Im Diskurs sind alle Katzen grau

Folgender Text wurde gestern im Conne Island in Leipzig verteilt. Anlass war ein Vortrag eines hallischen Nahostexperten. Der Grund für das Flugblatt ist allerdings das Conne Island selber:

[ Flugblatt als PDF ]

Liebe Nahostexperten,

selbstverständlich wollt ihr nicht verpassen, wenn heute im Conne Island die Solidarität mit Israel auf eine Handvoll Lippenbekenntnisse zurechtgestutzt wird. Ganz entledigen kann man sich ihr zwar noch nicht. Doch bis zur endgültigen Abkehr kann man sich zumindest mit einer ausgewogenen Sichtweise behelfen, die als Notausgang für unverhohlenes Israelbashing dient. Denn trotz manch warmer Worte für den Judenstaat versteht jeder die Message der heutigen Veranstaltung: Man soll Israel endlich wieder kritisieren dürfen.

Das Einmaleins der Israelkritik

Bereits der Titel des Vortrags »Die Realität ist grau. Deutsche Linke zwischen ›Israelsolidarität‹ und BDS« verspricht das Differenzieren bis zum völligen Erkenntnisverlust. Die »Boycott, Divestment and Sanctions«-Kampagne steht hier als Platzhalter für den Antizionismus. Freilich ist es nicht die feine Art, die alte Nazi-Parole »Kauft nicht bei Juden« wieder hervorzukramen und gegen Israel zu wenden. Aber um das zu hören, ist mit Gewissheit niemand hierhergekommen. Keiner will mit dem »Antisemitismus von Teilen der Palästinasolidarität« behelligt werden. Denn heute geht es um die »Berechtigung von Kampagnen gegen die militärische Besatzung der Westbank«. Genau dafür ist der Islamwissenschaftler Hannes Bode anerkannter Experte.

Schon seit geraumer Zeit lotet er die Wege zur unverdächtigen Israelkritik aus. In einem Artikel für die Jungle World verbog er die Ursache des Anstiegs von Messerangriffen auf jüdische Israelis vor zwei Jahren zu einer Mischung aus Gewaltspirale und sozialer Ungleichbehandlung gegenüber arabischen Israelis. Von den antisemitischen Motiven der Mörder ist dagegen keine Rede. Im Gegensatz dazu ließ er es sich nicht entgehen, den rechten Flügel des israelischen Parlamentes als »rechtsextrem« zu bezeichnen, ein Adjektiv das hierzulande für die NPD vorbehalten ist. Die Berechtigung für solche Verdrehungen bezieht er aus der Abgrenzung von allzu offensichtlichen Antisemiten. Im Wesentlichen begründet er sein Anrecht auf Israelkritik jedoch mit Nahostbescheidwisserei. Weil der Prahlhans hebräisch und arabisch spricht, glaubt er, gegen Israel differenzieren zu können. Herablassend heißt es im Ankündigungstext, dass Positionierungen »auf allen Seiten umgekehrt proportional zum Umfang des Wissens über historische oder aktuelle Realitäten in der Region« stehen würden.

Dass Bode damit insbesondere auf die »Seite« der Israelsolidarität abzielt, zeigt die Inbrunst, mit der er selbst notorische Israelhasser wie die BDS-Unterstützerin Laurie Penny gegen Antisemitismusvorwürfe verteidigt. Als er seinen Lieblingsrapper Kaveh zu einem Konzert einlud, glänzte der mit Intifada-Rufen. Die Jubelstürme für den Judenmord spielte Bode mit der Behauptung herunter, sie wären in einem ursprünglichen Sinne gemeint, den nur Nahostprofis verstehen. Hier kommt sein Ressentiment gegen Israel mit der vornehmlichen Passion des Islamexperten zusammen. Über die antisemitischen Auswüchse von islamischen Gesellschaften wird schon deshalb hinweggesehen, um die Schwärmerei für die Religion des Orients nicht überdenken zu müssen. Wer dagegen den Islam kritisiert, den überzieht der Es-gibt-nicht-den-Islam-Wissenschaftler mit wilden Rassismusvorwürfen. Dass es sich dabei meist um Leute handelt, die sich der Kritik des Antisemitismus und der daraus resultierenden Solidarität mit Israel verschrieben haben, macht den Wutausbruch perfekt.

Der heiße Brei

Es ist kein Zufall, dass gerade jetzt das Thema Israel in den Fokus des Leipziger Szeneschuppens gerät. Dabei verschärft sich derzeit weder der Nahostkonflikt, noch gibt es landesweite Proteste wie im Jahre 2014 gegen den Rückzugsort der Juden. Wenn man von den üblichen Verdächtigen absieht, hat gerade kaum jemand das Land im Visier. Auf der Tagesordnung würden gerade vielmehr die Höhenflüge des Islams stehen. Das Thema ist dem Conne Island jedoch zu heiß. Zu stark ist die Sorge vor Rassismusvorwürfen vonseiten des eigenen Publikums.

Das zeigt auch die Stellungnahme zum Anstieg von Übergriffen auf Frauen durch »junge Männer mit Migrationshintergrund«. Darin wird zwar die »stark autoritär und patriarchal geprägte Sozialisation in einigen Herkunftsländern« erwähnt. Worüber man aber nicht reden will, ist der islamische Background einer Großzahl der Täter. Stattdessen wird abgelenkt, „Syrer, Connewitzer, Ghanaer, Eilenburger, Leutzscher oder Russen“ machen gleichermaßen Probleme – ganz so, als wären die Chauvi-Sprüche irgendwelcher Sachsen dasselbe wie der Frauenhass des Islams. Selbst in einer Erklärung, die angeblich Diskussionen anstoßen soll, mag man die Dinge nicht beim Namen nennen. Es fällt dementsprechend schwer zu glauben, dass es dem linken Hausprojekt überhaupt ein inneres Anliegen war, an die Öffentlichkeit zu gehen. Stattdessen liegt der Verdacht nahe, dass es Druck von außen war, der die Verantwortlichen dazu bewegte, einen Text zu veröffentlichen. Während immer mehr Frauen fernblieben, weil sie die Übergriffe leid waren, attackierten die autonomen Antirassisten die Türsteher des Klubs als Rassisten. Angestrebt wurde weniger die Auseinandersetzung, vielmehr soll endlich wieder Ruhe einkehren im Kiez.

Vor diesem Hintergrund erscheint der Vortrag über den Konflikt im Nahen Osten als Vermeidungsdebatte zu dringenderen Themen, die allerdings eine weitaus größere Sprengkraft besitzen. Mit Beiträgen die sich dem Eindampfen der Israelsolidarität widmen, weicht man auf weniger turbulentes Terrain aus. Große Widerworte sind vonseiten der Leipziger Linken in dem Fall schließlich nicht zu erwarten. Wo das Smashen von Bankfilialen wieder Konjunktur hat, nimmt man es mit der Kritik des Antisemitismus nicht mehr so genau. Die Zeiten in der das Conne Island, trotz der bereitwilligen Teilnahme an jeder Menge Unfug, als eine Hochburg der Israelsolidarität galt, scheint man zugunsten des Szenezusammenhalts endgültig abstreifen zu wollen. Ohnehin bettete sich dieser Ruf zumindest in den letzten Jahren vor allem auf einen Faible für Israelkitsch. Allzu konsequente Freunde Israels wurden bereits in der Vergangenheit wegen haarsträubender Sexismusvorwürfe vor die Tür gesetzt. Da trifft es sich gut, dass mit den Wortführern der damaligen Inquisition, dem Antifaschistischen Frauenblock Leipzig, bereits der nächste Vortrag zur linken Israelsolidarität in den Startlöchern steht. Der Eintracht in Leipzigs Süden steht somit nichts mehr im Wege.

AG No Tears For Krauts
25.10.2016

Antifaschistische Hochschultage 2016

Wir weisen freundlich auf die Veranstaltungen der AG Antifa im Rahmen der Antifaschistischen Hochschultage 2016 an der Uni Halle hin.

Dienstag, 25. Oktober 2016, 19 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle

Europa und die Linke. Über den Fortschritt der europäischen Integration.
Vortrag und Diskussion mit Ulrich Schuster (Roter Salon, Leipzig)

In Europa stehen die Zeichen auf Desintegration und Renationalisierung; für einen großen Teil der Linken logische Folge neoliberaler Wirtschaftspolitik und deutscher Hegemonie. Linkspopulistische Initiativen wie die Plattform für einen linken EU-Ausstieg Lexit oder die Europa-Bewegung des ehemaligen griechischen Ministers Yanis Varoufakis, DIEM 25, versuchen die Völker Europas zur Verteidigung nationaler Souveränität zu mobilisieren und unterscheiden sich in diesem Punkt wenig von rechten Europafeinden. Hingegen sehen Linksradikale wie die Interventionistische Linke angesichts griechischer Arbeitslosenproteste und des „Kampfs der Flüchtlinge“ ihre Hoffnungen auf eine weltweite, sozialrevolutionäre Bewegung belebt und machen dabei die Rechnung ohne eine realistische Einschätzung der Bedürfnisse und des Bewusstseins der Handelnden. So oder so glaubt linke Kritik durch den Nachweis materieller Interessen des Kapitals den Mythos einer europäischen Friedensordnung zu entzaubern. Was aber, wenn die institutionelle und kulturelle Entschärfung nationalistischer Rivalität ebenso wie die Zivilisierung Deutschlands durch Europa nie im Widerspruch zum vorherrschenden Kapitalinteresse stand? Entgegen einer jahrzehntelang eingeübten Praxis ist heute eine positive Bezugnahme auf den progressiven Gehalt der europäischen Integration wichtig. Zwar verbindet sich damit keine Perspektive gesellschaftlicher Umwälzung und sozialer Gleichheit, allerdings stellt man sich angesichts der Wiederkehr von Nationalismus und europäischen Staatenkonflikten in die Tradition bürgerlicher und antifaschistischer Pro-Europa-Positionen, deren Relevanz sich in die Gegenwart verlängert.


Donnerstag, 3. November 2016, 19 Uhr

Melanchthonianum, Uni Halle

Erdogan. Ein Führer und sein Volk.
Vortrag und Diskussion mit Justus Wertmüller (Redaktion Bahamas, Berlin)

Der 15. Juli 2016, der den verpatzten Versuch türkischer Militärs in ihrem Land die Macht zu übernehmen und Staatschef Erdogan ins Jenseits zu befördern markiert, wurde vom türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim zum „Feiertag der Demokratie“ und von Erdogan zum Zeichen der „Gunst des Allmächtigen“ erklärt. So zynisch Äußerungen wie diese angesichts der Reaktionen auf den Putsch daherkommen, so wenig verwunderlich sind diese zugleich.
Der „Führer“, wie Erdogan von seinen Anhängern genannt wird, demonstriert nur, wie charismatische Herrschaft funktioniert. Ihr oberstes Prinzip – da sind sich der Türken- und der Russenführer sehr ähnlich – ist die Frechheit, und von der Frechheit beseelt sind ihre Anhänger. Nach innen wird das bisschen Rechtsstaatlichkeit, das es sogar in der Türkei gab, öffentlich verhöhnt und kassiert, nach außen zeigt man selbstbewusst den Stinkefinger. In der Türkei finden mehr als 50 Prozent der Bevölkerung nichts dabei, dass ihr Führer den casus belli mit Syrien durch eine Geheimdienstinszenierung herbeiführen wollte oder dass er und die Seinen sich schamlos bereichern. Man identifiziert sich mit dem Großmaul, das zum Helden avanciert, je mehr er offensichtlich ungehindert Fakten schafft. Die alten Vorbehalte gegen die von Erdogan entmachtete kemalistische Elite sind nur teilweise handlungsleitend. So korrupt und autoritär diese Kreise auch waren, gehasst hat man an ihnen, dass sie, wie verzerrt auch immer, angetreten sind, eine andere Türkei zu schaffen.
Was heute als westlich und untürkisch verdammt wird, ist der gescheiterte Versuch, weg von den Hinterlassenschaften des auf Raub gegründeten osmanischen Imperiums hin zu einem Land zu kommen, in dem die Gleichheit vor dem Gesetz nicht nur in der Verfassung steht und die elende persönliche Abhängigkeit von Privilegierten, dieses scheinbar unausrottbare Geflecht der Beziehungen, endlich abgeschafft wird. Der charismatische Führer stiftet die persönliche Abhängigkeit von der Macht als umfassendes Prinzip neu, nimmt ihr den Geruch des Illegalen und Herabwürdigenden, indem er als dysfunktional, schwach und schutzlos vorführt, was die Voraussetzung für ein erträglicheres Leben wäre: Das Recht als Möglichkeit, auch für Arme und Einflusslose, gegen rechtswidrige Übergriffe von Reichen und Mächtigen vorzugehen, als Schutz des Einzelnen gegen die Zumutungen einer moralischen Ordnung, die der Mehrheitsmob durchzusetzen angetreten ist.

Dezember 2016: Der Wert und das Es. Buchvorstellung mit Uli Krug

Januar 2017: Warum wir über den Islam nicht reden können. Vortrag und Diskussion mit Sama Maani

Infos zu den weiteren Veranstaltungen unter antifa.uni-halle.de

Vortrag von Nils Baratella: Das kämpferische Subjekt. Aufstieg und Fall des Boxens.

Hosted by AG Antifa
Donnerstag, 25. August 2016, 19 Uhr
Radio Corax, Unterberg 11, Halle (Saale)

Der Boxring gilt als ein kulturell und historisch hervorgebrachter Ausnahmeraum, in dem ein ethisierter, ästhetisierter und reglementierter Kampf aufgeführt wird. Nicht um Gewalt geht es hier, sondern um einen Kampf. Die moderne Vorstellung, dass sich zwischenmenschliche Gewalt zivilisieren lasse, ist keine, die genuin im Sport entsteht.

Vielmehr steht diese Idee im Zentrum moderner Philosophie. Anhand zweier Autoren soll die Entwicklung dieser Idee nachgezeichnet werden: Hegel denkt einen konstruktiven, vergesellschaftenden und vereinheitlichenden „Kampf um Anerkennung“. Gegen diese Vereinheitlichung rebelliert Nietzsche. Bei ihm sollen lange unterdrückte Kräfte des Körperlichen als Gegenentwurf zur Unterwerfung durch Disziplinierung entfesselt werden. Beide Theorien können als entgegengesetzte Pole einer Debatte betrachtet werden: Hegel will die Kämpfe rationalisieren und in Richtung vernünftigerer Verhältnisse führen. Nietzsche will durch Kampf und Gewalt einen kathartischen Reinigungsprozess einleiten.

Zudem rückt mit Nietzsche die Bedeutung des Körperlichen und seiner Aufführung in den Fokus philosophischen Interesses. Gemein ist beiden Theorien die heraklitische Idee des permanenten Werdens im Kampf. Sowohl bei Nietzsche als auch bei Hegel wird das Subjekt der Moderne als ein gespaltenes, zerrissenes, agonistisches Wesen verstanden, das sich in Kämpfen und Konflikten erzeugt. Dieses kämpferische Subjekt zeigt sich in vielfältigen Kulturerzeugnissen – ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts auch im Sport. Sportliche Aufführungen, und v.a. das Boxen, gewinnen mit der Jahrhundertwende zunehmend massenwirksame Bedeutung. So ist das Boxen ein Phänomen der (atlantischen) Moderne, deren Ideale, deren „Weltbild“ (Heidegger), es in einer sportlichen Inszenierung sichtbar macht: Nahezu gleiche Gegner treten gegeneinander an, um sich zu duellieren.

Das Ergebnis gleicher Voraussetzungen ist jedoch größtmögliche Ungleichheit: Einer steht, der Andere liegt. Für diesen Kampf haben sich die Boxer geformt, hart an sich gearbeitet und ihr Leben diesem Ziel unterworfen. Die Wut und Aggression der kämpfenden Körper muss durch Regeln kontrolliert werden. Erst wenn die Kämpfer dieses Regelwerk inkorporiert haben, der Ethos des Sports ihre körperliche Praxis durchdringt, sind sie, was sie sein wollen, um die Anerkennung des Gegners und des Publikums gewinnen zu können: Das kämpferische Subjekt Boxer. Der faire Kampf als Ideal der Moderne tritt in vielfältigen Kulturerzeugnissen auf. Doch im Boxen wird es in besonders paradigmatischer körperlicher Weise aufgeführt. Kann dieses Ideal unter heutigen Bedingungen aufrechterhalten werden? Und hat es noch Gültigkeit?

Der faschistische Stil. Zur Ideologie und den Strategien der Neuen Rechten

Mit weisen freundlich auf eine Veranstaltung der AG Antifa im StuRa hin:

Vortrag und Diskussion mit Matheus Hagedorny

Montag, 11. Juli 2016, 19 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle

Mit Pegida und dem Aufstieg des völkischen „Flügels“ der AfD steht die Neue Rechte wieder in Rede. Tatsächlich ist die Neue Rechte ein theoretischer und praktischer Katalysator rechtsnationalistischer Politik. Das lässt sich etwa an dem langjährigen intimen Verhältnis aufzeigen, das etwa die Architekten des „Flügels“, die AfD-Landesvorsitzenden Björn Höcke (Thüringen) und André Poggenburg (Sachsen-Anhalt), zu dem bekanntesten neurechten Aktivisten, Götz Kubitschek, unterhalten.
Dessen Rittergut Schnellroda im südlichen Sachsen-Anhalt ist innerhalb von fünfzehn Jahren zum mythologisch verklärten Anziehungspunkt der Neuen Rechten geworden, wo ein prosperierender Kleinverlag, eine tonangebende Zeitschrift und ein Institut zur Kaderschulung zusammenwirken. „Schnellroda“, unter Rechten zum Ausdruck geronnen, inspiriert ein wachsendes Milieu. Dabei sind die Kubitscheks und Höckes keineswegs originelle Denker und Strategen. Sie imitieren lediglich schablonenhaft altbekannte Vorbilder und geben sich einer heroischen Revolutionsromantik hin.
Die gegenwärtigen Themen der Neuen Rechten, zuvorderst die Feindschaft gegen Flüchtlinge, aber auch Antifeminismus und Geschichtsrevisionismus, sind nur Erscheinungsformen einer prinzipiellen Ablehnung der als „liberal“ gescholtenen bürgerlich-demokratischen Verhältnisse. Im Vortrag soll dies anhand einiger klassischer Autoren der Neuen Rechten, etwa Armin Mohler und Carl Schmitt, sowie mittels einiger aktueller Veröffentlichungen aus den szeneeigenen Verlagen und Zeitschriften aufgezeigt werden.

Matheus Hagedorny lebt und arbeitet in Leipzig und Berlin und schrieb zuletzt für die Wochenzeitung Jungle World über die „rechtsintellektuelle“ Szene.

Aufbau Mittelost

Das Bündnis gegen Antisemitismus Halle veranstaltete am 16.06.2016 eine Kundgebung gegen den Empfang des iranischen Botschafters durch die CDU-Mittelständler in Halle. Im Folgenden dokumentieren wir das Flugblatt der AG No Tears for Krauts, das auf der Kundgebung verteilt wurde.

Flugblatt der AG NTFK als PDF

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Kundgebung vor der Franckeschen Stiftung, Halle

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Aufbau Mittelost

Die Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung des hallischen CDU-Kreisverbandes hat heute in die Franckeschen Stiftungen geladen, um gemeinsam mit dem ehemaligen thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus und dem hallischen Oberbürgermeister Bernd Wiegand das iranische Comeback »auf dem Weltmarkt« zu feiern. Als Ehrengast wurde der iranische Botschafter Ali Majedi eingeladen, dessen Rede mit Hochstimmung erwartet wird, als wären in Wien nicht die wirtschaftlichen Sanktionen gegen den Iran deutlich gelockert, sondern Sachsen-Anhalt zur Sonderförderungszone der Europäischen Union erklärt worden. Der Kreisverband stellt »frische Geschäfte« für die heimische Wirtschaft in Aussicht. Allerdings ist den Veranstaltern nicht allein daran gelegen, fette Beute abzugreifen. Sie sind auch daran interessiert, die »jetzige iranische Regierung zu stabilisieren.«

Diese Formulierung ist wohl kaum das Resultat grober Naivität. Denn selbstverständlich kann auch den Christdemokraten aus dem sachsen-anhaltischen Brachland nicht entgangen sein, dass es sich beim Iran um eine klerikalfaschistische Despotie handelt, wo – gemessen an der Einwohnerzahl – mehr Menschen hinrichtet werden, als in irgendeinem anderen Land der Erde. Daran hat sich auch seit dem Machtantritt des „moderaten“ Rohani nichts gebessert. Das Gegenteil ist der Fall: Die Zahl der Hinrichtungen nahm seit dessen Amtseinführung im Jahr 2013 nochmals drastisch zu. Ungeachtet ihres Alters werden die vermeintlichen Delinquenten für solche Verbrechen wie Homosexualität, außerehelichen Sex, Alkoholkonsum oder Drogenhandel, Gotteslästerung und natürlich Kritik am brutalen Regime der Mullahs hingerichtet. Die ideologische Grundlage für die iranische Schreckensherrschaft liefert der Islam mit seinem Plädoyer für Todessehnsucht und Genussfeindschaft. Das alles schreckt die Freunde der deutsch-iransischen Wirtschaftsbeziehungen nicht ab, vielmehr trotzt ihnen gerade der wohlige Schauer vor der anpackenden Brutalität Sympathien für den iranischen Terrorapparat ab.

Zudem ist der Iran besonders für sein jahrelanges Bemühen bekannt, Israels Auslöschung voranzutreiben. Im Wochentakt überschlagen sich hochrangige iranische Großmäuler mit den Vernichtungsdrohungen. Im Iran belässt man es jedoch nicht bei markigen Worten. Um seinem Ziel näher zu kommen, greift der Mullahstaat antisemitischen Banden wie Hamas und Hisbollah bei ihren Angriffen auf den Staat der Juden unter die Arme oder er organisiert die Anschläge auf israelische Staatsbürger und Botschaften gleich selbst. Um die Judenfrage endgültig lösen zu können, versuchen die Islamfaschisten seit Jahren, in den Besitz der Atombombe zu gelangen. Um das zu verhindern, wurden einst die Wirtschaftssanktionen beschlossen, die vor knapp einem Jahr bis zur Unkenntlichkeit aufgeweicht wurden. Und das, obwohl sich auch am antisemitischen Tatendrang seit der Präsidentschaft Rohanis nichts geändert hat. Das zeigen unter anderem Raketentest vor drei Monaten. Iranische Militärs verkündeten danach stolz, dass die Raketen eine Reichweite von mindestens 2.000 km hätten und – damit niemand die Absicht dieser Übung missverstehen kann – mit den Worten „Israel muss ausradiert werden“ beschriftet wurden. Siegessicher prophezeite Irans Obermullah Ayatollah Khameni, dass sein Land das Raketenprogramm ausweiten werde und der Westen nichts dagegen tun könnte.

Es ist dabei nur scheinbar ein Widerspruch, dass an der heutigen Veranstaltung auch zahlreiche Landesvertreter teilnehmen, die keinen Anlass verstreichen lassen, das Gedenken an die ermordeten Juden zu zelebrieren. Dieter Althaus ist beispielsweise engagiertes Mitglied einer »Maximilian-Kolbe-Stiftung für Wege der Versöhnung aus der Kraft der Erinnerung«. Allerdings gedenken solche Vereine immer nur den toten Juden – an die Lebenden verschwenden sie keinen Gedanken. Stattdessen ist Israelkritik beim Erinnerungsweltmeister beliebter als die Fußball-Europameisterschaft. Das gegen Israel gerichtete Atomprogramm des Iran stört darum fast niemanden in Deutschland. 70 Jahre nach der Niederlage ist man hierzulande lediglich froh, sich nicht selbst die Hände schmutzig machen zu müssen. Für derart geläuterte Deutsche ist der iranische Botschafter Majedi der ideale Ansprechpartner. Er tritt nämlich nicht durch den wüsten Antisemitismus eines Ahmadinedschad in Erscheinung. Der Israelkritik leistet er viel bessere Dienste, indem er das nötige Material und Know-How für Irans Mordmaschinerie ins Land holt. Daran möchte sich der ostdeutsche Mittelstand natürlich gern beteiligen, indem er das Baumaterial für die Folterkammern, Baukräne zur Vollstreckung der Todesstrafe oder Bauteile für Sprengköpfe liefert. Das einzige was der schnellen Wiederbelebung der deutsch-iranischen Kontakte bei solchen Aussichten noch im Wege steht, ist die Doppelkornfahne der sachsen-anhaltischen Unternehmerschaft.

»AG No Tears for Krauts Halle«

Raus aus der Scheiße: Ende der Antifademo durch das Drecksnest Bornhagen | 5. Mai 2016

Kurzmitteilung

Weil es so schön war, der dörflichen Idiotie zu entsagen, hier nochmal ein Video vom Ende der Demo durch das Drecksnest Bornhagen.
Es spielten die Bands: NTFK, ADAB, GEKO

„Straight to hell! Weg mit den braunen Zonen! Weg mit der AFD!“ [youtube playlist]

FAZ 6.5.2016 | Ein Himmelfahrtsprotest gegen Gefühlszonis. Linke Gruppen kommen nach Bornhagen, in den Wohnort des AfD-Manns Björn Höcke – ihre Wut richtet sich aber vor allem gegen die Provinz

Die Redebeiträge zur Demo im Eichsfeld sind hier nachzulesen:
http://nokrauts.org/2016/05/redebeitraege-zur-demonstration-straight-to-hell-in-bornhagen/

Bilderreihe: https://www.flickr.com/photos/lionelcbendtner/sets/72157667942386086

Presseshow following up straighttohellbornhagen.wordpress.com/presseschau/

Weitere Berichte in der youtube Playlist: Weiterlesen

Redebeiträge zur Demonstration „Straight to hell!“ in Bornhagen

Die Redebeiträge zur Demonstration „Straight to hell!“ im thüringischen Eichsfeld können hier nachgelesen werden.

Redebeitrag AG NTFK Halle [PDF]

Redebeitrag GEKO Halle [PDF]

Redebeitrag ASSOCIATION PROGRÈS [EXT]

Wer vom Islam nicht reden will,
sollte auch von der AfD schweigen

Redebeitrag von No Tears for Halle aus dem Organisationsbündnis zur Demonstration „Straight to Hell!“ am 5. Mai 2016 in Bornhagen.

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Das tothe Thier

Kurzmitteilung

Thote ThierDas tothe Thier

Nach zehn Ausgaben stellen wir die Zeitschrift Das Grosse Thier hiermit ein und gestehen: Es war alles nur ein grosser Witts.

Wer hätte gedacht, dass einer der größten Gags der an Witzen so reichen ostzonalen Antifa-Geschichte der letzten Jahre gleich zweimal funktioniert. Vielleicht erinnert sich noch jemand: Vor vier Jahren boten wir der linken Leipziger Jungakademikerzeitschrift Phase 2 einen bei einem Kasten Bier entstandenen Artikel an, in dem wir der Kleinkinderserie ALF einen subversiven und emanzipatorischen Charakter andichteten. Zudem schlugen wir den Bogen zur inzwischen so beliebten Gendertheorie und behaupteten, dass der Außerirdische mit der femininen Körperbehaarung und der engelsgleichen Stimme auch in dieser Hinsicht Herausragendes geleistet habe. Zu unserer Überraschung winkte die Redaktion den Text, der zu mehr als 70 Prozent aus Fragwürdigkeiten, Lügen und Mumpitz bestand, durch und veröffentlichte ihn. Damit war die von der Phase 2 kurz zuvor gestellte Frage beantwortet, die uns überhaupt erst zum Schreiben des Artikels veranlasst hatte: Wie ist es um linke Medien bestellt? Unsere Antwort lautete: Linke Medien stehen mit Wahrheit und Vernunft auf Kriegsfuß. Sie sind darüber hinaus nicht nur der Ort, an dem private Vorlieben weltanschaulich aufgenordet werden können, sondern auch bereit, jeden Unsinn zu drucken, wenn er nur im richtigen Jargon verfasst ist.
Unseren abschließenden Text zu der Angelegenheit beendeten wir mit der Aussage, dass vielleicht alles doch ganz anders ist. Vielleicht, so hofften wir damals, bekennt sich die Redaktion der Phase 2 demnächst dazu, dass nicht nur der ALF-Text, sondern sämtliche Artikel des Blattes ein subversiver Anschlag auf die Dummheit, den Konformismus und die Autoritätshörigkeit der Linken sind. Durch ein solches Geständnis hätte das Phase-2-Publikum, das den Quark des Blattes Jahr für Jahr geschluckt hat, vor sich selbst erschrecken können – was nicht das Schlechteste gewesen wäre. Man muss die Menschen vor sich selbst erschrecken lassen, um ihnen Courage zu machen, schreibt Marx ja irgendwo sinngemäß.
Diese Hoffnung auf einen großen Masterplan der Phase-2-Redaktion war zwar äußerst naiv. Es war jedoch eine Idee geboren wurden: Wir beschlossen, eine Zeitschrift zu gründen, die den linken Zeitgeist und die postantideutsche Antifaszene mit ihrer wiedergewonnenen Begeisterung für jeden noch so hanebüchenen linken Bewegungsunsinn – von der neuen Anziehungskraft der „Klasse“ bis zum garantiert szenigen Dresscode – bedient. Das Blatt sollte mit aufgeblähten Nonsens-Artikeln gefüllt werden, um in der Hoffnung auf das Erschrecken der Leserschaft über sich selbst, das manchmal durchaus heilsame Folgen für die eigene Selbstreflexion und Vernunft haben kann, irgendwann die Bombe platzen zu lassen. Der Name des Heftes war schnell gefunden: Das grosse Thier.
Auch die Herausgabe selbst war nicht sehr schwer. Wir setzten uns gelegentlich zusammen, besorgten uns stärkere Getränke als Bier und mixten folgende Zutaten: philosophisch aufgenordete, meist um ein wenig Hegel, Marx oder den Situationismus aufgepeppte Worthülsen, mit denen das theoretische Bedürfnis bedient werden sollte, Kleinkinderwitze, Schülerzeitungshumor und viel Gerede von der Avantgarde vergangener Tage. Trotz des Geblubbers von Antiautoritarismus und Gleichberechtigung will der um Distinktion bemühte Feld-, Wald- und Wiesenlinke nämlich lieber Vor- als Nachturner sein. Das ganze verbanden wir mit der obligatorischen Fünf-vor-Zwölf-Rhetorik („bald-geht-die-Welt-unter-aber-außer-uns-stört-sich-niemand-daran“), die dem existenzialistischen Bedürfnis der Leserschaft entgegenkommen sollte, und, unmittelbar damit verbunden, Poesiealbumsweltschmerz. Zusammen mit einem lieblos zusammengeschusterten Layout entstand dabei ein kleines Heftchen, das jeder Leser aufgrund des kompletten Verzichts auf Inhalt, Stringenz, Logik und Lesbarkeit entnervt hätte links liegen lassen müssen.
Das Gegenteil passierte: Zwar hatten wir damit gerechnet, dass sich bereits mit der ersten Ausgabe ein fester Leserkreis zusammenfand, den das Heft begeisterte. Immerhin kennen wir die Linke und ihre Vorliebe für sinn- und hirnloses Gestammel. Nicht gerechnet hatten wir allerdings damit, dass das Blatt eine so große Resonanz erhielt, dass uns von den Lesern haufenweise Artikel für mehrere Ausgaben angeboten wurden, die unser eigenes, im Stroh-80-Rausch fabriziertes Gebrabbel für das Grosse Thier noch unterboten. Wir entschieden uns, die Sache noch ein wenig laufenzulassen und setzten die Herausgabe fort. Unsere Hoffnung: Irgendwer muss doch irgendwann durchschauen, dass das Heft nicht ernst gemeint sein kann. Leider Fehlanzeige, die Fangemeinde wuchs und auch die Artikelangebote nahmen nicht ab.
Da zehn Hefte nun wirklich genug sind und wir schlichtweg keine Lust mehr haben, darauf zu warten, dass jemand unser Fake durchschaut, stellen wir hiermit die Herausgabe der Zeitschrift Das grosse Thier ein. Wir hoffen, dass sich die bisherigen Leser für ihre Begeisterung schämen, bei ihrer nächsten Lektüre genauer hinschauen und ausnahmsweise einmal ihren Kopf einschalten. Groß ist unsere Hoffnung allerdings nicht.

No Tears for Krauts, 04/2016