Der Lärm danach. Eine Antwort an unsere Kritiker

Der Redebeitrag, den wir kurz vor Weihnachten bei der Kundgebung vor der Moschee in der Leipziger Roscherstraße gehalten haben, hat offensichtlich eingeschlagen. Laut einigen Internetrittern, denen die Facebook‐Aufmerksamkeitsökonomie längst in Fleisch und Blut übergegangen ist, verderben wir mit solchen Texten die Islamkritik; andere sahen durch uns gleich die Opfer des islamischen Terrors verraten. Aber auch von einigen Freunden kam Kritik. Und das ist gut so. Denn (1.) bietet uns diese Kritik die Möglichkeit, einige der Dinge, die in unserem recht eilig entstandenen Redebeitrag notgedrungen zu kurz kommen mussten, auszuführen. (2.) glauben wir, dass zumindest einige der von Freunden vorgebrachten Kritikpunkte tatsächlich diskutiert werden sollten.

1. Islamismus: ein Nichtthema?

Es war zunächst vor allem eine Aussage, die Widerspruch hervorgerufen hat: Während wir erklärten, dass sich hierzulande nahezu alle tonangebenden Kräfte auf die Gegnerschaft zum Islamismus einigen könnten, wurde uns entgegengehalten, dass der Islamismus in Deutschland ein Anathema sei. Sowohl die offiziellen Stellungnahmen der politischen Klasse, die Förderprogramme der Bundesregierung und die Bestsellerlisten sprechen jedoch eine andere Sprache. Nur einige Beispiele: Zwischen 2016 und 2017 wurden die Bundesmittel für Islamismusbekämpfung in den Justizvollzugsanstalten fast verdoppelt, im selben Jahr (2017) wurde ein „Nationales Präventionsprogramm gegen islamistischen Radikalismus“ ins Leben gerufen, Constantin Schreibers Buch „Inside Islam. Was in deutschen Moscheen gepredigt wird“ führte zeitweise die „Spiegel“-Bestellerliste an. Darüber hinaus sprach vor kurzem selbst der Innenminister des ziemlich abseits gelegenen Bundeslandes Brandenburg, Karl‐Heinz Schröter (SPD), von einem wachsenden Islamismus‐Problem zwischen Uckermark und Lausitz. Man kann und sollte über die Qualität all dieser Aussagen und Unternehmungen streiten, geleugnet werden können sie jedoch nicht.

2. Islam: ein Anathema

Während die Rede vom Islamismus also durchaus verbreitet ist, scheut man sich in der Öffentlichkeit dagegen oftmals davor, eine Verbindung zwischen Islamismus und Islam herauszustellen. Auch deshalb wurde Constantin Schreiber im „Deutschlandfunk“ und anderswo für sein Buch „Inside Islam“ angefeindet. In der Regel wird der böse Islamismus fein säuberlich vom guten Islam abgetrennt: so, als hätte das eine nichts mit dem anderen zu tun. Vor diesem Hintergrund hat es uns auch gewundert, dass sich einige Freunde – sei es in Kommentaren, sei es durch Facebook‐Likes – plötzlich positiv auf den Begriff des Alltagsislams beziehen: Im Iran der siebziger und selbst noch im Frankreich der vergangenen Jahre, so das von einigen Leuten unterstützte Argument, habe es im Unterschied zu Deutschland einen durchaus vernünftigen Alltagsislam gegeben. Hier sind wir vom Gegenteil überzeugt: Denn in dem Moment, in dem der Islam im Alltag so allgegenwärtig ist, dass man von einem Alltagsislam sprechen kann, hat er gerade nichts mehr mit den früheren Säkularisierungstendenzen im Iran oder in Frankreich zu tun. Er ist nicht das pluralistische Pendant zu einem „Alltagschristentum“, von dem niemand sprechen würde, weil es weder in Berlin noch in Wien oder in Paris existiert, sondern Ausdruck der allgemeinen Islamisierung.

3. „Mach meine Familie nicht an!“

Das wirklich Bemerkenswerte wurde von unseren Kritikern dagegen nicht angesprochen: Obwohl die islamische Bedrohung aufgrund der Terroranschläge überall präsent ist und öffentlich nicht selten vom Islamismus gesprochen wird, scheint die Bedrohung zumindest in Deutschland nicht ins allgemeine Bewusstsein zu dringen. Sie dürfte allenfalls im Vorbewussten oder in den Schläfenlappen verharren. Das beste Beispiel hierfür ist die Kunst, die immer auch Ausdruck gesellschaftlicher Stimmungen, Wünsche und Tendenzen ist: Während im Frankreich der vergangenen Jahre zahlreiche Romane und Erzählungen erschienen sind, die um den Terror und die Islamisierung kreisen, gibt es in Deutschland nichts dergleichen. Das mag auch auf die höhere Zahl der Terroropfer und die noch deutlichere Wahrnehmbarkeit des Islam in der französischen Öffentlichkeit zurückgehen. Es erinnert jedoch auch an die Beobachtungen, die Hannah Arendt 1945ff. in Deutschland machte: Sie sprach von einer enormen Weltabgewandtheit der Landsleute, dem fröhlichen Weitermachen und einer immensen Abwehr der Realität, die damals noch mittels Arbeit stattfand.

Für die gegenwärtige Realitätsverleugnung mag es viele Gründe geben. Justus Wertmüller hat einige davon in seinem Text „Menschenopfer für die Weltoffenheit“ in der aktuellen „Bahamas“ benannt. Nicht zu unterschätzen sind, direkt damit verbunden, zugleich die mal offenen, zumeist jedoch heimlichen Sympathien, die dem Islam hierzulande entgegengebracht werden: von einem Außenminister, der sich vor dem Grab des am Ende durchweg islamisierten Judenhassers Yassir Arafat verneigt, über die Verklärung des Kopftuchs zum Symbol von „Empowerment“ im linksliberalen Milieu bis hin zur offenen Kooperation mit Islamisten wie bei der „Unteilbar“-Demonstration.
Diese Sympathien stehen, wir beharren darauf, selbstverständlich auch im Zusammenhang mit der Rückkehr von Familie, Ehe, Ehre und Herkunft hierzulande – allerdings anders als uns unterstellt wurde. So lassen die Zumutungen des postmodernen Kapitalismus, sprich: der Abbau der sozialen Sicherungssysteme, der Zwang zu immer größerer Individualität, um sich auf dem Arbeitsmarkt behaupten zu können, die Nötigung zu Flexibilität, Entgrenzung, jederzeitiger Verfügbarkeit und allseitiger Kreativität das Bedürfnis nach all dem entstehen, wofür Familie, Ehe und Herkunft im Positiven wie im Negativen stehen. Dieses Bedürfnis ist noch nicht einmal ganz irrational. So ist der Rückgriff auf die Blutsbande gerade in Ost‐ und Südeuropa längst zur Notwendigkeit geworden: Die Mieten sind unbezahlbar geworden, der Gelegenheitsjob wird schlecht bezahlt und von der Rente kann man nicht leben.

Neben dem nur allzu nachvollziehbaren Drang nach Sicherheit kommt der Rückgriff auf Familie und Herkunft jedoch auch dem ebenfalls von den gegenwärtigen Verhältnissen produzierten Bedürfnis nach Überschaubarkeit, einfachen Antworten, klaren Regeln und Hierarchien entgegen. Die oft gar nicht so klammheimliche deutsche Begeisterung für den Islam dürfte auch darauf zurückzuführen sein, dass er all dies (1.) in Reinform vertritt und (2.), nicht zu unterschätzen, zugleich für ein enormes Zerstörungs‐ und Vernichtungspotential steht. Dieses Potential kommt den traditionellen antibürgerlichen Affekten deutlich entgegen, die den Bürger seit seinem Erscheinen auf der gesellschaftlichen Bühne wie ein Schatten begleiten. So wird er spätestens seit Rousseaus „Zurück zur Natur“ immer mal wieder vom Bedürfnis getrieben, die Fesseln der Zivilisation hinter sich zu lassen und all das, was ihn im Guten wie im Schlechten bindet, kaputtzuschlagen. Das heißt nicht, dass wir, wie uns absurderweise unterstellt wurde, etwas gegen standesamtliche Eheschließungen haben. Das heißt ebenfalls nicht, dass die Sympathien für den Islam unter Verheirateten besonders stark ausgeprägt sind. Es spricht, im Gegenteil, sogar einiges dafür, dass die Ablehnung des Islam in traditionelleren Kreisen stärker ist als im linksliberalen Milieu – das allerdings ebenfalls wieder verstärkt auf Ehe, Vermehrung und Familie setzt. Aber es soll heißen, dass dieses neue Interesse über weite Strecken dieselben gesellschaftlichen Ursachen hat wie die deutschen Sympathien für den Islam.

Wer diesen Zusammenhang nicht sehen will, der vergisst angesichts der islamischen Bedrohung entweder, dass die hiesigen Verhältnisse, die selbstverständlich ohne Wenn und Aber gegen diese Bedrohung verteidigt werden müssen, trotzdem nicht das Paradies auf Erden sind: Die Jungen Liberalen lassen grüßen. Oder er erliegt dem alten bewegungslinken Drang, das Private, sprich: den eigenen Lebensentwurf, als politisch auszugeben. Nach der WG, dem Sitzpinkeln oder der vegetarischen Ernährung sollen nun auch die bürgerliche Ehe und der Doppelkinderhaushalt, gegen die selbstverständlich nur wenig spricht, besonders widerständisch sein. Vielleicht hat er aber einfach auch nur, um einen unserer Kritiker zu zitieren, den „sprichwörtlichen Schuss“ nicht gehört. Was auch immer es ist: Wir wünschen einen guten Rutsch nach 2019 – in welche Richtung auch immer.

AG „No Tears for Krauts“,
12/2018