THE HOUSE DICTATORS

Das VL‐Ludwig Strasse hat »The Love Dictators« von ihrem Straßenfest mit einer hanebüchenen Erklärung wieder ausgeladen. Die »AG No Tears For Krauts« verteilte am 4. Mai 2018 dazu folgendes Flugblatt auf dem Straßenfest:

Flugblatt — HouseDictators [PDF]

Werte Besucher des VL‐Straßenfestes,

an diesem Wochenende sollte hier eigentlich eine Band spielen, die allemal unterhaltsamer als der Langeweiler‐Klamauk gewesen wäre, den Ihr heute Abend präsentiert bekommt. Bis vor wenigen Wochen war ein Auftritt der Band „The Love Dictators“, die den meisten von Euch unbekannt sein dürfte, fest eingeplant. Nun, er entgeht Euch leider, denn: Die Organisatoren des Straßenfestes haben die „Love Dictators“ kurzerhand wieder ausgeladen. Die Begründung lautete wie folgt: „Auf Grund frauenfeindlicher, sexistischer und gewaltverherrlichender Texte haben wir den Auftritt von THE LOVE DICTATORS abgesagt.“ Auch wenn sich im Nachhinein bei dem einen oder der anderen Verantwortlichen offenbar dann doch noch das letzte bisschen Restverstand meldete, denn die hanebüchene und blödsinnige Erklärung wurde bereits nach kurzer Zeit wieder von der Homepage gelöscht, blieb das Auftrittsverbot doch bestehen.

Die Band

Wer „The Love Dictators“ schon einmal live erlebt hat, merkt schnell, dass man es nicht mit einem  herkömmlichen Auftritt einer Band zu tun hat. Sie geben sich Künstlernamen wie „Sir Stanislove“ und beschreiben ihre Musik mit „Propaganda Rap“ und „Drill Instructor Beat“. Mit überspitzten martialischen Gesten, Fantasieuniformen und Texten, die die untergegangene Sowjetunion betrauern (die bald wieder groß sein und es dem fiesen Kapitalismus schon zeigen wird), bieten sie ihrem Publikum eine wunderbare Stalinismuspersiflage. Die Bandmitglieder treten als Kunstfiguren auf die Bühne und nehmen mit Travestieelementen unter anderem Anleihen an längst untergegangene Ikonen der Schwulenbewegung wie der schwedischen Popband „Army of Lovers“, deren Frontmann, wie „Mary O.D.“ von den „Dictators“, mit geschminktem Gesicht, langen, wallenden Haaren, langem Mantel und Rüschenbluse auftrat. Die Band macht sich nicht nur über Osteuropaklischees lustig, wenn sie in schlechtem Englisch mit russischem Akzent machohafte Songtexte wie „De‐Virginator“, „Baby, Touch My Disco Balls“ oder „Show Me Your Sister“ zum Besten gibt. Sie singen so überspitzt davon, dass sie die Größten sind, dass jedem, der auch nur halbwegs bei Verstand ist, klar sein müsste: Sie verspotten mit ihrer Show jene unangenehmen Typen mit fragwürdigem Frauenbild und übersteigertem Selbstbewusstsein, die der einen oder anderen zum „Aufriss“ auserkorenen Frau schon mal einen ausgelassenen Partyabend vergällen können. Mit anderen Worten: Die Band ist damit nicht nur witziger als alle auf dem VL‐Straßenfest auftretenden Bands zusammen, sondern vor allem: feministischer.

Die House Dictators

Es muss schon eine Menge Dummheit und gewolltes Missverständnis im Spiel sein, wenn die Organisatoren des Straßenfestes die Texte einer Band für bare Münze nehmen, die rote Armbinden trägt, deren weißen Kreis kein Hakenkreuz, sondern ein schwarzes Herz ziert. Doch woher kommt das völlige Unverständnis für Ironie? Woher die Unfähigkeit, das Offensichtliche wahrzunehmen? Zunächst dürfte es einen Zusammenhang mit dem politischen Selbstverständnis der Hausbewohner geben.  Auf der Suche nach ihrer Identität sind ihnen die selbst auferlegten Werte, für die ihr Hausprojekt steht, ins Blut übergegangen. Der nimmermüde Dreiklang – antifaschistisch, antirassistisch und antisexistisch – lässt eine Gedankenwelt entstehen, durch deren Filter die gesamte Umwelt wahrgenommen wird. Die durch diese Brille als feindlich betrachtete Gesellschaft, zu der sie sich in Opposition wähnen, wird daher als das komplette Gegenbild ihres kleinen alternativen Pippi‐Langstrumpf‐Kosmos’ wahrgenommen. Um das eigene Tun als irgendwie sinnvoll und wichtig erscheinen zu lassen – wer begibt sich schon freiwillig jede Woche auf ein linkes Hausplenum –, muss die Welt da draußen schlichtweg faschistisch, rassistisch und sexistisch sein. Eben aus diesem individualpsychologischen Grund – es geht dabei um nicht weniger, als es mit sich selbst auszuhalten – suchen die Hausbewohner detektivisch nach derlei (vermeintlichen) Verfehlungen. Durch die hundertprozentige Identifikation mit dem, was in linken „Freiräumen“ als „politischer Kampf“ durchgeht, wird eine kritische Distanz zum eigenen Denken und Handeln verunmöglicht. Sich mal rauszunehmen, innezuhalten, zu überlegen, ob denn gängige Erklärungsmuster überhaupt noch stimmen oder vielleicht von der Realität längst überholt wurden – kurzum: die Fähigkeit zur Selbstreflexion auch hinsichtlich der eigenen politischen Arbeit –, das alles kann nicht ausgebildet werden, wo man eins mit seinem politischen Selbstbild ist. Die fehlende Distanz zur eigenen Praxis, die Unfähigkeit einfach auch mal über sich selbst zu lachen, sorgt nicht nur für die verbiesterte Humorlosigkeit, die in linken Szeneschuppen täglich am Tresen beobachtet werden kann. Sie ist auch ursächlich dafür, dass man alles, was man nicht kennt und was aus dem eigenen begrenzten Rahmen fällt, nicht verstehen kann. Dazu gehört auch eine Männerband, die sich – ohne in platitüdenhaftes Gestammel zu verfallen – über Mackertum lustig macht. So ist es fast schon folgerichtig, dass Menschen, die mit der lange antrainierten Unfähigkeit ausgestattet sind, einen Witz zu verstehen, der nicht explizit erklärt wird, dann fordern, über eine Band wie die „Love Dictators“ einen Bannfluch auszusprechen. Frei nach dem autoritären Motto: Wenn es mir nicht gefällt, dann soll es auch kein anderer hören dürfen. Das Hausplenum der Ludwigstraße 37 beugte sich diesem Diktat der Betroffenheit und befindet sich damit in guter Gesellschaft. Denn exakt so funktioniert heute eine linke Auseinandersetzung: Irgendjemand fühlt sich von einer Aussage beleidigt, unwohl oder sonst irgendwie betroffen. Doch anstatt derlei übergriffige Ansinnen zurückzuweisen, ihnen mit dem besseren Argument entgegen zu treten oder sie unseretwegen auch auszulachen, sollen alle einstimmen. Gefühliges Gestammel schlägt das Argument, die persönliche Klatsche ist der Edeljoker beim Schnick‐Schnack‐Schnuck der linken Entscheidungsfindung.

Der Freiraum

Doch es wäre zu kurz gegriffen, das Auftrittsverbot allein mit der psychischen Verfassung einzelner Aktivisten zu erklären. Eine Lachnummer als Begründung, die leider kein Aprilscherz war, kann nur in Strukturen verfasst worden sein, die diese Verblödung befördern, verstärken und mitverursachen – Strukturen, die in der linken Szene unter dem Schlagwort des Freiraums verhandelt werden. Bewohner linker Häuser wollen sich eine Insel schaffen, die frei von gesellschaftlicher Reglementierung und dem kapitalistischen Normalwahnsinn ist, dem sie oft selbst nicht gewachsen sind. Auf der Suche nach der wohligen Wärme der Gemeinschaft und einer besseren Welt wirken Hausprojekte wie die Ludwigstraße 37 wie Oasen in der Wüste. Allein: Das „Räderwerk, zu welchem sich das gesellschaftliche Gefüge verhärtet“, so erklärte Wolfgang Pohrt einen solchen Magnetismus in einem seiner frühen Aufsätze, treibt „die zermahlenden und ausgestoßenen Einzelnen in die suchtartige Verfallenheit an die Gruppe“. Das Problem ist dabei: Der vermeintliche Freiraum spiegelt selbst die Welt, vor der man zu fliehen hofft. Nochmal Pohrt dazu: „Die Flüchtlinge laufen exakt den Verhältnissen in die Arme, denen zu entkommen sie trachteten: stumpfsinnige Arbeit und Langeweile, Reglementierung und Kontrolle, Verdummung und Behinderung, Konformitätsdruck und Zankerei, Selbstpreisgabe des eigenen Verstandes und Unterwerfungsrituale als Preis dafür, geduldet zu werden. Der Unterschied ist nur, dass das, was sonst anonyme Instanzen und unpersönliche Kräfte den Menschen antun, sie in der Gruppe einander selbst zufügen.“ Damit ist schon alles über die Strukturen in linken Häusern gesagt.

Gerade das Verbot der „Love Dictators“ zeigt, wie weit die „Verdummung“ und die „Selbstpreisgabe des eigenen Verstandes“, von der Wolfgang Pohrt schon in den 1980er Jahren sprach, in der Ludwigstraße fortgeschritten sind. Der Freiraum, in dem es sich Verbotsbefürworter wie -gegner so gemütlich eingerichtet haben, ist vor allem eins: frei von Vernunft, frei von eigenem Denken und vor allem: frei von Humor.

AG „No tears for Krauts“, Mai 2018