Zur Konzertabsage der Postpunk-Band Gwendoline am 10. April in Halle
Ob dogmatisch oder undogmatisch, parteiförmig oder autonom, bunt oder schwarz gekleidet: Die Linke liebt Fahnenappelle. Mal sind es die Flaggen von Nationalstaaten, mal von Bewegungen, mal von Staaten im Wartestand. Dass nicht wenige davon für Fragwürdigkeiten, viele sogar für Mord und Totschlag stehen, interessiert sie dabei kaum. Unter dem roten Banner mit Hammer und Sichel, unter dem man sich lange sammelte, wurden Millionen verhaftet, in Gulags gesperrt und ermordet. Die Fahne Kubas, die man noch immer manchmal auf Demonstrationen sehen muss, steht nicht nur für Massenhinrichtungen, sondern auch für die Verfolgung von Homosexuellen. Das beliebte Antifa-Banner wiederum verweist unmittelbar auf die stalinistische „Antifaschistische Aktion“ der 1930er Jahre. Die Liste ließe sich fortführen: von den kurdischen Farben, unter denen die PKK lange Zeit Blut-und-Boden-Ideologie betrieb, bis zum Parteifeudel der Linkspartei, des offiziellen Nachfolgers der SED, die nonkonforme Jugendliche – Hippies, Punks, Blueser – in Jugendwerkhöfe sperrte, wo sie malträtiert und nicht selten gebrochen wurden. Die Feld‑, Wald- und Wiesen-Linke blendet solche Verbrechen zuverlässig aus; die etwas Klügeren erklären, der Symbolgehalt sei eben ambivalent – und haben damit nicht einmal völlig Unrecht. Die sowjetische Flagge steht zum Beispiel nicht nur für Gulag, den Hitler-Stalin-Pakt oder den Einmarsch in Prag 1968, sondern eben auch für die Niederschlagung des Nationalsozialismus und die Befreiung von Auschwitz.
Nur bei einer Flagge darf es noch nicht einmal Ambivalenzen geben: Es ist die des jüdischen Staates. Hängt sie ausnahmsweise einmal in einem linken Veranstaltungsort, setzt ein Reflex ein: Künstler sagen ab, distanzieren sich, der Mob tobt. Dieselben Bands, denen es sonst nicht zu blöd ist, unter den unerquicklichsten Mordlappen aufzutreten, entdecken ausgerechnet hier ihr moralisches Gewissen. So auch in Halle. Die französische Postpunk-Band Gwendoline sagte ihren Auftritt im VL, organisiert vom Cheesecake-Kollektiv, kurzfristig ab. Die Begründung: die Sorge um den eigenen Ruf. Diese Sorge entzündete sich selbstverständlich nicht an der Fahne der Antifaschistischen Aktion, nicht an kurdischen Symbolen, dem iranischen Shir-o-Khorshid oder an sonstigen politischen Insignien vor Ort. Sie machte sich einzig und allein an der israelischen Flagge fest, die dort aus Solidarität mit den Opfern des palästinensischen Terrorangriffs vom 7. Oktober 2023 hängt.
Für diesen Doppelstandard gibt es zwei Erklärungen. Die erste heißt Konformismus: das Einknicken vor dem antisemitischen Druck der eigenen Szene, der sich in den letzten Tagen zuverlässig über Social Media entlud. Die zweite heißt Judenhass. Wer dem jüdischen Staat Dinge vorwirft, die ihn bei anderen nicht interessieren, oder ihm schlicht Ungeheuerlichkeiten andichtet, ist kein „Kritiker der ultrarechten israelischen Regierung“, wie es im gleichgeschalteten Duktus von Deutschlandfunk und Radio Corax, CDU, SPD, BSW, FDP, Grünen und Linkspartei heißt, sondern: Antisemit.
Was auch immer bei Gwendoline oder den Dutzenden anderen Gwendolines, die sich landauf, landab weigern, bei israelsolidarischen Veranstaltern aufzutreten, den Ausschlag gegeben hat: Das Ergebnis ist identisch. Die Konformisten, die selten ganz ohne antisemitische Ressentiments auskommen, stärken die Antisemiten – und erledigen deren Geschäft gleich mit. Hannah Arendt hat es einmal so formuliert: Entscheidend war nie, was die Feinde taten, sondern was die Freunde zuließen.
Auch deshalb wird es Zeit, die entsprechenden Absagen nicht einfach hinzunehmen. Im Gegenteil: Tun wir den zahllosen Gwendolines darum den Gefallen und helfen ihnen dabei, in den Kreisen, auf die sie offensichtlich schielen, einen guten Ruf zu erlangen. Bezeichnen wir sie also als das, was sie ganz objektiv auch sind: als Antisemiten.
Vielleicht hat das sogar noch einen Nebeneffekt. Vielleicht trägt es dazu bei, dass diejenigen, die sich ein gewisses Maß an Restvernunft bewahrt haben, dreimal überlegen, Geld für die Musik der Pierres, Mickaels, Romains und Jean-Philippes auszugeben, wenn sie an Orten auftreten, die besser zu ihrem Ruf als Konformisten und Antisemiten passen. Wegtreten!
Solidarität mit Israel!
AG No Tears for Krauts
April 2026