Never trust a Hippie!

Wer Daniel Kulla einlädt, scheut die Konfrontation und das Denken. Er will nur eins: dass sein kleinkindlicher Wunsch in Erfüllung geht und „jede*r sich wohlfühlt“.

Wer die AG No Tears for Krauts kennt, der weiß: Sie ist sich nicht zu schade, sich auch den armseligsten und unbedeutendsten Figuren zu widmen und ihnen die ersehnten drei Minuten Aufmerksamkeit zu schenken. Immerhin sind es oft weniger die Klugen, Reichen und Schönen, an denen sich die neuesten Tendenzen des universellen Verblödungszusammenhanges als erstes ablesen lassen, als ihr Gegenteil, sprich: die Daniel Kullas dieser Welt. Gestalten wie der musizierende Vortragsreisende Kulla, der zu den Dauergästen des hallischen Jugendzentrums Reilstraße 78 gehört, können nicht persönlich beleidigt werden, weil sie durch und durch Abziehbild ihrer Umgebung sind. Jede Aussage über Kulla ist eine Aussage über sein Umfeld, sein Publikum und diejenigen, die ihn zu den beiden immergleichen Vorträgen – „Entschwörungstheorie“ und irgendwas mit Drogen – einladen.

Die Wohlfühllinke

Wären sie nicht so eklig, könnten einem die antiimperialistischen Traditionalisten aus Magdeburg oder dem Berliner Jugendzentrum Lunte fast leid tun: Niemand mag sie, niemand außer einer Gruppe politisierender Chrystal-Opfer aus der Knäckebrotstadt Burg will etwas mit ihnen zu tun haben. Die Zeit, in der der autonome Antiimperialismus und die damit verbundene Liebe zu den Völkern innerhalb der radikalen Linken tonangebend waren, ist lange vorbei. Fast scheint es, als hätten die Antideutschen einen kleinen Sieg errungen: So haben sich, wie Andreas Rühl vor einiger Zeit in der Bonjour Tristesse schrieb, einige antideutsche Grundideen so verallgemeinert, dass man in Teilen der Linken kaum noch jemanden findet, der die Kritik des Antisemitismus, den kategorischen Imperativ nach Auschwitz oder das Betreiben von Theorie nicht „irgendwie wichtig“ oder „interessant“ findet. Selbst Israelfahnen sorgen bei linken Demos kaum noch für größere Empörung.

Das Tragische ist, wie Rühl ebenfalls anmerkt: Die Kritik der deutschen Ideologie, sprich: des Gemeinschaftskitsches, des einfachen Lebens auf heimatlicher Scholle, der Gesinnungsethik, der Entbehrung usw., die der antideutschen Solidarität mit Israel zugrunde lag, ist dabei fast vollständig untergegangen. An ihre Stelle ist eine große klebrige Sauce getreten, in der der traditionelle autonome Gestus, die altautonome Rede von der „Definitionsmacht“ und die linksalternative Bussi-Bussi-Stimmung mit antideutschen Theorieversatzstücken verrührt wurden.

Die zentrale Parole für diese Mischung aus Vokü und Edelrestaurant, Club Mate und Martini Superior wurde auf den sogenannten „Awareness“-Flyern des diesjährigen Straßenfestes der Reilstraße 78 verewigt: Es geht darum, dass sich „jede*r wohlfühlen kann“. So ist aus dem Kampf gegen das Schweinesystem das Eintreten für eine linke Wellness-Oase geworden, in der „jede*r“ seinem Hobby oder Spleen nachgehen kann. Die einen pflegen ihren Veganismus, die anderen ihre Theorieaffinität. Wieder andere kümmern sich um ihren Genderfimmel. Wichtig ist nur, dass niemand sein Hobby zu ernst nimmt, weil der innerlinke Frieden sonst gestört würde: Denn wer sich einer Sache ganz verschreibt, den drängt es geradewegs dazu, den Konsens mit Leuten aufzukündigen, denen die Sache nichts, die Wohlfühl-Atmosphäre alles ist.

Gegen Ruhestörer!

Das ist der Grund, warum die traditionellen Antideutschen um die Bahamas (und ganz allgemein auch Polemik) oft auch dort unbeliebt sind, wo man theoretischen Reflexionen, der Tradition der Aufklärung oder der Israelsolidarität einiges glaubt abgewinnen zu können. Denn im Unterschied zu Leuten wie Daniel Kulla, die sich selbst dann, wenn sie ausnahmsweise einmal Kritik üben, im Vorfeld dafür entschuldigen und mit der Aufforderung verbinden, „aufeinander aufzupassen“ (classless.org), betreiben Bahamas et al. Kritik rückhaltlos, ohne auf Anhängerschaften und Beliebtheit zu schielen. Anders als Aushilfshedonisten wie der dauergrinsende Dany, die sich schlechte Drogen, noch schlechtere Musik und den linksautonomen Ringelpietz in einen „Vorschein“ des Kommunismus zurechtlügen, weiß man auf den Bahamas von der Enge, den Zumutungen und der Inzucht linker „Freiräume“. (Man weiß, dass Kullas Forderung, sein „Leben als Generalprobe für eine Welt zu leben, die irgendwann vielleicht tatsächlich nicht mehr so beschissen ist“, kein Ausdruck von Phantasie oder poetischem Können ist, sondern übler Gesinnungskitsch.) Und im Unterschied zu den theoretischen Fernfuchtlern, die in Seminaratmosphäre über das Verhältnis von Natur, Gesellschaft und Korbflechtkunst „bei“ Adorno oder die künstlerische Avantgarde der 1920er Jahre räsonnieren, haben die Bahamas und ihre Freunde auch nicht den traditionellen Dünkel deutscher Intellektueller, die sich vom „schmutzigen“ Tagesgeschehen fernhalten und sich vermeintlich rein geistigen Dingen widmen. Denken wird vielmehr als „praktisch-kritische Tätigkeit“ (Marx) verstanden, das, weil es sich ernst nimmt, gemein, erpresserisch und damit zugleich: polemisch auftritt. Kurz: Mit den traditionellen Antideutschen sind die linke Simulation der Regenbogenwiese und das Kuscheln am Lagerfeuer nicht zu haben.

Die Untiefen der Dialektik

Wer wie Daniel Kulla innerhalb dieser Happy-Hippie-Linken etwas werden will, muss sich darum von Zeit zu Zeit von der Bahamas distanzieren. Diese Distanzierung darf jedoch nicht zu vehement ausfallen. Zum einen ist man aufgeklärt und will sich nicht mit ordinären Antiimps gemein machen. Zum anderen würde eine zu vehemente Kritik das linke Wohlfühlkarma beschädigen und die eigene Rolle als Everybody’s Darling in Gefahr bringen. Das Zauberwort, auf das Kulla bei seiner Bahamas-Kritik zurückgriff, heißt „Dialektik“. Unter diesem Begriff, der sich in theoretisierenden Jungakademiker-Kreisen wieder großer Beliebtheit erfreut, verstehen seine neuesten Anhänger kaum mehr als die Gymnasiallehrer-Weisheit, dass eine Medaille zwei Seiten hat. Er ist ein Deckbegriff für die eigene Angst davor, eine Sauerei eine Sauerei zu nennen und es sich mit irgendjemandem zu verscherzen. Der Bahamas, so schrieb Kulla dementsprechend, sei die Dialektik abhanden gekommen, die er selbst natürlich aus dem Eff-Eff beherrscht. So verkündete er, dass die Zeitschrift zweifellos Verdienste habe: die Kritik des Antisemitismus, die Analyse des Postnazismus usw. Gegen die irrsten antiimperialistischen Anwürfe müsse sie darum verteidigt werden. Aufgrund ihres Auftretens und ihrer polemischen Überspitzungen, so Kulla, habe die Bahamas die ihr entgegengebrachten Sympathien jedoch verspielt. Zwei Dinge stören ihn besonders: Erstens ist er darüber empört, dass die Redaktion angesichts der Anschläge vom 11. September 2001 und der diesbezüglichen Begeisterung in der islamischen Welt zwar selbstverständlich noch zwischen Moslems, die ein konfessionelles Verhältnis zu ihrer Religion haben, und Berufsmuslimen differenziert. Zwischen Islam und Islamismus kann sie jedoch berechtigterweise keinen Unterschied mehr machen. Zweitens kann Kulla der Bahamas nicht verzeihen, dass sie angesichts antisexistischer Menschenjagden in den Jahren 1999 ff. den autonomen Dauerbrenner der „Definitionsmacht“ infrage stellte, der ursächlich für diese Hetzjagden war. Ihn stört damit vor allem, dass es der Bahamas nicht darum geht, die innerlinke Gesprächsatmosphäre angenehmer und die Diskussionen etwas anspruchsvoller zu machen, sondern um die Abschaffung der Verhältnisse, die so etwas wie die deutsche Linke oder Daniel Kulla hervorbringen.

Diese schmierige Mischung aus Opportunismus und postmoderner Beliebigkeit ist inzwischen für die Linke typisch. Fast muss man Hochachtung vor einem Uraltautonomen wie Wolf Wetzel (a.k.a. Autonome Lupus-Gruppe) haben, der seit mehr als 30 Jahren denselben Unsinn erzählt. Immerhin verbirgt sich hinter Wetzels Halsstarrigkeit noch ein Rest dessen, was die Person als Subjekt einmal ausmachte: Kontinuität, Rigorismus, Prinzipientreue. Heute hat man es dagegen mit Leuten zu tun, mit denen nicht einmal ein richtiger Streit möglich ist, weil ihre Positionen entweder windelweich sind oder weil sie vor lauter Verweisen auf ihr Bauchgefühl nicht dazu in der Lage sind, einen verständlichen Satz zu formulieren.

Der Mann ohne Eigenschaften

Daniel Kulla konnte innerhalb dieser Szene eine gewisse Beliebtheit erlangen, weil er so etwas wie der ideelle Gesamtlinke ist. Neben seiner Beherrschung der einschlägigen Szene-Umgangsformen ist hierfür nicht zuletzt sein Gespür für anstehende Geschmackswechsel und Modewellen ursächlich. Dieses Gespür ermöglicht es ihm, rechtzeitig auf anfahrende Züge aufzuspringen, um sich einen Startvorteil bei der Bedienung des einmal von ihm ausgewählten Szenesegments zu verschaffen: Als ein großer Teil der Antifa nach 911 antideutsch wurde, versuchte sich Kulla an die Bahamas ranzuschmeißen und trottete der Redaktion und ihren Freunden regelmäßig in deren damaliges Berliner Stammlokal hinterher. Als sich die antideutsche Antifa in eine Electro-Partyszene transformierte, machte Kulla in Electro-Musik. Und als sich die Party- in eine Drogenszene verwandelte, setzte er sich an sein Buch Leben im Rausch. Darin bemüht er sich – selbstverständlich – um das Pro und Contra des Drogenkonsums, um bestimmte Formen des Pillenwerfens schließlich in schlechtester Pennäler-Manier zum widerständigen Akt aufzunorden. Die Liste ließe sich unendlich fortsetzen: von den „Buffy-Studies“ (einer Verklärung der strunzdummen Vampir-Serie Buffy zum gesellschaftskritischen Meisterwerk), an denen sich Kulla beteiligte als es chic war, bis zu seinem Buch Entschwörungstheorien, das er zu schreiben begann, als sich innerhalb der Linken großflächig die Erkenntnis durchzusetzen begann, dass das Kapital ein gesellschaftliches Verhältnis ist – und dessen zentrale Aussage sich auf den banalen Satz bringen lässt: Selbstverständlich gibt es Verschwörungen, aber sie sind kein gesellschaftliches Funktionsprinzip. Kurz: Es gibt kaum eine antinationale oder soft-antideutsche Modewelle, an der sich Kulla nicht beteiligte. Wichtig war nur, dass sie die Möglichkeit für Harmonie, Friede-Freude-Eierkuchen und wechselseitiges „aufeinander Aufpassen“ bot. (Dummerweise wurde dieses Bedürfnis auch vom antideutschen Fahnenschwenken der Jahre um 2005, so richtig es war, bedient.)

Aber selbst Kullas Gespür für neue Modewellen ist kein Zeichen besonderer Originalität. Sie ist bloße Funktion einer prekären ökonomischen Existent. Auf seinem Blog und bei Facebook, wo er sich nicht zu blöde ist, auch die persönlichsten Details preiszugeben und die Gemeinde an seinen Beziehungsproblemen teilhaben zu lassen, spricht er so viel in der ersten Person Singular, damit ihm niemand drauf kommt, dass er nur ein Sprechautomat ist. So ist Kullas Wikipedia-Beitrag, den er augenscheinlich selbst geschrieben hat, zwar zu entnehmen, dass er als „Schriftsteller“, „Übersetzer“, „Lektor“ und „Musiker“ begriffen werden will. All diese großspurigen Bezeichnungen sind jedoch Chiffren dafür, dass er weder etwas Vernünftiges gelernt hat noch irgendetwas anderes kann. Aufgrund seiner Talentfreiheit in Sachen Schreiben und Musizieren wird ihm der große Durchbruch jedoch nie gelingen. Seine Begeisterung für Do-it-yourself, für „selber machen 2.0“, ist dementsprechend der Versuch, aus der Not, dass kein namhaftes Verlagshaus oder Label seinen Schund haben will, eine Tugend zu machen. Da vom Amt oder von den paar Gelegenheitsjobs, über die er auf seinem Blog ab und zu berichtet, niemand auch nur halbwegs sorgenfrei leben kann, ist er auf die sporadische Kohle vom Ventil-Verlag oder den gelegentlichen Zuverdienst durch die Vorträge und Gigs, die er gleich als Package anbietet, angewiesen. So ist Kulla auf Gedeih und Verderb von jener Szene abhängig, als deren Bauchredner er durch die Jugendzentren der Republik tingelt. Auch wenn es ihm wohl nicht bewusst ist, weil ihre ökonomische Situation den Menschen in Fleisch und Blut übergeht, ist er zum einen geradezu darauf angewiesen, die nächsten Wünsche und Interessen seines Publikums rechtzeitig vorauszuahnen. Zum anderen kann er es sich gar nicht leisten, irgendjemanden innerhalb dieser Szene gegen sich aufzubringen.

Linke Selbstgespräche

Das ist der Grund dafür, warum die Wohlfühllinke in Daniel Kulla bis ins optische, haptische und akustische Detail hinein ihren symbolischen Ausdruck findet: selbstzufrieden in sich ruhend, debil vor sich hingrinsend und etwas gemächlich in der Artikulation. Wer sich diese in die Jahre gekommene Reminiszenz an die Hippie-Bewegung der Sechziger einlädt oder seine Vorträge besucht, interessiert sich nicht dafür, was dieser zu sagen hat. Da aus Kulla nur herauskommt, was die Wohlfühllinke in ihn hineingestopft hat, wollen Veranstalter und Publikum eigentlich nur sich selbst zuhören. So sind die einschlägigen Veranstaltungen große Selbstgespräche von Leuten, die frei von Zweifeln sind und die Konfrontation und das Denken scheuen.

No Tears for Krauts, 10/2014