»Neustadt Stau – Der Stand der Dinge«

Veranstaltungsankündigung für Mittwoch, den 16.01.2013 in Halle (Saale)

Der Regisseur Thomas Heise hatte im Jahr 2000 im zweiten Teil seiner Dokumentation jene hallischen Nazis wieder vor die Kamera geholt, die er bereits acht Jahre zuvor in »Stau – Jetzt geht’s los« beim Saufen, Grölen und Pöbeln gefilmt hatte. Heise wollte mit der Fortsetzung zeigen, wie es um seine ehemaligen Protagonisten zu dieser Zeit stand. Unfreiwillig gelang ihm damit allerdings eine Bestandsaufnahme von Verhältnissen, in denen die Unterschiede von organisierten Nazis und ihren ganz normalen Nachbarn verschwimmen. Es sind Verhältnisse, in denen die Gewalt roh und unvermittelt zutage tritt. Der Film zeigt den tristen Alltag in Halle-Neustadt. Mittlerweile sind die Nazis von gestern älter und auch äußerlich kaum noch von anderen Neustädtern zu unterscheiden. Zu reden sein wird also über ganz alltägliche Gewalt, die sich gegen die eigene Frau, die eigenen Kinder, den Ausländer an der Ecke oder gegen den Nachbarn, der zu laut Musik hört, richtet. »Neustadt Stau« bietet Einblicke in eine Gesellschaft, in der ärmliche Gestalten ihr aussichtsloses Leben leben. Sie haben kaum eine Chance auf Verbesserung. Trotz dieser zutiefst menschenunwürdigen Umstände ist Mitleid allerdings nicht angebracht. Denn diese Menschen reflektieren nicht auf ihre Situation. Sie bemühen sich nicht um Einsicht in die irrationalen Verhältnisse. Sie machen dagegen Juden und Ausländer für ihr Unglück verantwortlich. Für sie gilt das Recht des Stärkeren, das sie stets brutal umzusetzen bereit sind. Ein NPD-Parteiausweis ist dabei ebenso irrelevant wie das Bekenntnis zum »Nazisein«. Dass die Situation hier in der Zone so unangenehm ist, liegt vor allem an jenen ganz normalen Jugendlichen, die so reden, denken und manchmal auch so handeln wie Nazis.

Filmvorführung mit Einleitungsreferat von Johannes Alberti (Materialien zur Aufklärung und Kritik, Halle).

Eine Veranstaltung der AG Antifa im Stura der Uni Halle | antifa.uni-halle.de

16. Januar 2013 | 19 Uhr
Kino La Bim | Töpferplan 3, Halle (Saale)

Antifaschistische Hochschultage (Wintersemester 2012)

- eine Veranstaltungsreihe der AG Antifa -

Mittwoch 17. Oktober 19 Uhr
VL Ludwigstraße
»Neustadt Stau – Der Stand der Dinge«
Filmvorführung mit Einleitungsreferat von Johannes Alberti (Materialien zur Aufklärung und Kritik, Halle)

7. November 2012, 20 Uhr (ct)
Melanchthonianum, Universitätsplatz 8/9

Vergesst Auschwitz! Der deutsche Erinnerungswahn und die Endlösung der Israelfrage
Vortrag und Buchvorstellung mit Henryk. M. Broder

28. November 2012, 19 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz 8/9

Terror, Wahn, Gesellschaft. Der NSU, der Staat und die Verwandlung der Gesellschaft in ein Irrenhaus.
Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit Vertretern der AG Antifa
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Magnus Klaue: Phantasie als Kompetenz – Zur Ideologie der Kreativität in der neueren Pädagogik.

Die am 6. Juni ausgefallene Veranstaltung der Antifaschistischen Hochschultage mit Magnus Klaue wird am Mittwoch, den 18. Juli nachgeholt.

Mittwoch, 18. Juli, 19 Uhr
Melanchthonianum, Uniplatz, Halle (Saale)

Vortrag und Diskussion mit Magnus Klaue

»Stell Dir vor, es ist Schule … und jeder will hin!« Unter dieser Maxime skizzierte jüngst eine »Gründungsinitiative Unbedingte Schule« nicht etwa eine pädagogische Dystopie, deren Verwirklichung unbedingt zu verhindern wäre, sondern das Ideal einer »guten Schule«, die »selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Lernen« ermöglicht und in der, wie gedroht wird, »Inklusion selbstverständlich ist«. Das gute Leben ist da, wenn niemand mehr ausgeschlossen werden muss, weil alle sich widerstandslos einschließen lassen. Entsprechend versteht sich die »Unbedingte Schule«, in Übereinstimmung mit Jacques Derridas »Unbedingter Universität«, als zivilgesellschaftlicher Gegen-Staat »ohne Menschenbild« und mit flachen Hierarchien, einem eigenen »Ethikrat«, einer »Schulversammlung« und einem »Schulgericht«. Ihre pädagogischen Prinzipien sind das Streben nach »Weltwissen« statt nach banalem Schulwissen sowie die Ermöglichung maximaler »Bewegungsfreiheit«. Der pädagogische Schlüsselbegriff lautet statt »Erziehung« oder »Bildung« nicht zufällig »Spiel«: Aller ehemalige Ernst des Lebens soll spielerisch aufgefasst, aber auch alles Spiel pädagogisiert werden. Ausgehend von dieser einstweilen imaginären Institution, die erahnen lässt, wie die Zukunft der Kindheit aussehen könnte, soll gezeigt werden, wie die neuere Pädagogik Phantasie und Imagination der werdenden Individuen in ihrem Triebgrund liquidiert, indem sie sie in »Kreativität« überführt.

Magnus Klaue ist freier Autor und schreibt u.a. für Bahamas und Jungle World.

Insel fluten! Gegen den Volksmob, seine Apologeten und Anstachler

Demonstration: 08. Juli 2012 | Insel, bei Stendal
Treffpunkt: 14:30 UHR, Dorfplatz, Insel
Beginn: 15:00 UHR
Informationen zu Anreise, Route usw.: novolksmob.blogsport.de

Aufruf zur Demonstration in Insel am 8. Juli 2012

In Insel im nördlichen Sachsen-Anhalt finden sich seit letztem Sommer regelmäßig Dorfbewohner zusammen, um zwei Männer, die in den 1980er Jahren wegen Vergewaltigung verurteilt wurden, aus dem Ort zu vertreiben. Zu diesem Zweck haben sie auch den Schulterschluss mit Neonazis geprobt. Ihre Forderungen fanden bei der Landesregierung, bei „Bild“ & Co. zumindest zeitweise Gehör. Anfang Juni versuchte ein 50-köpfiger Lynchmob, das Haus der beiden Männer zu stürmen. Er konnte nur durch vehementen Polizeieinsatz davon abgehalten werden. Die Demonstration „Insel fluten!“ richtet sich weniger gegen die Beteiligung von Neonazis am Protest, sondern gegen die ganz gewöhnliche Lynchmeute vor Ort, gegen die Zugeständnisse der Landesregierung an den Dorfmob und die Hetzkampagne von „Bild“ & Co.

FÜR DIE CHANCE AUF RESOZIALISIERUNG! FREIE WOHNORTWAHL FÜR ALLE!

Die 400-Seelen-Gemeinde Insel im nördlichen Sachsen-Anhalt ist ein ganz normales ostdeutsches Dorf. Es herrscht die Tristesse, die in diesem Landstrich überall beobachtet werden kann. Seit dem Sommer 2011 geriet der Ort jedoch immer wieder in die Schlagzeilen. Regionale und überregionale Medien berichteten aus Insel. Der Grund dieser Aufmerksamkeit war, dass die Bewohner des Dorfes deutlich machten, welches bedrohliche Potenzial sich hinter der Idylle aus Vorgärten, Geranien und sanierten Fassaden verbirgt.

DER HINTERGRUND Weiterlesen

Jörg Huber: Der Aberglaube des Positivismus.

Am Montag, den 25. Juni, findet die vierte Veranstaltung der Antifaschistischen Hochschultage 2012 statt. Referieren wird Jörg Huber zum Aberglauben des Positivismus.

Montag, 25. Juni, 19 Uhr
Melanchthonianum, Halle (Saale)

Auf messbare Fakten gestützte, positivistische Modelle breiten sich wie selbstverständlich als bevorzugte Instrumente zur Welterklärung aus. Traditionell religiöse oder metaphysische Vorstellungen verfallen der Entmythologisierung. In positiver Gestalt erweisen sie sich eine nach der anderen als dogmatisch und widerlegbar.

Doch der unaufhaltsame Siegeszug des Positivismus wird begleitet von phantastischen Spekulationen, absurden Prognosen und offenkundig nutzlosen Erklärungsmodellen:
– Astrophysik und Astrobiologie stellen Vermutungen über neue fremde Welten in anderen Sternensystemen und deren mögliche Bewohner an—die mythischen Aliens.
– Die Klimaforschung rechnet uns ständig neue beunruhigende Varianten der Wettervorhersage für die nächsten hundert Jahre vor und möchte mit ihren Warnungen die aktuelle Politik unter Zugzwang setzen.
– Fraktale Statistik und Ökonophysik möchten das Auf und Ab der Finanzmärkte modellieren und auch dort etwas mathematisch oder quasiphysikalisch erklären, wo es offenkundig rational nichts zu erklären gibt und nicht einmal die traditionell dafür zuständigen Wissenschaftszweige noch durchblicken.

Passen solche wissenschaftlichen Projekte noch mit dem nüchtern-rationalen Anspruch der Aufklärung zusammen? Oder dienen sie eher der beruhigenden Selbstvergewisserung der Bürger im Spätkapitalismus, die den Glauben an eine vernünftigere Zukunft längst aufgegeben haben und nur noch den status quo sichern möchte?

Jörg Huber (Physiker) ist Autor für die Zeitschriften Bahamas und Jungle World.

Hört auf zu studieren, fangt an zu begreifen! Antifaschistische Hochschultage 2012

In ihrer Entstehungszeit in der Epoche der Aufklärung trat die moderne Wissenschaft mit dem Anspruch an, Wahrheit und Erkenntnis—und damit zugleich der Menschheit—zu dienen. Solche Parolen waren zwar stets Ideologie: Sie halfen zu kaschieren, dass die Wissenschaft stets weniger im Dienst von Wahrheit und Erkenntnis als der Herrschaft stand. Ihr offiziell verkündeter Anspruch trug jedoch zum einen dazu bei, dass sich innerhalb des universitären Betriebes einige (wenn auch kleine) Nischen herausbilden konnten, in denen die Rede von der Erkenntnis gelegentlich ernst genommen werden konnte. Zum anderen hielt die Parole vom Dienst an der Menschheit zumindest die Erinnerung daran wach, dass es auch etwas anderes geben kann als die Abfolge wechselseitiger Quälereien, die sich Weltgeschichte nennt.

Diese Zeit scheint inzwischen vorbei zu sein. Die wenigen akademischen Schutzräume sind im Zuge der Umgestaltung der Universitäten verschwunden. Auch diejenigen Studenten, die dieser Umgestaltung kritisch gegenüberstehen, haben zu diesem Prozess beigetragen—etwa durch ihre Forderung nach einer Evaluation der Lehrenden: Was als studentische Mitbestimmung ausgegeben wurde, hat zur intellektuellen Gleichschaltung der Universitäten beigetragen. Aus der Evaluation sind in der Regel die Eloquentesten, Modischsten und damit zugleich: Stromlinienförmigsten als Sieger hervorgegangen.

Darüber hinaus mag im akademischen Betrieb kaum noch jemand von der Menschheit sprechen. War der Widerspruch zwischen akademischem Anspruch und akademischer Realität einmal der kritische Stachel im Fleisch des universitären Betriebs, bekennen sich die einschlägigen Institute inzwischen mal stolz, mal verdruckst dazu, allenfalls Beamte zur Verwaltung des überflüssigen Menschenmaterials auszubilden: von der Psychologie, Erziehungswissenschaft und Soziologie über Medizin, BWL und Jura bis hin zu den Islamwissenschaften, der Afrikanistik und den Lateinamerikastudien, deren Absolventen Pläne dafür basteln, wie der Politbetrieb in Zukunft mit den abgehängten Regionen der Welt verfahren sollte—selbstverständlich unter Berücksichtigung der dortigen Traditionen, kulturellen Eigenheiten und religiösen Vorschriften.

Insbesondere der Verweis auf Wahrheit löst angesichts der postmodernen Welle, die die Universitäten seit den siebziger Jahren überflutet hat, angesichts des Sermons von »Sprechorten«, »Diskursen«, »Kulturen« und »Performanzen«, der über den Campus quillt, nur noch ungläubig-spöttisches Kopfschütteln aus. Wer auf dem Anspruch der Wahrheit beharrt, so heißt es gern, sei bestenfalls nicht ganz dicht, schlimmstenfalls ein Anhänger des Totalitarismus.

Von dieser Entwicklung ist auch die Linke betroffen, die einen entscheidenden Beitrag zum Einzug der Postmoderne in die Seminare und Universitätsbibliotheken leistete. Wollte die Linke in ihren besten Tagen—von denen es freilich nicht allzu viele gab—einmal die Verhältnisse zum Tanzen zwingen, indem »man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt« (Marx), sind sie inzwischen vor allem auf der Jagd nach einem Pöstchen im akademischen Betrieb. Dieser Betrieb verwandelt freilich innerhalb kürzester Zeit auch den kritischsten Geist in einen Kretin. Die wenigen Ausnahmen, die es möglicherweise gibt, bestätigen nur die traurige Regel. So pflegen die Jungrevoluzzer von gestern spätestens im dritten Semester auch bei ihren Polittreffen jenen akademischen Jargon, der jedweden kritischen Gedanken von vornherein verhindert. Das einstige Existentialurteil über die Gesellschaft verwandelt sich schon nach dem Absolvieren der Basismodule in die Aussage, dass man doch etwas mehr differenzieren müsse. Aus Verstehen (sprich: Begreifen) wird mit anderen Worten Verständnis. Die alte Forderung »Hört auf zu studieren, fangt an zu begreifen«, hat insofern noch immer nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil.

AG Antifa im Stura der Universität Halle
antifa.uni-halle.de

 

Veranstaltungstermine:

Mittwoch, 30. Mai, 19 Uhr
Gerhard Stapelfeldt: Kritik der Soziologie.
zur Ankündigung

Mittwoch, 6. Juni, 19 Uhr Neuer Termin: Mittwoch, 18. Juli, 19 Uhr
Magnus Klaue: Phantasie als Kompetenz. Zur Ideologie der Kreativität in der neueren Pädagogik.
zur Ankündigung

Mittwoch, 20. Juni, 19 Uhr
Alex Gruber: »That politics may be reduced to a science«. Die politikwissenschaftliche Ersetzung von Herrschaft durch Psychologie der Herrschenden.
zur Ankündigung

Montag, 25. Juni, 19 Uhr
Jörg Huber: Der Aberglaube des Positivismus.
zur Ankündigung

Ort für alle Veranstaltungen ist das Melanchthonianum,
Universitätsplatz, Halle (Saale)

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10 Years After. 9/11 und die Folgen. Antifaschistische Hochschultage 2011.

Das Ende Israels? Israel und die palästinensische Staatsgründung.
Vortrag und Diskussion mit Stephan Grigat
Donnerstag, 13. Oktober, 19:00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

Von New York bis Kairo. Amerika und seine Feinde.
Vorträge und Diskussion mit Bernd Volkert und Justus Wertmüller

Mittwoch, 26. Oktober, 19 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

Nothing Left to Lose. Die Linke nach 9/11.
Vortrag und Diskussion mit Magnus Klaue und Jan-Georg Gerber
Donnerstag, 10. November, 19:00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

Koran und Kapital. Zum Stand der Islamkritik.
Podiumsdiskussion mit Thomas Maul, Niklaas Machunsky und einem Vertreter der Gruppe Morgenthau

Freitag, 18. November, 19:00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

 

Als am 11. September 2001 zwei von Islamisten gesteuerte Passagierflugzeuge die Türme des World Trade Centers zum Einsturz brachten, hieß es in Politiker- und Fernsehkommentaren, dass von nun an nichts mehr so sei wie bisher. Die Bundesregierung stellte für den Krieg in Afghanistan einige Einheiten zur Verfügung; ein Teil der Linken ergriff auf Demonstrationen mit Amerika- und Israelflaggen Partei für den »War on Terror«; und es schien sich ein Problembewusstsein gegenüber dem Islam zu entwickeln. Bereits ein Jahr später rettete ein amerikafeindlicher Wahlkampf die Sozialdemokraten vor der Niederlage bei der Bundestagswahl, und 2003 demonstrierten die zahlreichen Friedensfreunde – von der PDS bis zu den Grünen und der SPD – gemeinsam mit Neonazis gegen den Irak-Krieg. Zehn Jahre nach den Anschlägen will von einer Solidarität mit den USA niemand mehr etwas wissen.
Als Ossama bin Laden Anfang Mai 2011 von amerikanischen Eliteeinheiten aufgespürt wurde, hielt die Aufmerksamkeit gerade bis zur nächsten Unwetterwarnung. Für Israel und Amerika scheinen sich jedoch die schlimmsten Befürchtungen bestätigt zu haben. Vor diesem Hintergrund soll sich im Rahmen der Antifaschistischen Hochschultage mit den Folgen des 11. Septembers und seiner Bedeutung für die Gesellschaftskritik auseinandergesetzt werden.

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Der große Hedonismus-Schwindel. Über die Rebellion der Angepassten.

Mittwoch, 31. August 2011, 19:00 Uhr
Radio Corax, Unterberg 11, Halle (Saale)

»Ich will Spaß, ich will Spaß«, sang der »Neue-Deutsche-Welle«-Star Markus Anfang der achtziger Jahre. Dreißig Jahre später ist diese Formel – »Ich will Spaß, ich will Spaß, ich geb’ Gas, ich geb’ Gas!« – erneut zur Parole einer Generation geworden. Der VW-Golf-Proll aus dem Saalekreis, die Friseur-Azubine aus Delitzsch, der Kulturarbeiter mit Antifa-Vergangenheit und die SozPäd-Studentin mit Eso-Fimmel: sie alle zieht es Wochen…ende für Wochenende zu den einschlägigen Clubs, Diskotheken und unangemeldeten Freiluftpartys, wo sie sich nicht mehr zu stumpfer Gitarrenmusik, sondern zu monotonem Elektrobeat bewegen. Der hippe Mittelstandsnachwuchs legt gegenüber dem Prekariat zwar ein großes Abgrenzungsbedürfnis an den Tag: Im Unterschied zu den Mandys, Kevins und Jacquelines, die bis zum großen Unglück von 2010 zur Loveparade fuhren, bevorzugen die Sandros und Janinas das »Fusion-Festival«, das »Nation of Gondwana« im märkischen Sand oder, für die ganz Hippen, die illegalen Zusammenkünfte an Seeufern und Waldlichtungen. Wenn sie eine Politvergangenheit haben, Soziologie oder Gender-Studies studieren, versuchen sie darüber hinaus, ihrem Wochenendspaß einen subversiven Gehalt überzuhelfen: Weil sie nicht mehr in Sackleinen und schwarzen Kapuzenpullovern herumlaufen, sprechen sie von Individualismus; weil sie sich gelegentlich mit Koks statt mit Korn betäuben, rhabarbern sie von Hedonismus. Spätestens wenn ihre illegalen Partys, wie jüngst in Leipzig und Halle, von der Polizei gesprengt werden und sie daraufhin mit konstruktiven Vorschlägen an die einschlägigen Stadtverwaltungen herantreten, wird jedoch deutlich, was bereits durch ihre musikalischen Vorlieben angedeutet wird: Von der Autotuning-Fraktion unterscheidet sie nichts außer ihrem Standesdünkel. Die Spontaneität, von der sie sprechen, ist geplant; die unkommerziellen Partys (bei denen, nebenbei, mehr Geld abfällt, als sie zugeben würden) sind die Testballons für den Einstieg ihrer Organisatoren ins professionelle Veranstaltungsmanagement; und ihr Hedonismus ist die Verlängerung des Leistungsprinzips in die Freizeit: Wer nicht lange genug durchhält, ist »out«. Wenn sie vor diesem Hintergrund, wie gerade in Halle und Leipzig, gegen die Prinzipientreue der einschlägigen Ordnungsämter protestieren, dann ist also nichts anderes zu erwarten als eine Rebellion der Angepassten.

Eine Veranstaltung der AG Antifa im Stura und der AG »No Tears for Krauts« Halle.

Hab mich gerne, Postmoderne. Zur Kritik des Poststrukturalismus.

In der Veranstaltungsreihe ‘Hab mich gerne, Postmoderne.’ Antifaschistische Hochschultage 2011 an der Uni Halle:

Michel Foucault: Das Rätsel der Macht.

Vortrag und Diskussion mit Manfred Dahlmann.
Mittwoch, 4. Mai 2011, 19 Uhr
Universitätsplatz, Melanchthonianum Halle (Saale)

Foucaults originäre Leistung besteht darin, den im Selbsthass auf die Voraussetzungen ihrer eigenen Existenz befindlichen westlichen Intellektuellen, die spätestens seit Mitte der 1970er Jahre jeden Wirklichkeitsbezug verloren hatten, sein äußerst traditionelles Wissenschaftsverständnis verkauft zu haben, als könnten seine „nomadischen Untersuchungen“ Wirklichkeit erfassen, ohne ihnen einen universalistischen Wahrheitsanspruch zugrundelegen zu müssen. Darauf hatte die Linke (und mit ihnen alle Geistes‑, Kultur- und Sozialwissenschaftler) lange gewartet: sich kritisch geben zu können, ohne sich der äußerst mühsamen Anstrengung einer Arbeit am Begriff unterziehen zu müssen. Im Rätsel der Macht: überall zu sein, ohne eine substantielle, allgemeine Wirklichkeit „an und für sich“ zu haben, und doch – wenn auch ›nur‹ lokal – allüberall zu erscheinen, reproduziert Foucault in krud-banaler Weise die gängigen, von der Aufklärung und der Kritischen Theorie längst enttarnten Mysterien bürgerlichen Selbstverständnisses und ›modernisiert‹ dabei nichts Anderes als die Nazi-Philosophie des Ziehvaters auch aller ihm nachfolgenden Postmodernen: die von Martin Heidegger.

Manfred Dahlmann ist assoziiert in der Initiative Sozialistisches Forum Freiburg. Er ist Mitherausgeber der Bücher „Geduld und Ironie. Johannes Agnoli zum 70. Geburtstag“ (Freiburg 1995) und „Kritik der Politik. Johannes Agnoli zum 75. Geburtstag“ (Freiburg 2000).

 

Die Antiquiertheit des Sexus. Zur Kritik der postmodernen Körpertechnologie.

Vortrag und Diskussion mit Magnus Klaue.
Mittwoch, 18. Mai 2011, 19 Uhr
Melanchthonianum Universitätsplatz Halle (Saale)

Zur neuesten Tendenz postmoderner Genderpolitik gehört der Versuch, die geschlechtertheoretischen Prämissen der Arbeiten von Judith Butler et al. in einer Weise praktisch werden zu lassen, die die altlinke Formel vom Privaten, das politisch sei, in denkbar bedrohlichster Weise zu verwirklichen verspricht. Beatriz Preciados „Kontrasexuelles Manifest“, das den Hass auf Sexus und Trieb selbstbewusst im Titel führt, sowie die „gendertechnologischen“ Schriften Donna Haraways sind die Referenztexte einer gender- und queerlinken Bewegung, die jeden Einzelnen auffordert, die Abschaffung des Leibes zugunsten des „Körpers“ und den Rückbau des Ich zum bewusstlosen Knotenpunkt blinder „Konstitutionsprozesse“ mit Haut und Haaren an sich selbst zu exekutieren. Der anti-humanistische „neue Mensch“, der dabei entstehen soll und wahlweise als „Mensch-Maschine“ oder „Cyborg“ figuriert, hat kein Unbewusstes und kein Triebschicksal, keine Geschichte und kein Begehren mehr. Seine Symbolwelt steht Preciado gemäß nicht mehr im Banne des „Phallus“, sondern des „Dildos“, des puren Konstrukts, das die reale Erfahrung der Verschränkung von Sexualität und Herrschaft liquidiert, indem es Intersubjektivität und Herrschaft konvergieren lässt. In seiner Welt gibt es weder Intimität noch individuelle Liebe, die Impulse der kindlichen Sexualität sind ebenso getilgt wie die Erfahrung der Sterblichkeit des menschlichen Körpers. Sexualität, von jedem Einzelnen als angstbesetzt und rätselhaft empfunden, soll kommensurabel gemacht werden, indem sie zum puren Vollzug eines allgemeinen Gesetzes erniedrigt wird: lästig, aber nötig, frei von jedem Glücksversprechen und damit auch von
der Angst vor Enttäuschung. In Anschluss an Günther Anders’ Theorem von der „Antiquiertheit des Menschen“ möchte der Vortrag zeigen, dass die Postmoderne damit endgültig zur praktischen Ethik individueller Selbstauslöschung wird, wie Anders sie in Heideggers Technikbegriff, den der deutsche Faschismus zu verwirklichen suchte, angelegt sah.

Magnus Klaue ist freier Autor und schreibt unter anderem für „Bahamas“ und „Jungle World“.

 

Der Diskurs zum Tode.
Poststrukturalismus als deutsche Ideologie.

Vortrag und Diskussion mit Martin Dornis.
Mittwoch, 20. April 2011, 19 Uhr
Melanchthonianum Universitätsplatz Halle (Saale)

Dass Geschlecht, Rasse und Nation Konstrukte sind, die durch nationalistische, sexistische, rassistische oder antisemitische Diskurse erzeugt werden und denen durch die Methode der Dekonstruktion entgegengearbeitet werden könne und müsse, ist in der heutigen radikalen Linken ideeller Gemeinplatz. Poststrukturalistische Autoren wie Judith Butler und Michel Foucault, aber auch Gilles Deleuze und Jacque Derrida sind en vogue.Vielfach werden sie mit Marx und Ansätzen der kritischen Theorie Horkheimers und Adornos gemixt, hätten sie alle doch angeblich ein gemeinsames Bestreben, nämlich dem Besonderen und Unterdrückten eine Stimme zu verleihen und es zu befreien. Der Vortrag will Herkunft und Wirkung des postmodernen und poststrukturalistischen Denkens darlegen und es der Kritik unterziehen. Anhand ausgewählter linksradikaler Publikationen werden die teilweise verheerenden Folgen dieser Art von Theorie für linksradikales Denken und ihre gegensätzliche Stellung zu einer materialistischen Gesellschaftskritik aufgezeigt.

Martin Dornis ist freier Autor/Referent und wohnt in Leipzig. Er versteht sich als materialistischer Gesellschaftskritiker.

„Halle/Saale Hauptbahnhof, Endstation.“ Den Naziaufmarsch am 01. Mai 2011 stoppen!

Aufruf des Zusammenschlusses antifaschistischer Gruppen in Halle

Der 01. Mai – hierzulande seit 1933 der Tag der deutschen Arbeit – steht wieder bevor. Die ostdeutsche Naziszene hat sich für den von ihnen nun ausgerufenen Kampftag gegen EU-“Erweiterungsorgie“ und „Fremdarbeiterinvasion“ ausgerechnet Halle ausgesucht. Dort wollen sie dem nicht mal ernsthaft geplanten EU-Beitritt der Türkei entgegentreten, dem „Baustein der Raubtierkapitalisten in ihrem nächsten Globalisierungsvorhaben“. Nach ihrem Scheitern bei den Wahlen wollen die Nazis auf den hallischen Straßen verhindern, dass – man höre und staune – „weitere Millionen von Fremden in unser Land hereingelassen“ werden.

Den „Volkszorn auf die Straße tragen“ wollen am 01. Mai 2011 vor allem die sogenannten Freien Kräfte, Neonazis ausserhalb der Strukturen der NPD/JN, von denen sich viele zum Spektrum der aktionsorientierten „Autonomen Nationalisten“ zählen. Sie mobilisieren überregional, nicht nur auf dem flachen Land in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt, sondern auch in der „ehemaligen Reichshauptstadt“. Die Organisatoren der Demonstration um Enrico Marx und Maik Müller kooperierten in der Vergangenheit teilweise mit NPD/JN-Strukturen, auch eine Beteiligung von deren Aktivisten ist also zu erwarten. Da in Halle der einzige und zentrale Aufmarsch der ostdeutschen Naziszene stattfinden wird, ist demnach mit einer größeren Ansammlung dieser Berufsdeutschen am Hauptbahnhof Halle/Saale zu rechnen.

Der sollte für die angereisten Nazis im wahrsten Sinne des Wortes zur Endstation werden. Denn es gilt, sich den gewalttätigen Rassisten und Antisemiten am 1. Mai in den Weg zu stellen und ihren Aufmarsch zum Desaster zu machen. Nicht, weil die Stadt so zeigen kann, dass sie bunt statt braun sei, oder weil Nazis in „unserer Stadt“ oder gar „unserem Land“ nichts zu suchen hätten. Ebensowenig um zu verhindern, dass der „Tag der Arbeit“ besudelt wird.

Denn die Nazis gehören zu Deutschland und zum „Tag der Arbeit“, wie die Schmeißfliege zum Scheißhaufen, und es sollte unmöglich sein, Nazis zu bekämpfen, ohne sich Gedanken über die deutschen Zustände zu machen. Es ist schlichtweg die Tatsache, dass noch der dümmste Nazi eine unmittelbare Gefahr für jeden ist, der nicht in sein ausgeprägtes Feindbild passt, die es notwendig macht, ihm den öffentlichen Raum zu nehmen, ihm offensiv entgegenzutreten.

Bereits im Juni 2009, als die Nazis in der hallischen Südstadt schon einmal nach 1000 Metern entnervt umdrehen mussten, hatten wir zuvor festgestellt: Man muss den Nazis ihre Auftritte versauen, um sich danach wieder ungestört der Kritik der Verhältnisse widmen oder einfach nur in Ruhe in die Kneipe gehen zu können. Daran hat sich nichts geändert, weshalb es am 01. Mai 2011 heißen muss: Halle/Saale Hauptbahnhof, Endstation! Eine gute Heimreise wünschen kann schließlich nicht nur die NPD.

Antifaschistische Gruppen Halle (04/2011)

weitere Informationen:www.nonazisinhalle.tk
www.twitter.com/nonazisinhalle