Magdeburg bleibt blöd

„Haltet euch ab 17 Uhr im Viertel bereit. Mobilisiert alles und jeden.“ Mit diesen Worten und der Parole „Magdeburg bleibt rot!“ riefen linke Antisemiten im Netz dazu auf, unsere Veranstaltung „Solidarität mit Israel“ am 9. April mit Stephan Grigat in Magdeburg zu verhindern. Mehr als 21 Leute, drei Fahrräder und einen Hund bekamen sie allerdings nicht zusammen. Sie bauten sich in respektabler Entfernung vom Veranstaltungsort auf und versuchten, Gäste und Security mit lustigen Kampfsportposen und Schimpfworten aus dem Repertoire der 7c („Deine Mutter!“, „Hurensohn!“ usw.) zu beeindrucken. Da den Aufrufen von „Zusammen kämpfen“ und Co. selbst in der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts kaum noch jemand folgen will, mussten einige der tapferen Verteidiger Magdeburgs eigens von außerhalb angekarrt werden. Natürlich durfte auch die notorische Ines Fritz alias „Thea Tiger“ nicht fehlen, die sich schon mal fälschlicherweise als Mitarbeiterin der Linkspartei ausgibt und sich im Vorfeld der Veranstaltung durch Lügen, Denunziationen und Einschüchterungsversuche besonders hervorgetan hat.

Diese Einschüchterungsversuche waren auch der Grund dafür, dass wir kurzfristig den Veranstaltungsort wechselten. Der Betreiber der Factory, wo der Vortrag ursprünglich stattfinden sollte, wurde im Vorfeld massiv bedroht, teilweise wurde ihm aber auch Geld geboten, die Veranstaltung abzusagen. Da wir ihn keinem unnötigen Druck aussetzen wollten, nahmen wir Gespräche mit der Magdeburger Rosa-Luxemburg-Stiftung auf.

Deren Mitarbeiter haben wir als freundliche und interessierte Zeitgenossen kennengelernt, die Zusammenarbeit mit der Polizei hat ebenfalls gut funktioniert. Denn selbstverständlich haben wir uns mit ihr abgesprochen. Auch wenn wir deutlich in der Überzahl waren, spielen wir weder das faschistische Spiel vom Recht des Stärkeren mit, noch sind wir von der Mafia, der Bundeswehr und anderen Männerbünden fasziniert. Männerschweiß, Mut-Koks und Geländespiele interessieren uns nicht besonders.

Während „Zusammen kämpfen“ in der Umgebung der Rosa-Luxemburg-Stiftung Verkleiden und Verstecken spielten und sich beim Tritt gegen ein Auto fast verletzten,* sprach Stephan Grigat vor über 40 Zuhörern über die Notwendigkeit der linken Solidarität mit Israel, die Geschichte und Gegenwart des Zionismus, die Bedrohung Israels und den Zusammenhang der beiden kategorischen Imperative von Karl Marx und Theodor W. Adorno.

Fazit: Wie wir schon 2008 und 2013 gezeigt haben, ist es ohne größere Schwierigkeiten möglich, eine israelsolidarische Veranstaltung in Magdeburg durchzuführen – selbst in unmittelbarer Nachbarschaft der örtlichen Antiimpis. Deren Mobilisierungsfähigkeit hält sich selbst in „ihrem“ Viertel, wo der Vortrag stattfand, in engen Grenzen. Insgesamt waren wesentlich mehr Leute an der Veranstaltung als an ihrer Verhinderung interessiert. Zwar mögen die linken Antisemiten im Einzelfall eine Gefahr darstellen, sie sind jedoch weniger ein politisches als ein polizeiliches Problem. Sprich: Es wird Zeit, sie als die Horde Kleinkrimineller zu betrachten, die sie sind. Das Schlägerimage, das sich die Magdeburger Linke vor einigen Jahren mühsam erarbeitet hat, scheint auch weiterhin kaum noch Anknüpfungspunkte in der Realität zu besitzen. Uns hat sich dasselbe Bild geboten wie 2013: „Ein offensichtlich nervöser Haufen Autonomer, die angespannt an ihren unter den Jacken versteckten Waffen herumfingern, entspricht nicht unbedingt dem Bild einer schlagkräftigen Antiimp-Gang,“ war damals in der „Bonjour Tristesse“„Bonjour Tristesse“ zu lesen. Aus diesem Grund sollte man die Magdeburger Männerbündchen auch in Zukunft einfach weiter links liegen lassen.

No Tears for Krauts, 04/2019

* Grandios dabei der folgende Dialog: „Ronny guck‹ ma‹, der da war auch bei die Antideutschen.“ „Ja, den treten wir den Spiegel.“ – „Mist, ich komme nicht so hoch mit die Beine.“ „Oh man Ronny was ist das für 1 Scheiß zionistische Schwein, lass‹ schnell wegrennen.“

Das Magdeburg-Syndrom. Über Anna & Arthur im Gangland.

„Anna & Arthur halten’s Maul!“ – Diese Parole gab die autonome Linke in den achtziger Jahren für den Umgang mit der Polizei aus. Seitdem haben die beiden linken Identifikationsfiguren, die auf Bildern bezeichnenderweise gern als Kleinkinder mit Eimer und Schippe dargestellt werden, ganze Arbeit geleistet. Egal, wie verfeindet die diversen linken Fraktionen sind; egal, welche Sauereien die einschlägigen Politcrews auch begangen haben: Lieber lässt man sich weiterhin von den Westentaschen-Stalins, ‑Mielkes und ‑Che-Guevaras, die die deutsche Linke zu bieten hat, terrorisieren, als dass Bedrohungen, Erpressungen und Körperverletzungen angezeigt werden. Nicht nur die autonomen Schlägertrupps handeln weniger nach den Imperativen Marxens, Durrutis und Blanquis als nach dem Vorbild Al Capones oder Egon Olsens, sondern auch viele ihrer innerlinken Gegner: Seit es die (ohnehin stets prekäre) gemeinsame Sache nicht mehr gibt, hat sich die auf sie bezogene Solidarität in einen Ehrenkodex verwandelt. Die Parole „Anna & Arthur halten’s Maul“ ist die linke Variante der Omertà, des Schweigegelübdes der Mafia. Das Problem der linken Ganglands sind somit nicht allein die antiimperialistischen Zentralkomitees, sondern auch diejenigen, die zwar verbal zu ihnen auf Distanz gehen, sich sonst aber verhalten, als wären sie von einem linken Stockholm-Syndrom befallen, sprich: diejenigen, die sich entweder mit ihren Peinigern identifizieren oder zumindest gern bereit sind, ein Auge zuzudrücken und die Verwandlung der Linken in ein Racket mitzumachen.

Jan-Georg Gerber wird u.a. am Beispiel Magdeburgs über die Transformation der autonomen Linken in eine Mischung aus Revierverteidigungskommando, Fußballverein und Schweigekartell sprechen;
Uli Krug wird anhand des Begriffs der Autonomie zeigen, wie sich diese Transformation der Linken in die Verwandlung der gesamten Gesellschaft in ein Geflecht aus Banden, Gangs und Rackets einordnet.

Uli Krug ist Redakteur der Zeitschrift „Bahamas“. Jan-Georg Gerber schreibt für „Bahamas“ und „Jungle World“. Er ist Autor und (Mit-)Herausgeber mehrerer Bücher über die Geschichte und den Zerfall der Linken.

Eine Veranstaltung der ag „no tears for krauts“ und der „Materialien zur Aufklärung und Kritik“.

8. März 2013, 20:00 Uhr
Magdeburg, Cafe Central
Leibnizstraße 34
www.cafecentral.cc