Von Schwestern und Muttis

Auf der Veranstaltung »Mütterimagines, Mückenstiche und die selbstverschuldete Unmündigkeit der Frau« haben wir folgendes Flugblatt verteilt:

[PDF] Flugblatt

Von Schwestern und Muttis

Werte Feministen,

seid Ihr auch der Meinung, dass Frauen für die bürgerliche Gesellschaft zu schwach sind und lieber im Kinderzimmerersatz der schwesterlichen Wohlfühlkommune leben sollten? Seid Ihr auch überzeugt, dass Frauen ein bisschen blöde sind und deshalb eine Übermutti brauchen, die ihnen das Selberdenken abnimmt? Nein? Wirklich nicht? Das freut uns, denn es bedeutet, dass die „antifeministische Regression“ bei Euch noch nicht so weit fortgeschritten ist wie bei denen, die sie beschwören.

Denken in engen Grenzen

Die „Feministische Intervention“ will heute Abend, so man ihre Ankündigung ernst nimmt, den Grundstein für ein Hausverbot gegen Magnus Klaue und Thomas Maul im Conne Island legen. Die beiden haben es nicht nur gewagt, sich als Männer zu Geschlechterfragen zu äußern, sondern waren auch noch so dreist, „das Conne Island als zentralen Veranstaltungsort der Leipziger Linken“ mit ihrer Kritik zu belästigen. Das ging dann wirklich zu weit. Prompt treten die Türhüter feministischer Denkkeuschheit auf den Plan. Weil sie Euch offenbar für kleine, dumme Mitläufermädchen halten, wollen sie Euch verordnen, mit wem Ihr auf keinen Fall spielen dürft.
Uns überrascht das nicht. Denn Leipziger Feministen führen schon länger eine groteske Tradition der deutschen Frauenbewegung fort: Im Namen der Emanzipation der abstrakten Frau wird die konkrete für dumm verkauft. Mehr noch als bei Alice Schwarzer in ihren schlechtesten Tagen ist dies seit Anbeginn das Erfolgsrezept der Religion des „materialistischen Feminismus“, der im Vortrag gehuldigt wird. Ihre Leipziger Pfaffen „Outside the Box“, Koschka Linkerhand – und jetzt eben „Feministische Intervention“ – gefallen sich sehr darin, von der Kanzel den Kreuzzug gegen das Patriarchat auszurufen. Von ihren „Schwestern“ (Linkerhand ununterbrochen) erwarten sie nur, den Katechismus zu kennen und die kritische Botschaft weiterzutragen. Widerspruch ist unerwünscht.
Im Ankündigungstext wird das Vaterunser wiederholt, die Leier vom „bürgerlichen Subjekt, das sich wesentlich über kapitalistische Sphärentrennung und damit die Abspaltung von Weiblichkeit und Reproduktion konstituiert“. Dieses einfache Glaubensbekenntnis – das Vermächtnis der sonst zu Recht vergessenen EXIT!-Wertkritikerin Roswitha Scholz – ist alles, was es für den Eintritt in die materialistisch-feministische Kirchgemeinde braucht. Wie bei religiösen Dogmen üblich, stört es nicht, dass es sich vor der Vernunft blamiert, solange es Einigkeit unter den Gläubigen schafft. Die Wenigsten von Euch dürften sich eingehend mit der Scholz’schen Wertabspaltungskritik beschäftigt haben. Wir empfehlen die Lektüre ihres Buchs „Das Geschlecht des Kapitalismus“ ausdrücklich, und geben eine Schmunzelgarantie, wenn ihr der Phalloplastik am Wert zuseht.

Quadratisch, praktisch, gut

Für diejenigen unter euch, die diesen Quark weniger lustig finden als wir: Wenn Ihr ehrlich seid, wisst Ihr selbst gut genug, dass Euch Fragen der Marx’schen Wertformanalyse gar nicht interessieren. Genauso wenig wie Euch die Kritik des vorherrschenden Subjektcharakters beschäftigt, denn dann wäre Euch klar, dass die „krisenhafte Verfasstheit des männlichen Subjekts“ zwar wunderschön nach Kritischer Theorie klingt, das widersprüchliche bürgerliche Subjekt aber längst von seiner postmodernen Variante abgelöst wurde. Euch geht es doch im Kern darum: Ihr wisst so gut wie wir, dass es Frauen teilweise immer noch schwerer haben als Männer. Das wollt Ihr verstehen und dagegen aktiv werden. Ihr sucht nach einer Theorie des Geschlechterverhältnisses, die auf einen Bierdeckel passt, und die Lösung aller Probleme gleich mitliefert. Der materialistische Feminismus macht Euch mit dem „warenproduzierenden Patriarchat“ (Scholz) ein kundenorientiertes Angebot, das Ihr gerne akzeptiert. Ihr müsst dafür nur so lustige Sachen wie den „Schatten des Werts“ (wieder Scholz) hinnehmen und immer, wenn die Theorie mal gar nicht passt, vom „verwilderten Patriarchat“ (natürlich Scholz) reden – schwuppdiwupp: Schon könnt Ihr (marxistisch fundiert!) eine universelle Männerherrschaft behaupten und schwer gesellschaftskritisch gegen Mann und Kapital in den Kampf ziehen.
Wir möchten Euch jedoch an die unangenehmen Konsequenzen erinnern, die es hat, Linkerhand & Co. zu folgen: Ihr müsst zum Beispiel leugnen, dass von Männern und Frauen gleichermaßen ein Mix aus „klassisch männlichen“ und „klassisch weiblichen“ Fähigkeiten verlangt wird – führen, Probleme lösen, sich durchsetzen, aber auch zuhören, im Team arbeiten und Rücksicht nehmen. Und Ihr müsst so tun, als würden Frauen nicht völlig selbstverständlich arbeiten – in Führungspositionen und „Männerberufen“ –, während viele Männer, auch wenn es ganz schön lange gedauert hat, dann doch noch kochen und putzen gelernt haben. Leider müsst Ihr auch einen großen Schritt zurück zum Queerfeminismus machen, den Ihr eigentlich vernünftigerweise ablehnt, weil den materialistischen Feministen weibliche Identität sehr wichtig ist. Und nicht zuletzt müsst Ihr Euch von ihnen zu Schwestern im Opferkollektiv erniedrigen lassen, statt intelligente, selbstbewusste und durchsetzungsfähige Bürger zu sein, die ohne Bevormundung Erfolge feiern, mit anderen ihr Leben genießen und einen lockeren Umgang mit ihren Genitalien pflegen.

Schwestern unter sich

Für die „Feministische Intervention“ und ihre Freunde hängt einiges am Schutz versprechenden Frauenkartell, dem sie vorstehen – von Buchverkäufen über regelmäßige Vortragseinladungen bis hin zur schlichten Befriedigung, eine Bewegung hinter sich zu wissen. Um sich als einzige Hilfe für angeblich entrechtete Studentinnen aufspielen zu können, legen sie sogar nahe, innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft hätten Frauen keine Chance, sich zu verwirklichen. Dann lieber als Jammerguerilla und mit „Leidenschaft unter Frauen“ (Linkerhand) in den Krieg gegen die männliche Gesellschaft ziehen. Selbst wenn man die Reste von Bürgerlichkeit so nicht zu Fall bringt, hat man die Solidarität der anderen Selbstmitleidigen sicher.
Wer den materialistischen Feministen allerdings die Schwesternschaft aufkündigt, gilt ihnen als Verräter. Schlimmer ist nur, wenn Außenstehende – ohne vorheriges frauenbewegtes Bekenntnis – Kritik üben. Magnus Klaue zog ihren Hass auf sich mit seinem Vortrag Doof geboren ist keiner, in dem er Frauen aufforderte, sich um einer Emanzipation Willen, die den Namen verdient, mit dem deutschen Feminismus zu brechen. Genauso Thomas Maul, der in Verdrängung der Prostitution unter anderem gezeigt hat, dass die meisten Frauen ohnehin lieber ihr eigenes Glück suchen als das des Gesamtgeschlechts und sich nicht zum Opfer machen lassen. Im Text Asexuelle Belästigung entzifferte er mit David Schneider den heroischen Kampf junger Feministen gegen das Patriarchat als einen gegen die bürgerliche Zivilisation statt gegen die sexistischen Männer. Die lesenswerten Texte finden sich sämtlich in der Bahamas #78. Klaue und Maul haben sich zur Zielscheibe der „Feministischen Intervention“ gemacht, weil sie es wagten, den Amazonen des Auenwaldes zu widersprechen und sogar noch in ihr Hoheitsgebiet an der Koburger Straße einzudringen. Spätestens jetzt müsste den letzten klar sein, was mit „Feministisch Streiten“ schon immer gemeint war: Wer kein szenegeprüfter Feminist ist, darf nicht kritisieren, und wenn er es tut, triff er nicht auf Streitlust, sondern auf Beleidigtsein und Gallespucken.

Wer’s glaubt, ist selbst schuld

Einen Vorgeschmack auf das heute Abend zu Erwartende gibt der Ankündigungstext, aus dem die nackte Angst der Verfasser spricht, Ihr könntet sie zukünftig links liegen lassen. Sie muss so plagend gewesen sein, dass selbst die durchschaubarste Lüge noch als Rettungsanker erschien. So wird den Autoren der Bahamas als einzig denkbare Motivation „versagte Befriedigung“, „gekränkte Theoretikermännlichkeit“, kurz: „Frauenhass“ unterstellt – in der Hoffnung, Ihr würdet den abgegriffenen Geht-immer-Topos vom traurigen alten Sack schlucken und deshalb weder die Texte lesen noch Euch mit dem Sachgehalt ihrer Einwände beschäftigen. Doch damit nicht genug: Den Gipfel der Peinlichkeit markiert das Wortspiel mit den Namen Mauls und Klaues, das die Verfasser noch zwanghaft unterbringen wollten. Sie dichten ihnen – wie einfallsreich – „Mäuler und Klauen“ an, machen sie also in schlechter linker Tradition zu Tieren.
Und dann wäre da noch die Verleumdung mittels sinnentstellenden Zitierens. Es wird behauptet, Maul und Klaue hätten über Feministen gesagt: „Kaum des Lesens und Schreibens mächtig (1) und unabgelöst von ihren Müttern (2), seien sie so unwillens wie unfähig, ‚Männer, sei es sexuell oder gar intellektuell, zu befriedigen‘ (3).“ Die ersten beiden Punkte beziehen sich auf Klaues Vortrag, der dritte auf den Text Asexuelle Belästigung. Also der Reihe nach: (1) Offensichtlich baut Doof geboren ist keiner in seiner Gänze auf Klugem auf, das Frauen geschrieben haben. Klaue kritisiert, dass große Teile der Zweiten Frauenbewegung „weibliche Ästhetik“ und „Frauenliteratur“ für sich entdeckten, statt sich am universellen Anspruch zu messen, den vorher Männer gesetzt haben. Seine Pointe ist gerade, dass Frauen genauso gut denken und schreiben können wie Männer, wenn sie sich nicht vorauseilend selbst herabsetzen. (2) Kein therapeutisches Analyseergebnis stellt Klaue vor, sondern – Marina Moeller-Gambaroff folgend – eine psychoanalytische Kritik der Zweiten Frauenbewegung am Kult der Schwesternsolidarität: Der Vater steht für Verbot, Gesetz, Verinnerlichung und Individuation, die Mutter hingegen für Gewährung und Schutz. Wer nur auf das Patriarchat schimpft, attackiert einseitig den Vater, verleugnet die Mutter und bekommt so den Konnex von Schutz, Gewährung und Herrschaft nicht in den Blick. In diesem psychoanalytischen Argument steckt nirgends ein Bezug auf individuelle Frauen. Den stellen erst die Denunzianten her. Und abschließend (3): Maul und Schneider klagen niemanden an, Männer nicht befriedigen zu wollen oder können. Sie stellen stattdessen nüchtern fest, dass die heutige Durchschnittsstudentin sich nicht nach einem Verhältnis mit ihren Professoren sehnt, so wie auf der Gegenseite der „lüsterne Professor“ meist nur noch eine „Lagerfeuerstory“ ist. Ihr Vorwurf besteht einzig darin, dass dieses anachronistische Klischee dennoch ständig als Beleg für Alltagssexismus herangezogen wird.
Wem jedes Mittel Recht ist, um seine Kritiker zu verunglimpfen, der ist nicht nur verzweifelt, sondern hält auch seine Adressaten für beschränkt. Wir trauen Euch – trotz aller Dummheiten, für die Leipzigs radikale Linke berüchtigt ist – bedeutend mehr zu als die „Feministische Intervention“, „Outside the Box“ und Koschka Linkerhand. Feminismus praktisch werden zu lassen, hieße, ihnen heute auf den Zahn zu fühlen und zukünftig den Rücken zu kehren.

Eure
AG »No Tears for Krauts«
Januar 2019