No Tears for Wuschel!

Es ist tragisch: Kaum bezeichnet man einen Berliner Kuschel‐ und Wuschel‐DJ als Abziehbild einer harmoniesüchtigen Wohlfühllinken, beweisen die Reaktionen wie recht man hat. Mehr noch: Hatten wir beim Verfassen unseres Flugblatts gehofft, dass wir daneben liegen und die versprengte postantideutsche Restszene es als Zumutung empfindet, in einem Atemzug mit einer Vollpflaume wie Daniel Kulla genannt zu werden, übertrafen die Kommentare unsere schlimmsten Erwartungen. Da erklärte jemand ganz ernsthaft, dass der Dany, doch ein „ganz lieber Wuschel“ sei. Ein anderer, der trotz regelmäßiger Marx‐Zitation noch nie eine von dessen Polemiken gegen Schapper, Willich, Vogt gelesen zu haben scheint, verlor auch den letzten Rest seines Unterscheidungsvermögens und zog Verbindungen zwischen dem Flugblatt von No Tears for Krauts und den Hinrichtungsvideos des IS.

Es waren vor allem drei Dinge, die auf Empörung stießen: Die werte Internetgemeinde entrüstete sich (1.) darüber, dass wir verraten hatten, dass Daniel „Wuschel“ Kulla nichts vernünftiges gelernt hat, (2.) wurde uns vorgehalten, dass wir uns über sein Aussehen lustig gemacht hätten, und (3.) wurde beanstandet, dass wir während seines Vortrags in Halle, bei dem er – kein Witz! – versuchte, den Zusammenhang von Antisemitismus und Kapitalverhältnis mit dem Schaubild einer Powerpoint‐Präsentation zu erklären, nicht mit ihm diskutiert haben. Dazu nur drei Kleinigkeiten:

  1. Uns interessiert nicht, was Kulla privat macht. Es geht vielmehr darum, was er öffentlich von sich gibt. Dass es da kaum einen Unterschied gibt, liegt nicht an uns, sondern daran, dass Wuschel seine 2.100 Facebook-„Freunde“ auch über die persönlichsten Details informiert. Wir sind von diesem Mitteilungsdrang genauso peinlich berührt wie von seiner Selbstinszenierung als Repräsentant einer goldenen Mitte der Linken. Um diesen einheizenden Opportunismus zu erklären, der die dümmsten Anti‐Pat‐Parolen zu tolerieren bereit ist, kann man entweder auf Kullas „Natur“ verweisen, was uns fern liegt. Oder man kann seinen Zuhörern, gegen die unser Flugblatt primär gerichtet war, sagen, dass ihnen die wuscheligen Aussagen auch darum so gut gefallen, weil sich Kulla nicht zuletzt aus ökonomischen Gründen an ihren Wünschen orientieren muss. Das richtet sich weniger gegen Kulla, der einem fast leidtun kann, als gegen sein Publikum, das nur sich selbst zuhören will. Fakt ist jedenfalls: Hätte der Wuschel ein verlässlicheres finanzielles Standbein als linke Klitschen, hätte er sich nicht in eine Vokü in Menschengestalt verwandeln müssen. Die Aufregung über diese Banalität ist entweder so groß, weil die Mehrheit der Gemeinde weiß, dass auch sie nichts Vernünftiges gelernt hat: Als Politikwissenschaftler, Soziologen, Medienmenschen sind die meisten Linken zu einem ähnlichen Dasein als Vor‐ und Nachplapperer verurteilt wie der Wuschel – nur mit anderen, z.T. einträglicheren Bezugsgruppen. Oder man ist empört, weil jemand ausgesprochen hat, was alle wissen: Die individuelle Rebellion gegen die Lohnarbeit, die alle beeindruckend finden, aber für sich selbst ausschließen, ist erbärmlich.
  2. Wir haben uns nicht über Wuschels Aussehen lustig gemacht, sondern erklärt, dass er die Wohlfühllinke auch äußerlich repräsentiert. Das war zwar vor allem gegen diese Szene gerichtet, die sich in Kullas selbstzufriedener Knuffel‐Ausstrahlung, die Teil seines innerlinken Erfolgsgeheimnisses ist, wiedererkennt. Trotzdem muss keiner so tun, als könnte niemand etwas für sein Aussehen: Mit Mitte 30 hat jeder das Gesicht, das er verdient. (Es sei denn, er ist einer schweren Krankheit, unverschuldeter Armut oder einem anderen Schicksalsschlag zum Opfer gefallen.) Oder will jemand bestreiten, dass sich das Verhältnis zu sich selbst, zu seinen Mitmenschen und zu seiner Umwelt irgendwann in der Mimik, im Sprachgebaren etc. Geltung verschafft? Der Besatzung eines Dorfstammtischs hat sich die Gemeinheit genauso in die Gesichtszüge eingegraben wie die dreiste Überheblichkeit in das Antlitz Dieter Bohlens.
  3. Es stimmt: Wir haben nicht mit dem Wuschel diskutiert. Warum? Weil er die Organisatoren der Veranstaltung gebeten hat, einige von uns des Hauses zu verweisen. Seine Begründung: Er fühle sich sonst unwohl. Wir waren trotzdem nicht traurig. Denn mit Wohlfühllinken ist es so ähnlich wie mit Mülleimern: Man muss nicht in jedem herumstochern, um zu wissen, dass es eklig wird. So etwas macht nicht klüger, sondern davon wird einem schlecht.

No Tears for Krauts, 10/2014