite Auf­stand in zwei­fa­cher Weise in Deutsch­land ange­kom­men. Auf der einen Seite legt die linke und links­li­be­rale Öffent­lich­keit eine Begeis­te­rung für die Demons­tra­tio­nen in Kairo, Istan­bul oder Athen an den Tag, als würde dort für die ori­gi­nä­ren Inter­es­sen des hie­si­gen wut­bür­ger­li­chen Mit­tel­stands auf die Straße gegan­gen. Auf der ande­ren Seite schei­nen die Krise und die Auf­stände dafür zu sor­gen, dass ver­mehrt Asyl­be­wer­ber und Arbeits­mi­gran­ten den Weg nach Deutsch­land fin­den. Gegen die­sen Zuzug fin­den ins­be­son­dere im Osten der Repu­blik längst Mini-Aufstände statt, die sich in vie­ler­lei Hin­sicht von den Ereig­nis­sen der 1990er Jahre unter­schei­den und es genau aus die­sem Grund rat­sam erschei­nen las­sen, den Zustand der Repu­blik noch ein­mal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Harald Jür­gen Funke ist Redak­teur der Zeit­schrift Bon­jour Tris­tesse. Anja Finow spricht als Ver­tre­te­rin der AG „No Tears for Krauts“.

Podium 3: Ges­tern und Mor­gen (16.30 – 18.00 Uhr)
Refe­ren­ten: Jan-Georg Ger­ber & Jus­tus Wertmüller

Die Gegen­wart ver­än­dert nicht allein die Zukunft, son­dern auch die Ver­gan­gen­heit: Der Anfang ist immer über das Resul­tat ver­mit­telt. So geben die der­zei­ti­gen Pro­teste nicht nur einen Vor­ge­schmack dar­auf, was hier­zu­lande droht, wenn sich die Krise aus­wei­tet: ein wil­des Hauen und Ste­chen, der Rück­wurf auf Clan­struk­tu­ren, die sowohl fami­liär als auch regio­nal oder beruf­lich sein kön­nen, und eine Elends­selbst­ver­wal­tung wie sie etwa auf dem Tahrir-Platz beob­ach­tet wer­den konnte, wo Fuß­ballhoo­li­gans über Ord­nung, Sau­ber­keit und die kor­rekte Ent­sor­gung der Fäka­lien wach­ten. Zugleich legen die ste­ti­gen Ver­glei­che mit der Revolte von 1968 nahe, dass sich auch damals ganz andere his­to­ri­sche Trieb­kräfte Gel­tung ver­schaff­ten als von den Paro­len der Pro­test­be­we­gung nahe­ge­legt wurde: Trieb­kräfte, die mög­li­cher­weise denen ähneln, wel­che die Men­schen heute welt­weit auf die Stra­ßen und Plätze strö­men lassen.

Jan-Georg Ger­ber schreibt u.a. für Baha­mas und Jungle World. Jus­tus Wert­mül­ler ist Redak­teur der Zeit­schrift Bahamas.

Eine Ver­an­stal­tung der AG Antifa im Stura der Uni Halle.
http://antifa.uni-halle.de/

Wei­tere Infor­ma­tio­nen:
https://www.facebook.com/agantifaschismus

Critical Networking

Ein paar Worte zur Kon­fe­renz »Eine Erin­ne­rung an die Zukunft«, die vom 29.11.–01.12.2013 in Ber­lin stattfand.

Mit der „Zukunft“, von der im Titel die­ser Kon­fe­renz gespro­chen wird, ist weni­ger die Zukunft der Kri­ti­schen Theo­rie als die der Kri­ti­schen Theo­re­ti­ker gemeint.

Kon­zept­pa­piere sind oft aus­sa­ge­kräf­ti­ger als die Dinge, die auf sie fol­gen. Das gilt zumin­dest für diese Kon­fe­renz. Der Ein­la­dungs­text, der es nach unzäh­li­gen Dis­kus­sio­nen und Ver­su­chen, es allen recht zu machen, auf die Home­page der Kon­fe­renz geschafft hat, ist so aus­sa­ge­frei, dass man sich fast schä­men muss, als Kri­ti­scher Theo­re­ti­ker bezeich­net zu wer­den. Wenn das die Kri­ti­sche Theo­rie sein soll, sagte der kri­ti­sche Geist, gehe ich lie­ber Richard David Precht lesen. Wäh­rend Adorno und Hork­hei­mer allen Unken­ru­fen zum Trotz eine klare und deut­li­che Spra­che benutz­ten – das immer wie­der als „kom­pli­ziert“ und „abge­ho­ben“ Geschmähte ihrer Texte war dem Bemü­hen um Prä­zi­sion geschul­det – , fin­det sich hier nichts als lang­wei­li­ger Jar­gon: eine Mischung aus Opa-Sprache („zei­tigt“), Angeber-Vokabular, Halb­wis­sen und jener geho­be­nen Leg­as­the­nie, von der die Gra­du­ier­ten­kol­legs, Postdoc-Zirkel und Redak­tio­nen heut­zu­tage beherrscht wer­den. Da soll Resis­tenz „kor­ri­giert“ wer­den, „Unmög­lich­kei­ten“ wei­ten sich aus, und die Indi­vi­duen flüch­ten „im Schwin­den“ irgend­wo­hin. Diese Clow­ne­rie setzt sich auch im Titel fort, den man beim ers­ten Buch des Ufo­lo­gen Erich von Däni­cken, „Erin­ne­run­gen an die Zukunft“ von 1968, geklaut hat.

Ähnli­cher Stuss wie im Ankün­di­gungs­text fin­det sich zwar auch im Kon­zept­pa­pier und in der vor­läu­fi­gen Refe­ren­ten­liste, die vor eini­gen Mona­ten an poten­ti­elle Teil­neh­mer ver­schickt wur­den und schließ­lich den Weg in die unend­li­chen Wei­ten des Inter­nets fan­den. Im Unter­schied zum voll­kom­men nichts­sa­gen­den Ankün­di­gungs­text lie­gen die Motive die­ser Kon­fe­renz dort jedoch wenigs­tens halb­wegs offen zutage.

 Die Zukunft der Kri­ti­schen Theo­rie oder …

Anders als gern von Sozio­lo­gie­prüf­lin­gen erklärt, bestand das „Ziel“ der Kri­ti­schen Theo­rie nicht in der Ver­bin­dung von Mar­xis­mus und Psy­cho­ana­lyse, son­dern, ebenso wie es bei Mar­xens Kri­tik der poli­ti­schen Ökono­mie der Fall war, in der Abschaf­fung ihres Gegen­stan­des. Die Kri­ti­sche Theo­rie zielt inso­fern dar­auf, sich selbst über­flüs­sig zu machen. Ihr geht es darum, eine Gesell­schaft zu schaf­fen, in der es nicht mehr nötig ist, sich durch die grauen S.-Fischer-Bände, die blauen Schin­ken aus dem Dietz-Verlag und die blau­grauen Wäl­zer der Wis­sen­schaft­li­chen Buch­ge­sell­schaft zu quä­len, um sie zu ver­ste­hen. Soll hei­ßen: Die Kri­ti­sche Theo­rie muss sich keine Sor­gen um ihre Zukunft machen. Solange die Welt falsch ein­ge­rich­tet ist, es ein Poten­tial von Unzu­frie­den­heit und vor allem: eine Sehn­sucht nach einem bes­se­ren Zustand gibt, wird es auch Ver­su­che geben, die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse auf den not­wen­dig kri­ti­schen Begriff zu brin­gen. Weder das Poten­tial noch die Sehn­sucht ist zwar beson­ders groß. Ob dar­aus jemals mehr als eine Reihe klei­ner Zir­kel ent­steht, steht in den Ster­nen. Aber so klein, wie gele­gent­lich getan wird, sind sie auch wie­der nicht. Gerade in Ame­rika steht selbst der Kom­mu­ni­ta­ris­mus, diese trans­at­lan­ti­sche Reinkar­na­tion der Tönnies-Schule, nicht allein für Gemein­schafts­kult und Kol­lek­ti­vis­mus, son­dern auch für eine gewisse freund­li­che Ver­bun­den­heit der Men­schen. Auch die unzu­mut­ba­ren Glücks-Ratgeber, die einen in den Bahn­hofs­buch­hand­lun­gen bedro­hen, ste­hen kei­nes­falls für ein revo­lu­tio­nä­res Poten­tial. Aber sie ver­wei­sen, wie ver­quer auch immer, auf eine Sehn­sucht der Men­schen, ihr Glück zu fin­den. Die gern zitierte These vom „tota­len Ver­blen­dungs­zu­sam­men­hang“ basierte bei Adorno und Hork­hei­mer zwar stets auf einer gewis­sen Furcht. Sie diente jedoch nicht zuletzt dem Zweck, die Men­schen vor den gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen erschre­cken zu las­sen und sie dazu zu bewe­gen, aus Empö­rung über die eigene Sta­tis­ten­rolle doch noch im bes­ten Sinn geschichts­mäch­tig zu wer­den. Aller Skep­sis zum Trotz wer­den die Men­schen, mit ande­ren Wor­ten, noch als ansprech­bar begriffen.

… die Zukunft der Kri­ti­schen Theoretiker

Wäh­rend sich die Kri­ti­sche Theo­rie inso­fern allen­falls bedingt Gedan­ken über ihre Zukunft machen muss, sind die Kri­ti­schen Theo­re­ti­ker dazu gezwun­gen. Mit der „Zukunft“, an die laut Kon­fe­renz­ti­tel „erin­nert“ wer­den soll, ist dann auch vor allem die Lebens– und Berufs­pla­nung der jüngs­ten Gene­ra­tion von Adorno-Adepten und Horkheimer-Kopisten gemeint. Dafür spricht zumin­dest das auf­dring­li­che Lamento des Kon­fe­renz­kon­zepts, dass am ange­streb­ten Arbeits­platz der Orga­ni­sa­to­ren, der Uni, kein Platz mehr für das ein­zige ist, was sie zumin­dest halb­wegs kön­nen: das Reden über die Kri­ti­sche Theo­rie. So erin­nert die Kon­fe­renz nicht umsonst an die auf­ge­bla­sene Vari­ante des Ver­net­zungs­tref­fens, das im Februar in Lüne­burg statt­fand. Dort konn­ten kritisch-theoretische Nach­wuchs­wis­sen­schaft­ler mit aka­de­mi­schen Ambi­tio­nen mit ihren Kon­kur­ren­ten über ihre lang­wei­li­gen Qua­li­fi­ka­ti­ons­schrif­ten, Antrag­stel­lun­gen und Zukunfts­pla­nun­gen unter­hal­ten. Die Ver­net­zung mit den weni­gen aka­de­misch arri­vier­ten Adorno-Schülern musste sei­ner­zeit man­gels Teil­nahme ver­scho­ben wer­den: Von den halb­wegs bekann­ten Kri­ti­schen Theo­re­ti­kern waren ledig­lich Chris­toph Türcke und Ger­hard Schwep­pen­häu­ser ange­reist. Die ursprüng­li­che Ein­la­dungs­liste der Kon­fe­renz signa­li­siert, dass die­ses Net­wor­king in den Räu­men der Humboldt-Universität nach­ge­holt wer­den sollte. So gibt es kei­nen nam­haf­ten kri­ti­schen Theo­re­ti­ker mit Pro­fes­so­ren­ti­tel, den die Orga­ni­sa­to­ren nicht ein­la­den woll­ten. Neben Det­lev Claus­sen, Gun­ze­lin Schmidt-Noerr, Ger­hard Sta­pel­feld und Hel­mut Dah­mer, die hier auf­tre­ten, stan­den auch noch Chris­toph Türcke, Alex Demi­ro­vic, Regina Becker-Schmidt und Rolf Tie­de­mann auf dem Wunsch­zet­tel. Für die ver­meint­li­chen Frau­en­the­men hatte man eine Reihe von Femi­nis­tin­nen – selbst­ver­ständ­lich eben­falls mit Pro­fes­so­ren­ti­tel – ein­ge­la­den. Zahl­rei­che Kri­ti­ker ohne insti­tu­tio­nelle aka­de­mi­sche Anbin­dung (Joa­chim Bruhn, Ger­hard Scheit) schei­nen erst auf die Refe­ren­ten­liste gerückt zu sein, als die Inha­be­rin­nen und Inha­ber eines Lehr­stuhls abge­sagt hatten.

So drängt sich der Ein­druck gera­dezu auf, dass die Kon­fe­renz – neben dem Erwerb orga­ni­sa­to­ri­scher Skills, die sich gut im CV ver­wurs­ten las­sen – vor allem dem Zweck dient, dass die Orga­ni­sa­to­ren und ihr Klün­gel im Vor­feld und beim gemein­sa­men Abend­es­sen in einen enge­ren Kon­takt mit den Damen und Her­ren Pro­fes­so­ren tre­ten kön­nen, der sonst nicht so ohne wei­te­res mög­lich ist. Dafür spricht auch das For­mat des Ko-Referats. Sta­pel­feld, Schmidt-Noerr und Dah­mer haben die Kom­men­tie­rung ihrer Aus­füh­run­gen durch Nach­wuchs­wis­sen­schaft­ler nicht nötig; der Dok­to­ran­den­stadl, der mit den Ko-Referaten beauf­tragt wurde, hin­ge­gen schon: Wann hat man schon mal eine sol­che Gele­gen­heit zum Net­wor­king wie bei der gemein­sa­men Vortrags-Vorbesprechung und –Nach­be­rei­tung mit poten­ti­el­len Gut­ach­tern und Auto­ren von Emp­feh­lungs­schrei­ben? Die Orga­ni­sa­to­ren waren sich schließ­lich nicht ein­mal zu blöd, poten­ti­elle Refe­ren­ten mit dem Hin­weis ködern zu wol­len, dass die Her­aus­gabe eines Sam­mel­ban­des geplant ist und bei Teil­nahme inso­fern die Mög­lich­keit besteht, die eigene Publi­ka­ti­ons­liste – das Herz­stück jeder aka­de­mi­schen Vita – zu erweitern.

Dis­kurs, Diskurs

Um trotz allem dem Ein­druck des aka­de­mi­schen Ran­schmei­ßer­tums ent­ge­gen­zu­tre­ten, ver­such­ten die Orga­ni­sa­to­ren zugleich, der Kon­fe­renz einen poli­ti­schen Anstrich zu ver­pas­sen. In einer Art Über­sprungs­hand­lung grif­fen sie dabei auf die dümms­ten lin­ken Tra­di­tio­nen zurück: Wie beim Auto­no­mie­kon­gress 1995 in Ber­lin, als sich die auto­nome Szene zum letz­ten Mal zum kol­lek­ti­ven Meet & Greet zusam­men­fand, gibt es „offene Räume“ zum Selbst­ge­stal­ten, in die man sich im Stil einer Selbst­hil­fe­gruppe zurück­zie­hen kann. Weil man einen Künst­ler im Bekann­ten­kreis hat und auch Adorno „irgend­was mit Kunst“ (oder Medien) gemacht hat, wer­den Per­for­man­ces und Kunst­in­stal­la­tio­nen gezeigt, die nach den Maß­stä­ben der Kri­ti­schen Theo­rie nur als Schrott bezeich­net wer­den können.

Wel­che Rolle der nicht-akademischen Kri­tik zukom­men soll, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass für die­je­ni­gen, die sich der Kri­ti­schen Theo­rie jen­seits von Lehr­ver­an­stal­tun­gen und aka­de­mi­schen Qua­li­fi­ka­ti­ons­schrif­ten ver­pflich­tet füh­len, vor allem die Podi­ums­ver­an­stal­tun­gen vor­ge­se­hen sind, bei denen sie zu viert oder zu fünft zusam­men­ge­pfercht sind. Dort ist allen­falls Zeit für Kurz­state­ments und paro­len­hafte Ver­kür­zun­gen. Aber an den Inhal­ten sind die Orga­ni­sa­to­ren bei die­sen Podien ohne­hin nicht inter­es­siert. Bei ihrer Zusam­men­set­zung ging es, wie eine von ihnen  kürz­lich in einem Inter­view für Radio Corax (Halle) erklärte, vor allem darum, sie „kon­tro­vers“ zu gestal­ten. Wem an Wahr­heit und Erkennt­nis gele­gen ist, der wird manch­mal kon­tro­vers dis­ku­tie­ren; wem es hin­ge­gen darum geht, etwas mög­lichst kon­tro­vers zu machen, dem sind letzt­lich auch Wahr­heit und Erkennt­nis egal. So wer­den die Orga­ni­sa­to­ren vom „Dis­kurs“, von dem sie sich im glei­chen Inter­view manie­riert zu dis­tan­zie­ren ver­su­chen, eingeholt.

 Lob der Universität

Um nicht falsch ver­stan­den zu wer­den: Selbst­ver­ständ­lich ist ein Unter­kom­men an der Uni jedem zu wün­schen, der es sich selbst wünscht. Unta­len­tier­ten Stu­den­ten etwas über die Kri­ti­sche Theo­rie, die Spe­zia­li­sie­rungs­ten­den­zen gewis­ser Insek­ten­ar­ten oder eine kor­rekte Zitier­weise zu erzäh­len, ist immer noch bes­ser als in der Wer­be­agen­tur arbei­ten zu müs­sen oder als Schei­dungs­an­walt unter­wegs zu sein. Gele­gent­lich bie­tet die Aka­de­mie auch noch die Mög­lich­keit, eigene Inter­es­sen zu ver­fol­gen, ein ver­nünf­ti­ges Buch zu schrei­ben und inter­es­sierte Stu­den­ten zum Nach­den­ken anzu­re­gen. Auch das „Net­wor­king“ ist eine ebenso unan­ge­nehme wie not­wen­dige Begleit­er­schei­nung der Tätig­keit im Uni­be­trieb, auf die jeder ange­wie­sen ist, der seine phy­si­sche Repro­duk­tion nicht der Bun­des­agen­tur für Arbeit über­las­sen will. Und selbst­ver­ständ­lich spricht auch nur wenig dage­gen, aus dem eige­nen Poli­t­en­ga­ge­ment Kapi­tal zu schla­gen: Warum sollte man aus den nerv­tö­ten­den Stun­den beim Grup­pen­tref­fen und der unbe­zahl­ten Mehr­ar­beit beim Flug­blatt­schrei­ben nicht auch ein­mal einen per­sön­li­chen Vor­teil zie­hen, wenn es denn mög­lich ist? Kor­rum­pie­rend wird das Ganze jedoch, wenn aus der nicht-intendierten Folge das Ziel der Polit-Aktivitäten wird: dann näm­lich, wenn das nackte Eigen­in­ter­esse an der Aneig­nung von Fähig­kei­ten und Kennt­nis­sen, die im Uni­be­trieb der­zeit nicht ver­mit­telt wer­den und im spä­te­ren Beruf von Nut­zen sein kön­nen, durch den Ver­weis auf höhere Dinge – das Ende des Lei­dens, des Ster­bens und des Hun­gers in der Welt – kaschiert wird. (Neben­bei: Marx benutzte hier­für den Begriff der „deut­schen Ideologie“.)

No Future!

Bei allen Ran­wanz­ver­su­chen an den aka­de­mi­schen Betrieb wird jedoch über­se­hen, dass die ange­neh­men Sei­ten der uni­ver­si­tä­ren Arbeit seit der Ein­füh­rung von Exzel­lenz­clus­tern, Bache­lor– und Mas­ter­stu­di­en­gän­gen im Ver­schwin­den begrif­fen sind. Vor allem aber wird igno­riert, dass sowohl Adorno und Hork­hei­mer als auch Claus­sen, Schmidt-Noerr usw. ihren Ruf auf einen Lehr­stuhl nicht allein ihren Fähig­kei­ten, son­dern mehr noch einer his­to­risch je ein­ma­li­gen Situa­tion zu ver­dan­ken hat­ten. Mit der Beru­fung Ador­nos und Hork­hei­mers ver­such­ten die fort­schritt­li­che­ren Kreise in Hes­sen zum einen ein Gegen­ge­wicht gegen die zahl­lo­sen Naziaka­de­mi­ker zu schaf­fen, die ihren Lehr­stuhl nach 1945 behal­ten durf­ten. Zum ande­ren sollte das schlechte Gewis­sen gegen­über den­je­ni­gen, die ins Exil getrie­ben wor­den waren, abge­tra­gen wer­den. Dem ver­dien­ten Glück Ador­nos, Hork­hei­mers und eini­ger weni­ger ande­rer stand dem­ent­spre­chend das unver­diente Pech hun­der­ter emi­grier­ter Wis­sen­schaft­ler gegen­über, die nie wie­der an einer Uni­ver­si­tät Anstel­lung fan­den und nicht nach Europa zurück­keh­ren konn­ten. Det­lev Claus­sen et al. haben ihre aka­de­mi­sche Kar­riere hin­ge­gen nicht zuletzt jener längst ver­gan­ge­nen Marx-, Adorno– und Marcuse-Welle zu ver­dan­ken, von der die Uni­ver­si­tä­ten in Folge von „1968“ weni­ger über­rollt als über­schwappt wur­den. Denn so groß, wie es zeit­weise mit Blick auf die 60er und 70er Jahre sug­ge­riert wird, war der Ein­fluss der Kri­ti­schen Theo­rie an den Uni­ver­si­tä­ten nie. Das zeigt sich nicht nur daran, dass auch von den zahl­rei­chen Schü­lern Ador­nos und Hork­hei­mers nur der kleinste Teil ein Aus­kom­men an einer Hoch­schule fand, son­dern zugleich an der aka­de­mi­schen Repu­ta­tion der weni­gen, die es geschafft haben. Denn auch wenn ihre Bekannt­schaft in anti­deut­schen oder post­an­ti­deut­schen Krei­sen heiß begehrt ist, ist der Glaube, dass der Kon­takt zu ihnen den eige­nen Markt­wert im Wis­sen­schafts­busi­ness enorm stei­gern könnte, doch eine Fehl­wahr­neh­mung. Ihre Gut­ach­ten und Emp­feh­lungs­schrei­ben sind im För­der­mit­tel­be­trieb lei­der nicht beson­ders viel wert. Da sie sich mit ihrem weit­ge­hen­den Fest­hal­ten an der Kri­ti­schen Theo­rie als zu wenig strom­li­ni­en­för­mig erwie­sen, wur­den die pres­ti­ge­träch­ti­gen Stel­len bereits in den 70er Jah­ren an ihnen vor­bei ver­ge­ben; die Mehr­heit von ihnen kam irgendwo in der Pro­vinz oder an Fach­hoch­schu­len unter. Die begehr­ten Pos­ten erhiel­ten auch damals schon die­je­ni­gen, die sich den jeweils aktu­ells­ten Mode­wel­len anpass­ten und ihren Oppor­tu­nis­mus als Non­kon­for­mis­mus ausgaben.

Diese Anpas­sungs­leis­tung steht auch jenen kri­ti­schen Jung­theo­re­ti­kern bevor, die mit ihrer Theo­rie­pro­duk­tion, die ohne­hin zumeist eine Mischung aus Exegese und Nach­plap­pern ist, aka­de­mi­sche Ambi­tio­nen haben. So ist selbst die Zeit, in der man mit Kri­ti­scher Theo­rie eine Fest­an­stel­lung an einer Provinz-FH ergat­tern konnte, vor­bei. Die „Frank­fur­ter Schule“ gilt längst als ver­al­tet und, wie es im Jar­gon der ein­schlä­gi­gen För­der­mit­tel­ge­ber heißt, „über­forscht“. Bei Dis­ser­ta­tio­nen legen die poli­ti­schen und wis­sen­schaft­li­chen Stif­tun­gen, auf deren Schul­tern fast das gesamte Pro­mo­ven­den­sys­tem der Repu­blik ruht, noch eine gewisse Tole­ranz an den Tag. Spä­tes­tens nach der Pro­mo­tion wird es aller­dings eng. Die Pro­fes­so­ren Claus­sen, Dah­mer, Türcke usw. sind ent­we­der schon eme­ri­tiert oder wer­den es bald sein. Die ver­las­se­nen Lehr­stühle wur­den größ­ten­teils mit jung-dynamischen Entertainment-Professoren besetzt, die nicht in der Tra­di­tion der Kri­ti­schen Theo­rie ste­hen, son­dern sich auf jene Kol­le­gen beru­fen, die im Semes­ter­rhyth­mus För­der­an­trags­spra­che in Buch­form pres­sen. Blei­ben die Pro­fes­so­ren Mül­ler, Meier und Schulze. Von denen hat zwar noch nie jemand etwas gehört; aber jeder weiß, dass sie durch und durch staats­tra­gend sind. Hier müs­sen Geis­tes­wis­sen­schaft­ler das tun, wofür sie da sind: Ideo­lo­gie pro­du­zie­ren. Sie müs­sen Stu­den­ten wider bes­se­res Wis­sen von den Vor­zü­gen des Post­struk­tu­ra­lis­mus erzäh­len oder unter­su­chen, wie Admi­nis­tra­tio­nen effek­ti­ver gestal­tet wer­den kön­nen. Das ist nicht schön, aber schließ­lich muss jeder von irgend­et­was leben. Das Dumme ist nur: Die Pro­fes­so­ren Mül­ler, Meier und Schulze brau­chen keine 400, son­dern maxi­mal zwei wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter. Und auch die Stif­tun­gen (DFG und Co. KG), die inzwi­schen auch den Groß­teil der Postdoc-Förderung über­nom­men haben, ori­en­tie­ren sich mit ihren soge­nann­ten För­der­richt­li­nien meist streng an den aka­de­mi­schen Mode­wel­len. Zudem kön­nen sie sich spä­tes­tens seit der Ein­schrump­fung des aka­de­mi­schen Mit­tel­baus kaum noch vor För­der­an­trä­gen ret­ten. Soll hei­ßen: Wer nur ein funk­tio­na­les Ver­hält­nis zum Uni­be­trieb hat, wer also nicht glaub­haft ver­si­chern kann, dass er SPSS, die Sys­tem­theo­rie, die Gen­der Stu­dies oder das poli­ti­sche Sys­tem der Bun­des­re­pu­blik für Got­tes­ge­schenke an die Mensch­heit hält, hat bei der Bal­ge­rei um die weni­gen Stel­len, Sti­pen­dien und För­der­mit­tel schlechte Kar­ten. So ver­wan­delt sich die Kri­ti­sche Theo­rie dort, wo sie berufs­mä­ßig im aka­de­mi­schen Rah­men betrie­ben wird, schon aus Grün­den des Selbst­er­halts in die Theo­rie des kom­mu­ni­ka­ti­ven Han­delns oder die Anerkennungstheorie.

Alles wird gut!

Die­sen Weg haben auch die Orga­ni­sa­to­ren die­ser Kon­fe­renz vor sich. Das haben sie sowohl mit ihrem Ankün­di­gungs­text gezeigt, in dem sie die Kri­ti­sche Theo­rie auf ein paar Leer­for­meln her­un­ter­ge­bro­chen haben, als auch mit ihrer Bereit­schaft, einige der Prin­zi­pien der Theo­rie schon zu einem Zeit­punkt zu ent­sor­gen, zu dem es noch um über­haupt nichts geht. So haben sie nicht nur eine Ver­an­stal­tung ins Pro­gramm genom­men, in der die „Dia­lek­tik der Auf­klä­rung“ aufs Dümmste mit dem post­struk­tu­ra­lis­ti­schen Quark der Queer-Theorie zusam­men­ge­rührt wird. Pas­send dazu haben sie auch zuge­las­sen, dass für diese Ver­an­stal­tung die Geschlechter-Separation wie­der ein­ge­führt wird. Als wäre einer der zen­tra­len Bezugs­punkte Ador­nos und Hork­hei­mers nicht der Gedanke der einen Mensch­heit gewe­sen, ist der „offene Raum“, in dem am Sams­tag mit einer gewis­sen Tina über „kri­ti­sche Männ­lich­keits­ana­lyse“ medi­tiert wer­den kann, laut Pro­gramm aus­schließ­lich für „Frauen, Les­ben, Trans* und Inter*“ offen. Män­ner, ob hete­ro­se­xu­ell oder homo­se­xu­ell, vege­ta­risch oder asth­ma­tisch, müs­sen drau­ßen blei­ben. Das bio­lo­gi­sche Geschlecht, das den Men­schen qua Natur zufällt, wird zum Aus­schluss­kri­te­rium. (Neben­bei: Warum sie glau­ben, dass Transgender-Leute bei den Frauen bes­ser als bei den Män­nern auf­ge­ho­ben sind, müs­sen uns Tina und die Orga­ni­sa­to­ren bei Gele­gen­heit auch noch mal erklä­ren: Weil Frauen irgend­wie sen­si­bler sind? Weil Transgender-Leute mehr Frau als Mann sind?) Wie dem auch sei: Die Sorge der Orga­ni­sa­to­ren um die eigene Zukunft im Uni­be­trieb ist jeden­falls unbe­grün­det. Zwar müs­sen sie noch ler­nen, dass man vor­läu­fige Refe­ren­ten­lis­ten und Pro­gramme von Kon­fe­ren­zen nicht ein­fach streut wie Hell­muth Kara­sek seine Manu­skripte. Für Leute, die die obli­ga­to­ri­sche Schaum­schlä­ger­spra­che beherr­schen, bereit sind, ihre Prin­zi­pien bei erst­bes­ter Gele­gen­heit über den Hau­fen zu wer­fen, und die vor allem die Kunst beherr­schen, das – lei­der oft not­wen­dige – Ran­schmei­ßen an Betreuer, Gut­ach­ter und aka­de­mi­sche Kon­ven­tio­nen als Dienst an einer höhe­ren Sache aus­zu­ge­ben: für sol­che Leute wird der Uni­ver­si­täts­be­trieb immer Ver­wen­dung haben.

Viel Erfolg auf dem wei­te­ren Weg – wünscht der: AK kri­ti­sche Berufs­be­ra­tung der AG „No Tears for Krauts“

11/2013

[Das Flug­blatt als pdf.]

»Never ending story – Das Israelpseudos der Pseudolinken«. Vortrag und Buchvorstellung mit Anja Worm und Jan Gerber.

Vor­trag und Dis­kus­sion: Diens­tag, 19. Novem­ber 2013, 19 Uhr in Halle (Saale)

in den Jah­ren 1969 und 1970 wur­den die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und West­ber­lin von einer bei­spiel­lo­sen anti­zio­nis­ti­schen Kra­wall– und Ter­ror­welle über­rollt. Die Täter kamen aus dem Umfeld der Neuen Lin­ken, die ihren zurück­hal­ten­den Prois­rae­lis­mus nach dem Sechs­ta­ge­krieg gegen einen vehe­men­ten Anti­zio­nis­mus ein­ge­tauscht hatte. Vor die­sem Hin­ter­grund erschien mit Michael Land­manns Buch »Das Israelp­seu­dos der Pseu­do­lin­ken« eine der ers­ten kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit der Israel­f­eind­schaft der Neuen Lin­ken. Mit ihrer anti­zio­nis­ti­schen Wende, so Land­mann, ver­wandle sich die Pro­test­be­we­gung von einer »ech­ten« in eine »Pseudolinke«.

Inzwi­schen ist die Neue Linke, auf die sich Land­mann bezog, zwar ver­dien­ter­ma­ßen mar­gi­na­li­siert. Sie hat ihre Auf­gabe – die Kon­ser­vie­rung des Irr­sinns von Volk, Ursprüng­lich­keit und Unmit­tel­bar­keit in einer Zeit, in der kein gro­ßer Bedarf danach bestand – jedoch erfüllt. So fin­det sich der Anti­zio­nis­mus längst nicht mehr nur in lin­ken Klein– und Groß­sek­ten wie die der Links­par­tei, dem Frei­bur­ger »Café Palestine« oder der anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Schlä­ger­truppe, die vor eini­gen Jah­ren in Ham­burg die Auf­füh­rung von Claude Lanz­manns Film »Pour­quoi Israël« ver­hin­derte. Son­dern der anti­is­rae­li­sche Furor ist im poli­ti­schen Main­stream ange­kom­men, in dem die Unter­schei­dung zwi­schen »links« und »rechts« ohne­hin kaum noch getrof­fen wer­den kann. Um die ein­schlä­gi­gen Ste­reo­ty­pen zu hören, muss kein Vor­trag eines auto­no­men oder marxistisch-leninistischen Selbst­fin­dungs­zir­kels mehr besucht wer­den, son­dern es genügt, die »Süd­deut­sche Zei­tung« auf­zu­schla­gen oder den Bericht über Israel auf »3Sat« zu schauen.
Aus die­sem Grund soll mit Michael Land­mann nicht nur einer der ers­ten lin­ken Kri­ti­ker des neu­lin­ken Anti­zio­nis­mus gewür­digt wer­den. Viel­mehr soll unter Rekurs auf Land­manns Aus­füh­run­gen von den Hin­ter­grün­den des neuen Anti­se­mi­tis­mus den Trans­for­ma­tio­nen, die der Israel­hass in den letz­ten vier­zig Jah­ren durch­ge­macht hat, und der Aktua­li­tät der Kri­tik gespro­chen werden.

Es spre­chen Anja Worm und Jan Ger­ber (»Mate­ria­lien zur Auf­klä­rung und Kri­tik«). Sie sind Her­aus­ge­ber der Neu­auf­lage von Michael Land­manns »Das Israelp­seu­dos der Pseu­do­lin­ken« (Frei­burg: ça ira 2013) und Curt Geyer u.a.: »Fight for Free­dom. Die Legende vom ›ande­ren Deutsch­land‹« (Frei­burg: ça ira 2009).

Die Ver­an­stal­tung fin­det in den Räu­men von Radio Corax, Unter­berg 11, 06108 Halle (Saale), statt.

Eine Ver­an­stal­tung der AG Antifa im Stura der Uni Halle | antifa.uni-halle.de

Im Zweifel Antisemit

Jakob Augs­tein, Deutsch­lands bekann­tes­ter Anti­se­mit, ver­öf­fent­lichte im Som­mer die­ses Jah­res sein Buch »Sabo­tage: Warum wir uns zwi­schen Demo­kra­tie und Kapi­ta­lis­mus ent­schei­den müs­sen«. Zur Buch­vor­stel­lung in der hal­li­schen Thalia-Buchhandlung ließ es sich die AG »No Tears for Krauts« nicht neh­men, fol­gen­des Flug­blatt zu verteilen.

Sehr geehrte Hal­len­ser, liebe Wut­bür­ger, Anti­ka­pi­ta­lis­ten, Israel­kri­ti­ker, MZ-Leser – liebe Augstein-Anhänger also!

Sie haben sich heute hier ein­ge­fun­den, um dem inter­na­tio­nal renom­mier­ten Juden­has­ser Jakob Augs­tein zu lau­schen, ver­mut­lich, weil Ihnen Vol­ker Pert­hes zu aka­de­misch und Ste­fan Kor­ne­lius zu lang­wei­lig daher­kommt, kurzum: Weil Sie jeman­den wie Augs­tein brau­chen, der wie kaum ein Zwei­ter für den Anti­se­mi­tis­mus der ganz beson­ders dum­men Anti­se­mi­ten steht.

Höchst­wahr­schein­lich gehö­ren auch Sie zur übergro­ßen Mehr­heit der Deut­schen, die empört dar­auf rea­gierte, als das Simon-Wiesenthal-Center Anfang die­ses Jah­res die Hetze des Spiegel-Schreibers und Her­aus­ge­bers der anti­zio­nis­ti­schen Wochen­zei­tung Der Frei­tag in seine Hit­liste der schlimms­ten anti­se­mi­ti­schen Ver­leum­dun­gen 2012 auf­nahm: Kann man denn jetzt nicht ein­mal mehr etwas gegen Juden sagen, ohne als Anti­se­mit zu gel­ten? Und über­haupt: Klingt die­ses Wiesenthal-Center nicht ver­däch­tig jüdisch? Varia­tio­nen die­ser Ver­tei­di­gungs­stra­te­gien, die in nahezu jeder deut­schen Zei­tung abge­druckt wur­den, fan­den Sie sei­ner­zeit natür­lich auch in Ihrer Haus­pos­tille, der Mit­tel­deut­schen Zei­tung, die Ihnen ver­si­cherte, dass Augs­tein selbst­ver­ständ­lich kein Anti­se­mit sei, nur ein wenig kri­tisch gegen­über dem Juden­staat vielleicht.

Womög­lich wur­den Sie aber auch von der Aus­sicht ange­lockt, sich heute von Augs­tein agi­tie­ren zu las­sen? Immer­hin will die­ser mit sei­nem Buch sabo­tie­ren und zur Ent­schei­dung – Demo­kra­tie oder Kapi­ta­lis­mus? – drän­gen, ganz so, als wären bei­des prin­zi­pi­ell ein­an­der aus­schlie­ßende Gegen­sätze. Sie soll­ten sich dabei nicht von der alber­nen Abhand­lung über Farb­beu­tel in Augs­teins »Sabo­tage« irri­tie­ren las­sen, mit wel­cher der Autor bloß iro­nisch auf die gehäs­si­gen Vor­würfe zu rea­gie­ren ver­sucht, er sei eigent­lich ein eta­blier­ter Salon­so­zia­list; das Feuille­ton wird ihm die Pseu­do­mi­li­tanz schon augen­zwin­kernd ver­zei­hen und Ihnen hat Augs­tein schließ­lich noch viel mehr zu bieten.

Was ihm näm­lich als »Demo­kra­tie« vor­schwebt, tat Augs­tein kürz­lich anläss­lich der Ver­öf­fent­li­chung sei­nes Buches in einem Gespräch mit dem WDR ex nega­tivo kund: »Wir sind eine sehr zivi­li­sierte, gezähmte Gesell­schaft.« Lässt sich über den Grad der Zivi­li­sie­rung in Deutsch­land – und ins­be­son­dere in der Zone – durch­aus strei­ten, so liegt Augs­tein mit der bedau­ernd fest­ge­stell­ten Zäh­mung voll­kom­men rich­tig: Eine sol­che näm­lich ver­hin­dert einst­wei­len das Los­schla­gen gegen jene, die für Augs­tein und seine Anhän­ger den Kapi­ta­lis­mus ver­kör­pern, also die da oben all­ge­mein und die von Augs­tein in sei­nen Kolum­nen obses­siv ange­grif­fe­nen Mer­kel, Mana­ger, die USA und die jüdi­schen Strip­pen­zie­her im besonderen.

Die von Augs­tein ein­ge­for­derte Demo­kra­tie ist also nichts ande­res als die direkte Herr­schaft des Mobs, des­sen ent­in­di­vi­dua­li­sierte Bestand­teile ihre »Kör­per auf Demons­tra­tio­nen ein­set­zen« soll­ten anstatt »hin­ter den Schreib­ti­schen« zu hocken. Die­ser »Volks­sou­ve­rän« in sei­ner leib­li­chen Unmit­tel­bar­keit, den Augs­tein am liebs­ten bei einem »Marsch auf das Reichs­tags­ge­bäude« sich bil­den sähe, ist das schau­rige Gegen­teil der Repu­blik mit ihren ver­mit­teln­den Instan­zen, Schreib­ti­schen und Parlamenten.

Und wenn der Volks­sou­ve­rän mit sei­nen vie­len Lei­bern, die zu einem ein­zi­gen rie­si­gen Volks­kör­per ver­schmol­zen sind, dann vorm Reichs­tag auf­mar­schiert ist? Dann dürfte nicht nur mit­tels Farb­beu­teln die Abrech­nung mit jenen fol­gen, die Augs­tein als sinistre Gestal­ten hin­ter der Kapi­ta­lak­ku­mu­la­tion aus­ge­macht hat und das sind, na klar: »Wenn es um Israel geht, gilt keine Regel mehr: Poli­tik, Recht, Ökono­mie – wenn Jeru­sa­lem anruft, beugt sich Ber­lin des­sen Willen«.

Sie beherr­schen nicht nur die deut­sche Poli­tik, sie füh­ren auch, wie der israe­li­sche Minis­ter­prä­si­dent Netan­jahu, »die ganze Welt am Gän­gel­band«, betrei­ben in Gaza ein »Lager«, in dem sie sich ihre »eige­nen Geg­ner aus­brü­ten« – denn am Anti­se­mi­tis­mus sind noch immer die Juden selbst schuld –, und sie las­sen keine Gele­gen­heit ver­strei­chen, fried­li­che Isla­mis­ten zu pro­vo­zie­ren, wie etwa mit jenem Film über Moham­med, der vor gut einem Jahr in der isla­mi­schen Welt für Bom­ben­stim­mung sorgte und des­sen Urhe­ber laut Augs­tein wie­derum der ewige Jude war.

Die Stoß­rich­tung für die heu­tige Lesung ist also vor­ge­ge­ben, indes bleibt uns doch noch etwas Häme: Denn wie bereits erwähnt, hatte Jakob Augs­tein mit sei­nem Befund der gezähm­ten deut­schen Gesell­schaft recht. Mag der Abend also auch noch so schön ver­lau­fen, mag Augs­tein von noch so vie­len Mis­se­ta­ten der Juden und ihrer Knechte erzäh­len: Das Pogrom fällt zum Glück aus. Sie wer­den also nicht unge­hin­dert einen Marsch zum Reichs­tag, zur nächs­ten Bank­fi­liale oder zur örtli­chen Syn­agoge ver­an­stal­ten kön­nen, son­dern ledig­lich mit einem schlech­ten Buch in der Hand nach Hause gehen.

AG »No Tears for Krauts« Halle

[Das Flug­blatt als pdf.]