Die Riedel‐Antideutschen

Folgendes Flugblatt haben wir am 02.10.18 vor der Veranstaltung Abgesang des Abendlandes — Grenzarbeit, mit Felix Riedel verteilt, die von der Selbsthilfegruppe Initiative gegen rechte Antideutsche organisiert wurde.

[PDF] Flugblatt: Die Riedel‐Antideutschen

 

Die Riedel‐Antideutschen

Liebe Gäste des heutigen Vortrags,

wir verstehen Euer Interesse nur zu gut. Man bekommt nicht alle Tage die Chance, einem Mann zu lauschen, der glaubhaft von sich sagt, sein Spezialgebiet sei die Hexenjagd. Dass Felix Riedel nicht nur im akademischen Bereich ein ganz besonderes Verhältnis zu Spuk und Hexerei pflegt, macht ihn zum Referenten erster Wahl für die Leipziger »Initiative gegen rechte Antideutsche«.

Verleumdung als Geschäftsmodell

Felix Riedel wäre bereit, für einen Platz auf dem Podium seine eigene Mutter zu verkaufen. Auf seiner Website erklärt er, ihm sei das »Denken und Schreiben in gesellschaftlich umkämpften Feldern« derart »Leidenschaft und Pflicht« geworden, dass er sich nichts sehnlicher wünsche als Einladungen zu Vorträgen, um seinen Senf unter die Leute zu bringen. Kommen die nicht wie gewollt, geht es mit ihm durch: So war es Riedel nicht zu peinlich, an Veranstalter heranzutreten, die wegen geplanter Vorträge mit Bahamas‐Autoren Anfeindungen ausgesetzt waren, und sich als besseren Referenten zu empfehlen. Gleichzeitig kurbelte er die Empörungsmaschinerie fleißig an, indem er die Eingeladenen, auf deren Platz er scharf war, hemmungslos als Rassisten und Sexisten diffamierte.
Weil Verleumdung sein Geschäftsmodell ist, verdankt Riedel auch seine heutigen zwei Stunden Ruhm einer länger gärenden Denunziationskampagne. Ihre Speerspitze, die »Initiative gegen rechte Antideutsche« trat auf den Plan, als für den 28. Mai in Leipzig ein Vortrag mit dem Bahamas‐Autor Thomas Maul innerhalb der Reihe »70 Jahre Israel« angekündigt wurde. Die Veranstaltung mit dem Titel »Zur Kritik des islamischen Antisemitismus und seiner Bagatellisierung« sorgte für einen Eklat in der Messestadt. Zuvor hatte Maul bei Facebook anlässlich einer Rede Alexander Gaulands zur deutschen Israelpolitik geschrieben: »Immer wieder erscheint die AfD objektiv als einzige Stimme der Restvernunft im Deutschen Bundestag…« Zwar hatte er damit in erster Linie die Redner der anderen Parteien gescholten, die im Gegensatz zu Gauland nicht auf israelfeindliche Bemerkungen verzichten konnten. Doch für Linke aller Provenienz war klar: Wer nicht dreimal hervorhebt, wie menschenverachtend die AfD sei, kann nur ein Rechter sein.
Der Leipziger Studentinnenrat, die Naturfreundejugend Berlin und die Falken Leipzig zogen ihre bereits zugesagte Unterstützung für die Vortragsreihe zurück. Im Nachgang der Veranstaltung überboten sich die Freunde des allseitigen Rechtspopulismusvorwurfs in wilden Anschuldigungen gegenüber dem Autor der Bahamas. Sie wurden selbst dann nicht stutzig, als sie tatkräftige Unterstützung durch Artikel in der taz, dem Neuen Deutschland und sogar der Jungen Welt erhielten. Freilich hat die »Initiative gegen rechte Antideutsche« ihre Freunde verdient. Sie behauptete im Gleichklang mit allen drei Zeitungen, Thomas Maul habe die ungarische Flüchtlingspolitik befürwortet. Das tat er zwar nie, sondern kritisierte ausdrücklich Viktor Orbán – was man auch in der öffentlichen Dokumentation des Vortrags nachlesen konnte. Doch während die Junge Welt noch so redlich war, eine Gegendarstellung nachzuschieben, ist den Leipziger Denunzianten die Wahrheit herzlich egal. Seit ihrer Gründung üben sie sich einzig darin, jedem, der Widerspruch gegen ihre halbgaren Gewissheiten erhebt, eine Nähe zur AfD zu unterstellen.

Riedelei für Einsteiger

Deshalb ist Felix Riedel für sie genau der richtige Mann. Der Marburger Oberdenunziant lässt keine Gelegenheit ungenutzt, Ideologiekritikern die Bildung einer »Querfront« mit der AfD anzudichten – so etwa in der Ankündigung des heutigen Vortrags. Seine Methode hat er in seinem Text »Rechtsantideutsch – Zur Genese eines Phänomens« mustergültig vorgeführt. Wortfetzen reichen ihm, um aus Sören Pünjers Kritik des ideologischen Antirassismus eine rechte Gesinnung zusammenzuschustern. Zuerst zitiert Riedel den Autor der Bahamas: »Rassismus, der wirklich noch Rassismus genannt werden kann, also nicht die Verrücktheiten der Antira‐Szene, die jede staatliche Regulierung von Zuwanderung als Rassismus geißelt, oder jeden, der das Wort Neger in den Mund nimmt, standrechtlich zusammenschlagen will, hat doch nicht wirklich eine Zukunft. Die Zukunft gehört der Ideologie des Antirassismus…« Daraus zaubert er sogleich: Pünjer mache »aus der humanistischen Kritik der immer weiter eskalierenden Dezimierung von Flüchtlingen durch Hürden, die sie in den Kriegsgebieten halten sollen, schon ein ›Geißeln‹ ›jeder staatlicher Regulierung von Zuwanderung‹. Das ist der Jargon der Rechten, die aus der verzweifelten Flucht von etwa 50 Millionen Menschen weltweit eine gemütliche ›Zuwanderung‹ zu machen sucht, die dann nur ›reguliert‹ würde.«
Merke: Die Worte »Zuwanderung« und »regulieren« sind strengstens verboten. Wer sich daran nicht hält, ist schon Teil der Gauland‐von Storch‐Fraktion. So will Riedel jede Diskussion über Migrationspolitik im Voraus abwürgen. Schlechte Karten also für alle, die über ein sinnvolles Einwanderungsgesetz reden wollen, das es Zuwanderern erleichtert, sich ein Leben in Deutschland aufzubauen. Denn die Forderung nach staatlicher Regulierung auf diesem Feld ist ja Sache der Rechten. Riedels bester Trick funktioniert aber ganz subtil. Offensichtlich spielt er auf den »Jargon der Rechten« nach 2015 an, als es für Flüchtlinge immer schwerer wurde, nach Deutschland zu gelangen. Was er dabei verschweigt: Die Aussagen Sören Pünjers, mit denen dieser vermeintlich in den Kanon der Fremdenfeinde einstimme, stammen von 2004.

»Querfront« ist überall

Der kurze Auszug steht exemplarisch für Riedels Texte zur Bahamas und ihren Freunden, die weithin von Unterstellungen, Reizbegriffen und Begriffswillkür leben. Heute Abend will er noch viel höher hinaus, und kündigt – bescheiden wie er ist – folgende Welterklärung für den »Sinkflug« der Zeitschrift mit steigenden Abonnementzahlen an: »Über fünfzehn Jahre hinweg lassen sich strukturelle Ursachen dieses Absturzes vorahnen: Eine konservative Fehlinterpretation der Freudianischen Psychoanalyse, eine teleologische Entwicklungsideologie eines undialektisch gelesenen Marx, eine gescheiterte Begriffsbildung zum Rassismusproblem, Mythen und Unklarheiten zu komplexen Konflikten wie den Jugoslawienkriegen.« Man darf gespannt sein auf die Erklärung des Copy‐and‐Paste‐Genies, warum Thomas Maul und Justus Wertmüller in die Arme Gaulands fielen, weil sie im Marx zu wenig den Hegel sahen. Sein multikausaler Ansatz verspricht immerhin einen langen Abend. Ob der Möchtegern‐Oberstudienrat da noch Zeit findet, die Positionen der AfD zu kritisieren, zu denen die Autoren der Bahamas angeblich übergelaufen seien? Welch ein Glück für ihn, dass er auf das zuvorkommende Einverständnis seines Publikums bauen kann. Denn zur Sache selbst hat die Leipziger Antifa nicht mehr zu sagen als der bundesdeutsche Mainstream: »Fuck AfD!«
Mit Riedel ist sie sich einig, dass jeder, der sich weigert, in der Kampagne gegen den Volksfeind des geläuterten Deutschlands mitzumischen, zur »Querfront« mit der AfD gehört. Das Label hat gerade Aufwind, weil man – denkfaul und begriffsstutzig wie immer – Beliebiges unter ihm subsumieren und in den Giftschrank verbannen kann. Mit seiner Hilfe werden der Bayerische Bauernverband, der Pirnaer Ortsverein der AfD und die Berliner Redaktion der Bahamas kurzerhand zu gemeinsamen Vorkämpfern der Faschisierung Deutschlands erklärt. Natürlich gäbe es Unterschiede zwischen Konservativen, »Wir-sind-das-Volk!«-Ossis und »Rechtsantideutschen«, aber irgendwie würden sie sich halt in Sprache und Positionen ähneln. Das liest sich dann so wie im Facebook‐Gründungstext der »Initiative gegen rechte Antideutsche«. Dort heißt es, »die Konvergenz von Islamismus, der AfD und rechten Antideutschen« bestehe darin, dass der Islam, Pegida, die AfD und Thomas Maul »zuviel gemeinsam haben um nebeneinander existieren zu können.« Darauf folgt die alte Leier, dass sich völkische Rechte mit dem Islam in der Ablehnung westlicher Werte einig sind. Was den Salonkritikern dabei durch die Lappen ging: Sie hätten schon noch erklären müssen, wie Maul und die »rechten Antideutschen« in die Aufzählung gelangt sind. Oder haben wir verpasst, dass Ideologiekritiker neuerdings zum Angriff auf die bürgerliche Gesellschaft blasen?

Die goldene Mitte

Die Leipziger Szene und ihre Avantgarde‐Initiative bedienen sich solcher Verunglimpfungen, um weiterhin mal ein Bisschen Kritische Theorie lesen zu können, während sie jede Konsequenz für Denken und Handeln von sich fernhalten. Wer den mühsam antrainierten Begriffsapparat nicht zur Disposition stellen und es sich mit niemandem verscherzen will, muss eben ab und an mit aufgeschnappten Sprachhülsen gegen fiese Nestbeschmutzer Stimmung machen. Weil Felix Riedel darin die meiste Übung und wenigsten Hemmungen hat, darf er sich kurzzeitig zum spirituellen Führer der Leipziger Antideutschen aufschwingen. Das Marburger Multitalent weist den Weg zur goldenen Mitte zwischen altbackener Junger Welt und der verpönten »Querfront«-Bahamas. Er imponiert mit seinen argumentativen Spreizfugen, die zwischen unvereinbaren Positionen vermitteln und jeden logischen Widerspruch überbrücken.
So schafft es Riedel, sich in seinem jüngsten Seminar zur Critical Whiteness gleichermaßen auf die Kritische Theorie und Stuart Hall, eine Ikone des Postkolonialismus, zu berufen. Seine Ying‐Yang‐Sülze schützt wirksam davor, einen Gedanken auch dann mal zu verfolgen, wenn sein Ergebnis von der linken Linie abweichen könnte. Im Tonfall eines gutmeinenden Vaters erklärt er seinen Zöglingen, wo sie unbedingt mit dem Denken aufhören müssen, wollen sie nicht ihren Platz im Wohlfühlbecken der Szene gefährden. Felix Riedel und die »Initiative gegen rechte Antideutsche« sind die passenden Protagonisten für eine Linke, der stupide Selbstvergewisserung mehr gilt als Kritik.

AG »No Tears for Krauts«
Leipzig, Oktober 2018