No Tears for Wuschel!

Es ist tra­gisch: Kaum bezeich­net man einen Ber­li­ner Kuschel– und Wuschel-DJ als Abzieh­bild einer har­mo­nie­süch­ti­gen Wohl­fühl­lin­ken, bewei­sen die Reak­tio­nen wie recht man hat. Mehr noch: Hat­ten wir beim Ver­fas­sen unse­res Flug­blatts gehofft, dass wir dane­ben lie­gen und die ver­sprengte post­an­ti­deut­sche Rest­szene es als Zumu­tung emp­fin­det, in einem Atem­zug mit einer Voll­pflaume wie Daniel Kulla genannt zu wer­den, über­tra­fen die Kom­men­tare unsere schlimms­ten Erwar­tun­gen. Da erklärte jemand ganz ernst­haft, dass der Dany, doch ein „ganz lie­ber Wuschel“ sei. Ein ande­rer, der trotz regel­mä­ßi­ger Marx-Zitation noch nie eine von des­sen Pole­mi­ken gegen Schap­per, Wil­lich, Vogt gele­sen zu haben scheint, ver­lor auch den letz­ten Rest sei­nes Unter­schei­dungs­ver­mö­gens und zog Ver­bin­dun­gen zwi­schen dem Flug­blatt von No Tears for Krauts und den Hin­rich­tungs­vi­deos des IS.

Es waren vor allem drei Dinge, die auf Empö­rung stie­ßen: Die werte Inter­net­ge­meinde ent­rüs­tete sich (1.) dar­über, dass wir ver­ra­ten hat­ten, dass Daniel „Wuschel“ Kulla nichts ver­nünf­ti­ges gelernt hat, (2.) wurde uns vor­ge­hal­ten, dass wir uns über sein Aus­se­hen lus­tig gemacht hät­ten, und (3.) wurde bean­stan­det, dass wir wäh­rend sei­nes Vor­trags in Halle, bei dem er – kein Witz! – ver­suchte, den Zusam­men­hang von Anti­se­mi­tis­mus und Kapi­tal­ver­hält­nis mit dem Schau­bild einer Powerpoint-Präsentation zu erklä­ren, nicht mit ihm dis­ku­tiert haben. Dazu nur drei Kleinigkeiten:

  1. Uns inter­es­siert nicht, was Kulla pri­vat macht. Es geht viel­mehr darum, was er öffent­lich von sich gibt. Dass es da kaum einen Unter­schied gibt, liegt nicht an uns, son­dern daran, dass Wuschel seine 2.100 Facebook-„Freunde“ auch über die per­sön­lichs­ten Details infor­miert. Wir sind von die­sem Mit­tei­lungs­drang genauso pein­lich berührt wie von sei­ner Selbst­in­sze­nie­rung als Reprä­sen­tant einer gol­de­nen Mitte der Lin­ken. Um die­sen ein­hei­zen­den Oppor­tu­nis­mus zu erklä­ren, der die dümms­ten Anti-Pat-Parolen zu tole­rie­ren bereit ist, kann man ent­we­der auf Kul­las „Natur“ ver­wei­sen, was uns fern liegt. Oder man kann sei­nen Zuhö­rern, gegen die unser Flug­blatt pri­mär gerich­tet war, sagen, dass ihnen die wusche­li­gen Aus­sa­gen auch darum so gut gefal­len, weil sich Kulla nicht zuletzt aus öko­no­mi­schen Grün­den an ihren Wün­schen ori­en­tie­ren muss. Das rich­tet sich weni­ger gegen Kulla, der einem fast leid­tun kann, als gegen sein Publi­kum, das nur sich selbst zuhö­ren will. Fakt ist jeden­falls: Hätte der Wuschel ein ver­läss­li­che­res finan­zi­el­les Stand­bein als linke Klit­schen, hätte er sich nicht in eine Vokü in Men­schen­ge­stalt ver­wan­deln müs­sen. Die Auf­re­gung über diese Bana­li­tät ist ent­we­der so groß, weil die Mehr­heit der Gemeinde weiß, dass auch sie nichts Ver­nünf­ti­ges gelernt hat: Als Poli­tik­wis­sen­schaft­ler, Sozio­lo­gen, Medi­en­men­schen sind die meis­ten Lin­ken zu einem ähn­li­chen Dasein als Vor– und Nach­plap­pe­rer ver­ur­teilt wie der Wuschel – nur mit ande­ren, z.T. ein­träg­li­che­ren Bezugs­grup­pen. Oder man ist empört, weil jemand aus­ge­spro­chen hat, was alle wis­sen: Die indi­vi­du­elle Rebel­lion gegen die Lohn­ar­beit, die alle beein­dru­ckend fin­den, aber für sich selbst aus­schlie­ßen, ist erbärmlich.
  2. Wir haben uns nicht über Wuschels Aus­se­hen lus­tig gemacht, son­dern erklärt, dass er die Wohl­fühl­linke auch äußer­lich reprä­sen­tiert. Das war zwar vor allem gegen diese Szene gerich­tet, die sich in Kul­las selbst­zu­frie­de­ner Knuffel-Ausstrahlung, die Teil sei­nes inner­lin­ken Erfolgs­ge­heim­nis­ses ist, wie­der­er­kennt. Trotz­dem muss kei­ner so tun, als könnte nie­mand etwas für sein Aus­se­hen: Mit Mitte 30 hat jeder das Gesicht, das er ver­dient. (Es sei denn, er ist einer schwe­ren Krank­heit, unver­schul­de­ter Armut oder einem ande­ren Schick­sals­schlag zum Opfer gefal­len.) Oder will jemand bestrei­ten, dass sich das Ver­hält­nis zu sich selbst, zu sei­nen Mit­men­schen und zu sei­ner Umwelt irgend­wann in der Mimik, im Sprach­ge­ba­ren etc. Gel­tung ver­schafft? Der Besat­zung eines Dorfstamm­tischs hat sich die Gemein­heit genauso in die Gesichts­züge ein­ge­gra­ben wie die dreiste Über­heb­lich­keit in das Ant­litz Die­ter Bohlens.
  3. Es stimmt: Wir haben nicht mit dem Wuschel dis­ku­tiert. Warum? Weil er die Orga­ni­sa­to­ren der Ver­an­stal­tung gebe­ten hat, einige von uns des Hau­ses zu ver­wei­sen. Seine Begrün­dung: Er fühle sich sonst unwohl. Wir waren trotz­dem nicht trau­rig. Denn mit Wohl­fühl­lin­ken ist es so ähn­lich wie mit Müll­ei­mern: Man muss nicht in jedem her­um­sto­chern, um zu wis­sen, dass es eklig wird. So etwas macht nicht klü­ger, son­dern davon wird einem schlecht.

 

No Tears for Krauts, 10/2014

Infantile Inquisition. Die neuesten Übergriffe der Definitionsmacht.

Vor­trag und Dis­kus­sion mit Jus­tus Wert­mül­ler (Berlin)

Don­ners­tag, 30. Okto­ber 2014
19:00 Uhr
Reil­straße 78, Halle (Saale)

Linke Par­tys glei­chen Bür­ger­krie­gen: Über­all dro­hen Gewalt­tä­tig­kei­ten, Über­griffe und Ver­ge­wal­ti­gun­gen. Selbst beim Gang zur Bar oder zur Toi­lette ist mit zutiefst trau­ma­ti­sie­ren­den Erleb­nis­sen zu rech­nen. Das legen zumin­dest die zahl­lo­sen Pla­kate, Flyer und Bro­schü­ren nahe, mit denen die erwar­te­ten Gewalt­tä­ter von ihren Plä­nen abge­hal­ten und poten­ti­elle Opfer gewarnt wer­den sol­len. Tat­säch­lich ist alles ganz anders: In der Regel sind die ein­schlä­gi­gen Par­tys nicht nur fried­lich, son­dern auch noch lang­wei­lig. Wenn ein Gast aus­nahms­weise ein­mal ver­bal ent­gleist, sind die obli­ga­to­ri­schen »Haus-Plena« und »Ver­an­stal­tungs­grup­pen« über Wochen hin­weg damit beschäf­tigt, über den Vor­fall zu dis­ku­tie­ren. Die War­nun­gen vor Über­grif­fen, Ent­glei­sun­gen, zu viel Alko­hol­kon­sum usw., die in jüngs­ter Zeit vor allem von so genann­ten »Awareness-Teams« ver­brei­tet wer­den, haben weni­ger mit der Rea­li­tät als mit spe­zi­fi­schen Vor­stel­lun­gen von Sexua­li­tät und Sub­jek­ti­vi­tät zu tun. Sie zei­gen vor allem, wie schlecht es inzwi­schen um das Indi­vi­duum bestellt ist. Die tra­di­tio­nelle auto­nome Rede von der »Defi­ni­ti­ons­macht«, die allein das sub­jek­tive Emp­fin­den zum Kri­te­rium für die Bewer­tung der Außen­welt gel­ten las­sen will, hat sich entgrenzt.

Jus­tus Wert­mül­ler ist Redak­teur der Zeit­schrift »Baha­mas«. Zusam­men mit Uli Krug ver­fasste er 2000 den Auf­satz »Infan­tile Inqui­si­tion«, in dem die lin­ken Vor­stel­lun­gen von Sexua­li­tät nicht allein kri­tisch hin­ter­fragt son­dern zugleich als Indi­ka­tor für den Ver­fall des Indi­vi­du­ums her­aus­ge­stellt werden.

Eine Ver­an­stal­tung der AG Antifa im Stura der Uni Halle | antifa.uni-halle.de

Never trust a Hippie!

Wer Daniel Kulla ein­lädt, scheut die Kon­fron­ta­tion und das Den­ken. Er will nur eins: dass sein klein­kind­li­cher Wunsch in Erfül­lung geht und „jede*r sich wohlfühlt“.

Wer die AG No Tears for Krauts kennt, der weiß: Sie ist sich nicht zu schade, sich auch den arm­se­ligs­ten und unbe­deu­tends­ten Figu­ren zu wid­men und ihnen die ersehn­ten drei Minu­ten Auf­merk­sam­keit zu schen­ken. Immer­hin sind es oft weni­ger die Klu­gen, Rei­chen und Schö­nen, an denen sich die neu­es­ten Ten­den­zen des uni­ver­sel­len Ver­blö­dungs­zu­sam­men­han­ges als ers­tes able­sen las­sen, als ihr Gegen­teil, sprich: die Daniel Kul­las die­ser Welt. Gestal­ten wie der musi­zie­rende Vor­trags­rei­sende Kulla, der zu den Dau­er­gäs­ten des hal­li­schen Jugend­zen­trums Reil­straße 78 gehört, kön­nen nicht per­sön­lich belei­digt wer­den, weil sie durch und durch Abzieh­bild ihrer Umge­bung sind. Jede Aus­sage über Kulla ist eine Aus­sage über sein Umfeld, sein Publi­kum und die­je­ni­gen, die ihn zu den bei­den immer­glei­chen Vor­trä­gen – „Ent­schwö­rungs­theo­rie“ und irgend­was mit Dro­gen – einladen.

Die Wohl­fühl­linke

Wären sie nicht so eklig, könn­ten einem die anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Tra­di­tio­na­lis­ten aus Mag­de­burg oder dem Ber­li­ner Jugend­zen­trum Lunte fast leid tun: Nie­mand mag sie, nie­mand außer einer Gruppe poli­ti­sie­ren­der Chrystal-Opfer aus der Knä­cke­brot­stadt Burg will etwas mit ihnen zu tun haben. Die Zeit, in der der auto­nome Anti­im­pe­ria­lis­mus und die damit ver­bun­dene Liebe zu den Völ­kern inner­halb der radi­ka­len Lin­ken ton­an­ge­bend waren, ist lange vor­bei. Fast scheint es, als hät­ten die Anti­deut­schen einen klei­nen Sieg errun­gen: So haben sich, wie Andreas Rühl vor eini­ger Zeit in der Bon­jour Tris­tesse schrieb, einige anti­deut­sche Grund­ideen so ver­all­ge­mei­nert, dass man in Tei­len der Lin­ken kaum noch jeman­den fin­det, der die Kri­tik des Anti­se­mi­tis­mus, den kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv nach Ausch­witz oder das Betrei­ben von Theo­rie nicht „irgend­wie wich­tig“ oder „inter­es­sant“ fin­det. Selbst Israel­fah­nen sor­gen bei lin­ken Demos kaum noch für grö­ßere Empörung.

Das Tra­gi­sche ist, wie Rühl eben­falls anmerkt: Die Kri­tik der deut­schen Ideo­lo­gie, sprich: des Gemein­schafts­kit­sches, des ein­fa­chen Lebens auf hei­mat­li­cher Scholle, der Gesin­nungs­ethik, der Ent­beh­rung usw., die der anti­deut­schen Soli­da­ri­tät mit Israel zugrunde lag, ist dabei fast voll­stän­dig unter­ge­gan­gen. An ihre Stelle ist eine große kleb­rige Sauce getre­ten, in der der tra­di­tio­nelle auto­nome Ges­tus, die alt­au­to­nome Rede von der „Defi­ni­ti­ons­macht“ und die links­al­ter­na­tive Bussi-Bussi-Stimmung mit anti­deut­schen Theo­rie­ver­satz­stü­cken ver­rührt wurden.

Die zen­trale Parole für diese Mischung aus Vokü und Edel­re­stau­rant, Club Mate und Mar­tini Supe­rior wurde auf den soge­nann­ten „Awareness“-Flyern des dies­jäh­ri­gen Stra­ßen­fes­tes der Reil­straße 78 ver­ewigt: Es geht darum, dass sich „jede*r wohl­füh­len kann“. So ist aus dem Kampf gegen das Schwei­ne­sys­tem das Ein­tre­ten für eine linke Wellness-Oase gewor­den, in der „jede*r“ sei­nem Hobby oder Spleen nach­ge­hen kann. Die einen pfle­gen ihren Vega­nis­mus, die ande­ren ihre Theo­rie­af­fi­ni­tät. Wie­der andere küm­mern sich um ihren Gen­der­fim­mel. Wich­tig ist nur, dass nie­mand sein Hobby zu ernst nimmt, weil der inner­linke Frie­den sonst gestört würde: Denn wer sich einer Sache ganz ver­schreibt, den drängt es gera­de­wegs dazu, den Kon­sens mit Leu­ten auf­zu­kün­di­gen, denen die Sache nichts, die Wohlfühl-Atmosphäre alles ist.

Gegen Ruhe­stö­rer!

Das ist der Grund, warum die tra­di­tio­nel­len Anti­deut­schen um die Baha­mas (und ganz all­ge­mein auch Pole­mik) oft auch dort unbe­liebt sind, wo man theo­re­ti­schen Refle­xio­nen, der Tra­di­tion der Auf­klä­rung oder der Isra­el­so­li­da­ri­tät eini­ges glaubt abge­win­nen zu kön­nen. Denn im Unter­schied zu Leu­ten wie Daniel Kulla, die sich selbst dann, wenn sie aus­nahms­weise ein­mal Kri­tik üben, im Vor­feld dafür ent­schul­di­gen und mit der Auf­for­de­rung ver­bin­den, „auf­ein­an­der auf­zu­pas­sen“ (classless.org), betrei­ben Baha­mas et al. Kri­tik rück­halt­los, ohne auf Anhän­ger­schaf­ten und Beliebt­heit zu schie­len. Anders als Aus­hilfs­he­do­nis­ten wie der dau­er­g­rin­sende Dany, die sich schlechte Dro­gen, noch schlech­tere Musik und den links­au­to­no­men Rin­gel­pietz in einen „Vor­schein“ des Kom­mu­nis­mus zurecht­lü­gen, weiß man auf den Baha­mas von der Enge, den Zumu­tun­gen und der Inzucht lin­ker „Frei­räume“. (Man weiß, dass Kul­las For­de­rung, sein „Leben als Gene­ral­probe für eine Welt zu leben, die irgend­wann viel­leicht tat­säch­lich nicht mehr so beschis­sen ist“, kein Aus­druck von Phan­ta­sie oder poe­ti­schem Kön­nen ist, son­dern übler Gesin­nungs­kitsch.) Und im Unter­schied zu den theo­re­ti­schen Fern­fucht­lern, die in Semi­nar­at­mo­sphäre über das Ver­hält­nis von Natur, Gesell­schaft und Korb­flecht­kunst „bei“ Adorno oder die künst­le­ri­sche Avant­garde der 1920er Jahre räson­nie­ren, haben die Baha­mas und ihre Freunde auch nicht den tra­di­tio­nel­len Dün­kel deut­scher Intel­lek­tu­el­ler, die sich vom „schmut­zi­gen“ Tages­ge­sche­hen fern­hal­ten und sich ver­meint­lich rein geis­ti­gen Din­gen wid­men. Den­ken wird viel­mehr als „praktisch-kritische Tätig­keit“ (Marx) ver­stan­den, das, weil es sich ernst nimmt, gemein, erpres­se­risch und damit zugleich: pole­misch auf­tritt. Kurz: Mit den tra­di­tio­nel­len Anti­deut­schen sind die linke Simu­la­tion der Regen­bo­gen­wiese und das Kuscheln am Lager­feuer nicht zu haben.

Die Untie­fen der Dialektik

Wer wie Daniel Kulla inner­halb die­ser Happy-Hippie-Linken etwas wer­den will, muss sich darum von Zeit zu Zeit von der Baha­mas dis­tan­zie­ren. Diese Dis­tan­zie­rung darf jedoch nicht zu vehe­ment aus­fal­len. Zum einen ist man auf­ge­klärt und will sich nicht mit ordi­nä­ren Anti­imps gemein machen. Zum ande­ren würde eine zu vehe­mente Kri­tik das linke Wohl­fühlkarma beschä­di­gen und die eigene Rolle als Everybody’s Dar­ling in Gefahr brin­gen. Das Zau­ber­wort, auf das Kulla bei sei­ner Baha­mas–Kri­tik zurück­griff, heißt „Dia­lek­tik“. Unter die­sem Begriff, der sich in theo­re­ti­sie­ren­den Jungakademiker-Kreisen wie­der gro­ßer Beliebt­heit erfreut, ver­ste­hen seine neu­es­ten Anhän­ger kaum mehr als die Gymnasiallehrer-Weisheit, dass eine Medaille zwei Sei­ten hat. Er ist ein Deck­be­griff für die eigene Angst davor, eine Saue­rei eine Saue­rei zu nen­nen und es sich mit irgend­je­man­dem zu ver­scher­zen. Der Baha­mas, so schrieb Kulla dem­ent­spre­chend, sei die Dia­lek­tik abhan­den gekom­men, die er selbst natür­lich aus dem Eff-Eff beherrscht. So ver­kün­dete er, dass die Zeit­schrift zwei­fel­los Ver­dienste habe: die Kri­tik des Anti­se­mi­tis­mus, die Ana­lyse des Post­na­zis­mus usw. Gegen die irrs­ten anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Anwürfe müsse sie darum ver­tei­digt wer­den. Auf­grund ihres Auf­tre­tens und ihrer pole­mi­schen Über­spit­zun­gen, so Kulla, habe die Baha­mas die ihr ent­ge­gen­ge­brach­ten Sym­pa­thien jedoch ver­spielt. Zwei Dinge stö­ren ihn beson­ders: Ers­tens ist er dar­über empört, dass die Redak­tion ange­sichts der Anschläge vom 11. Sep­tem­ber 2001 und der dies­be­züg­li­chen Begeis­te­rung in der isla­mi­schen Welt zwar selbst­ver­ständ­lich noch zwi­schen Mos­lems, die ein kon­fes­sio­nel­les Ver­hält­nis zu ihrer Reli­gion haben, und Berufs­mus­li­men dif­fe­ren­ziert. Zwi­schen Islam und Isla­mis­mus kann sie jedoch berech­tig­ter­weise kei­nen Unter­schied mehr machen. Zwei­tens kann Kulla der Baha­mas nicht ver­zei­hen, dass sie ange­sichts antise­xis­ti­scher Men­schen­jag­den in den Jah­ren 1999 ff. den auto­no­men Dau­er­bren­ner der „Defi­ni­ti­ons­macht“ infrage stellte, der ursäch­lich für diese Hetz­jag­den war. Ihn stört damit vor allem, dass es der Baha­mas nicht darum geht, die inner­linke Gesprächs­at­mo­sphäre ange­neh­mer und die Dis­kus­sio­nen etwas anspruchs­vol­ler zu machen, son­dern um die Abschaf­fung der Ver­hält­nisse, die so etwas wie die deut­sche Linke oder Daniel Kulla hervorbringen.

Diese schmie­rige Mischung aus Oppor­tu­nis­mus und post­mo­der­ner Belie­big­keit ist inzwi­schen für die Linke typisch. Fast muss man Hoch­ach­tung vor einem Ural­t­au­to­no­men wie Wolf Wet­zel (a.k.a. Auto­nome Lupus-Gruppe) haben, der seit mehr als 30 Jah­ren den­sel­ben Unsinn erzählt. Immer­hin ver­birgt sich hin­ter Wet­zels Hals­star­rig­keit noch ein Rest des­sen, was die Per­son als Sub­jekt ein­mal aus­machte: Kon­ti­nui­tät, Rigo­ris­mus, Prin­zi­pi­en­treue. Heute hat man es dage­gen mit Leu­ten zu tun, mit denen nicht ein­mal ein rich­ti­ger Streit mög­lich ist, weil ihre Posi­tio­nen ent­we­der win­del­weich sind oder weil sie vor lau­ter Ver­wei­sen auf ihr Bauch­ge­fühl nicht dazu in der Lage sind, einen ver­ständ­li­chen Satz zu formulieren.

Der Mann ohne Eigenschaften

Daniel Kulla konnte inner­halb die­ser Szene eine gewisse Beliebt­heit erlan­gen, weil er so etwas wie der ide­elle Gesamt­linke ist. Neben sei­ner Beherr­schung der ein­schlä­gi­gen Szene-Umgangsformen ist hier­für nicht zuletzt sein Gespür für anste­hende Geschmacks­wech­sel und Mode­wel­len ursäch­lich. Die­ses Gespür ermög­licht es ihm, recht­zei­tig auf anfah­rende Züge auf­zu­sprin­gen, um sich einen Start­vor­teil bei der Bedie­nung des ein­mal von ihm aus­ge­wähl­ten Sze­ne­seg­ments zu ver­schaf­fen: Als ein gro­ßer Teil der Antifa nach 9/11 anti­deutsch wurde, ver­suchte sich Kulla an die Baha­mas ran­zu­schmei­ßen und trot­tete der Redak­tion und ihren Freun­den regel­mä­ßig in deren dama­li­ges Ber­li­ner Stamm­lo­kal hin­ter­her. Als sich die anti­deut­sche Antifa in eine Electro-Partyszene trans­for­mierte, machte Kulla in Electro-Musik. Und als sich die Party– in eine Dro­gen­szene ver­wan­delte, setzte er sich an sein Buch Leben im Rausch. Darin bemüht er sich – selbst­ver­ständ­lich – um das Pro und Con­tra des Dro­gen­kon­sums, um bestimmte For­men des Pil­len­wer­fens schließ­lich in schlech­tes­ter Pennäler-Manier zum wider­stän­di­gen Akt auf­zun­or­den. Die Liste ließe sich unend­lich fort­set­zen: von den „Buffy-Studies“ (einer Ver­klä­rung der strunz­dum­men Vampir-Serie Buffy zum gesell­schafts­kri­ti­schen Meis­ter­werk), an denen sich Kulla betei­ligte als es chic war, bis zu sei­nem Buch Ent­schwö­rungs­theo­rien, das er zu schrei­ben begann, als sich inner­halb der Lin­ken groß­flä­chig die Erkennt­nis durch­zu­set­zen begann, dass das Kapi­tal ein gesell­schaft­li­ches Ver­hält­nis ist – und des­sen zen­trale Aus­sage sich auf den bana­len Satz brin­gen lässt: Selbst­ver­ständ­lich gibt es Ver­schwö­run­gen, aber sie sind kein gesell­schaft­li­ches Funk­ti­ons­prin­zip. Kurz: Es gibt kaum eine anti­na­tio­nale oder soft-antideutsche Mode­welle, an der sich Kulla nicht betei­ligte. Wich­tig war nur, dass sie die Mög­lich­keit für Har­mo­nie, Friede-Freude-Eierkuchen und wech­sel­sei­ti­ges „auf­ein­an­der Auf­pas­sen“ bot. (Dum­mer­weise wurde die­ses Bedürf­nis auch vom anti­deut­schen Fah­nen­schwen­ken der Jahre um 2005, so rich­tig es war, bedient.)

Aber selbst Kul­las Gespür für neue Mode­wel­len ist kein Zei­chen beson­de­rer Ori­gi­na­li­tät. Sie ist bloße Funk­tion einer pre­kä­ren öko­no­mi­schen Exis­tent. Auf sei­nem Blog und bei Face­book, wo er sich nicht zu blöde ist, auch die per­sön­lichs­ten Details preis­zu­ge­ben und die Gemeinde an sei­nen Bezie­hungs­pro­ble­men teil­ha­ben zu las­sen, spricht er so viel in der ers­ten Per­son Sin­gu­lar, damit ihm nie­mand drauf kommt, dass er nur ein Sprech­au­to­mat ist. So ist Kul­las Wikipedia-Beitrag, den er augen­schein­lich selbst geschrie­ben hat, zwar zu ent­neh­men, dass er als „Schrift­stel­ler“, „Über­set­zer“, „Lek­tor“ und „Musi­ker“ begrif­fen wer­den will. All diese groß­spu­ri­gen Bezeich­nun­gen sind jedoch Chif­fren dafür, dass er weder etwas Ver­nünf­ti­ges gelernt hat noch irgend­et­was ande­res kann. Auf­grund sei­ner Talent­frei­heit in Sachen Schrei­ben und Musi­zie­ren wird ihm der große Durch­bruch jedoch nie gelin­gen. Seine Begeis­te­rung für Do-it-yourself, für „sel­ber machen 2.0“, ist dem­ent­spre­chend der Ver­such, aus der Not, dass kein nam­haf­tes Ver­lags­haus oder Label sei­nen Schund haben will, eine Tugend zu machen. Da vom Amt oder von den paar Gele­gen­heits­jobs, über die er auf sei­nem Blog ab und zu berich­tet, nie­mand auch nur halb­wegs sor­gen­frei leben kann, ist er auf die spo­ra­di­sche Kohle vom Ventil-Verlag oder den gele­gent­li­chen Zuver­dienst durch die Vor­träge und Gigs, die er gleich als Package anbie­tet, ange­wie­sen. So ist Kulla auf Gedeih und Ver­derb von jener Szene abhän­gig, als deren Bauch­red­ner er durch die Jugend­zen­tren der Repu­blik tin­gelt. Auch wenn es ihm wohl nicht bewusst ist, weil ihre öko­no­mi­sche Situa­tion den Men­schen in Fleisch und Blut über­geht, ist er zum einen gera­dezu dar­auf ange­wie­sen, die nächs­ten Wün­sche und Inter­es­sen sei­nes Publi­kums recht­zei­tig vor­aus­zu­ah­nen. Zum ande­ren kann er es sich gar nicht leis­ten, irgend­je­man­den inner­halb die­ser Szene gegen sich aufzubringen.

Linke Selbst­ge­sprä­che

Das ist der Grund dafür, warum die Wohl­fühl­linke in Daniel Kulla bis ins opti­sche, hap­ti­sche und akus­ti­sche Detail hin­ein ihren sym­bo­li­schen Aus­druck fin­det: selbst­zu­frie­den in sich ruhend, debil vor sich hin­grin­send und etwas gemäch­lich in der Arti­ku­la­tion. Wer sich diese in die Jahre gekom­mene Remi­nis­zenz an die Hippie-Bewegung der Sech­zi­ger ein­lädt oder seine Vor­träge besucht, inter­es­siert sich nicht dafür, was die­ser zu sagen hat. Da aus Kulla nur her­aus­kommt, was die Wohl­fühl­linke in ihn hin­ein­ge­stopft hat, wol­len Ver­an­stal­ter und Publi­kum eigent­lich nur sich selbst zuhö­ren. So sind die ein­schlä­gi­gen Ver­an­stal­tun­gen große Selbst­ge­sprä­che von Leu­ten, die frei von Zwei­feln sind und die Kon­fron­ta­tion und das Den­ken scheuen.

No Tears for Krauts, 10/2014

Wenn der Wahnsinn epidemisch wird. Die neuen Montagsdemonstrationen.

Vor­trag und Dis­kus­sion mit Jan-Georg Gerber

Don­ners­tag, 10. Juli 2014
19:00 Uhr
Radio Corax, Unter­berg 11, Halle (Saale)

Die Demons­tran­ten, die sich seit März jeden Mon­tag in mehr als sech­zig Städ­ten der Bun­des­re­pu­blik zusam­men­fin­den, um gegen einen mög­li­chen Krieg in der Ukraine zu pro­tes­tie­ren, sind sich einig: Für die Aus­ein­an­der­set­zun­gen auf dem Kie­wer Majdan, die Kämpfe in Donezk und alle ande­ren Übel der Welt sind der Wes­ten und Ame­rika ver­ant­wort­lich. Auch die Parole von der Schuld der Juden macht allent­hal­ben die Runde: Die regel­mä­ßig zu hörende Rede über „die Fed“, die US-Notenbank, hat das Lamento über die „ame­ri­ka­ni­sche Ost­küste“ abge­löst. Sie ist zur belieb­tes­ten Chif­fre für die die ver­meint­lich jüdisch kon­trol­lierte Finanz­welt gewor­den. Dane­ben haben einige Demons­tran­ten auch noch andere Theo­rien im Reper­toire: Einige glau­ben, dass den Kon­dens­strei­fen von Düsen­flug­zeu­gen Che­mi­ka­lien beige­mengt sind, die den Men­schen ihre poli­ti­sche Wider­stands­kraft rau­ben, andere sind davon über­zeugt, Bür­ger des 1945 unter­ge­gan­ge­nen Deut­schen Reichs zu sein. All diese Vor­stel­lun­gen bewe­gen sich unter dem Niveau von Kri­tik. Zumin­dest die Vor­den­ker der Pro­teste schei­nen auf­grund ihrer offen­kun­di­gen Ver­rückt­hei­ten weni­ger ein Gegen­stand von Ideo­lo­gie­kri­tik als ein Fall für den Psy­cho­lo­gen zu sein. Das Tra­gi­sche ist, dass den Pro­tes­ten wohl auch auf der The­ra­peu­ten­couch oder im Pati­en­ten­stuhl nicht wirk­lich bei­zu­kom­men ist. Um dem Phä­no­men der neuen Mon­tags­de­mons­tra­tio­nen auf den Grund gehen zu kön­nen, muss viel­mehr die Gesell­schaft in den Blick genom­men wer­den, die den Wahn­sinn immer wie­der aus sich selbst her­aus erzeugt. Aus die­sem Grund wird im Rah­men der Ver­an­stal­tung sowohl von der deut­schen Spe­zi­fik der Pro­teste als auch vom Sys­tem der Wert­ver­ge­sell­schaf­tung zu spre­chen sein.

Jan-Georg Ger­ber ist freier Jour­na­list und schreibt u.a. für „Baha­mas“ und „Jungle World“.

Eine Ver­an­stal­tung der AG Antifa Halle und der Mate­ria­lien zur Auf­klä­rung und Kritik.

Protest & Projektion – Der weltweite Aufstand

Kon­fe­renz der AG Antifa
Halle an der Saale, Sams­tag, 18. Januar 2014, Dach­ritz­straße 6 (Insti­tut für Musik)

Es ist noch nicht lange her, da konnte teils kri­tisch, teils beru­higt erklärt wer­den, dass sich die Men­schen ihrem Schick­sal will­fäh­rig erge­ben und nicht daran den­ken, geschichts­mäch­tig zu wer­den. So blieb nicht nur der Kampf um Befrei­ung aus. Auch die Apo­ka­lypse, die als Kol­lek­tiv los­ge­las­sene Ein­zelne ohne wei­te­res aus­zu­lö­sen imstande sind, ließ glück­li­cher­weise auf sich war­ten. Inzwi­schen ist die Zeit, in der von den lethar­gi­schen Mas­sen geschrie­ben wer­den konnte, jedoch vor­bei. An allen Ecken und Enden der Welt kracht es. Von Rio bis Kairo, von Göte­borg bis Athen und von Stutt­gart bis Istan­bul: Als hät­ten sie die Parole vom „kom­men­den Auf­stand“, die eine fran­zö­si­sche Situa­tio­nis­ten­gruppe vor eini­gen Jah­ren aus­gab, als Auf­for­de­rung begrif­fen, zie­hen die Men­schen über­all auf die Straße. Mal brin­gen sie ihre Iso­mat­ten und Zelte mit und beset­zen den öffent­li­chen Raum, mal zer­le­gen sie die Innen­städte. Taz, Zeit, Spie­gel und Co. behaup­ten, einen welt­wei­ten Kampf für Demo­kra­ti­sie­rung und mehr Bür­ger­be­tei­li­gung zu erken­nen; die radi­kale Rest­linke will in den Kra­wal­len, Kämp­fen und Platz­be­set­zun­gen die Vor­bo­ten der Welt­re­vo­lu­tion sehen: So setz­ten sich die schlech­ter ver­die­nen­den Genos­sen schon bald nach dem Beginn der Pro­teste in Busse und fuh­ren als Kra­wall­tou­ris­ten nach Grie­chen­land; die bes­ser Betuch­ten flo­gen nach Kairo oder Tunis.

Zumin­dest einige Nach­rich­ten vom welt­wei­ten Auf­stand wol­len aller­dings nicht so recht mit der eupho­ri­schen Deu­tung von einem „neuen 1968“ zusam­men­pas­sen, von dem einige Beob­ach­ter spre­chen. In eini­gen Län­dern haben sich Isla­mis­ten an die Spitze der Pro­teste gestellt; auf dem Pelo­pon­nes und den grie­chi­schen Inseln mischen Neo­na­zis kräf­tig mit, wäh­rend ein Teil der Lin­ken die Juden für die Übel der Welt ver­ant­wort­lich macht. Auch im Syri­schen Bür­ger­krieg ist die Unter­schei­dung zwi­schen den good und den bad guys nicht mehr mög­lich. Wer gegen Des­po­ten, Tyran­nen und elende Ver­hält­nisse anrennt, tut das nicht immer mit den rich­ti­gen Mit­teln, Begrün­dun­gen und Zielen.

Das heißt: Ent­we­der hat die Rede vom „neuen 68“ weni­ger mit der Situa­tion in Ägyp­ten, Grie­chen­land, Spa­nien, Syrien usw. zu tun als mit den Wün­schen und Sehn­süch­ten der hie­si­gen Öffent­lich­keit. Oder aber die land­läu­fi­gen Vor­stel­lun­gen von 1968 als dem Jahr von Libe­ra­li­sie­rung, Demo­kra­ti­sie­rung und dem Aus­bruchs­ver­such aus den ver­stei­ner­ten Ver­hält­nis­sen müs­sen revi­diert wer­den. Auch hier­für spricht eini­ges. Zumin­dest mit Blick auf Ägyp­ten und Syrien hat sich dem­ent­spre­chend schon längst jene Ver­laufs­form abge­zeich­net, die den Inter­na­tio­na­lis­mus hier­zu­lande stets prägte: Der blin­den Begeis­te­rung folgt blinde Igno­ranz; ohne Feh­ler­ana­lyse und ohne das vor­he­rige Para­dies von Revolte und Demo­kra­ti­sie­rung auch nur noch eines Bli­ckes zu wür­di­gen, wer­den die revo­lu­tio­nä­ren Sehn­süchte kur­zer­hand in andere Gegen­den des Erd­balls verlagert.

Es stellt sich damit sowohl die Frage nach den Hin­ter­grün­den der hie­si­gen Reak­tio­nen auf die welt­wei­ten Auf­stände als auch nach dem Cha­rak­ter der Pro­teste: Was ist von den Riots und Kämp­fen in Ägyp­ten, Grie­chen­land, Bra­si­lien, Spa­nien usw. zu hal­ten? Wel­che Gemein­sam­kei­ten und Unter­schiede gibt es? Warum bre­chen die Pro­teste gerade jetzt aus? Und: Wel­che Zukunft haben die welt­wei­ten Auf­wal­lun­gen vor sich?

Podium 1: Cam­pen und kämp­fen (12.15 – 13.45 Uhr)
Refe­ren­ten: Magnus Klaue & Phil­ipp Lenhard

Wer einen genauen Blick auf die welt­wei­ten Auf­wal­lun­gen wirft, erkennt zwei Pro­test­for­men: Die einen schnap­pen sich ihre Schlaf­sä­cke und cam­pie­ren auf öffent­li­chen Plät­zen, die ande­ren bin­den sich Taschen­tü­cher vors Gesicht und zie­hen mehr zer­stö­rend als plün­dernd durch die Städte. Diese bei­den Vari­an­ten der Erhe­bung schei­nen für eine jeweils unter­schied­li­che Kli­en­tel zu ste­hen: In der Beset­zung des öffent­li­chen Raums spie­geln sich die Abstiegs­ängste der Mit­tel­schich­ten. Hier zie­hen die­je­ni­gen auf die Straße, die noch etwas zu ver­lie­ren haben. Sie signa­li­sie­ren durch ihre Pro­test­form, dass sie zu blei­ben geden­ken. Auf der ande­ren Seite ste­hen jene, die nicht mehr abstei­gen kön­nen. Da sie nichts mehr zu ver­lie­ren haben, zer­stö­ren sie blind­wü­tig alles, was ihnen in den Weg kommt: sowohl das, was sie selbst nicht mehr ertra­gen, als auch das, was uner­reich­bar für sie ist.

Magnus Klaue ist freier Autor und schreibt regel­mä­ßig für Baha­mas, Jungle World und Kon­kret. Phil­ipp Len­hard ist freier Autor und Redak­teur der Zeit­schrift Prodomo.

Podium 2: Pro­jek­tion und Pra­xis (14.30 – 16.00 Uhr)
Refe­ren­ten: Harald Jür­gen Funke & Anja Finow

Abge­se­hen von den Pro­tes­ten gegen Stutt­gart 21 und ähn­li­che Pro­jekte ist der welt­weite Auf­stand in zwei­fa­cher Weise in Deutsch­land ange­kom­men. Auf der einen Seite legt die linke und links­li­be­rale Öffent­lich­keit eine Begeis­te­rung für die Demons­tra­tio­nen in Kairo, Istan­bul oder Athen an den Tag, als würde dort für die ori­gi­nä­ren Inter­es­sen des hie­si­gen wut­bür­ger­li­chen Mit­tel­stands auf die Straße gegan­gen. Auf der ande­ren Seite schei­nen die Krise und die Auf­stände dafür zu sor­gen, dass ver­mehrt Asyl­be­wer­ber und Arbeits­mi­gran­ten den Weg nach Deutsch­land fin­den. Gegen die­sen Zuzug fin­den ins­be­son­dere im Osten der Repu­blik längst Mini-Aufstände statt, die sich in vie­ler­lei Hin­sicht von den Ereig­nis­sen der 1990er Jahre unter­schei­den und es genau aus die­sem Grund rat­sam erschei­nen las­sen, den Zustand der Repu­blik noch ein­mal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Harald Jür­gen Funke ist Redak­teur der Zeit­schrift Bon­jour Tris­tesse. Anja Finow spricht als Ver­tre­te­rin der AG „No Tears for Krauts“.

Podium 3: Ges­tern und Mor­gen (16.30 – 18.00 Uhr)
Refe­ren­ten: Jan-Georg Ger­ber & Jus­tus Wertmüller

Die Gegen­wart ver­än­dert nicht allein die Zukunft, son­dern auch die Ver­gan­gen­heit: Der Anfang ist immer über das Resul­tat ver­mit­telt. So geben die der­zei­ti­gen Pro­teste nicht nur einen Vor­ge­schmack dar­auf, was hier­zu­lande droht, wenn sich die Krise aus­wei­tet: ein wil­des Hauen und Ste­chen, der Rück­wurf auf Clan­struk­tu­ren, die sowohl fami­liär als auch regio­nal oder beruf­lich sein kön­nen, und eine Elends­selbst­ver­wal­tung wie sie etwa auf dem Tahrir-Platz beob­ach­tet wer­den konnte, wo Fuß­ballhoo­li­gans über Ord­nung, Sau­ber­keit und die kor­rekte Ent­sor­gung der Fäka­lien wach­ten. Zugleich legen die ste­ti­gen Ver­glei­che mit der Revolte von 1968 nahe, dass sich auch damals ganz andere his­to­ri­sche Trieb­kräfte Gel­tung ver­schaff­ten als von den Paro­len der Pro­test­be­we­gung nahe­ge­legt wurde: Trieb­kräfte, die mög­li­cher­weise denen ähneln, wel­che die Men­schen heute welt­weit auf die Stra­ßen und Plätze strö­men lassen.

Jan-Georg Ger­ber schreibt u.a. für Baha­mas und Jungle World. Jus­tus Wert­mül­ler ist Redak­teur der Zeit­schrift Bahamas.

Eine Ver­an­stal­tung der AG Antifa im Stura der Uni Halle.
http://antifa.uni-halle.de/

Wei­tere Infor­ma­tio­nen:
https://www.facebook.com/agantifaschismus