Hört auf zu studieren, fangt an zu begreifen! Antifaschistische Hochschultage 2012

In ihrer Entstehungszeit in der Epoche der Aufklärung trat die moderne Wissenschaft mit dem Anspruch an, Wahrheit und Erkenntnis—und damit zugleich der Menschheit—zu dienen. Solche Parolen waren zwar stets Ideologie: Sie halfen zu kaschieren, dass die Wissenschaft stets weniger im Dienst von Wahrheit und Erkenntnis als der Herrschaft stand. Ihr offiziell verkündeter Anspruch trug jedoch zum einen dazu bei, dass sich innerhalb des universitären Betriebes einige (wenn auch kleine) Nischen herausbilden konnten, in denen die Rede von der Erkenntnis gelegentlich ernst genommen werden konnte. Zum anderen hielt die Parole vom Dienst an der Menschheit zumindest die Erinnerung daran wach, dass es auch etwas anderes geben kann als die Abfolge wechselseitiger Quälereien, die sich Weltgeschichte nennt.

Diese Zeit scheint inzwischen vorbei zu sein. Die wenigen akademischen Schutzräume sind im Zuge der Umgestaltung der Universitäten verschwunden. Auch diejenigen Studenten, die dieser Umgestaltung kritisch gegenüberstehen, haben zu diesem Prozess beigetragen—etwa durch ihre Forderung nach einer Evaluation der Lehrenden: Was als studentische Mitbestimmung ausgegeben wurde, hat zur intellektuellen Gleichschaltung der Universitäten beigetragen. Aus der Evaluation sind in der Regel die Eloquentesten, Modischsten und damit zugleich: Stromlinienförmigsten als Sieger hervorgegangen.

Darüber hinaus mag im akademischen Betrieb kaum noch jemand von der Menschheit sprechen. War der Widerspruch zwischen akademischem Anspruch und akademischer Realität einmal der kritische Stachel im Fleisch des universitären Betriebs, bekennen sich die einschlägigen Institute inzwischen mal stolz, mal verdruckst dazu, allenfalls Beamte zur Verwaltung des überflüssigen Menschenmaterials auszubilden: von der Psychologie, Erziehungswissenschaft und Soziologie über Medizin, BWL und Jura bis hin zu den Islamwissenschaften, der Afrikanistik und den Lateinamerikastudien, deren Absolventen Pläne dafür basteln, wie der Politbetrieb in Zukunft mit den abgehängten Regionen der Welt verfahren sollte—selbstverständlich unter Berücksichtigung der dortigen Traditionen, kulturellen Eigenheiten und religiösen Vorschriften.

Insbesondere der Verweis auf Wahrheit löst angesichts der postmodernen Welle, die die Universitäten seit den siebziger Jahren überflutet hat, angesichts des Sermons von »Sprechorten«, »Diskursen«, »Kulturen« und »Performanzen«, der über den Campus quillt, nur noch ungläubig-spöttisches Kopfschütteln aus. Wer auf dem Anspruch der Wahrheit beharrt, so heißt es gern, sei bestenfalls nicht ganz dicht, schlimmstenfalls ein Anhänger des Totalitarismus.

Von dieser Entwicklung ist auch die Linke betroffen, die einen entscheidenden Beitrag zum Einzug der Postmoderne in die Seminare und Universitätsbibliotheken leistete. Wollte die Linke in ihren besten Tagen—von denen es freilich nicht allzu viele gab—einmal die Verhältnisse zum Tanzen zwingen, indem »man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt« (Marx), sind sie inzwischen vor allem auf der Jagd nach einem Pöstchen im akademischen Betrieb. Dieser Betrieb verwandelt freilich innerhalb kürzester Zeit auch den kritischsten Geist in einen Kretin. Die wenigen Ausnahmen, die es möglicherweise gibt, bestätigen nur die traurige Regel. So pflegen die Jungrevoluzzer von gestern spätestens im dritten Semester auch bei ihren Polittreffen jenen akademischen Jargon, der jedweden kritischen Gedanken von vornherein verhindert. Das einstige Existentialurteil über die Gesellschaft verwandelt sich schon nach dem Absolvieren der Basismodule in die Aussage, dass man doch etwas mehr differenzieren müsse. Aus Verstehen (sprich: Begreifen) wird mit anderen Worten Verständnis. Die alte Forderung »Hört auf zu studieren, fangt an zu begreifen«, hat insofern noch immer nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil.

AG Antifa im Stura der Universität Halle
antifa.uni-halle.de

 

Veranstaltungstermine:

Mittwoch, 30. Mai, 19 Uhr
Gerhard Stapelfeldt: Kritik der Soziologie.
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Mittwoch, 6. Juni, 19 Uhr Neuer Termin: Mittwoch, 18. Juli, 19 Uhr
Magnus Klaue: Phantasie als Kompetenz. Zur Ideologie der Kreativität in der neueren Pädagogik.
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Mittwoch, 20. Juni, 19 Uhr
Alex Gruber: »That politics may be reduced to a science«. Die politikwissenschaftliche Ersetzung von Herrschaft durch Psychologie der Herrschenden.
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Montag, 25. Juni, 19 Uhr
Jörg Huber: Der Aberglaube des Positivismus.
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Ort für alle Veranstaltungen ist das Melanchthonianum,
Universitätsplatz, Halle (Saale)

 

Mittwoch, 30. Mai, 19 Uhr
Kritik der Soziologie.
Vortrag und Diskussion mit Gerhard Stapelfeldt

Die Soziologie, die Wissenschaft vom logos der societas, verhält sich paradox zu ihrem Gegenstand: sie untersucht gesellschaftliche Phänomene und Strukturen, indem sie gesellschaftliche Verhältnisse voraussetzt. Daher ist ihr nicht der Geist des Widerspruchs, sondern der Geist der Anpassung und des Autoritarismus immanent.

Um im allgemeinen zu bestimmen, was Soziologie sei, ist ihre Entstehung als Fachwissenschaft im frühen 19. Jahrhundert nachzuzeichnen. Daraus ergeben sich nicht nur die Differenzen von Sozialphilosophie und Gesellschaftstheorie einerseits, Soziologie andererseits, sondern auch die beiden grundsätzlich unterschiedenen Richtungen der Soziologie als Naturwissenschaft (»soziale Physik«) einerseits und als Geisteswissenschaft andererseits. Max Weber hat um 19001920 versucht, diese beiden Richtungen zusammenzuführen: in einer sinnverstehenden Soziologie, die geschichtstheoretisch die Genese der politischen Gesellschaft als »Gehäuse der Hörigkeit« vorführt.

Prof. Dr. Gerhard Stapelfeldt lehrte von 1979 bis 2009 am Institut für Soziologie der Universität Hamburg.

 

Mittwoch, 6. Juni, 19 Uhr Neuer Termin: Mittwoch, 18. Juli, 19 Uhr
Phantasie als Kompetenz. Zur Ideologie der Kreativität in der neueren Pädagogik..
Vortrag und Diskussion mit Magnus Klaue

»Stell Dir vor, es ist Schule … und jeder will hin!« Unter dieser Maxime skizzierte jüngst eine »Gründungsinitiative Unbedingte Schule« nicht etwa eine pädagogische Dystopie, deren Verwirklichung unbedingt zu verhindern wäre, sondern das Ideal einer »guten Schule«, die »selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Lernen« ermöglicht und in der, wie gedroht wird, »Inklusion selbstverständlich ist«. Das gute Leben ist da, wenn niemand mehr ausgeschlossen werden muss, weil alle sich widerstandslos einschließen lassen. Entsprechend versteht sich die »Unbedingte Schule«, in Übereinstimmung mit Jacques Derridas »Unbedingter Universität«, als zivilgesellschaftlicher Gegen-Staat »ohne Menschenbild« und mit flachen Hierarchien, einem eigenen »Ethikrat«, einer »Schulversammlung« und einem »Schulgericht«. Ihre pädagogischen Prinzipien sind das Streben nach »Weltwissen« statt nach banalem Schulwissen sowie die Ermöglichung maximaler »Bewegungsfreiheit«. Der pädagogische Schlüsselbegriff lautet statt »Erziehung« oder »Bildung« nicht zufällig »Spiel«: Aller ehemalige Ernst des Lebens soll spielerisch aufgefasst, aber auch alles Spiel pädagogisiert werden. Ausgehend von dieser einstweilen imaginären Institution, die erahnen lässt, wie die Zukunft der Kindheit aussehen könnte, soll gezeigt werden, wie die neuere Pädagogik Phantasie und Imagination der werdenden Individuen in ihrem Triebgrund liquidiert, indem sie sie in »Kreativität« überführt.

Magnus Klaue ist freier Autor und schreibt u.a. für Bahamas und Jungle World.


Mittwoch, 20. Juni, 19 Uhr
»That politics may be reduced to a science«. Die politikwissenschaftliche Ersetzung von Herrschaft durch Psychologie der Herrschenden.
Vortrag und Diskussion mitAlex Gruber

In Anschluss an das von Gramsci et al. herrührende Hegemoniekonzept hat sich eine Seinslehre der Macht durchgesetzt, die den Staat als jene Arena hypostasiert, in welcher der für das Feld des Politischen grundlegende Kampf stattfindet. »Der Staat ist die materielle Verdichtung von Kräfteverhältnissen«: Dies ist die an Nicos Poulantzas geschulte Fassung einer Ontologie des Politischen, die in ihrem Versuch, »Politische Theorie als erste Philosophie« (Oliver Marchart) zu betreiben, alles andere als zufällig – mal verdruckster, mal offener – eine Renaissance von Politischer Theologie vorantreibt und darin der Ranküne gegen Rechtsstaatlichkeit und repräsentative Demokratie zuarbeitet.

»Ist unsere Demokratie noch zeitgemäß« ist die Frage, die in solch scheinkritischen Diskussionen gestellt wird, und die wenig überraschende, weil in der Frage schon angelegte Antwort lautet: Nein – ?weil die »etablierte Politik« im Dienste der »Vermögensbesitzer« und gegen die »leidende Bevölkerung« regiere (Ulrich Brand). Die am Beginn der Moderne stehende Erkenntnis, dass es auf die gesellschaftliche Einrichtung und nicht auf die subjektiven Dispositionen des Herrschaftspersonals ankommt, ist liquidiert zugunsten einer Psychologie, welche Herrschaft und Krise auf mangelnde Solidarität der regierenden Politiker reduziert wissen, und diese durch einfühlsamere und ›bürgernähere‹ ersetzt sehen möchte. Darin ist zugleich die Gewalt verdrängt? – jene Gewalt, von der ein bürgerlicher Denker wie Hume noch jederzeit einen Begriff besaß, und die er durch einen »representative body« und ein System von »checks and balances« eingehegt wissen wollte.

Alex Gruber ist Mitherausgeber des Buches »Gegenaufklärung. Der postmoderne Beitrag zur Barbarisierung der Gesellschaft« (ça ira, 2011).


Montag, 25. Juni, 19 Uhr
Der Aberglaube des Positivismus.
Vortrag und Diskussion mitJörg Huber

Auf messbare Fakten gestützte, positivistische Modelle breiten sich wie selbstverständlich als bevorzugte Instrumente zur Welterklärung aus. Traditionell religiöse oder metaphysische Vorstellungen verfallen der Entmythologisierung. In positiver Gestalt erweisen sie sich eine nach der anderen als dogmatisch und widerlegbar. Doch der unaufhaltsame Siegeszug des Positivismus wird begleitet von phantastischen Spekulationen, absurden Prognosen und offenkundig nutzlosen Erklärungsmodellen: Astrophysik und Astrobiologie stellen Vermutungen über neue fremde Welten in anderen Sternensystemen und deren mögliche Bewohner an – die mythischen Aliens. Die Klimaforschung rechnet uns ständig neue beunruhigende Varianten der Wettervorhersage für die nächsten hundert Jahre vor und möchte mit ihren Warnungen die aktuelle Politik unter Zugzwang setzen.

Fraktale Statistik und Ökonophysik möchten das Auf und Ab der Finanzmärkte modellieren und auch dort etwas mathematisch oder quasiphysikalisch erklären, wo es offenkundig rational nichts zu erklären gibt und nicht einmal die traditionell dafür zuständigen Wissenschaftszweige noch durchblicken.

Passen solche wissenschaftlichen Projekte noch mit dem nüchtern-rationalen Anspruch der Aufklärung zusammen? Oder dienen sie eher der beruhigenden Selbstvergewisserung der Bürger im Spätkapitalismus, die den Glauben an eine vernünftigere Zukunft längst aufgegeben haben und nur noch den status quo sichern möchte?

Jörg Huber (Physiker) ist Autor für die Zeitschriften Bahamas und Jungle World.

[Ankündigung als pdf.]

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