Never trust a Hippie!

Wer Daniel Kulla ein­lädt, scheut die Kon­fron­ta­tion und das Den­ken. Er will nur eins: dass sein klein­kind­li­cher Wunsch in Erfül­lung geht und „jede*r sich wohlfühlt“.

Wer die AG No Tears for Krauts kennt, der weiß: Sie ist sich nicht zu schade, sich auch den arm­se­ligs­ten und unbe­deu­tends­ten Figu­ren zu wid­men und ihnen die ersehn­ten drei Minu­ten Auf­merk­sam­keit zu schen­ken. Immer­hin sind es oft weni­ger die Klu­gen, Rei­chen und Schö­nen, an denen sich die neu­es­ten Ten­den­zen des uni­ver­sel­len Ver­blö­dungs­zu­sam­men­han­ges als ers­tes able­sen las­sen, als ihr Gegen­teil, sprich: die Daniel Kul­las die­ser Welt. Gestal­ten wie der musi­zie­rende Vor­trags­rei­sende Kulla, der zu den Dau­er­gäs­ten des hal­li­schen Jugend­zen­trums Reil­straße 78 gehört, kön­nen nicht per­sön­lich belei­digt wer­den, weil sie durch und durch Abzieh­bild ihrer Umge­bung sind. Jede Aus­sage über Kulla ist eine Aus­sage über sein Umfeld, sein Publi­kum und die­je­ni­gen, die ihn zu den bei­den immer­glei­chen Vor­trä­gen – „Ent­schwö­rungs­theo­rie“ und irgend­was mit Dro­gen – einladen.

Die Wohl­fühl­linke

Wären sie nicht so eklig, könn­ten einem die anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Tra­di­tio­na­lis­ten aus Mag­de­burg oder dem Ber­li­ner Jugend­zen­trum Lunte fast leid tun: Nie­mand mag sie, nie­mand außer einer Gruppe poli­ti­sie­ren­der Chrystal-Opfer aus der Knä­cke­brot­stadt Burg will etwas mit ihnen zu tun haben. Die Zeit, in der der auto­nome Anti­im­pe­ria­lis­mus und die damit ver­bun­dene Liebe zu den Völ­kern inner­halb der radi­ka­len Lin­ken ton­an­ge­bend waren, ist lange vor­bei. Fast scheint es, als hät­ten die Anti­deut­schen einen klei­nen Sieg errun­gen: So haben sich, wie Andreas Rühl vor eini­ger Zeit in der Bon­jour Tris­tesse schrieb, einige anti­deut­sche Grund­ideen so ver­all­ge­mei­nert, dass man in Tei­len der Lin­ken kaum noch jeman­den fin­det, der die Kri­tik des Anti­se­mi­tis­mus, den kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv nach Ausch­witz oder das Betrei­ben von Theo­rie nicht „irgend­wie wich­tig“ oder „inter­es­sant“ fin­det. Selbst Israel­fah­nen sor­gen bei lin­ken Demos kaum noch für grö­ßere Empörung.

Das Tra­gi­sche ist, wie Rühl eben­falls anmerkt: Die Kri­tik der deut­schen Ideo­lo­gie, sprich: des Gemein­schafts­kit­sches, des ein­fa­chen Lebens auf hei­mat­li­cher Scholle, der Gesin­nungs­ethik, der Ent­beh­rung usw., die der anti­deut­schen Soli­da­ri­tät mit Israel zugrunde lag, ist dabei fast voll­stän­dig unter­ge­gan­gen. An ihre Stelle ist eine große kleb­rige Sauce getre­ten, in der der tra­di­tio­nelle auto­nome Ges­tus, die alt­au­to­nome Rede von der „Defi­ni­ti­ons­macht“ und die links­al­ter­na­tive Bussi-Bussi-Stimmung mit anti­deut­schen Theo­rie­ver­satz­stü­cken ver­rührt wurden.

Die zen­trale Parole für diese Mischung aus Vokü und Edel­re­stau­rant, Club Mate und Mar­tini Supe­rior wurde auf den soge­nann­ten „Awareness“-Flyern des dies­jäh­ri­gen Stra­ßen­fes­tes der Reil­straße 78 ver­ewigt: Es geht darum, dass sich „jede*r wohl­füh­len kann“. So ist aus dem Kampf gegen das Schwei­ne­sys­tem das Ein­tre­ten für eine linke Wellness-Oase gewor­den, in der „jede*r“ sei­nem Hobby oder Spleen nach­ge­hen kann. Die einen pfle­gen ihren Vega­nis­mus, die ande­ren ihre Theo­rie­af­fi­ni­tät. Wie­der andere küm­mern sich um ihren Gen­der­fim­mel. Wich­tig ist nur, dass nie­mand sein Hobby zu ernst nimmt, weil der inner­linke Frie­den sonst gestört würde: Denn wer sich einer Sache ganz ver­schreibt, den drängt es gera­de­wegs dazu, den Kon­sens mit Leu­ten auf­zu­kün­di­gen, denen die Sache nichts, die Wohlfühl-Atmosphäre alles ist.

Gegen Ruhe­stö­rer!

Das ist der Grund, warum die tra­di­tio­nel­len Anti­deut­schen um die Baha­mas (und ganz all­ge­mein auch Pole­mik) oft auch dort unbe­liebt sind, wo man theo­re­ti­schen Refle­xio­nen, der Tra­di­tion der Auf­klä­rung oder der Isra­el­so­li­da­ri­tät eini­ges glaubt abge­win­nen zu kön­nen. Denn im Unter­schied zu Leu­ten wie Daniel Kulla, die sich selbst dann, wenn sie aus­nahms­weise ein­mal Kri­tik üben, im Vor­feld dafür ent­schul­di­gen und mit der Auf­for­de­rung ver­bin­den, „auf­ein­an­der auf­zu­pas­sen“ (classless.org), betrei­ben Baha­mas et al. Kri­tik rück­halt­los, ohne auf Anhän­ger­schaf­ten und Beliebt­heit zu schie­len. Anders als Aus­hilfs­he­do­nis­ten wie der dau­er­g­rin­sende Dany, die sich schlechte Dro­gen, noch schlech­tere Musik und den links­au­to­no­men Rin­gel­pietz in einen „Vor­schein“ des Kom­mu­nis­mus zurecht­lü­gen, weiß man auf den Baha­mas von der Enge, den Zumu­tun­gen und der Inzucht lin­ker „Frei­räume“. (Man weiß, dass Kul­las For­de­rung, sein „Leben als Gene­ral­probe für eine Welt zu leben, die irgend­wann viel­leicht tat­säch­lich nicht mehr so beschis­sen ist“, kein Aus­druck von Phan­ta­sie oder poe­ti­schem Kön­nen ist, son­dern übler Gesin­nungs­kitsch.) Und im Unter­schied zu den theo­re­ti­schen Fern­fucht­lern, die in Semi­nar­at­mo­sphäre über das Ver­hält­nis von Natur, Gesell­schaft und Korb­flecht­kunst „bei“ Adorno oder die künst­le­ri­sche Avant­garde der 1920er Jahre räson­nie­ren, haben die Baha­mas und ihre Freunde auch nicht den tra­di­tio­nel­len Dün­kel deut­scher Intel­lek­tu­el­ler, die sich vom „schmut­zi­gen“ Tages­ge­sche­hen fern­hal­ten und sich ver­meint­lich rein geis­ti­gen Din­gen wid­men. Den­ken wird viel­mehr als „praktisch-kritische Tätig­keit“ (Marx) ver­stan­den, das, weil es sich ernst nimmt, gemein, erpres­se­risch und damit zugleich: pole­misch auf­tritt. Kurz: Mit den tra­di­tio­nel­len Anti­deut­schen sind die linke Simu­la­tion der Regen­bo­gen­wiese und das Kuscheln am Lager­feuer nicht zu haben.

Die Untie­fen der Dialektik

Wer wie Daniel Kulla inner­halb die­ser Happy-Hippie-Linken etwas wer­den will, muss sich darum von Zeit zu Zeit von der Baha­mas dis­tan­zie­ren. Diese Dis­tan­zie­rung darf jedoch nicht zu vehe­ment aus­fal­len. Zum einen ist man auf­ge­klärt und will sich nicht mit ordi­nä­ren Anti­imps gemein machen. Zum ande­ren würde eine zu vehe­mente Kri­tik das linke Wohl­fühlkarma beschä­di­gen und die eigene Rolle als Everybody’s Dar­ling in Gefahr brin­gen. Das Zau­ber­wort, auf das Kulla bei sei­ner Baha­mas–Kri­tik zurück­griff, heißt „Dia­lek­tik“. Unter die­sem Begriff, der sich in theo­re­ti­sie­ren­den Jungakademiker-Kreisen wie­der gro­ßer Beliebt­heit erfreut, ver­ste­hen seine neu­es­ten Anhän­ger kaum mehr als die Gymnasiallehrer-Weisheit, dass eine Medaille zwei Sei­ten hat. Er ist ein Deck­be­griff für die eigene Angst davor, eine Saue­rei eine Saue­rei zu nen­nen und es sich mit irgend­je­man­dem zu ver­scher­zen. Der Baha­mas, so schrieb Kulla dem­ent­spre­chend, sei die Dia­lek­tik abhan­den gekom­men, die er selbst natür­lich aus dem Eff-Eff beherrscht. So ver­kün­dete er, dass die Zeit­schrift zwei­fel­los Ver­dienste habe: die Kri­tik des Anti­se­mi­tis­mus, die Ana­lyse des Post­na­zis­mus usw. Gegen die irrs­ten anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Anwürfe müsse sie darum ver­tei­digt wer­den. Auf­grund ihres Auf­tre­tens und ihrer pole­mi­schen Über­spit­zun­gen, so Kulla, habe die Baha­mas die ihr ent­ge­gen­ge­brach­ten Sym­pa­thien jedoch ver­spielt. Zwei Dinge stö­ren ihn beson­ders: Ers­tens ist er dar­über empört, dass die Redak­tion ange­sichts der Anschläge vom 11. Sep­tem­ber 2001 und der dies­be­züg­li­chen Begeis­te­rung in der isla­mi­schen Welt zwar selbst­ver­ständ­lich noch zwi­schen Mos­lems, die ein kon­fes­sio­nel­les Ver­hält­nis zu ihrer Reli­gion haben, und Berufs­mus­li­men dif­fe­ren­ziert. Zwi­schen Islam und Isla­mis­mus kann sie jedoch berech­tig­ter­weise kei­nen Unter­schied mehr machen. Zwei­tens kann Kulla der Baha­mas nicht ver­zei­hen, dass sie ange­sichts antise­xis­ti­scher Men­schen­jag­den in den Jah­ren 1999 ff. den auto­no­men Dau­er­bren­ner der „Defi­ni­ti­ons­macht“ infrage stellte, der ursäch­lich für diese Hetz­jag­den war. Ihn stört damit vor allem, dass es der Baha­mas nicht darum geht, die inner­linke Gesprächs­at­mo­sphäre ange­neh­mer und die Dis­kus­sio­nen etwas anspruchs­vol­ler zu machen, son­dern um die Abschaf­fung der Ver­hält­nisse, die so etwas wie die deut­sche Linke oder Daniel Kulla hervorbringen.

Diese schmie­rige Mischung aus Oppor­tu­nis­mus und post­mo­der­ner Belie­big­keit ist inzwi­schen für die Linke typisch. Fast muss man Hoch­ach­tung vor einem Ural­t­au­to­no­men wie Wolf Wet­zel (a.k.a. Auto­nome Lupus-Gruppe) haben, der seit mehr als 30 Jah­ren den­sel­ben Unsinn erzählt. Immer­hin ver­birgt sich hin­ter Wet­zels Hals­star­rig­keit noch ein Rest des­sen, was die Per­son als Sub­jekt ein­mal aus­machte: Kon­ti­nui­tät, Rigo­ris­mus, Prin­zi­pi­en­treue. Heute hat man es dage­gen mit Leu­ten zu tun, mit denen nicht ein­mal ein rich­ti­ger Streit mög­lich ist, weil ihre Posi­tio­nen ent­we­der win­del­weich sind oder weil sie vor lau­ter Ver­wei­sen auf ihr Bauch­ge­fühl nicht dazu in der Lage sind, einen ver­ständ­li­chen Satz zu formulieren.

Der Mann ohne Eigenschaften

Daniel Kulla konnte inner­halb die­ser Szene eine gewisse Beliebt­heit erlan­gen, weil er so etwas wie der ide­elle Gesamt­linke ist. Neben sei­ner Beherr­schung der ein­schlä­gi­gen Szene-Umgangsformen ist hier­für nicht zuletzt sein Gespür für anste­hende Geschmacks­wech­sel und Mode­wel­len ursäch­lich. Die­ses Gespür ermög­licht es ihm, recht­zei­tig auf anfah­rende Züge auf­zu­sprin­gen, um sich einen Start­vor­teil bei der Bedie­nung des ein­mal von ihm aus­ge­wähl­ten Sze­ne­seg­ments zu ver­schaf­fen: Als ein gro­ßer Teil der Antifa nach 9/11 anti­deutsch wurde, ver­suchte sich Kulla an die Baha­mas ran­zu­schmei­ßen und trot­tete der Redak­tion und ihren Freun­den regel­mä­ßig in deren dama­li­ges Ber­li­ner Stamm­lo­kal hin­ter­her. Als sich die anti­deut­sche Antifa in eine Electro-Partyszene trans­for­mierte, machte Kulla in Electro-Musik. Und als sich die Party– in eine Dro­gen­szene ver­wan­delte, setzte er sich an sein Buch Leben im Rausch. Darin bemüht er sich – selbst­ver­ständ­lich – um das Pro und Con­tra des Dro­gen­kon­sums, um bestimmte For­men des Pil­len­wer­fens schließ­lich in schlech­tes­ter Pennäler-Manier zum wider­stän­di­gen Akt auf­zun­or­den. Die Liste ließe sich unend­lich fort­set­zen: von den „Buffy-Studies“ (einer Ver­klä­rung der strunz­dum­men Vampir-Serie Buffy zum gesell­schafts­kri­ti­schen Meis­ter­werk), an denen sich Kulla betei­ligte als es chic war, bis zu sei­nem Buch Ent­schwö­rungs­theo­rien, das er zu schrei­ben begann, als sich inner­halb der Lin­ken groß­flä­chig die Erkennt­nis durch­zu­set­zen begann, dass das Kapi­tal ein gesell­schaft­li­ches Ver­hält­nis ist – und des­sen zen­trale Aus­sage sich auf den bana­len Satz brin­gen lässt: Selbst­ver­ständ­lich gibt es Ver­schwö­run­gen, aber sie sind kein gesell­schaft­li­ches Funk­ti­ons­prin­zip. Kurz: Es gibt kaum eine anti­na­tio­nale oder soft-antideutsche Mode­welle, an der sich Kulla nicht betei­ligte. Wich­tig war nur, dass sie die Mög­lich­keit für Har­mo­nie, Friede-Freude-Eierkuchen und wech­sel­sei­ti­ges „auf­ein­an­der Auf­pas­sen“ bot. (Dum­mer­weise wurde die­ses Bedürf­nis auch vom anti­deut­schen Fah­nen­schwen­ken der Jahre um 2005, so rich­tig es war, bedient.)

Aber selbst Kul­las Gespür für neue Mode­wel­len ist kein Zei­chen beson­de­rer Ori­gi­na­li­tät. Sie ist bloße Funk­tion einer pre­kä­ren öko­no­mi­schen Exis­tent. Auf sei­nem Blog und bei Face­book, wo er sich nicht zu blöde ist, auch die per­sön­lichs­ten Details preis­zu­ge­ben und die Gemeinde an sei­nen Bezie­hungs­pro­ble­men teil­ha­ben zu las­sen, spricht er so viel in der ers­ten Per­son Sin­gu­lar, damit ihm nie­mand drauf kommt, dass er nur ein Sprech­au­to­mat ist. So ist Kul­las Wikipedia-Beitrag, den er augen­schein­lich selbst geschrie­ben hat, zwar zu ent­neh­men, dass er als „Schrift­stel­ler“, „Über­set­zer“, „Lek­tor“ und „Musi­ker“ begrif­fen wer­den will. All diese groß­spu­ri­gen Bezeich­nun­gen sind jedoch Chif­fren dafür, dass er weder etwas Ver­nünf­ti­ges gelernt hat noch irgend­et­was ande­res kann. Auf­grund sei­ner Talent­frei­heit in Sachen Schrei­ben und Musi­zie­ren wird ihm der große Durch­bruch jedoch nie gelin­gen. Seine Begeis­te­rung für Do-it-yourself, für „sel­ber machen 2.0“, ist dem­ent­spre­chend der Ver­such, aus der Not, dass kein nam­haf­tes Ver­lags­haus oder Label sei­nen Schund haben will, eine Tugend zu machen. Da vom Amt oder von den paar Gele­gen­heits­jobs, über die er auf sei­nem Blog ab und zu berich­tet, nie­mand auch nur halb­wegs sor­gen­frei leben kann, ist er auf die spo­ra­di­sche Kohle vom Ventil-Verlag oder den gele­gent­li­chen Zuver­dienst durch die Vor­träge und Gigs, die er gleich als Package anbie­tet, ange­wie­sen. So ist Kulla auf Gedeih und Ver­derb von jener Szene abhän­gig, als deren Bauch­red­ner er durch die Jugend­zen­tren der Repu­blik tin­gelt. Auch wenn es ihm wohl nicht bewusst ist, weil ihre öko­no­mi­sche Situa­tion den Men­schen in Fleisch und Blut über­geht, ist er zum einen gera­dezu dar­auf ange­wie­sen, die nächs­ten Wün­sche und Inter­es­sen sei­nes Publi­kums recht­zei­tig vor­aus­zu­ah­nen. Zum ande­ren kann er es sich gar nicht leis­ten, irgend­je­man­den inner­halb die­ser Szene gegen sich aufzubringen.

Linke Selbst­ge­sprä­che

Das ist der Grund dafür, warum die Wohl­fühl­linke in Daniel Kulla bis ins opti­sche, hap­ti­sche und akus­ti­sche Detail hin­ein ihren sym­bo­li­schen Aus­druck fin­det: selbst­zu­frie­den in sich ruhend, debil vor sich hin­grin­send und etwas gemäch­lich in der Arti­ku­la­tion. Wer sich diese in die Jahre gekom­mene Remi­nis­zenz an die Hippie-Bewegung der Sech­zi­ger ein­lädt oder seine Vor­träge besucht, inter­es­siert sich nicht dafür, was die­ser zu sagen hat. Da aus Kulla nur her­aus­kommt, was die Wohl­fühl­linke in ihn hin­ein­ge­stopft hat, wol­len Ver­an­stal­ter und Publi­kum eigent­lich nur sich selbst zuhö­ren. So sind die ein­schlä­gi­gen Ver­an­stal­tun­gen große Selbst­ge­sprä­che von Leu­ten, die frei von Zwei­feln sind und die Kon­fron­ta­tion und das Den­ken scheuen.

No Tears for Krauts, 10/2014

Wenn der Wahnsinn epidemisch wird. Die neuen Montagsdemonstrationen.

Vor­trag und Dis­kus­sion mit Jan-Georg Gerber

Don­ners­tag, 10. Juli 2014
19:00 Uhr
Radio Corax, Unter­berg 11, Halle (Saale)

Die Demons­tran­ten, die sich seit März jeden Mon­tag in mehr als sech­zig Städ­ten der Bun­des­re­pu­blik zusam­men­fin­den, um gegen einen mög­li­chen Krieg in der Ukraine zu pro­tes­tie­ren, sind sich einig: Für die Aus­ein­an­der­set­zun­gen auf dem Kie­wer Majdan, die Kämpfe in Donezk und alle ande­ren Übel der Welt sind der Wes­ten und Ame­rika ver­ant­wort­lich. Auch die Parole von der Schuld der Juden macht allent­hal­ben die Runde: Die regel­mä­ßig zu hörende Rede über „die Fed“, die US-Notenbank, hat das Lamento über die „ame­ri­ka­ni­sche Ost­küste“ abge­löst. Sie ist zur belieb­tes­ten Chif­fre für die die ver­meint­lich jüdisch kon­trol­lierte Finanz­welt gewor­den. Dane­ben haben einige Demons­tran­ten auch noch andere Theo­rien im Reper­toire: Einige glau­ben, dass den Kon­dens­strei­fen von Düsen­flug­zeu­gen Che­mi­ka­lien beige­mengt sind, die den Men­schen ihre poli­ti­sche Wider­stands­kraft rau­ben, andere sind davon über­zeugt, Bür­ger des 1945 unter­ge­gan­ge­nen Deut­schen Reichs zu sein. All diese Vor­stel­lun­gen bewe­gen sich unter dem Niveau von Kri­tik. Zumin­dest die Vor­den­ker der Pro­teste schei­nen auf­grund ihrer offen­kun­di­gen Ver­rückt­hei­ten weni­ger ein Gegen­stand von Ideo­lo­gie­kri­tik als ein Fall für den Psy­cho­lo­gen zu sein. Das Tra­gi­sche ist, dass den Pro­tes­ten wohl auch auf der The­ra­peu­ten­couch oder im Pati­en­ten­stuhl nicht wirk­lich bei­zu­kom­men ist. Um dem Phä­no­men der neuen Mon­tags­de­mons­tra­tio­nen auf den Grund gehen zu kön­nen, muss viel­mehr die Gesell­schaft in den Blick genom­men wer­den, die den Wahn­sinn immer wie­der aus sich selbst her­aus erzeugt. Aus die­sem Grund wird im Rah­men der Ver­an­stal­tung sowohl von der deut­schen Spe­zi­fik der Pro­teste als auch vom Sys­tem der Wert­ver­ge­sell­schaf­tung zu spre­chen sein.

Jan-Georg Ger­ber ist freier Jour­na­list und schreibt u.a. für „Baha­mas“ und „Jungle World“.

Eine Ver­an­stal­tung der AG Antifa Halle und der Mate­ria­lien zur Auf­klä­rung und Kritik.

Protest & Projektion – Der weltweite Aufstand

Kon­fe­renz der AG Antifa
Halle an der Saale, Sams­tag, 18. Januar 2014, Dach­ritz­straße 6 (Insti­tut für Musik)

Es ist noch nicht lange her, da konnte teils kri­tisch, teils beru­higt erklärt wer­den, dass sich die Men­schen ihrem Schick­sal will­fäh­rig erge­ben und nicht daran den­ken, geschichts­mäch­tig zu wer­den. So blieb nicht nur der Kampf um Befrei­ung aus. Auch die Apo­ka­lypse, die als Kol­lek­tiv los­ge­las­sene Ein­zelne ohne wei­te­res aus­zu­lö­sen imstande sind, ließ glück­li­cher­weise auf sich war­ten. Inzwi­schen ist die Zeit, in der von den lethar­gi­schen Mas­sen geschrie­ben wer­den konnte, jedoch vor­bei. An allen Ecken und Enden der Welt kracht es. Von Rio bis Kairo, von Göte­borg bis Athen und von Stutt­gart bis Istan­bul: Als hät­ten sie die Parole vom „kom­men­den Auf­stand“, die eine fran­zö­si­sche Situa­tio­nis­ten­gruppe vor eini­gen Jah­ren aus­gab, als Auf­for­de­rung begrif­fen, zie­hen die Men­schen über­all auf die Straße. Mal brin­gen sie ihre Iso­mat­ten und Zelte mit und beset­zen den öffent­li­chen Raum, mal zer­le­gen sie die Innen­städte. Taz, Zeit, Spie­gel und Co. behaup­ten, einen welt­wei­ten Kampf für Demo­kra­ti­sie­rung und mehr Bür­ger­be­tei­li­gung zu erken­nen; die radi­kale Rest­linke will in den Kra­wal­len, Kämp­fen und Platz­be­set­zun­gen die Vor­bo­ten der Welt­re­vo­lu­tion sehen: So setz­ten sich die schlech­ter ver­die­nen­den Genos­sen schon bald nach dem Beginn der Pro­teste in Busse und fuh­ren als Kra­wall­tou­ris­ten nach Grie­chen­land; die bes­ser Betuch­ten flo­gen nach Kairo oder Tunis.

Zumin­dest einige Nach­rich­ten vom welt­wei­ten Auf­stand wol­len aller­dings nicht so recht mit der eupho­ri­schen Deu­tung von einem „neuen 1968“ zusam­men­pas­sen, von dem einige Beob­ach­ter spre­chen. In eini­gen Län­dern haben sich Isla­mis­ten an die Spitze der Pro­teste gestellt; auf dem Pelo­pon­nes und den grie­chi­schen Inseln mischen Neo­na­zis kräf­tig mit, wäh­rend ein Teil der Lin­ken die Juden für die Übel der Welt ver­ant­wort­lich macht. Auch im Syri­schen Bür­ger­krieg ist die Unter­schei­dung zwi­schen den good und den bad guys nicht mehr mög­lich. Wer gegen Des­po­ten, Tyran­nen und elende Ver­hält­nisse anrennt, tut das nicht immer mit den rich­ti­gen Mit­teln, Begrün­dun­gen und Zielen.

Das heißt: Ent­we­der hat die Rede vom „neuen 68“ weni­ger mit der Situa­tion in Ägyp­ten, Grie­chen­land, Spa­nien, Syrien usw. zu tun als mit den Wün­schen und Sehn­süch­ten der hie­si­gen Öffent­lich­keit. Oder aber die land­läu­fi­gen Vor­stel­lun­gen von 1968 als dem Jahr von Libe­ra­li­sie­rung, Demo­kra­ti­sie­rung und dem Aus­bruchs­ver­such aus den ver­stei­ner­ten Ver­hält­nis­sen müs­sen revi­diert wer­den. Auch hier­für spricht eini­ges. Zumin­dest mit Blick auf Ägyp­ten und Syrien hat sich dem­ent­spre­chend schon längst jene Ver­laufs­form abge­zeich­net, die den Inter­na­tio­na­lis­mus hier­zu­lande stets prägte: Der blin­den Begeis­te­rung folgt blinde Igno­ranz; ohne Feh­ler­ana­lyse und ohne das vor­he­rige Para­dies von Revolte und Demo­kra­ti­sie­rung auch nur noch eines Bli­ckes zu wür­di­gen, wer­den die revo­lu­tio­nä­ren Sehn­süchte kur­zer­hand in andere Gegen­den des Erd­balls verlagert.

Es stellt sich damit sowohl die Frage nach den Hin­ter­grün­den der hie­si­gen Reak­tio­nen auf die welt­wei­ten Auf­stände als auch nach dem Cha­rak­ter der Pro­teste: Was ist von den Riots und Kämp­fen in Ägyp­ten, Grie­chen­land, Bra­si­lien, Spa­nien usw. zu hal­ten? Wel­che Gemein­sam­kei­ten und Unter­schiede gibt es? Warum bre­chen die Pro­teste gerade jetzt aus? Und: Wel­che Zukunft haben die welt­wei­ten Auf­wal­lun­gen vor sich?

Podium 1: Cam­pen und kämp­fen (12.15 – 13.45 Uhr)
Refe­ren­ten: Magnus Klaue & Phil­ipp Lenhard

Wer einen genauen Blick auf die welt­wei­ten Auf­wal­lun­gen wirft, erkennt zwei Pro­test­for­men: Die einen schnap­pen sich ihre Schlaf­sä­cke und cam­pie­ren auf öffent­li­chen Plät­zen, die ande­ren bin­den sich Taschen­tü­cher vors Gesicht und zie­hen mehr zer­stö­rend als plün­dernd durch die Städte. Diese bei­den Vari­an­ten der Erhe­bung schei­nen für eine jeweils unter­schied­li­che Kli­en­tel zu ste­hen: In der Beset­zung des öffent­li­chen Raums spie­geln sich die Abstiegs­ängste der Mit­tel­schich­ten. Hier zie­hen die­je­ni­gen auf die Straße, die noch etwas zu ver­lie­ren haben. Sie signa­li­sie­ren durch ihre Pro­test­form, dass sie zu blei­ben geden­ken. Auf der ande­ren Seite ste­hen jene, die nicht mehr abstei­gen kön­nen. Da sie nichts mehr zu ver­lie­ren haben, zer­stö­ren sie blind­wü­tig alles, was ihnen in den Weg kommt: sowohl das, was sie selbst nicht mehr ertra­gen, als auch das, was uner­reich­bar für sie ist.

Magnus Klaue ist freier Autor und schreibt regel­mä­ßig für Baha­mas, Jungle World und Kon­kret. Phil­ipp Len­hard ist freier Autor und Redak­teur der Zeit­schrift Prodomo.

Podium 2: Pro­jek­tion und Pra­xis (14.30 – 16.00 Uhr)
Refe­ren­ten: Harald Jür­gen Funke & Anja Finow

Abge­se­hen von den Pro­tes­ten gegen Stutt­gart 21 und ähn­li­che Pro­jekte ist der welt­weite Auf­stand in zwei­fa­cher Weise in Deutsch­land ange­kom­men. Auf der einen Seite legt die linke und links­li­be­rale Öffent­lich­keit eine Begeis­te­rung für die Demons­tra­tio­nen in Kairo, Istan­bul oder Athen an den Tag, als würde dort für die ori­gi­nä­ren Inter­es­sen des hie­si­gen wut­bür­ger­li­chen Mit­tel­stands auf die Straße gegan­gen. Auf der ande­ren Seite schei­nen die Krise und die Auf­stände dafür zu sor­gen, dass ver­mehrt Asyl­be­wer­ber und Arbeits­mi­gran­ten den Weg nach Deutsch­land fin­den. Gegen die­sen Zuzug fin­den ins­be­son­dere im Osten der Repu­blik längst Mini-Aufstände statt, die sich in vie­ler­lei Hin­sicht von den Ereig­nis­sen der 1990er Jahre unter­schei­den und es genau aus die­sem Grund rat­sam erschei­nen las­sen, den Zustand der Repu­blik noch ein­mal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Harald Jür­gen Funke ist Redak­teur der Zeit­schrift Bon­jour Tris­tesse. Anja Finow spricht als Ver­tre­te­rin der AG „No Tears for Krauts“.

Podium 3: Ges­tern und Mor­gen (16.30 – 18.00 Uhr)
Refe­ren­ten: Jan-Georg Ger­ber & Jus­tus Wertmüller

Die Gegen­wart ver­än­dert nicht allein die Zukunft, son­dern auch die Ver­gan­gen­heit: Der Anfang ist immer über das Resul­tat ver­mit­telt. So geben die der­zei­ti­gen Pro­teste nicht nur einen Vor­ge­schmack dar­auf, was hier­zu­lande droht, wenn sich die Krise aus­wei­tet: ein wil­des Hauen und Ste­chen, der Rück­wurf auf Clan­struk­tu­ren, die sowohl fami­liär als auch regio­nal oder beruf­lich sein kön­nen, und eine Elends­selbst­ver­wal­tung wie sie etwa auf dem Tahrir-Platz beob­ach­tet wer­den konnte, wo Fuß­ballhoo­li­gans über Ord­nung, Sau­ber­keit und die kor­rekte Ent­sor­gung der Fäka­lien wach­ten. Zugleich legen die ste­ti­gen Ver­glei­che mit der Revolte von 1968 nahe, dass sich auch damals ganz andere his­to­ri­sche Trieb­kräfte Gel­tung ver­schaff­ten als von den Paro­len der Pro­test­be­we­gung nahe­ge­legt wurde: Trieb­kräfte, die mög­li­cher­weise denen ähneln, wel­che die Men­schen heute welt­weit auf die Stra­ßen und Plätze strö­men lassen.

Jan-Georg Ger­ber schreibt u.a. für Baha­mas und Jungle World. Jus­tus Wert­mül­ler ist Redak­teur der Zeit­schrift Bahamas.

Eine Ver­an­stal­tung der AG Antifa im Stura der Uni Halle.
http://antifa.uni-halle.de/

Wei­tere Infor­ma­tio­nen:
https://www.facebook.com/agantifaschismus

Critical Networking

Ein paar Worte zur Kon­fe­renz »Eine Erin­ne­rung an die Zukunft«, die vom 29.11.–01.12.2013 in Ber­lin stattfand.

Mit der „Zukunft“, von der im Titel die­ser Kon­fe­renz gespro­chen wird, ist weni­ger die Zukunft der Kri­ti­schen Theo­rie als die der Kri­ti­schen Theo­re­ti­ker gemeint.

Kon­zept­pa­piere sind oft aus­sa­ge­kräf­ti­ger als die Dinge, die auf sie fol­gen. Das gilt zumin­dest für diese Kon­fe­renz. Der Ein­la­dungs­text, der es nach unzäh­li­gen Dis­kus­sio­nen und Ver­su­chen, es allen recht zu machen, auf die Home­page der Kon­fe­renz geschafft hat, ist so aus­sa­ge­frei, dass man sich fast schä­men muss, als Kri­ti­scher Theo­re­ti­ker bezeich­net zu wer­den. Wenn das die Kri­ti­sche Theo­rie sein soll, sagte der kri­ti­sche Geist, gehe ich lie­ber Richard David Precht lesen. Wäh­rend Adorno und Hork­hei­mer allen Unken­ru­fen zum Trotz eine klare und deut­li­che Spra­che benutz­ten – das immer wie­der als „kom­pli­ziert“ und „abge­ho­ben“ Geschmähte ihrer Texte war dem Bemü­hen um Prä­zi­sion geschul­det – , fin­det sich hier nichts als lang­wei­li­ger Jar­gon: eine Mischung aus Opa-Sprache („zei­tigt“), Angeber-Vokabular, Halb­wis­sen und jener geho­be­nen Leg­as­the­nie, von der die Gra­du­ier­ten­kol­legs, Postdoc-Zirkel und Redak­tio­nen heut­zu­tage beherrscht wer­den. Da soll Resis­tenz „kor­ri­giert“ wer­den, „Unmög­lich­kei­ten“ wei­ten sich aus, und die Indi­vi­duen flüch­ten „im Schwin­den“ irgend­wo­hin. Diese Clow­ne­rie setzt sich auch im Titel fort, den man beim ers­ten Buch des Ufo­lo­gen Erich von Däni­cken, „Erin­ne­run­gen an die Zukunft“ von 1968, geklaut hat.

Ähn­li­cher Stuss wie im Ankün­di­gungs­text fin­det sich zwar auch im Kon­zept­pa­pier und in der vor­läu­fi­gen Refe­ren­ten­liste, die vor eini­gen Mona­ten an poten­ti­elle Teil­neh­mer ver­schickt wur­den und schließ­lich den Weg in die unend­li­chen Wei­ten des Inter­nets fan­den. Im Unter­schied zum voll­kom­men nichts­sa­gen­den Ankün­di­gungs­text lie­gen die Motive die­ser Kon­fe­renz dort jedoch wenigs­tens halb­wegs offen zutage.

 Die Zukunft der Kri­ti­schen Theo­rie oder …

Anders als gern von Sozio­lo­gie­prüf­lin­gen erklärt, bestand das „Ziel“ der Kri­ti­schen Theo­rie nicht in der Ver­bin­dung von Mar­xis­mus und Psy­cho­ana­lyse, son­dern, ebenso wie es bei Mar­xens Kri­tik der poli­ti­schen Öko­no­mie der Fall war, in der Abschaf­fung ihres Gegen­stan­des. Die Kri­ti­sche Theo­rie zielt inso­fern dar­auf, sich selbst über­flüs­sig zu machen. Ihr geht es darum, eine Gesell­schaft zu schaf­fen, in der es nicht mehr nötig ist, sich durch die grauen S.-Fischer-Bände, die blauen Schin­ken aus dem Dietz-Verlag und die blau­grauen Wäl­zer der Wis­sen­schaft­li­chen Buch­ge­sell­schaft zu quä­len, um sie zu ver­ste­hen. Soll hei­ßen: Die Kri­ti­sche Theo­rie muss sich keine Sor­gen um ihre Zukunft machen. Solange die Welt falsch ein­ge­rich­tet ist, es ein Poten­tial von Unzu­frie­den­heit und vor allem: eine Sehn­sucht nach einem bes­se­ren Zustand gibt, wird es auch Ver­su­che geben, die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse auf den not­wen­dig kri­ti­schen Begriff zu brin­gen. Weder das Poten­tial noch die Sehn­sucht ist zwar beson­ders groß. Ob dar­aus jemals mehr als eine Reihe klei­ner Zir­kel ent­steht, steht in den Ster­nen. Aber so klein, wie gele­gent­lich getan wird, sind sie auch wie­der nicht. Gerade in Ame­rika steht selbst der Kom­mu­ni­ta­ris­mus, diese trans­at­lan­ti­sche Reinkar­na­tion der Tönnies-Schule, nicht allein für Gemein­schafts­kult und Kol­lek­ti­vis­mus, son­dern auch für eine gewisse freund­li­che Ver­bun­den­heit der Men­schen. Auch die unzu­mut­ba­ren Glücks-Ratgeber, die einen in den Bahn­hofs­buch­hand­lun­gen bedro­hen, ste­hen kei­nes­falls für ein revo­lu­tio­nä­res Poten­tial. Aber sie ver­wei­sen, wie ver­quer auch immer, auf eine Sehn­sucht der Men­schen, ihr Glück zu fin­den. Die gern zitierte These vom „tota­len Ver­blen­dungs­zu­sam­men­hang“ basierte bei Adorno und Hork­hei­mer zwar stets auf einer gewis­sen Furcht. Sie diente jedoch nicht zuletzt dem Zweck, die Men­schen vor den gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen erschre­cken zu las­sen und sie dazu zu bewe­gen, aus Empö­rung über die eigene Sta­tis­ten­rolle doch noch im bes­ten Sinn geschichts­mäch­tig zu wer­den. Aller Skep­sis zum Trotz wer­den die Men­schen, mit ande­ren Wor­ten, noch als ansprech­bar begriffen.

… die Zukunft der Kri­ti­schen Theoretiker

Wäh­rend sich die Kri­ti­sche Theo­rie inso­fern allen­falls bedingt Gedan­ken über ihre Zukunft machen muss, sind die Kri­ti­schen Theo­re­ti­ker dazu gezwun­gen. Mit der „Zukunft“, an die laut Kon­fe­renz­ti­tel „erin­nert“ wer­den soll, ist dann auch vor allem die Lebens– und Berufs­pla­nung der jüngs­ten Gene­ra­tion von Adorno-Adepten und Horkheimer-Kopisten gemeint. Dafür spricht zumin­dest das auf­dring­li­che Lamento des Kon­fe­renz­kon­zepts, dass am ange­streb­ten Arbeits­platz der Orga­ni­sa­to­ren, der Uni, kein Platz mehr für das ein­zige ist, was sie zumin­dest halb­wegs kön­nen: das Reden über die Kri­ti­sche Theo­rie. So erin­nert die Kon­fe­renz nicht umsonst an die auf­ge­bla­sene Vari­ante des Ver­net­zungs­tref­fens, das im Februar in Lüne­burg statt­fand. Dort konn­ten kritisch-theoretische Nach­wuchs­wis­sen­schaft­ler mit aka­de­mi­schen Ambi­tio­nen mit ihren Kon­kur­ren­ten über ihre lang­wei­li­gen Qua­li­fi­ka­ti­ons­schrif­ten, Antrag­stel­lun­gen und Zukunfts­pla­nun­gen unter­hal­ten. Die Ver­net­zung mit den weni­gen aka­de­misch arri­vier­ten Adorno-Schülern musste sei­ner­zeit man­gels Teil­nahme ver­scho­ben wer­den: Von den halb­wegs bekann­ten Kri­ti­schen Theo­re­ti­kern waren ledig­lich Chris­toph Türcke und Ger­hard Schwep­pen­häu­ser ange­reist. Die ursprüng­li­che Ein­la­dungs­liste der Kon­fe­renz signa­li­siert, dass die­ses Net­wor­king in den Räu­men der Humboldt-Universität nach­ge­holt wer­den sollte. So gibt es kei­nen nam­haf­ten kri­ti­schen Theo­re­ti­ker mit Pro­fes­so­ren­ti­tel, den die Orga­ni­sa­to­ren nicht ein­la­den woll­ten. Neben Det­lev Claus­sen, Gun­ze­lin Schmidt-Noerr, Ger­hard Sta­pel­feld und Hel­mut Dah­mer, die hier auf­tre­ten, stan­den auch noch Chris­toph Türcke, Alex Demi­ro­vic, Regina Becker-Schmidt und Rolf Tie­de­mann auf dem Wunsch­zet­tel. Für die ver­meint­li­chen Frau­en­the­men hatte man eine Reihe von Femi­nis­tin­nen – selbst­ver­ständ­lich eben­falls mit Pro­fes­so­ren­ti­tel – ein­ge­la­den. Zahl­rei­che Kri­ti­ker ohne insti­tu­tio­nelle aka­de­mi­sche Anbin­dung (Joa­chim Bruhn, Ger­hard Scheit) schei­nen erst auf die Refe­ren­ten­liste gerückt zu sein, als die Inha­be­rin­nen und Inha­ber eines Lehr­stuhls abge­sagt hatten.

So drängt sich der Ein­druck gera­dezu auf, dass die Kon­fe­renz – neben dem Erwerb orga­ni­sa­to­ri­scher Skills, die sich gut im CV ver­wurs­ten las­sen – vor allem dem Zweck dient, dass die Orga­ni­sa­to­ren und ihr Klün­gel im Vor­feld und beim gemein­sa­men Abend­es­sen in einen enge­ren Kon­takt mit den Damen und Her­ren Pro­fes­so­ren tre­ten kön­nen, der sonst nicht so ohne wei­te­res mög­lich ist. Dafür spricht auch das For­mat des Ko-Referats. Sta­pel­feld, Schmidt-Noerr und Dah­mer haben die Kom­men­tie­rung ihrer Aus­füh­run­gen durch Nach­wuchs­wis­sen­schaft­ler nicht nötig; der Dok­to­ran­den­stadl, der mit den Ko-Referaten beauf­tragt wurde, hin­ge­gen schon: Wann hat man schon mal eine sol­che Gele­gen­heit zum Net­wor­king wie bei der gemein­sa­men Vortrags-Vorbesprechung und –Nach­be­rei­tung mit poten­ti­el­len Gut­ach­tern und Auto­ren von Emp­feh­lungs­schrei­ben? Die Orga­ni­sa­to­ren waren sich schließ­lich nicht ein­mal zu blöd, poten­ti­elle Refe­ren­ten mit dem Hin­weis ködern zu wol­len, dass die Her­aus­gabe eines Sam­mel­ban­des geplant ist und bei Teil­nahme inso­fern die Mög­lich­keit besteht, die eigene Publi­ka­ti­ons­liste – das Herz­stück jeder aka­de­mi­schen Vita – zu erweitern.

Dis­kurs, Diskurs

Um trotz allem dem Ein­druck des aka­de­mi­schen Ran­schmei­ßer­tums ent­ge­gen­zu­tre­ten, ver­such­ten die Orga­ni­sa­to­ren zugleich, der Kon­fe­renz einen poli­ti­schen Anstrich zu ver­pas­sen. In einer Art Über­sprungs­hand­lung grif­fen sie dabei auf die dümms­ten lin­ken Tra­di­tio­nen zurück: Wie beim Auto­no­mie­kon­gress 1995 in Ber­lin, als sich die auto­nome Szene zum letz­ten Mal zum kol­lek­ti­ven Meet & Greet zusam­men­fand, gibt es „offene Räume“ zum Selbst­ge­stal­ten, in die man sich im Stil einer Selbst­hil­fe­gruppe zurück­zie­hen kann. Weil man einen Künst­ler im Bekann­ten­kreis hat und auch Adorno „irgend­was mit Kunst“ (oder Medien) gemacht hat, wer­den Per­for­man­ces und Kunst­in­stal­la­tio­nen gezeigt, die nach den Maß­stä­ben der Kri­ti­schen Theo­rie nur als Schrott bezeich­net wer­den können.

Wel­che Rolle der nicht-akademischen Kri­tik zukom­men soll, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass für die­je­ni­gen, die sich der Kri­ti­schen Theo­rie jen­seits von Lehr­ver­an­stal­tun­gen und aka­de­mi­schen Qua­li­fi­ka­ti­ons­schrif­ten ver­pflich­tet füh­len, vor allem die Podi­ums­ver­an­stal­tun­gen vor­ge­se­hen sind, bei denen sie zu viert oder zu fünft zusam­men­ge­pfercht sind. Dort ist allen­falls Zeit für Kurz­state­ments und paro­len­hafte Ver­kür­zun­gen. Aber an den Inhal­ten sind die Orga­ni­sa­to­ren bei die­sen Podien ohne­hin nicht inter­es­siert. Bei ihrer Zusam­men­set­zung ging es, wie eine von ihnen  kürz­lich in einem Inter­view für Radio Corax (Halle) erklärte, vor allem darum, sie „kon­tro­vers“ zu gestal­ten. Wem an Wahr­heit und Erkennt­nis gele­gen ist, der wird manch­mal kon­tro­vers dis­ku­tie­ren; wem es hin­ge­gen darum geht, etwas mög­lichst kon­tro­vers zu machen, dem sind letzt­lich auch Wahr­heit und Erkennt­nis egal. So wer­den die Orga­ni­sa­to­ren vom „Dis­kurs“, von dem sie sich im glei­chen Inter­view manie­riert zu dis­tan­zie­ren ver­su­chen, eingeholt.

 Lob der Universität

Um nicht falsch ver­stan­den zu wer­den: Selbst­ver­ständ­lich ist ein Unter­kom­men an der Uni jedem zu wün­schen, der es sich selbst wünscht. Unta­len­tier­ten Stu­den­ten etwas über die Kri­ti­sche Theo­rie, die Spe­zia­li­sie­rungs­ten­den­zen gewis­ser Insek­ten­ar­ten oder eine kor­rekte Zitier­weise zu erzäh­len, ist immer noch bes­ser als in der Wer­be­agen­tur arbei­ten zu müs­sen oder als Schei­dungs­an­walt unter­wegs zu sein. Gele­gent­lich bie­tet die Aka­de­mie auch noch die Mög­lich­keit, eigene Inter­es­sen zu ver­fol­gen, ein ver­nünf­ti­ges Buch zu schrei­ben und inter­es­sierte Stu­den­ten zum Nach­den­ken anzu­re­gen. Auch das „Net­wor­king“ ist eine ebenso unan­ge­nehme wie not­wen­dige Begleit­er­schei­nung der Tätig­keit im Uni­be­trieb, auf die jeder ange­wie­sen ist, der seine phy­si­sche Repro­duk­tion nicht der Bun­des­agen­tur für Arbeit über­las­sen will. Und selbst­ver­ständ­lich spricht auch nur wenig dage­gen, aus dem eige­nen Poli­t­en­ga­ge­ment Kapi­tal zu schla­gen: Warum sollte man aus den nerv­tö­ten­den Stun­den beim Grup­pen­tref­fen und der unbe­zahl­ten Mehr­ar­beit beim Flug­blatt­schrei­ben nicht auch ein­mal einen per­sön­li­chen Vor­teil zie­hen, wenn es denn mög­lich ist? Kor­rum­pie­rend wird das Ganze jedoch, wenn aus der nicht-intendierten Folge das Ziel der Polit-Aktivitäten wird: dann näm­lich, wenn das nackte Eigen­in­ter­esse an der Aneig­nung von Fähig­kei­ten und Kennt­nis­sen, die im Uni­be­trieb der­zeit nicht ver­mit­telt wer­den und im spä­te­ren Beruf von Nut­zen sein kön­nen, durch den Ver­weis auf höhere Dinge – das Ende des Lei­dens, des Ster­bens und des Hun­gers in der Welt – kaschiert wird. (Neben­bei: Marx benutzte hier­für den Begriff der „deut­schen Ideologie“.)

No Future!

Bei allen Ran­wanz­ver­su­chen an den aka­de­mi­schen Betrieb wird jedoch über­se­hen, dass die ange­neh­men Sei­ten der uni­ver­si­tä­ren Arbeit seit der Ein­füh­rung von Exzel­lenz­clus­tern, Bache­lor– und Mas­ter­stu­di­en­gän­gen im Ver­schwin­den begrif­fen sind. Vor allem aber wird igno­riert, dass sowohl Adorno und Hork­hei­mer als auch Claus­sen, Schmidt-Noerr usw. ihren Ruf auf einen Lehr­stuhl nicht allein ihren Fähig­kei­ten, son­dern mehr noch einer his­to­risch je ein­ma­li­gen Situa­tion zu ver­dan­ken hat­ten. Mit der Beru­fung Ador­nos und Hork­hei­mers ver­such­ten die fort­schritt­li­che­ren Kreise in Hes­sen zum einen ein Gegen­ge­wicht gegen die zahl­lo­sen Naziaka­de­mi­ker zu schaf­fen, die ihren Lehr­stuhl nach 1945 behal­ten durf­ten. Zum ande­ren sollte das schlechte Gewis­sen gegen­über den­je­ni­gen, die ins Exil getrie­ben wor­den waren, abge­tra­gen wer­den. Dem ver­dien­ten Glück Ador­nos, Hork­hei­mers und eini­ger weni­ger ande­rer stand dem­ent­spre­chend das unver­diente Pech hun­der­ter emi­grier­ter Wis­sen­schaft­ler gegen­über, die nie wie­der an einer Uni­ver­si­tät Anstel­lung fan­den und nicht nach Europa zurück­keh­ren konn­ten. Det­lev Claus­sen et al. haben ihre aka­de­mi­sche Kar­riere hin­ge­gen nicht zuletzt jener längst ver­gan­ge­nen Marx-, Adorno– und Marcuse-Welle zu ver­dan­ken, von der die Uni­ver­si­tä­ten in Folge von „1968“ weni­ger über­rollt als über­schwappt wur­den. Denn so groß, wie es zeit­weise mit Blick auf die 60er und 70er Jahre sug­ge­riert wird, war der Ein­fluss der Kri­ti­schen Theo­rie an den Uni­ver­si­tä­ten nie. Das zeigt sich nicht nur daran, dass auch von den zahl­rei­chen Schü­lern Ador­nos und Hork­hei­mers nur der kleinste Teil ein Aus­kom­men an einer Hoch­schule fand, son­dern zugleich an der aka­de­mi­schen Repu­ta­tion der weni­gen, die es geschafft haben. Denn auch wenn ihre Bekannt­schaft in anti­deut­schen oder post­an­ti­deut­schen Krei­sen heiß begehrt ist, ist der Glaube, dass der Kon­takt zu ihnen den eige­nen Markt­wert im Wis­sen­schafts­busi­ness enorm stei­gern könnte, doch eine Fehl­wahr­neh­mung. Ihre Gut­ach­ten und Emp­feh­lungs­schrei­ben sind im För­der­mit­tel­be­trieb lei­der nicht beson­ders viel wert. Da sie sich mit ihrem weit­ge­hen­den Fest­hal­ten an der Kri­ti­schen Theo­rie als zu wenig strom­li­ni­en­för­mig erwie­sen, wur­den die pres­ti­ge­träch­ti­gen Stel­len bereits in den 70er Jah­ren an ihnen vor­bei ver­ge­ben; die Mehr­heit von ihnen kam irgendwo in der Pro­vinz oder an Fach­hoch­schu­len unter. Die begehr­ten Pos­ten erhiel­ten auch damals schon die­je­ni­gen, die sich den jeweils aktu­ells­ten Mode­wel­len anpass­ten und ihren Oppor­tu­nis­mus als Non­kon­for­mis­mus ausgaben.

Diese Anpas­sungs­leis­tung steht auch jenen kri­ti­schen Jung­theo­re­ti­kern bevor, die mit ihrer Theo­rie­pro­duk­tion, die ohne­hin zumeist eine Mischung aus Exegese und Nach­plap­pern ist, aka­de­mi­sche Ambi­tio­nen haben. So ist selbst die Zeit, in der man mit Kri­ti­scher Theo­rie eine Fest­an­stel­lung an einer Provinz-FH ergat­tern konnte, vor­bei. Die „Frank­fur­ter Schule“ gilt längst als ver­al­tet und, wie es im Jar­gon der ein­schlä­gi­gen För­der­mit­tel­ge­ber heißt, „über­forscht“. Bei Dis­ser­ta­tio­nen legen die poli­ti­schen und wis­sen­schaft­li­chen Stif­tun­gen, auf deren Schul­tern fast das gesamte Pro­mo­ven­den­sys­tem der Repu­blik ruht, noch eine gewisse Tole­ranz an den Tag. Spä­tes­tens nach der Pro­mo­tion wird es aller­dings eng. Die Pro­fes­so­ren Claus­sen, Dah­mer, Türcke usw. sind ent­we­der schon eme­ri­tiert oder wer­den es bald sein. Die ver­las­se­nen Lehr­stühle wur­den größ­ten­teils mit jung-dynamischen Entertainment-Professoren besetzt, die nicht in der Tra­di­tion der Kri­ti­schen Theo­rie ste­hen, son­dern sich auf jene Kol­le­gen beru­fen, die im Semes­ter­rhyth­mus För­der­an­trags­spra­che in Buch­form pres­sen. Blei­ben die Pro­fes­so­ren Mül­ler, Meier und Schulze. Von denen hat zwar noch nie jemand etwas gehört; aber jeder weiß, dass sie durch und durch staats­tra­gend sind. Hier müs­sen Geis­tes­wis­sen­schaft­ler das tun, wofür sie da sind: Ideo­lo­gie pro­du­zie­ren. Sie müs­sen Stu­den­ten wider bes­se­res Wis­sen von den Vor­zü­gen des Post­struk­tu­ra­lis­mus erzäh­len oder unter­su­chen, wie Admi­nis­tra­tio­nen effek­ti­ver gestal­tet wer­den kön­nen. Das ist nicht schön, aber schließ­lich muss jeder von irgend­et­was leben. Das Dumme ist nur: Die Pro­fes­so­ren Mül­ler, Meier und Schulze brau­chen keine 400, son­dern maxi­mal zwei wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­ter. Und auch die Stif­tun­gen (DFG und Co. KG), die inzwi­schen auch den Groß­teil der Postdoc-Förderung über­nom­men haben, ori­en­tie­ren sich mit ihren soge­nann­ten För­der­richt­li­nien meist streng an den aka­de­mi­schen Mode­wel­len. Zudem kön­nen sie sich spä­tes­tens seit der Ein­schrump­fung des aka­de­mi­schen Mit­tel­baus kaum noch vor För­der­an­trä­gen ret­ten. Soll hei­ßen: Wer nur ein funk­tio­na­les Ver­hält­nis zum Uni­be­trieb hat, wer also nicht glaub­haft ver­si­chern kann, dass er SPSS, die Sys­tem­theo­rie, die Gen­der Stu­dies oder das poli­ti­sche Sys­tem der Bun­des­re­pu­blik für Got­tes­ge­schenke an die Mensch­heit hält, hat bei der Bal­ge­rei um die weni­gen Stel­len, Sti­pen­dien und För­der­mit­tel schlechte Kar­ten. So ver­wan­delt sich die Kri­ti­sche Theo­rie dort, wo sie berufs­mä­ßig im aka­de­mi­schen Rah­men betrie­ben wird, schon aus Grün­den des Selbst­er­halts in die Theo­rie des kom­mu­ni­ka­ti­ven Han­delns oder die Anerkennungstheorie.

Alles wird gut!

Die­sen Weg haben auch die Orga­ni­sa­to­ren die­ser Kon­fe­renz vor sich. Das haben sie sowohl mit ihrem Ankün­di­gungs­text gezeigt, in dem sie die Kri­ti­sche Theo­rie auf ein paar Leer­for­meln her­un­ter­ge­bro­chen haben, als auch mit ihrer Bereit­schaft, einige der Prin­zi­pien der Theo­rie schon zu einem Zeit­punkt zu ent­sor­gen, zu dem es noch um über­haupt nichts geht. So haben sie nicht nur eine Ver­an­stal­tung ins Pro­gramm genom­men, in der die „Dia­lek­tik der Auf­klä­rung“ aufs Dümmste mit dem post­struk­tu­ra­lis­ti­schen Quark der Queer-Theorie zusam­men­ge­rührt wird. Pas­send dazu haben sie auch zuge­las­sen, dass für diese Ver­an­stal­tung die Geschlechter-Separation wie­der ein­ge­führt wird. Als wäre einer der zen­tra­len Bezugs­punkte Ador­nos und Hork­hei­mers nicht der Gedanke der einen Mensch­heit gewe­sen, ist der „offene Raum“, in dem am Sams­tag mit einer gewis­sen Tina über „kri­ti­sche Männ­lich­keits­ana­lyse“ medi­tiert wer­den kann, laut Pro­gramm aus­schließ­lich für „Frauen, Les­ben, Trans* und Inter*“ offen. Män­ner, ob hete­ro­se­xu­ell oder homo­se­xu­ell, vege­ta­risch oder asth­ma­tisch, müs­sen drau­ßen blei­ben. Das bio­lo­gi­sche Geschlecht, das den Men­schen qua Natur zufällt, wird zum Aus­schluss­kri­te­rium. (Neben­bei: Warum sie glau­ben, dass Transgender-Leute bei den Frauen bes­ser als bei den Män­nern auf­ge­ho­ben sind, müs­sen uns Tina und die Orga­ni­sa­to­ren bei Gele­gen­heit auch noch mal erklä­ren: Weil Frauen irgend­wie sen­si­bler sind? Weil Transgender-Leute mehr Frau als Mann sind?) Wie dem auch sei: Die Sorge der Orga­ni­sa­to­ren um die eigene Zukunft im Uni­be­trieb ist jeden­falls unbe­grün­det. Zwar müs­sen sie noch ler­nen, dass man vor­läu­fige Refe­ren­ten­lis­ten und Pro­gramme von Kon­fe­ren­zen nicht ein­fach streut wie Hell­muth Kara­sek seine Manu­skripte. Für Leute, die die obli­ga­to­ri­sche Schaum­schlä­ger­spra­che beherr­schen, bereit sind, ihre Prin­zi­pien bei erst­bes­ter Gele­gen­heit über den Hau­fen zu wer­fen, und die vor allem die Kunst beherr­schen, das – lei­der oft not­wen­dige – Ran­schmei­ßen an Betreuer, Gut­ach­ter und aka­de­mi­sche Kon­ven­tio­nen als Dienst an einer höhe­ren Sache aus­zu­ge­ben: für sol­che Leute wird der Uni­ver­si­täts­be­trieb immer Ver­wen­dung haben.

Viel Erfolg auf dem wei­te­ren Weg – wünscht der: AK kri­ti­sche Berufs­be­ra­tung der AG „No Tears for Krauts“

11/2013

[Das Flug­blatt als pdf.]

»Never ending story – Das Israelpseudos der Pseudolinken«. Vortrag und Buchvorstellung mit Anja Worm und Jan Gerber.

Vor­trag und Dis­kus­sion: Diens­tag, 19. Novem­ber 2013, 19 Uhr in Halle (Saale)

in den Jah­ren 1969 und 1970 wur­den die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und West­ber­lin von einer bei­spiel­lo­sen anti­zio­nis­ti­schen Kra­wall– und Ter­ror­welle über­rollt. Die Täter kamen aus dem Umfeld der Neuen Lin­ken, die ihren zurück­hal­ten­den Prois­rae­lis­mus nach dem Sechs­ta­ge­krieg gegen einen vehe­men­ten Anti­zio­nis­mus ein­ge­tauscht hatte. Vor die­sem Hin­ter­grund erschien mit Michael Land­manns Buch »Das Israelp­seu­dos der Pseu­do­lin­ken« eine der ers­ten kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit der Israel­f­eind­schaft der Neuen Lin­ken. Mit ihrer anti­zio­nis­ti­schen Wende, so Land­mann, ver­wandle sich die Pro­test­be­we­gung von einer »ech­ten« in eine »Pseudolinke«.

Inzwi­schen ist die Neue Linke, auf die sich Land­mann bezog, zwar ver­dien­ter­ma­ßen mar­gi­na­li­siert. Sie hat ihre Auf­gabe – die Kon­ser­vie­rung des Irr­sinns von Volk, Ursprüng­lich­keit und Unmit­tel­bar­keit in einer Zeit, in der kein gro­ßer Bedarf danach bestand – jedoch erfüllt. So fin­det sich der Anti­zio­nis­mus längst nicht mehr nur in lin­ken Klein– und Groß­sek­ten wie die der Links­par­tei, dem Frei­bur­ger »Café Palestine« oder der anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Schlä­ger­truppe, die vor eini­gen Jah­ren in Ham­burg die Auf­füh­rung von Claude Lanz­manns Film »Pour­quoi Israël« ver­hin­derte. Son­dern der anti­is­rae­li­sche Furor ist im poli­ti­schen Main­stream ange­kom­men, in dem die Unter­schei­dung zwi­schen »links« und »rechts« ohne­hin kaum noch getrof­fen wer­den kann. Um die ein­schlä­gi­gen Ste­reo­ty­pen zu hören, muss kein Vor­trag eines auto­no­men oder marxistisch-leninistischen Selbst­fin­dungs­zir­kels mehr besucht wer­den, son­dern es genügt, die »Süd­deut­sche Zei­tung« auf­zu­schla­gen oder den Bericht über Israel auf »3Sat« zu schauen.
Aus die­sem Grund soll mit Michael Land­mann nicht nur einer der ers­ten lin­ken Kri­ti­ker des neu­lin­ken Anti­zio­nis­mus gewür­digt wer­den. Viel­mehr soll unter Rekurs auf Land­manns Aus­füh­run­gen von den Hin­ter­grün­den des neuen Anti­se­mi­tis­mus den Trans­for­ma­tio­nen, die der Israel­hass in den letz­ten vier­zig Jah­ren durch­ge­macht hat, und der Aktua­li­tät der Kri­tik gespro­chen werden.

Es spre­chen Anja Worm und Jan Ger­ber (»Mate­ria­lien zur Auf­klä­rung und Kri­tik«). Sie sind Her­aus­ge­ber der Neu­auf­lage von Michael Land­manns »Das Israelp­seu­dos der Pseu­do­lin­ken« (Frei­burg: ça ira 2013) und Curt Geyer u.a.: »Fight for Free­dom. Die Legende vom ›ande­ren Deutsch­land‹« (Frei­burg: ça ira 2009).

Die Ver­an­stal­tung fin­det in den Räu­men von Radio Corax, Unter­berg 11, 06108 Halle (Saale), statt.

Eine Ver­an­stal­tung der AG Antifa im Stura der Uni Halle | antifa.uni-halle.de