Das Nachleben des Nationalsozialismus | Konferenz der AG Antifa Halle

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Das Nach­le­ben des Natio­nal­so­zia­lis­mus, Kon­fe­renz der AG Antifa Halle

Ein­la­dung zur Kon­fe­renz der AG Antifa am 5.12.2015 Halle (Saale)

Satur­day, Decem­ber 5 at 1:00pm
Burse zur Tulpe, Uni­ver­si­täts­platz Halle

Das Nach­le­ben des Nationalsozialismus.
Kon­fe­renz der AG Antifa

70 Jahre nach Kriegs­ende: Die alten Nazis, die das öffent­li­che Leben der Bun­des­re­pu­blik lange präg­ten, sind tot, die Staats­dok­trin heißt Anti­fa­schis­mus. So gilt der 8. Mai 1945 den Deut­schen längst nicht mehr als Datum der Nie­der­lage, son­dern als Tag der Befrei­ung. Die Bun­des­kanz­le­rin nutzte jüngst selbst ihre Neu­jahrs­an­spra­che, um zum Kampf gegen Neo­na­zis und andere tat­säch­lich oder ver­meint­lich Ewig­gest­rige auf­zu­ru­fen. Hun­dert­tau­sende folg­ten ihrem Appell und gin­gen gegen Pegida und Co. auf die Straße. Wer die aus­län­der­feind­li­chen Auf­wal­lun­gen der letz­ten Monate, so wider­wär­tig sie auch sind, vor die­sem Hin­ter­grund zu Vor­bo­ten eines neuen ’33 erklärt, tut das, was den Kon­ser­va­ti­ven oft von lin­ker Seite vor­ge­wor­fen wurde: Er rela­ti­viert den Nationalsozialismus.

Eine ähn­li­che Ver­harm­lo­sung betrei­ben auch die­je­ni­gen, die die gegen­wär­tige deut­sche Außen­po­li­tik immer nur mit der des „Drit­ten Rei­ches“ asso­zi­ie­ren. Die Impe­ra­tive, die in der eins­ti­gen Reichs­haupt­stadt in inter­na­tio­na­ler Hin­sicht for­mu­liert wer­den, hei­ßen nicht mehr Erobe­rungs­wil­len und Kamp­fes­mut, son­dern Frie­dens­stif­tung und Aus­gleich. Die Bun­des­re­pu­blik steht dem­ent­spre­chend, wie vor eini­ger Zeit ermit­telt wurde, auf dem ers­ten Platz der Län­der, die welt­weit das größte Anse­hen und die größ­ten Sym­pa­thien genießen.

Aus all die­sen Grün­den stellt sich eine Reihe von Fra­gen: Lässt sich 70 Jahre nach dem Unter­gang des „Drit­ten Rei­ches“ und 25 Jahre nach dem Ende der Nach­kriegs­ord­nung noch von jenem Nach­le­ben des Natio­nal­so­zia­lis­mus in der Demo­kra­tie spre­chen, das Theo­dor W. Adorno einst für gefähr­li­cher hielt als gegen sie gerich­tete Bestre­bun­gen? Was hat sich im Ver­hält­nis von Kon­ti­nui­tät und Bruch, das die Bezie­hung der Bun­des­re­pu­blik zum NS-Staat ein­mal bestimmte, ver­än­dert? In wel­chem Ver­hält­nis steht das neue Deutsch­land, das sich modern, welt­of­fen und geschichts­be­wusst gibt, also zum Natio­nal­so­zia­lis­mus? Und was hat sich am deut­schen Blick auf die Ver­gan­gen­heit ver­än­dert? Die­sen Fra­gen soll auf drei Podien nach­ge­gan­gen werden.

Podium 1: 13:00–14:30 Uhr
Natio­nal­so­zia­lis­mus – Das Ende der Geschichte
Robert Zwarg (Leip­zig) fragt ange­sichts inter­es­sier­ter Miss­ver­ständ­nisse: War der Natio­nal­so­zia­lis­mus ein Nationalismus?
Jan-Georg Ger­ber (Halle) stellt Natio­nal­so­zia­lis­mus und Sta­li­nis­mus gegen­über, um den Begriff der NS-Herrschaft zu schär­fen: Will­kür und Kalkül.

Podium 2: 15:00–16:30 Uhr
Erin­ne­rung – Ger­man Gedenken
Jan Sin­ger (Ber­lin)
führt aus, warum die Erin­ne­rung an den Holo­caust und das Geden­ken an das Lei­den der Wehr­machts­sol­da­ten so gut zuein­an­der pas­sen: Unsere Opfer, unsere Täter.
Jus­tus Wert­mül­ler (Ber­lin) kri­ti­siert die anti­deut­sche Feld-, Wald– und Wie­sen­auf­fas­sung des Natio­nal­so­zia­lis­mus: Von der Kri­tik zur Parole.

Podium 3: 17:00–18:30 Uhr
Post­na­zis­mus – Past and Present
Johan­nes Alberti (Halle) fragt, was im Kar­ne­val der Kul­tu­ren an die Stelle der auto­ri­tä­ren Per­sön­lich­keits­struk­tur getre­ten ist: Wo wohnt eigent­lich der auto­ri­täre Charakter?
Uli Krug (Ber­lin) fragt, was aus der mobi­li­sier­ten Gesell­schaft gewor­den ist: Demo­kra­ti­sche Volks­ge­mein­schaft revisited.

antifa.uni-halle.de

facebook.com/agantifaschismus

Was heißt Antifaschismus heute?

Anläss­lich ihres 20. Jubi­lä­ums stellte die AG Antifa die Frage, was Anti­fa­schis­mus in den gegen­wär­ti­gen Ver­hält­nis­sen bedeu­tet. Wir doku­men­tie­ren den ers­ten Teil der auf einer Ver­an­stal­tung gehal­te­ne­nen Beiträge.

Der fol­gende ist neben Bei­trä­gen der AG Antifa (Halle) und Jörg Folta (Beat­club Des­sau) erschie­nen in: Bon­jour Tris­tesse #19 (Herbst 2015)

AG »No Tears for Krauts« (Halle)
Wenn ich mich heute zur Frage »Was heißt Anti­fa­schis­mus heute?« äußern soll, muss ich sagen, dass mir das schwer fällt. Die AG »No Tears for Krauts« war nie eine Antifa-Gruppe und sie wird es auch nie sein. Zwar haben wir nichts dage­gen, wenn Nazis das Leben schwer gemacht wird. Skur­ri­ler­weise küm­mern sich die Nokrauts sogar inten­si­ver um so etwas als viele tra­di­tio­nelle linke Grup­pen oder Cli­quen in Halle, die ihren Anti­fa­schis­mus wie eine Bil­lig­fu­sel­fahne vor sich her­tra­gen. An Pro­tes­ten gegen Nazi­auf­mär­sche haben wir uns – zumin­dest in Halle – eben­falls immer wie­der betei­ligt. Das alles pas­sierte aller­dings stets eher lust­los. Einer­seits ist uns klar, dass die Nazis auf die Mappe ver­dient haben und ihnen kein Erfolg zu gön­nen ist. Ande­rer­seits war es uns immer suspekt, mit SDAJ, PDS, OB und Co. an einem anti­fa­schis­ti­schen Image für Halle zu stricken.
Der Haupt­grund dafür, dass wir uns nicht als Antifa-Gruppe ver­ste­hen, ist jedoch der, dass mitt­ler­weile jeder, von der Oder bis zum Rhein, von Gar­misch bis nach Flens­burg, ein Anti­fa­schist ist. Der Begriff unter­liegt seit 1945 einer gro­ßen, seit 2000 einer rie­si­gen Infla­tion. Mit »Anti­fa­schis­mus« kann heut­zu­tage alles gerecht­fer­tigt wer­den: Der nach wie vor kri­tik­wür­dige Jugo­sla­wi­en­krieg der rot-grünen Regie­rung wurde mit der Begrün­dung ange­zet­telt, ein neues Ausch­witz ver­hin­dern zu wol­len. Die Betei­li­gung am nach wie vor ver­nünf­ti­gen Irak­krieg wurde wie­derum mit anti­fa­schis­ti­schen Argu­men­ten abge­lehnt. Man habe ja schließ­lich aus der eige­nen Nazi-Vergangenheit gelernt. Auch im inter­na­tio­na­len Maß­stab ist »Anti­fa­schis­mus« jeder­zeit als All­zweck­waffe ein­setz­bar: Russ­land und Ukraine beschimp­fen sich im aktu­el­len Kon­flikt gegen­sei­tig als »Faschis­ten«, wes­halb es anti­fa­schis­ti­sche Pflicht sei, den Geg­ner mög­lichst effek­tiv plattzumachen.
Diese Infla­tio­nie­rung des Begriffs zeigte sich letzt­lich bereits bei dem Ereig­nis, das in gewis­ser Weise den Aus­schlag für die Grün­dung von »No Tears for Krauts« gab. Da heute alle Geschich­ten von frü­her erzäh­len, tun wir das auch: Die Neue Auto­nome Gruppe Halle – Abkür­zung NAG –, die mehr oder weni­ger die direkte Vor­gän­ger­gruppe der AG »No Tears for Krauts« war, ver­stand sich um die Jahr­tau­send­wende als Teil der Antiglo­ba­li­sie­rungs­be­we­gung. Sie war irr­sin­ni­ger­weise darum bemüht, inner­halb der radi­ka­len Lin­ken zu agie­ren, die Antiglo­ba­li­sie­rungs­be­we­gung von innen her­aus zu kor­ri­gie­ren und in die rich­ti­gen Bah­nen zu len­ken, um schließ­lich die Revo­lu­tion zu machen. Noch 2001 tobte sich die NAG bei den Stra­ßen­schlach­ten im Rah­men der soge­nann­ten Antiglo­ba­li­sie­rungs­pro­teste in Prag und Göte­borg aus. Auf der Bus­fahrt nach Schwe­den knüpf­ten wir übri­gens (als klei­ner Schwank am Rande) erste Kon­takte zur Vor­gän­ger­gruppe der heu­ti­gen ADAB, die sich damals eben­falls als Teil der No-Globals ver­stand. Wäh­rend die Ber­li­ner Genos­sen eher mit dem Umkip­pen von Dixie-Klos beschäf­tigt waren, erklärte ein nicht ganz unbe­kann­tes NAG-Mitglied ver­mummt und in einem brei­ten hal­li­schen Eng­lisch einem TV-Team – das Video gibt es noch irgendwo im Netz –, dass wir selbst­ver­ständ­lich keine »small shops« plün­dern wür­den, son­dern »only big companies«.
Als die NAG ein Jahr spä­ter bei den Pro­tes­ten gegen ein EU-Treffen in Kopen­ha­gen ein Trans­pa­rent gegen Anti­se­mi­tis­mus und Anti­zio­nis­mus zeigte, wurde sie mehr­fach gewalt­sam daran gehin­dert, Kri­tik am äußerst mani­fes­ten Anti­se­mi­tis­mus in die glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­sche Bewe­gung zu tra­gen. Die Begrün­dung war: Israel sei ein Faschis­ten­staat und wir wären Nazis, da wir uns nicht gegen den jüdi­schen Staat stel­len wür­den. Mit Ereig­nis­sen wie die­sem sowie den Reak­tio­nen der No-Globals auf 9/11 wurde der Glaube der NAG bla­miert, die Bewe­gung von innen auf einen ver­nünf­ti­gen Weg brin­gen zu kön­nen. Es setzte sich immer mehr die Ein­sicht durch, dass von der deut­schen und der inter­na­tio­na­len Lin­ken nichts zu erwar­ten ist.
Als wir kurz dar­auf schließ­lich die AG »No Tears for Krauts« grün­de­ten, ging es von Anfang an darum, dort Unruhe rein­zu­brin­gen, wo sich die Deut­schen beson­ders gemüt­lich ein­ge­rich­tet haben. Im Unter­schied zu lin­ken Uni-Gruppen, deren lang­wei­lige Vor­trags­ver­an­stal­tun­gen so etwas wie der zweite Bil­dungs­weg für die zu kurz Gekom­me­nen des aka­de­mi­schen Betriebs sind, war und ist sich die »No Tears for Krauts« auch nie zu fein dafür, die offene Kon­fron­ta­tion zu suchen. Immer dann, wenn sich die Lands­leute beson­ders einig sind, guckt die NTFK gerne ganz genau hin und haut auf den Tisch. Neben »Kin­der­schän­dern« oder US-Kriegen gehö­ren längst auch die Nazis zu den klas­si­schen Feind­bil­dern der Deut­schen. Diese häu­fig kam­pa­gnen­ar­ti­gen Mobi­li­sie­run­gen gegen die neuen Volks­feinde – mal auf regio­na­ler, mal auf Bun­des­ebene – zei­gen ein Bedürf­nis der Deut­schen nach Masse und vor allem nach Hetze gegen Feind­bil­der. Gegen diese Zusam­men­rot­tun­gen ver­such­ten und ver­su­chen wir mit unse­ren äußerst begrenz­ten Mög­lich­kei­ten zu inter­ve­nie­ren. So unter­stütz­ten wir bei­spiels­weise die Demo im nord-sachsen-anhaltinischen Insel gegen eine Meute aus Anwoh­nern, die zwei zuge­zo­gene Män­ner lyn­chen woll­ten, die ihre Haft­stra­fen wegen Ver­ge­wal­ti­gung abge­ses­sen hat­ten. Und vor weni­gen Mona­ten betei­lig­ten wir uns an einer Demons­tra­tion gegen die Roma-Hetze in der Sil­ber­höhe. Auch hier eine kleine Skur­ri­li­tät am Rande: viele Anti­fa­schis­ten und Linke aus Halle, die sonst keine Gele­gen­heit aus­las­sen, ihre Geg­ner­schaft zu Ras­sis­mus kund­zu­tun, blie­ben der Demons­tra­tion in einem der fins­ters­ten Orte Ost­deutsch­lands fern.
Beson­de­res Augen­merk rich­tet die AG »No Tears for Krauts« dabei auf die Linke. Vor allem für Halle gilt: Wenn sich irgendwo zehn Linke über eine Sache einig sind und sich dabei »wohl­füh­len«, kann man sich sicher sein, dass wir etwas daran aus­zu­set­zen haben. Diese (nen­nen wir es libi­di­nöse) Bin­dung an die Linke hat zwei Gründe. Einer­seits kom­men die meis­ten von uns selbst aus der Lin­ken und haben frü­her, wie das Bei­spiel der NAG zeigt, fast jeden Mist mit­ge­macht. Gerade weil wir selbst klü­ger gewor­den sind und uns kei­nes­wegs für Aus­ge­bur­ten von Hyper­in­tel­li­genz hal­ten, glau­ben wir, dass auch andere klü­ger wer­den und mit dem lin­ken Unfug bre­chen kön­nen. Ein­sich­ten sind ja schließ­lich keine Frage des IQ oder Schul­ab­schlus­ses son­dern der Bereit­schaft zu Refle­xion und Erfah­rung. Zum ande­ren kri­ti­sie­ren wir die Linke vor allem wegen ihrer Avant­gar­de­funk­tion für den Main­stream. Ver­meint­li­che kri­ti­sche Soli­da­ri­tät mit Israel, die angeb­li­che beson­dere Ver­ant­wor­tung der Deut­schen für die Juden, der Gen­der­quatsch und der kul­tu­ra­li­sie­rende Anti­ras­sis­mus, die längst in den Unis ange­kom­men sind, waren frü­her rand­stän­dige linke Erschei­nun­gen, die sich inzwi­schen alle­samt gesell­schaft­lich durch­ge­setzt haben. Dass die Kri­tik an all die­sem Quark auf den Begriff des Anti­fa­schis­mus gebracht wer­den kann, darf aller­dings bezwei­felt werden.

Schlachtrufe Tröglitz

Kurzmitteilung

Schlacht­rufe Tröglitz
Nach­trag zu eini­gen Demonstrationsparolen

Am 1. Mai führte ein anti­fa­schis­ti­sches Bünd­nis aus Halle eine Demons­tra­tion in Tröglitz durch, einem Nest im Süden Sachsen-Anhalts. Zum einen rich­tete sie sich gegen die wider­li­chen Zustände vor Ort, wo Aggres­sion und Hass zum Kul­tur­erbe gehö­ren und im kon­kre­ten Fall sich in der Auf­leh­nung gegen den Beschluss des Bun­des­lan­des Sachsen-Anhalt äußerte, Flücht­linge in die­sem Dorf unter­zu­brin­gen. Zugleich wandte sich die Demons­tra­tion gegen jene, die Flücht­linge in der­art ver­wahr­los­ten Gegen­den unter­brin­gen wol­len. Dem Auf­ruf folg­ten circa 240 Per­so­nen. Doch man­che Demo­pa­role ließ ver­mu­ten, dass die­ser gar nicht von allen Teil­neh­mern zur Kennt­nis genom­men wurde.
Die Sprech­chöre, von denen hier die Rede ist, gehö­ren lan­des­weit zum Inven­tar von Antifa– und Anti­ra­de­mos. Bereits diese Tat­sa­che legt eine gewisse Belie­big­keit nahe. Kaum jemand schert sich darum, ob deren Aus­sage über­haupt dem Gegen­stand der Demons­tra­tion ange­mes­sen ist. Wich­tigs­tes Kri­te­rium der Paro­len scheint viel­mehr zu sein, dass der ganze Demons­tra­ti­ons­zug laut­hals mit­schal­lern kann.
Exem­pla­risch hier­für steht der Schlacht­ruf »Natio­na­lis­mus raus aus den Köp­fen«. Zur Kri­tik der Ver­hält­nisse in Tröglitz ist er nur wenig geeig­net. Denn was in die­sem Dorf vor sich geht, ist mit dem Begriff Natio­na­lis­mus nur unzu­tref­fend beschrie­ben. Bezugs­punkt des gegen­wär­ti­gen Zusam­men­rü­ckens ist nicht die Nation, son­dern allen­falls die Dorf­ge­mein­schaft. Und auch deren Klam­mer ist allein der Hass auf den gemein­sa­men Feind: die frem­den Neu­an­kömm­linge. Aus die­sem Grund besitzt die auf­blit­zende Gemein­schaft nur eine geringe Halb­wert­zeit. Spä­tes­tens wenn das ver­bin­dende Thema aus dem Fokus gerät, wer­den die Dörf­ler wie­der über­ein­an­der her­fal­len, um sich beim nächs­ten Fuß­ball­spiel gegen das Nach­bar­dorf, anläss­lich des Mob­bings gegen den Dorf­trot­tel oder bei der nächs­ten Knei­pen­schlä­ge­rei in neuer Kon­stel­la­tion zusam­men­zu­rot­ten. Sol­chen Zusam­men­schlüs­sen fehlt die Kon­stanz und sie flie­gen so schnell wie­der aus­ein­an­der, wie sie ent­stan­den sind. Dazwi­schen wer­den die Nach­barn mit Feind­se­lig­keit und Miss­gunst über­säht. Betrach­ten klas­si­sche Natio­na­lis­ten zumin­dest die Ange­hö­ri­gen einer Nation als Glei­che unter Glei­chen, heißt es in Tröglitz alle gegen alle. Wie schon im Rede­bei­trag der AG »No Tears For Krauts« erläu­tert, ist der Grund dafür gerade in der Ferne staat­li­cher Insti­tu­tio­nen zu fin­den. Sie sind ver­mit­telnde Instanz zwi­schen den Ein­zel­nen und hal­ten deren unge­hemmte Triebe im Zaum. Dem gemei­nen Tröglit­zer jedoch ist die Ver­mitt­lung ebenso fremd wie unlieb­sam. Anstatt eines Hohe­lie­des auf die Nation hört man aus Tröglitz das täg­li­che Wet­tern gegen die Insti­tu­tio­nen und die Ver­fas­sung der Bun­des­re­pu­blik. Zusam­men­ge­fasst: In Tröglitz ist weni­ger ein klas­si­scher Natio­na­lis­mus zu beob­ach­ten, son­dern viel­mehr des­sen Verfallsprodukt.
Wenn nun einige Demons­tra­ti­ons­teil­neh­mer nicht imstande sind, den Gescheh­nis­sen in Tröglitz einen brauch­ba­ren Namen zu geben, so liegt das nicht allein in der all­ge­mei­nen Unzu­läng­lich­keit von Demo­schlacht­ru­fen begrün­det. Sie geht ein­her mit der Unfä­hig­keit, die Ver­hält­nisse auf einen Begriff zu brin­gen. Tat­säch­lich haben große Teile der Lin­ken nur eine äußerst vage Vor­stel­lung von Nation und Natio­na­lis­mus. Den Spruch »Natio­na­lis­mus raus aus den Köp­fen« bekom­men die Tröglit­zer darum ebenso zu hören, wie klas­si­sche Neo­na­zis oder die Anhän­ger des Zio­nis­mus. Die skiz­zierte Begriffs­stut­zig­keit gip­felt in einer skan­da­lö­sen Parole, die eine Ana­lo­gie zwi­schen den Todes­zü­gen nach Ausch­witz und den Abschie­bun­gen von Flücht­lin­gen zieht: »Mord, Fol­ter, Depor­ta­tion – Das ist deut­sche Tra­di­tion«. Vor lau­ter Unwil­len, zwi­schen Natio­nal­so­zia­lis­mus und post­fa­schis­ti­scher Bun­des­re­pu­blik zu unter­schei­den, mer­ken die grö­len­den Anti­fa­schis­ti­schen anschei­nend gar nicht, wie sie neben­bei und den­noch unver­blümt den Holo­caust verharmlosen.
Bezeich­nend ist in dem Zusam­men­hang auch der Mobi­li­sie­rungs­er­folg bei der Demons­tra­tion in Tröglitz. Folg­ten dem Auf­ruf trotz wid­ri­ger Anrei­se­be­din­gun­gen – in Tröglitz gibt es kei­nen Bahn­hof – an einem 1.Mai immer­hin 240 Demons­tran­ten, kamen zu einer ähn­li­chen Demons­tra­tion in Insel vor etwa 3 Jah­ren, die eben­falls von einem anti­fa­schis­ti­schen Bünd­nis aus Halle orga­ni­siert wurde, kaum 100 Leute. Dabei war die Situa­tion durch­aus ver­gleich­bar: In bei­den Dör­fern for­mierte sich der Dorf­mob gegen ein paar Neu­an­kömm­linge, denen nach­ge­sagt wurde, den Dorf­frie­den zu stö­ren. Doch wäh­rend es sich bei den Neu­an­kömm­lin­gen in Tröglitz um Flücht­linge han­delt, wur­den in Insel zwei ehe­ma­lige Sexu­al­straf­tä­ter als Stö­ren­friede aus­ge­macht. In letz­te­rem Falle wäre man mit den klas­si­schen lin­ken Erklä­rungs­ver­su­chen und Paro­len nicht wei­ter­ge­kom­men. Der Vor­wurf des Natio­na­lis­mus hätte sich in Insel ganz offen­kun­dig selbst bla­miert. Die übli­chen Ver­däch­ti­gen aus Antira– und Anti­fa­krei­sen lie­ßen sich des­halb gar nicht erst blicken.

AG »No Tears for Krauts«

erschienen in: Bonjour Tristesse #19 (Herbst 2015)

Was heißt: „Raus aus der Scheiße“?

Rede­bei­trag von „No Tears for Krauts“ Halle zur Demons­tra­tion „Raus aus der Scheiße, rein in die Stadt – Tröglitz denen, die’s ver­die­nen“ am 1. Mai 2015 in Tröglitz.

Liebe Freun­din­nen, Freunde, Genos­sin­nen und Genossen,

die Ein­ge­bo­re­nen schei­nen uns nicht zuhö­ren zu wol­len, darum eine Anspra­che nur an Euch: Ange­sichts der Ver­hält­nisse hier im Bur­gen­land­kreis müsste man eigent­lich for­dern: „Bring back the State!“ Denn Ereig­nisse und Zustände wie in Tröglitz gehen nicht zuletzt auf einen fast voll­stän­di­gen Rück­zug des Staa­tes und sei­ner Insti­tu­tio­nen zurück. Die nächste Schule, die nächste Poli­zei­sta­tion und das nächste Amt sind oft kilo­me­ter­weit ent­fernt, admi­nis­tra­tive Auf­ga­ben wer­den schon seit Jah­ren (wenn über­haupt) bes­ten­falls auf Ehren­amts­ba­sis erle­digt. Anders als unsere anar­chis­ti­schen Genos­sen glau­ben, erwächst aus dem Rück­zug des Staa­tes aller­dings lei­der nicht der Him­mel auf Erden – zumin­dest nicht unter den gegen­wär­ti­gen Umstän­den. Son­dern es ent­steht das Gegen­teil, es ent­steht ein neuer Natur­zu­stand, in dem alle gegen alle kämp­fen oder die stärkste Horde über die Schwä­che­ren herfällt.
Wir wis­sen selbst­ver­ständ­lich, dass der Staat Bar­ba­ren nicht unbe­dingt in bes­sere Men­schen ver­wan­delt: Auch wir hat­ten Geschichts­un­ter­richt. Aber wir wis­sen, dass die Anwe­sen­heit von Dorfs­he­riffs und Beam­ten, die qua Dienst­ver­hält­nis noch ande­ren Instan­zen als der Dorf­ge­mein­schaft ver­pflich­tet sind, gele­gent­lich eine gewisse Mäßi­gung bewir­ken kön­nen. Und wir wis­sen, dass die lang­wie­ri­gen Ent­schei­dungs­fin­dungs­pro­zesse der par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie Emo­tio­nen abküh­len las­sen kön­nen: Wenn eine Ent­schei­dung ansteht, ist die auf­ge­hitzte Stim­mung, die hier­zu­lande fast immer auf die For­de­rung „Rübe run­ter!“ hin­aus­läuft, in der Regel schon vor­bei. Das gilt zumin­dest dann, wenn der Staat und seine media­len Vor­feld­or­ga­ni­sa­tio­nen zumin­dest dem Ton nach offen gegen Ras­sis­mus, Lynch­jus­tiz und Heu­ga­bel­meu­ten auf­tre­ten, wie es der­zeit der Fall ist. Die bun­des­weite Empö­rung über Tröglitz ist Aus­druck die­ser Politik.
Trotz­dem funk­tio­niert die Tren­nung zwi­schen Mob und Staat, zwi­schen der Bar­ba­rei des fla­chen Lan­des und der Stadt­luft, die frei macht, nicht voll­kom­men. Auch das zeigt nicht nur die Geschichte, son­dern auch die beliebte Pra­xis, Asyl­be­wer­ber aus­ge­rech­net in gott­ver­las­se­nen Gegen­den wie dem Bur­gen­land­kreis unter­zu­brin­gen. Denn auch wenn sich die Ver­tre­ter des neuen Deutsch­lands welt­of­fen und anti­ras­sis­tisch geben, wol­len sie mit den Flücht­lin­gen, die hier ankom­men, nicht viel zu tun haben. In Orten wie Tröglitz ist die Unter­brin­gung nicht nur bil­lig, son­dern die poli­ti­sche Klasse und der sie tra­gende Teil des Mit­tel­stands wer­den auch nicht per­ma­nent mit dem kon­fron­tiert, was unter den gege­be­nen Ver­hält­nis­sen alle fürch­ten: Degra­die­rung und sozia­ler Abstieg.
Das Wich­tigste aber ist: Die Vor­aus­set­zung dafür, dass sich Angela Mer­kel und Frank Wal­ter Stein­meier, Gün­ther Jauch und Oli­ver Welke, Der Spie­gel und Die Zeit über Bar­ba­ren­kol­lek­tive wie in Tröglitz, Wut­bür­ger wie in Schnee­berg oder Pegida-Ossis wie in Dres­den empö­ren kön­nen, ist das täg­li­che Ver­re­cken im Mit­tel­meer. Das euro­päi­sche Grenz­re­gime ist die Vor­aus­set­zung dafür, dass es hier­zu­lande trotz Tröglitz und Pegida immer noch halb­wegs fried­lich zugeht und das soziale Sys­tem nicht kol­la­biert: Die Finanz­krise und der Staats­bank­rott in Grie­chen­land haben gezeigt, dass eine Natio­nal­öko­no­mie nicht unend­lich belast­bar ist. Wenn die Zahl der Asyl­be­wer­ber in der Bun­des­re­pu­blik dage­gen exor­bi­tant stei­gen würde, wenn die deut­sche Volks­wirt­schaft nicht mehr dazu in der Lage wäre, für die armen Schlu­cker zu sor­gen, und wenn sich die Krise in finan­zi­el­ler Hin­sicht stär­ker aus­wir­ken würde als bis­her, dann könn­ten auch die­je­ni­gen Gefal­len an der Parole „Aus­län­der raus!“ fin­den, die sich zur Zeit noch über die hin­ter­wäld­le­ri­schen Aus­län­der­feinde in Tröglitz empö­ren. Trotz der regel­mä­ßi­gen Skan­dale wer­den die zustän­di­gen Minis­ter der EU-Staaten darum auch wei­ter­hin am euro­päi­schen Grenz­re­gime fest­hal­ten. Das tun sie nicht weil sie schlechte Men­schen sind (das sind sie mög­li­cher­weise auch), son­dern das tun sie vor allem, weil sie mit Blick auf den inne­ren sozia­len und poli­ti­schen Frie­den in ihren Län­dern nicht anders kön­nen – zumin­dest nicht unter den gegen­wär­ti­gen Umständen.
Die Ereig­nisse der letz­ten Monate sind inso­fern ein Lehr­stück in Sachen Kapi­ta­lis­mus­kri­tik. Sie zei­gen, dass die Rede von der gesell­schaft­li­chen Tota­li­tät etwas ande­res ist als eine aka­de­mi­sche Locke­rungs­übung. Das soll hei­ßen, die ein­zige ver­nünf­tige Ant­wort auf die soge­nannte Flücht­lings­frage, die der­zeit von Lam­pe­dusa bis Tröglitz gestellt wird, wäre – um es prä­zise, dif­fe­ren­ziert und sach­lich mit Marx aus­zu­drü­cken – die Abschaf­fung der „gan­zen alten Scheiße“ (MEW irgendwo). Diese Erkennt­nis ist natür­lich durch und durch unbe­frie­di­gend, weil sie wenig bis gar nichts nutzt. So ist weder eine Bewe­gung in Sicht, die an die Stelle des Alten etwas ande­res set­zen will als das Hauen und Ste­chen post­in­dus­tri­el­ler Was­te­lands à la Tröglitz, Cara­cas oder Gaza. Noch gibt es einen poten­ti­el­len sozia­len Trä­ger, der diese Auf­gabe über­neh­men würde. Das Pro­le­ta­riat, in das zwei Phi­lo­so­phie­stu­den­ten aus dem 19. Jahr­hun­dert ihre gro­ßen Hoff­nun­gen setz­ten, bewegt sich zumin­dest heute eher außer­halb als inner­halb der Demons­tra­tion. Die weni­gen Aus­nah­men bestä­ti­gen nur die Regel.
Wenn wir den Flücht­lin­gen mehr als warme Worte zukom­men las­sen wol­len, bleibt uns aus die­sem Grund nicht viel ande­res übrig, als zu for­dern: „Raus aus der Scheiße, rein in die Stadt!“ Genauer: Dezen­trale Unter­brin­gung von Flücht­lin­gen in einem lebens­wer­ten Vier­tel der Groß­stadt ihrer Wahl. Und auch das klingt, ehr­lich gesagt, schon ziem­lich utopisch.

No Tears for Krauts, 1. Mai 2015 (nokrauts.org)